Berlin. – Die Diskussion über die Social-Media-Nutzung von Jugendlichen gewinnt in immer mehr europäischen Ländern, auch in Deutschland, an Schärfe. Mehrere Parteien fordern inzwischen Einschränkungen oder Verbote für Minderjährige. Hintergrund sind wachsende Sorgen über politische Radikalisierung im Internet. Eine Wissenschaftlerin aus dem Bereich der Digitalforschung bestätigt nun selbst: Ohne Regulierung entwickeln sich Soziale Netzwerke strukturell nach rechts.
Rechte Dynamik auf TikTok und Instagram
Annett Heft, Leiterin der Forschungsgruppe „Dynamiken der digitalen Mobilisierung“ am Berliner Weizenbaum-Institut, erforscht, wie Jugendliche im Internet mit politischen Ideologien in Kontakt kommen. Ihrer Darstellung zufolge beginnt dieser Prozess meist auf populären Plattformen: „Los geht es auf großen Plattformen wie TikTok oder Instagram. Extremistische Influencer zeigen sich da sympathisch, nahbar, verschleiern ihre harte Agenda und erwecken den Eindruck, dass ihre Meinungen Teil des Mainstreams sind“, so Heft im Gespräch mit der Zeit.
Dabei würden politische Botschaften häufig nicht offen auftreten, sondern zunächst in scheinbar alltäglichen Inhalten versteckt. Laut Heft kombinieren Influencer Themen aus Bereichen wie Lifestyle, Fitness oder Outdoor-Aktivitäten mit ideologischen Botschaften: „Migration und Geschlecht sind gesamtgesellschaftlich diskutierte Themen, in deren Kontext sich leicht ideologisch harte Inhalte platzieren lassen.“
Lifestyle-Inhalte als Einstieg in politische Szenen
Laut der Forscherin kann der Einstieg in politische Netzwerke über völlig unpolitische Inhalte erfolgen. Influencer, die sich mit Mode, Fitness oder Lebensstil befassen, mischten unterschwellig Inhalte bei, die politisch klar positioniert sind. Wenn Nutzer auf solche Inhalte reagieren oder ihnen folgen, würden sich demnach weitere Kanäle öffnen. Laut Heft könnten Jugendliche dadurch schrittweise in abgeschlossene digitale Räume gelangen: „Dann bekommt man Zugänge, die in die dunkleren Ecken des Internets weiterführen“. Dort würden die Inhalte deutlich radikaler ausfallen: „Das heißt, man erfährt etwas darüber, wie man seinen Körper optimiert, und landet am Ende auf Discord-Servern oder auf den Chan-Plattformen, wo man mit expliziteren Inhalten in Kontakt kommt, mit offenem Antisemitismus, Rassismus und Verschwörungsideologien.“ Auch in islamistischen Netzwerken seien ähnliche Dynamiken zu beobachten gewesen.
Professorin fordert Regulierung Sozialer Netzwerke
Aus Sicht von Heft reicht es nicht aus, sich auf die individuelle Verantwortung zu verlassen. Vielmehr müssten die Plattformen selbst stärker reguliert werden. Dabei müsse allerdings gleichzeitig darauf geachtet werden, dass die Meinungsfreiheit nicht eingeschränkt werde. Die Moderation extremistischer Inhalte sei kompliziert, weil problematische Botschaften häufig verschlüsselt oder indirekt formuliert würden. Wenn einzelne Begriffe gesperrt würden, entstünden rasch neue Codes.
Heft sieht neben der Moderation einzelner Beiträge vor allem ein strukturelles Problem in den Empfehlungsalgorithmen der Plattformen. Diese bevorzugen besonders emotionale und polarisierende Inhalte: „Es ist ja kein Geheimnis, dass auf Social Media polarisierendes und hochemotionales Material am besten funktioniert.“ In diesem Umfeld hätten rechte Akteure strukturelle Vorteile. Als Grund nennt sie die politische Logik entsprechender Bewegungen: „Weil ihr ideologischer Kern Ungleichheitsvorstellungen und daraus begründete Ausschlussmechanismen sind, kann sie unumwunden auf Polarisierung setzen – wir gegen sie.“
Studie: Unregulierte Plattformen werden rechter
Die Professorin formuliert ihre Kritik an der fehlenden Regulierung digitaler Plattformen besonders deutlich. Laut ihr zeigen Studien einen klaren Zusammenhang zwischen Regulierung und politischer Ausrichtung der Netzwerke: „Je unregulierter die Plattformen sind, desto rechter werden sie, und das zahlt sich auch noch aus.“ Populistische Inhalte würden dabei nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich funktionieren.
Medienbildung für Jugendliche könne das Problem nicht allein lösen. Zwar sei es wichtig, jungen Menschen den richtigen Umgang mit „Desinformationen“ zu vermitteln, doch müsse dies mit weiteren Maßnahmen kombiniert werden: „Wir sollten auf keinen Fall Maßnahmen gegeneinander ausspielen.“ Ohne strukturelle Eingriffe in Plattformen und Algorithmen werde der Einfluss politischer Polarisierung im Netz aus Sicht der Forscherin jedoch weiter wachsen.




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