Der Kölner Philosoph Thomas Grundmann stellt eines der zentralen Ideale der Moderne infrage: das eigenständige Denken. In einem Interview mit der Zeit fordert der Erkenntnistheoretiker stattdessen, sich stärker unterzuordnen, und zwar wissenschaftlichen Autoritäten. Laien sollten sich bei Fachfragen nicht auf ihren eigenen Verstand verlassen, sondern „glauben, was die Experten sagen”.
Mit seinem neuen Buch „Expert Authority and the Limits of Critical Thinking“ will Grundmann bewusst an Tabus rütteln. Der Professor für Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie und Logik an der Universität zu Köln betrachtet die klassische Vorstellung des mündigen Bürgers als überholt. Die moderne Wissensgesellschaft sei inzwischen so spezialisiert, dass normale Menschen den Erkenntnissen von Experten oft gar nicht mehr folgen können.
Philosophie gegen das „Selberdenken“
Grundmann zieht aus dieser Entwicklung weitreichende Konsequenzen. Seiner Ansicht nach stehen die Ideale der Aufklärung und die antiautoritären Vorstellungen seit 1968 im Widerspruch zur Realität einer arbeitsteiligen Wissensgesellschaft. Der Gedanke, dass jeder nur dem folgen solle, was er selbst einsehe, sei nicht mehr zeitgemäß. Besonders provokant wirkt seine Forderung, dass Laien bei Fachfragen nicht mehr selbst urteilen sollten. Seiner Meinung nach dürfe das eigene kritische Urteil nicht länger die letzte Instanz sein, wenn es um wissenschaftliche Aussagen gehe.
„Die Leute sollen glauben, was die Experten sagen“
Grundmann räumt selbst ein, dass seine Position skandalös klingt. „Klar, man rüttelt schnell an Tabus, wenn man Autorität rehabilitieren will“, sagt er. Trotzdem hält er seine Schlussfolgerung für rational geboten. Wer weiterhin am Ideal des eigenständigen Urteilens festhalte, fördere letztlich Verschwörungstheorien und Wissenschaftsfeindlichkeit.
Besonders weit geht Grundmann mit der Behauptung, das Selberdenken spiele „keine Rolle für die tatsächliche Urteilsbildung in Fachfragen“. Zwar dürfe man zur geistigen Übung weiterhin über wissenschaftliche Themen nachdenken, am Ende solle man aber ausschließlich den Experten glauben. Im weiteren Verlauf formuliert er seine Forderung noch deutlicher: „Die Leute sollen glauben, was die Experten sagen.“ Das eigene Nachdenken über Fachfragen solle demnach lediglich „offline“ stattfinden – gewissermaßen als folgenlose Simulation, die keinen Einfluss auf das tatsächliche Urteil hat.
Warum Experten immer recht haben sollen
Grundmann begründet dies mit der Überlegenheit spezialisierter Wissenschaftler. Diese würden die Argumente der Laien ohnehin bereits kennen und könnten sie besser bewerten. Deshalb dürfe ein Nichtfachmann seine eigenen Überlegungen „grundsätzlich nicht berücksichtigen”.
Selbst wenn ein Laie zufällig richtig liege und der Experte falsch, müsse man sich dem Expertenurteil trotzdem unterwerfen. Zur Veranschaulichung konstruiert Grundmann ein Beispiel mit einer Matheaufgabe: Selbst wenn der Laie korrekt rechnet und der Profi sich verrechnet, ist es „grundsätzlich irrational“, dem Experten zu widersprechen, meint er. Der Philosoph argumentiert dabei ausdrücklich gegen die intuitive Plausibilität des eigenen Denkens. Demnach unterliegen Menschen zahlreichen Denkfehlern und Biases. Deshalb sei es fragwürdig, sich auf den „common sense“ zu verlassen.
„Viele Theorien wirken für Laien verrückt“
Grundmann nennt als Beispiel sogenannte Verschwörungstheorien rund um den Einsturz des World Trade Centers am 11. September 2001: Viele Menschen hätten den Kollaps der Türme für physikalisch unmöglich gehalten und daraus den Verdacht einer kontrollierten Sprengung abgeleitet. Experten hätten den Ablauf jedoch nachvollziehbar erklärt. Für Grundmann zeigt das einen grundsätzlichen Irrtum des Laienurteils. „Viele Theorien wirken für Laien verrückt, aber sind trotzdem wahr“, sagt er. Gerade deshalb dürfe subjektives Unverständnis kein Argument gegen wissenschaftliche Aussagen sein. Er fürchtet, dass sich ein „wissenschaftsfeindlicher Habitus“ etablieren könne, sobald man dem Urteil gewöhnlicher Menschen auch nur ein geringes epistemisches Gewicht zugesteht.
Wissenschaft verstehen – aber bitte ohne eigene Schlüsse
Besonders bemerkenswert ist Grundmanns Forderung nach einer neuen Wissenschaftskommunikation. Er plädiert dafür, in der öffentlichen Vermittlung wissenschaftlicher Themen weniger Begründungen und Erklärungen zu liefern. Zu viele Details würden die Menschen nur dazu verleiten, selbst mitdenken zu wollen.
Zwar dürften Bürger wissenschaftliche Theorien nachvollziehen und Argumente „ausprobieren”. Entscheidend sei jedoch, dass sie den eigenen Schlussfolgerungen nicht vertrauen, erklärt der Philosoph. Der Wunsch, alles selbst verstehen zu wollen, sei letztlich Ausdruck eines überzogenen Individualismus. Menschen müssten akzeptieren, dass sie nicht alles durchdringen können. „Was ist so schlimm daran, wenn nicht jeder Einzelne alles versteht und durchdringt?“, so Grundmann.







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