Mit dem geplanten Partnerschafts- und Kooperationsabkommen zwischen der Europäischen Union und Bangladesch will Brüssel die Zusammenarbeit in zahlreichen Bereichen ausbauen – darunter ausdrücklich auch Migration und Arbeitskräfteprogramme. Vorgesehen sind sogenannte „Talent-Partnerschaften“, über die Arbeitskräfte aus Bangladesch gezielt Zugang zum europäischen Arbeitsmarkt erhalten sollen. Ähnlich wie bereits beim Indien-Abkommen setzt die EU damit auf gesteuerte Migration und die Anwerbung vermeintlicher „Fachkräfte“. Doch gerade bei der Frage, wie belastbar Ausbildungsstandards, Qualifikationen und Zertifikate in Bangladesch tatsächlich sind, mehren sich seit Jahren die Warnungen. Zahlreiche Berichte zeichnen ein Bild eines Bildungssystems, das mit Qualitätsproblemen, Korruption, gefälschten Abschlüssen und internationalen Glaubwürdigkeitsproblemen kämpft.
Bildungsstandards unter Druck
Wie das bangladeschische Wirtschaftsmedium Bonik Barta berichtet, warnen Bildungsexperten in Bangladesch seit längerem vor einem massiven Qualitätsverlust im gesamten Bildungssystem. Als Ursachen werden unter anderem mangelnde Reformen, unzureichende Lehrerausbildung, veraltete Curricula und ein stark prüfungsorientiertes System genannt, das vor allem auf Auswendiglernen statt auf praktische Fähigkeiten setze. Hinzu kämen Lehrermangel, unregelmäßiger Unterricht und fehlende technologiegestützte Ausbildungsmöglichkeiten. Laut Angaben des Bangladesh Bureau of Educational Information and Statistics haben fast 40 Prozent der Lehrer in öffentlichen und privaten Schulen keine ausreichenden Kenntnisse moderner Unterrichtsmethoden. Besonders problematisch sei die Lage in ländlichen Regionen.
Dass die Probleme nicht nur theoretischer Natur sind, zeigen laut Bonik Barta auch staatliche Kompetenztests. Demnach erreichten 2022 nur 39 Prozent der Drittklässler die gewünschten Mathematik-Kompetenzen, bei Fünftklässlern sogar lediglich 30 Prozent. Experten kritisieren, dass zwar in Infrastruktur investiert werde, aber kaum in tatsächliche Lernqualität. Gleichzeitig würden Gelder für Lehrerfortbildungen laut Insidern teilweise veruntreut.
Noch drastischer fällt die Analyse des Portals BD Digest aus. Unter Berufung auf die Weltbank heißt es dort, bangladeschische Schüler würden zwar rechnerisch elf Jahre zur Schule gehen, tatsächlich aber nur Kenntnisse erwerben, die international etwa 6,5 Bildungsjahren entsprächen. Damit liege das Land um rund viereinhalb Jahre hinter internationalen Standards zurück. Laut dem Bericht könnten viele Grundschüler nicht einmal ihre Lehrbücher richtig lesen, während Universitäten international kaum Anerkennung fänden. Selbst Bachelorabschlüsse bangladeschischer Universitäten würden im Ausland teilweise herabgestuft. So sei laut BD Digest ein Abschluss der Universität Dhaka in Singapur lediglich als „Foundation Course“ bewertet worden, Abschlüsse der National University teilweise nur als Diplom.
Ingenieurausbildung mit internationalen Defiziten
Besonders relevant für die europäische Fachkräfteagenda dürfte die Situation im technischen und ingenieurwissenschaftlichen Bereich sein. Wie Bonik Barta berichtet, verfügen zwar zahlreiche Universitäten in Bangladesch über Ingenieurfakultäten, international sichtbar seien jedoch nur wenige davon. In den britischen QS World University Rankings 2026 seien lediglich zwei Universitäten des Landes, nämlich die Bangladesh University of Engineering and Technology (BUET) und die University of Dhaka (DU), vertreten gewesen, wie es in einem aktuellen Bericht heißt. Experten führten dies auf geringe Bildungsbudgets, fehlende Forschungskultur und mangelnde Innovationsförderung zurück.
Mehrere Hochschulen hätten laut dem Bericht keine ausreichenden Laboranlagen, einen Mangel an Professoren oder nicht einmal dauerhafte Standorte. Universitätsvertreter erklärten gegenüber dem Medium, Bangladesch bilde Studenten zwar theoretisch aus, entwickle aber kaum eigene Technologien oder marktfähige Innovationen. Moderne Bereiche wie KI, Robotik oder maschinelles Lernen würden vielerorts mit veralteter Ausstattung unterrichtet. Gleichzeitig fehle eine enge Verbindung zwischen Industrie und Hochschulen.
Besonders auffällig ist demnach auch der internationale Vergleich. Während einige indische oder chinesische Hochschulen hohe Bewertungen erzielen würden, lägen die bangladeschischen Einrichtungen in wichtigen Kategorien wie Forschungsumfeld oder Lehrqualität teils deutlich unter 15 von 100 Punkten. Universitätsvertreter machten dafür unter anderem die extrem niedrigen Bildungsausgaben verantwortlich, die zuletzt lediglich rund 1,5 Prozent des BIP betragen hätten.
Lehrermangel, niedrige Gehälter, strukturelle Probleme
Neben Qualitätsproblemen kämpft das Bildungssystem offenbar auch mit massiven strukturellen Defiziten. Wie The Daily Star berichtet, kündigte die bangladeschische Regierung im April sogar ein offizielles „White Paper“ über Korruption und Missstände im Bildungssektor während der vergangenen Jahre an. Gleichzeitig erklärte Bildungsminister Abu Naser Muhammad Ehsanul Hoque Milan laut dem Bericht, dass landesweit mehr als 92.000 Lehrerstellen unbesetzt seien. Besonders betroffen seien unter anderem technische Einrichtungen sowie private Bildungseinrichtungen.
Der Grund für diese hohe Zahl an unbesetzten Stellen ist laut zahlreichen Berichten die weit verbreitete Unzufriedenheit unter Lehrern. Niedrige Gehälter, fehlende Aufstiegsmöglichkeiten und mangelnde gesellschaftliche Anerkennung würden dazu führen, dass viele qualifizierte Personen den Beruf wieder verlassen. Teilweise wechselten selbst Hochschullehrer oder Beamte des Bildungswesens in andere Berufsgruppen. Experten warnen deshalb davor, dass mangelnde Transparenz bei der Einstellung von Lehrkräften und politische Einflussnahme dazu führten, dass ungeeignete Personen in das System gelangen.
Gefälschte Zertifikate und manipulierte Abschlüsse
Besonders heikel im Zusammenhang mit internationaler Arbeitsmigration ist die Frage nach der Echtheit von Qualifikationen. Genau hier häufen sich in Bangladesch seit Jahren Berichte über großangelegte Betrugsfälle.
Wie die Zeitung New Age Anfang März berichtete, identifizierte die staatliche Inspektions- und Auditdirektion seit 2021 hunderte gefälschte Lehrerzertifikate. Einschließlich früherer Fälle seien mittlerweile rund 2.000 gefälschte Abschlüsse und Zertifikate bei Lehrkräften entdeckt worden. Behördenvertreter erklärten laut dem Bericht sogar, dass die tatsächliche Zahl deutlich höher liegen dürfte, da wegen Personalmangels nicht alle Bildungseinrichtungen überprüft werden könnten. Kritiker werfen dem System seit langem vor, dass Personen mit gefälschten Dokumenten überhaupt erst durch die Einstellungsverfahren gelangen konnten.
Später gab es schließlich Berichte über staatliche Maßnahmen gegen Lehrkräfte mit manipulierten Unterlagen. Unter anderem seien laut Bildungsminister Milon bereits Maßnahmen gegen 220 Hochschuldozenten eingeleitet worden, die mit gefälschten oder manipulierten Zertifikaten eingestellt worden seien.
Noch gravierender wirkt ein Fall aus dem technischen Bildungsbereich. Wie The Daily Star 2024 berichtete, ermittelten Polizeibehörden gegen ein Netzwerk rund um das Bangladesh Technical Education Board (BTEB), eine staatliche Regulierungsbehörde, die für die Überwachung, Weiterentwicklung und Kontrolle der technischen und beruflichen Ausbildung auf Sekundarstufe zuständig ist. Demnach sollen über Jahre hinweg mehr als 5.000 gefälschte Zertifikate, Notenlisten und Zulassungsdokumente verkauft worden sein. In den Fall verwickelt gewesen seien laut Ermittlern unter anderem Schulleiter, Hochschulvertreter sowie Angehörige der Bildungsbehörde selbst.
Internationale Warnungen wegen Dokumentenbetrugs
Die Probleme mit gefälschten Unterlagen bleiben inzwischen auch international nicht unbemerkt. Wie The Asian Age im März berichtete, warnen nun mehrere europäische Schengen-Staaten bangladeschische Visabewerber ausdrücklich davor, gefälschte Dokumente einzureichen. Botschaften hätten demnach erklärt, regelmäßig manipulierte Bildungsnachweise und falsche Finanzunterlagen zu erhalten. Gerade bei Studentenvisa würden laut dem Bericht häufig gefälschte akademische Qualifikationen oder manipulierte Bankunterlagen entdeckt. Die europäischen Vertretungen hätten deshalb ihre Prüfverfahren verschärft.
Auch Australien reagierte inzwischen auf steigende Betrugsfälle. Laut der Plattform VisaHQ stufte das australische Innenministerium Bangladesch gemeinsam mit Indien, Nepal und Bhutan Anfang 2026 in die strengste Risikokategorie für Studentenvisa hoch. Diese sei normalerweise Ländern mit hohem Betrugs- oder Verstößerisiko vorbehalten. Als Begründung wurden unter anderem gefälschte Bankgarantien und manipulierte Abschlusszertifikate genannt. Die Hochstufung bedeutet, dass Antragsteller aus den vier südasiatischen Staaten nun deutlich umfangreichere Unterlagen vorlegen müssen – darunter Kontoauszüge über mindestens drei Monate, detaillierte Nachweise zur Herkunft der finanziellen Mittel sowie beglaubigte akademische Zeugnisse –, bevor ein Sachbearbeiter den Visaantrag abschließend bearbeitet. Zudem werden Stichproben bei Bildungseinrichtungen, biometrische Kontrollen sowie internationale Datenabgleiche mit Interpol verstärkt durchgeführt.
Wie sensibel die Problematik inzwischen geworden ist, zeigt auch ein Bericht des britischen Telegraph von Ende letzten Jahres. Demnach wurden in Bangladesch Personen festgenommen, die gegen hohe Summen vorab geleakte IELTS-Prüfungsunterlagen verkauft haben sollen. Dadurch hätten Bewerber bereits vor der Sprachprüfung Zugriff auf die Antworten erhalten. Somit hätten Studenten, NHS-Mitarbeiter und andere Migranten mit mangelhaften Englischkenntnissen Studien- oder Arbeitsvisa erhalten, auf die sie eigentlich keinen Anspruch gehabt hätten. Die britischen Konservativen forderten daraufhin die Regierung auf, alle Personen abzuschieben, die ohne bestandenen Sprachtest ins Vereinigte Königreich eingereist seien.
Der Bericht verweist außerdem darauf, dass einige britische Universitäten die Rekrutierung von Studenten aus Bangladesch vorübergehend eingeschränkt haben, da sie einen Missbrauch des Visasystems befürchten.
Sorge um internationale Reputation von Arbeitskräften
Die Diskussion um gefälschte Qualifikationen betrifft allerdings nicht nur Hochschulen, sondern auch den internationalen Arbeitsmarkt selbst. Laut bangladeschischen Berichten von Anfang des Jahres warnte Muhammad Yunus, Wirtschaftswissenschaftler und ehemaliger Chef der Übergangsregierung von Bangladesch, ausdrücklich davor, dass gefälschte Ausbildungs- und Fähigkeitszertifikate den Ruf bangladeschischer Arbeitskräfte weltweit beschädigen würden. Wenn Arbeitgeber das Vertrauen verlieren, könnten laut Yunus sämtliche Programme zur Fachkräfteentwicklung scheitern. Aus diesem Grund will die Regierung nun ein einheitliches Zertifizierungssystem einführen, um Betrug einzudämmen und die internationale Glaubwürdigkeit bangladeschischer Qualifikationen zu verbessern. Gleichzeitig räumten Regierungsvertreter ein, dass die Reputation der Arbeitskräfte bereits unter den zahlreichen Fälschungsfällen leide.
Korruption als strukturelles Problem
Über den Bildungsbereich hinaus wird Korruption in Bangladesch inzwischen vielfach als systemisches Problem beschrieben. Ein Kommentar von TBS News verweist unter Berufung auf den Korruptionsindex von Transparency International darauf, dass Bangladesch weltweit zu den schlechtesten Staaten in diesem Bereich zählt. Bestechung sei in zahlreichen Verwaltungsbereichen verbreitet und verursache erhebliche wirtschaftliche Schäden. Internationale Organisationen hätten zudem wiederholt auf schwache Kontrollmechanismen, politische Einflussnahme und mangelnde Transparenz hingewiesen. Demnach seien Korruption und informelle Zahlungen mittlerweile in vielen Behörden normalisiert worden – von der Landverwaltung bis zu Lizenz- und Passstellen. Gleichzeitig würden schwache staatliche Kontrollen und politische Patronage dazu beitragen, dass sich solche Strukturen weiter verfestigen.
Fachkräfteoffensive auf unsicherer Grundlage?
Das geplante EU-Abkommen mit Bangladesch verfolgt denselben Ansatz wie bereits die Kooperation mit Indien: Arbeitsmigration soll gezielt erleichtert und wirtschaftlich genutzt werden. Die zahlreichen Berichte über sinkende Bildungsstandards, mangelhafte Ausbildungsqualität, gefälschte Zertifikate, Visa-Betrug und systemische Korruption zeigen jedoch, dass formale Abschlüsse allein wenig über tatsächliche Qualifikation aussagen müssen.
Besonders brisant ist dabei, dass die Warnungen mittlerweile nicht nur von Beobachtern kommen, sondern etwa auch von offiziellen europäischen und australischen Behörden und sogar der bangladeschischen Regierung selbst. Damit stellt sich zunehmend die Frage, ob die europäische Fachkräftepolitik bei der Auswahl ihrer Partnerstaaten die Risiken für die Bildungsqualität, die Qualifikationsprüfung und die Dokumentensicherheit ausreichend berücksichtigt.








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