Wahlverhalten und politische Einstellungen hängen nicht von kurzfristigen Ereignissen und Reaktionen auf eine bestimmte Policy ab. Sie sind eingebettet in langfristige Mentalitätsstrukturen, Sozialisation, Milieuzugehörigkeiten und kulturelle Deutungen. Auch die Geschlechterzugehörigkeit ist heute in besonderem Maße ein struktureller Faktor, der durch tendenzielle politische Verhaltens- und Entscheidungsmuster codiert wird und zugleich eine zunehmende Konfliktlinie konstruiert, die die Wählermärkte innerhalb der westlichen Demokratien neu geordnet hat.
Diese Konfliktlinien überlagern einander und haben in ihrer Binnenstruktur jeweils noch einmal eigene Unterkonflikte. Bei der Bundestagswahl 2025 kamen die Linkspartei und die AfD jeweils auf über zwanzig Prozent Stimmenanteil bei den Wählern zwischen 18 und 24 Jahren. Grüne und FDP, die 2021 noch die meisten Jungwählerstimmen auf sich konzentrierten, spielen in dieser Kohorte nur noch eine Nebenrolle. Ältere Altersgruppen zeigen dagegen weiterhin deutlich geringere Geschlechterunterschiede. Die geschlechtliche Zuspitzung ist also eindeutig generationell konzentriert. Auch wenn diese Altersgruppe in ihrer quantitativen, demografischen Präsenz kaum wahlentscheidend ist, so wird ihr doch zumindest ein kultureller Wert zugeschrieben, der in Zukunft auch Einfluss auf das ideologisch-politische Meinungsklima hat.
Geschlechterkampf an der Wahlurne
Für Zentristen und die Parteien der sogenannten Mitte ist der Befund ohne jede weitere Differenzierung eindeutig: Jungwähler entscheiden sich für die politisch linken und rechten Ränder und gegen die Ausgleichs- und Konsensmaschinen bürgerlicher Mitteparteien. Doch innerhalb dieses sich abzeichnenden Generationenkonflikts verläuft eine harte Geschlechterpolarisierung. Die Linke mobilisierte in der Altersgruppe 18–24 mehr als 600.000 weibliche Wählerstimmen (die AfD nur 211.200). Bei jungen Männern kam die AfD auf insgesamt 429.900 Stimmen (die Linke auf 299.300). Die Jungwählererfolg dieser beiden Parteien hing somit maßgeblich von konkreten geschlechtlichen Mobilisierungserfolgen ab. Das Muster ist nicht neu und bestätigt sich seit einigen Jahren auch in anderen Ländern.
Der neue Gender Gap
Auf europäischer Ebene bestätigt die Studie The Growing Gender Gap (2025) von Nennstiel und Hudde, dass es zwar keinen einheitlichen Universaltrend gibt, wohl aber ein klares Polarisierungsmuster in vielen Ländern. In 18 von 32 untersuchten Staaten existiert heute bei den 20- bis 29-Jährigen ein moderner „gender gap“, bei dem Frauen deutlich linksprogressiver eingestellt sind als Männer.
In elf Ländern ist dieser Graben in den letzten Jahrzehnten sogar gewachsen. Besonders ausgeprägt ist dies in hoch traditionellen Wohlfahrtsstaaten wie Schweden, Finnland oder Deutschland. Nennstiel und Hudde zeigen: Je höher der gesellschaftliche Gleichstellungsgrad, desto größer der ideologische Abstand zwischen jungen Männern und Frauen. In Ländern Süd- und Osteuropas zeigt sich hingegen nur eine geringfügige Geschlechterpolarisierung. Nennstiel und Hudde weisen hier auf ein vermeintliches Paradoxon hin, wonach gerade jene Länder mit stark ausgeprägten Wohlfahrtssystemen sowie einem sozialen als auch ökonomischen Egalitarismus zwischen Mann und Frau in den politischen Einstellungen eine besondere Geschlechterpolarisierung aufweisen. Gerade dort, wo formale Gleichstellung weit fortgeschritten ist, nehmen die politischen Unterschiede zwischen jungen Männern und Frauen zu.





