Logo von FREILICH Magazin
Gesellschaft

Frauen wählen anders: Der neue Gender Gap verändert die Politik

Zwischen jungen Männern und Frauen öffnet sich in westlichen Demokratien ein immer tieferer ideologischer Graben. Daniel Fiß analysiert die politischen Folgen dieser Entwicklung.

Daniel Fiss
Von
Frauen unterscheiden sich bei ihrem Wahlverhalten in mehreren Punkten von Männern.
Frauen unterscheiden sich bei ihrem Wahlverhalten in mehreren Punkten von Männern. (Bild: IMAGO / EHL Media)

Wahlverhalten und politische Einstellungen hängen nicht von kurzfristigen Ereignissen und Reaktionen auf eine bestimmte Policy ab. Sie sind eingebettet in langfristige Mentalitätsstrukturen, Sozialisation, Milieuzugehörigkeiten und kulturelle Deutungen. Auch die Geschlechterzugehörigkeit ist heute in besonderem Maße ein struktureller Faktor, der durch tendenzielle politische Verhaltens- und Entscheidungsmuster codiert wird und zugleich eine zunehmende Konfliktlinie konstruiert, die die Wählermärkte innerhalb der westlichen Demokratien neu geordnet hat.

Diese Konfliktlinien überlagern einander und haben in ihrer Binnenstruktur jeweils noch einmal eigene Unterkonflikte. Bei der Bundestagswahl 2025 kamen die Linkspartei und die AfD jeweils auf über zwanzig Prozent Stimmenanteil bei den Wählern zwischen 18 und 24 Jahren. Grüne und FDP, die 2021 noch die meisten Jungwählerstimmen auf sich konzentrierten, spielen in dieser Kohorte nur noch eine Nebenrolle. Ältere Altersgruppen zeigen dagegen weiterhin deutlich geringere Geschlechterunterschiede. Die geschlechtliche Zuspitzung ist also eindeutig generationell konzentriert. Auch wenn diese Altersgruppe in ihrer quantitativen, demografischen Präsenz kaum wahlentscheidend ist, so wird ihr doch zumindest ein kultureller Wert zugeschrieben, der in Zukunft auch Einfluss auf das ideologisch-politische Meinungsklima hat.

Geschlechterkampf an der Wahlurne

Für Zentristen und die Parteien der sogenannten Mitte ist der Befund ohne jede weitere Differenzierung eindeutig: Jungwähler entscheiden sich für die politisch linken und rechten Ränder und gegen die Ausgleichs- und Konsensmaschinen bürgerlicher Mitteparteien. Doch innerhalb dieses sich abzeichnenden Generationenkonflikts verläuft eine harte Geschlechterpolarisierung. Die Linke mobilisierte in der Altersgruppe 18–24 mehr als 600.000 weibliche Wählerstimmen (die AfD nur 211.200). Bei jungen Männern kam die AfD auf insgesamt 429.900 Stimmen (die Linke auf 299.300). Die Jungwählererfolg dieser beiden Parteien hing somit maßgeblich von konkreten geschlechtlichen Mobilisierungserfolgen ab. Das Muster ist nicht neu und bestätigt sich seit einigen Jahren auch in anderen Ländern.

Der neue Gender Gap

Auf europäischer Ebene bestätigt die Studie The Growing Gender Gap (2025) von Nennstiel und Hudde, dass es zwar keinen einheitlichen Universaltrend gibt, wohl aber ein klares Polarisierungsmuster in vielen Ländern. In 18 von 32 untersuchten Staaten existiert heute bei den 20- bis 29-Jährigen ein moderner „gender gap“, bei dem Frauen deutlich linksprogressiver eingestellt sind als Männer.

In elf Ländern ist dieser Graben in den letzten Jahrzehnten sogar gewachsen. Besonders ausgeprägt ist dies in hoch traditionellen Wohlfahrtsstaaten wie Schweden, Finnland oder Deutschland. Nennstiel und Hudde zeigen: Je höher der gesellschaftliche Gleichstellungsgrad, desto größer der ideologische Abstand zwischen jungen Männern und Frauen. In Ländern Süd- und Osteuropas zeigt sich hingegen nur eine geringfügige Geschlechterpolarisierung. Nennstiel und Hudde weisen hier auf ein vermeintliches Paradoxon hin, wonach gerade jene Länder mit stark ausgeprägten Wohlfahrtssystemen sowie einem sozialen als auch ökonomischen Egalitarismus zwischen Mann und Frau in den politischen Einstellungen eine besondere Geschlechterpolarisierung aufweisen. Gerade dort, wo formale Gleichstellung weit fortgeschritten ist, nehmen die politischen Unterschiede zwischen jungen Männern und Frauen zu.

Die Logik der Polarisierung

Für viele junge Frauen wird der eigene Lebensverlauf vor dem Hintergrund eines normativen Anspruchs auf ein Gleichheitsversprechen gelesen. Wahrgenommene Ungleichheiten werden entsprechend politisiert. Auf der anderen Seite erleben Teile der jungen Männer diese Entwicklungen als Überkorrektur, die sich nicht mehr nur auf die Gleichstellung bezieht, sondern in eine eigene Benachteiligung und Statusentwertungen umgeschlagen sind. Für junge Frauen, die in einem hoch egalitären Anspruchsklima sozialisiert wurden, bleibt der Blick auf die bestehende Diskrepanz zwischen Norm und Realität. Für Teile der jungen Männer, deren Selbstbild weiterhin an klassischen Versprechen von Aufstieg, Stabilität und Kontrolle hängt, entsteht dagegen der Eindruck, dass das System auf Kosten der eigenen Gruppe übersteuert und ihr identitäres Selbstbild zugunsten eines radikalisierten Feminismus' in Frage gestellt wird.

Die Beobachtung eines geschlechterpolarisierten Jungwählermarktes wirft unmittelbar die Frage auf, ob es sich um ein klassisches Altersphänomen oder um einen dauerhaften, kohortenspezifischen Mentalitätswandel handelt. Alterseffekte betonen, dass junge Menschen generell volatiler, idealistischer und weniger parteigebunden seien und sich mit zunehmendem Alter in Richtung moderaterer Positionen und etablierter Parteien bewegen. Kohortenansätze gehen demgegenüber davon aus, dass politische Grundorientierungen in einer bestimmten historischen Formationsphase (Jugend oder frühes Erwachsenenalter) geprägt und dann über den weiteren Lebensverlauf relativ stabil fortgeschrieben werden. Die Studie The youth gender gap in support for the far right (2025) und weitere Untersuchungen legen nahe, dass der aktuelle Geschlechterkonflikt tatsächlich eher auf die Kohorte als auf das Alter bezogen ist. Die besondere Distanz junger Frauen zu rechten Parteien und die gleichzeitig hohe Affinität junger Männer werden als neuere, in den Generationen der Millennials und der Generation Z verankerte Entwicklung sichtbar, die sich in früheren Kohorten so nicht findet.

Im deutschen Kontext lässt sich diese Entwicklung nur vor dem Hintergrund eines längerfristigen Strukturwandels im politischen „gender gap“ verstehen. Ansgar Hudde zeigt in seiner Studie Die Polarisierung der Geschlechter (2025) mit Blick auf die Bundesrepublik seit den 1950er-Jahren, dass über Jahrzehnte hinweg ein traditioneller „gender gap“ bestand. Frauen wählten demnach konservativer als Männer, waren über kirchliche Bindungen und traditionelle Rollenmodelle überproportional an christdemokratische Parteien gekoppelt, während Männer häufiger sozialdemokratische oder liberale Parteien bevorzugten. Dieses Muster hat sich in den vergangenen Jahrzehnten sukzessive umgekehrt und in einen modernen „gender gap“ transformiert, in dem Frauen insgesamt stärker Parteien links der Mitte unterstützen und Männer eher rechts davon. Jedoch gab es zumindest unter der Kanzlerschaft von Angela Merkel eine Ausnahme bei Frauen über 60 Jahren. Diese waren unter ihrer Kanzlerschaft die größte und zugleich wichtigste Mobilisierungsressource für die Union. Wenn die politischen Grundorientierungen, die heute in der Generation Z sichtbar werden, tatsächlich kohortenspezifisch verankert sind, dann handelt es sich nicht um eine vorübergehende „Jugendlaune“, sondern um eine klare Vorstrukturierung künftiger Wählersegmente.

Sonderfälle USA und Frankreich

Auch in den USA wird dieser Geschlechterkonflikt offensichtlich. Daten des US-Umfrageinstituts Gallup zeigen, dass sich innerhalb von nur sechs Jahren ein ideologischer Graben von 30 Prozent zwischen jungen Frauen und Männern aufgetan hat. Frauen zwischen 18 und 30 Jahren bezeichnen sich heute zu 40 Prozent als „liberal“, während dieser Wert bei gleichaltrigen Männern bei lediglich 25 Prozent liegt und über die letzten Jahre stagnierte. Diese Drift betrifft nicht nur allein die Differenz in der Parteienpräferenz. Es ist ein veritabler Kulturkampf um Identitäten, Rollen und Symbole. Das Label „Feminist“ dient hier inzwischen als eine Art Lackmustest. Während sich 61 Prozent der jungen Frauen der Gen Z stolz als Feministinnen bezeichnen, tun dies nur noch 43 Prozent der jungen Männer. Ein Wert, der sogar unter dem der älteren „Boomer“-Männer liegt.

Es zeigt sich, dass Geschlecht nicht als isolierte Variable wirkt, sondern als Verdichtung unterschiedlicher Sozialisationserfahrungen. Frauen finden sich überdurchschnittlich in Bildungs-, Sozial- und Pflegeberufen sowie im öffentlichen Dienst, also in Berufsfeldern, die auf wohlfahrtsstaatliche Infrastruktur, Tarifregulierung und kollektive Sicherungssysteme angewiesen sind. Männer sind stärker in technisch-industriellen oder handwerklichen Bereichen präsent, die in besonderem Maße von Deindustrialisierung, Globalisierung und Transformationserfahrungen betroffen sind.

Ein etwas anderes Bild zeigt sich in Frankreich, wo Marine Le Pen und der Rassemblement National (RN) die klassisch codierte Geschlechterpolarisierung zwischen links und rechts zunehmend überwinden. Analysen der Wahlen von 2012 und 2017 zeigten bereits, dass der Geschlechterunterschied bei Le Pen fast vollständig verschwunden war. Bei jungen Frauen zwischen 18 und 24 Jahren erzielte sie 2017 im ersten Wahlgang sogar höhere Werte als bei gleichaltrigen Männern. Auch aktuelle Untersuchungen zu den Parlamentswahlen im Juli 2024 bestätigen diese französische Anomalie. Junge Französinnen wählten weder signifikant häufiger links noch seltener rechts als ihre männlichen Altersgenossen. Frankreich bleibt damit außerhalb des internationalen Trends. Die Normalisierungsstrategie (Entdiabolisierung) von Le Pen scheint in dieser konkreten Mobilisierungsfrage zu verfangen. Junge Frauen sehen im RN demnach keine Bedrohung mehr für ihre emanzipierten Lebensentwürfe.

Eine neue politische Bruchlinie

Dass der „gender gap“ jedoch latent im Untergrund brodelt und sofort aufbricht, sobald die weichen und gemäßigten Kommunikationsmuster fallen, bewies das Auftreten von Éric Zemmour im Präsidentschaftswahlkampf 2022. Zemmour, der mit seiner Partei „Reconquête!“ eine intellektuelle, aber explizit antifeministische Linie fuhr, riss den Graben augenblicklich wieder auf. Er mobilisierte unzufriedene Männer überdurchschnittlich stark, stieß Frauen jedoch massiv ab. Zemmour reaktivierte den klassischen „radical right gender gap“, während Le Pen ihn schloss.

Die anhaltende Frage ist, ob sich auf längere Sicht ein geschlechterbezogener Cleavage im klassischen Sinn herausbildet, also eine stabile, institutionalisierte Konfliktlinie, die Parteien, Identitäten, Milieus und Selbstbeschreibungen dauerhaft prägt. Die Voraussetzungen sind jedenfalls erkennbar: eine soziale Basis (unterschiedliche Lebenslagen, Erwartungen und Erfahrungshorizonte von jungen Männern und Frauen), eine normative Konfliktlinie (Feminismus und Egalitarismus vs. Wahrnehmung von Überkorrektur und Statusverlust) und eine zunehmende organisatorische Repräsentation im Parteiensystem.

Dieser Text wurde zuerst in der FREILICH-Ausgabe Nr. 38 „Frauensache“ abgedruckt.

Kommentare

Sei der Erste, der einen Kommentar hinterlässt!

Kommentare werden geladen...