Überall ist heute von Vielfalt die Rede, von Diversität, Offenheit und kultureller Bereicherung. Doch die gewachsene Vielfalt Europas, jene echte, über Jahrhunderte entstandene Vielfalt aus Sprachen, Landschaften, Bräuchen und Erinnerungen, findet im öffentlichen Diskurs kaum Platz. Und wenn Politik und Medien tatsächlich einmal über den Schutz von Volksgruppen sprechen, dann geht es meist über die autochthonen Minderheiten in Österreich oder der Bundesrepublik Deutschland, kaum aber um die deutschen Volksgruppen jenseits der heutigen Staatsgrenzen.
Ich selbst bin in einem stark zweisprachig geprägten Ort in Kärnten aufgewachsen. Bereits in der Schule, noch vor jeder Politisierung, ist mir der Selbstbehauptungswille der Kärntner Slowenen aufgefallen. Dieser im Grunde tatsächlich identitäre Zug ist mir bis heute positiv im Gedächtnis geblieben. Der alte Konflikt zwischen Deutschkärntnern und Kärntner Slowenen hat in den vergangenen Jahren zum Glück viel an Schärfe verloren, auch wenn nicht alle Wunden verheilt sind. Es lohnt sich der Blick darauf, was Minderheiten leisten müssen, wenn Sprache, Herkunft und Gemeinschaft im Alltag bewahrt werden sollen. Ein solches Bewusstsein für das Eigene fehlt uns heute oft selbst. Sichtbar wird das nicht zuletzt in einer Politik, die sich nicht für das eigene Volk interessiert.
Die unbequeme Frage nach dem Eigenen
Man betrachtet die eigene Volksgruppe im Ausland vielleicht nur noch mit historischer Rührung oder politischer Verlegenheit. Doch vielleicht wäre ein klarer Blick auf diese Minderheiten heute wichtiger denn je. Wo Sprache, Herkunft und Gemeinschaft nicht selbstverständlich von Staat und Mehrheit getragen werden, müssen sie täglich neu behauptet und weitergegeben werden. Heimat, Kultur und Tradition bestehen nicht nur aus Denkmälern, Karten und Erinnerungsbüchern, sondern aus Schulen, Familien, Vereinen, Liedern, Zeitungen, Festen, Gesprächen am Küchentisch und der Entscheidung, einem Kind ein Wort beizubringen, das sonst vielleicht verschwindet. Das ist kein rückwärtsgewandtes Klagen und keine sentimentale Flucht in eine angeblich heile Vergangenheit. Es ist die nüchterne Frage, ob Zugehörigkeit in einer mobilen, austauschbaren und digital zerstreuten Gegenwart überhaupt noch Bestand haben kann, wenn niemand mehr bereit ist, sie zu pflegen, zu verteidigen und an die nächste Generation weiterzugeben.
Diese FREILICH-Ausgabe handelt also nicht nur von den Deutschen im Ausland. Sie hält uns auch einen Spiegel vor. Denn die entscheidende Frage lautet nicht allein, wie es um die deutschen Minderheiten jenseits der Landesgrenzen steht, sondern auch, wie es um unser Bewusstsein steht. Wissen wir noch, was Sprache bedeutet, wenn sie nicht bloß Kommunikationsmittel, sondern Träger von Erinnerung ist? Wissen wir noch, was Familie, Verein und kulturelles Gedächtnis leisten, wenn sie mehr sein sollen als private Freizeitgestaltung? Wer überall Vielfalt fordert, aber die eigene gewachsene Vielfalt preisgibt, betreibt keine Aufklärung, sondern Selbstauflösung mit moralischem Begleittext. Die deutschen Minderheiten erinnern uns daran, dass Kultur nicht dadurch fortbesteht, dass man sie erwähnt, sondern dadurch, dass man sie lebt. Genau darin liegt ihre leise, aber unbequeme Frage: ob Herkunft und Kultur noch Zukunft haben können.





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