Eine neue internationale Studie renommierter Forscher der Universitäten Cambridge und London liefert spannende Ergebnisse: Die politische Polarisierung nimmt in vielen Ländern zu und wird weltweit vor allem durch kulturelle Konfliktlinien angetrieben. Demnach dominieren in hochentwickelten Staaten eher liberale Cluster oder es stehen sich gleich starke Lager gegenüber, während in weniger entwickelten Ländern meist kulturell konservative Mehrheiten einer liberalen Minderheit gegenüberstehen.
Polarisierung in den USA deutlich gestiegen
Bereits einleitend warnen die Autoren, dass die politische Polarisierung bei Sachfragen sowohl Wissenschaftlern als auch der Öffentlichkeit Sorgen bereitet. Um ideologische Spaltungen präziser erfassen zu können, entwickelten die Forscher ein neues Analyseverfahren auf Basis eines maschinellen Lernalgorithmus. Das Ziel bestand darin, nicht die Parteizugehörigkeit, sondern die tatsächlichen inhaltlichen Positionen der Bürger auszuwerten.
Das Ergebnis für die Vereinigten Staaten ist eindeutig. Mithilfe von Daten der American National Election Studies stellten sie fest, dass die Polarisierung in den USA zwischen 1988 und 2024 zugenommen hat. Dies ist auf eine Phase der zunehmenden inhaltlichen Distanz zwischen den Clustern zwischen 2008 und 2020 zurückzuführen. Auffällig ist dabei, dass nicht die innere Geschlossenheit der Lager zunahm, sondern vor allem der Abstand zwischen ihnen. Amerika hat sich nicht in radikale Minderheiten aufgelöst, sondern es sind zwei relativ stabile, in sich konsistente Blöcke entstanden, die sich programmatisch immer weiter voneinander entfernen.
Kulturelle Konflikte sind der Haupttreiber
Die internationalen Ergebnisse sind noch brisanter. Für die Studie wurden Daten aus über 100 Ländern ausgewertet. Das zentrale Ergebnis: Die Polarisierung wird weltweit in erster Linie durch Meinungsverschiedenheiten über kulturelle Fragen angetrieben. Es geht also weniger um klassische ökonomische Streitfragen als um Themen wie Abtreibung, Homosexualität, traditionelle Familienbilder oder moralische Normen. Gerade hier verlaufen die tiefsten Bruchlinien moderner Gesellschaften.
Die Studie zeigt außerdem, dass sich die Polarisierung je nach Entwicklungsstand eines Landes unterschiedlich manifestiert. Maßstab ist dabei der sogenannte Human Development Index (HDI). In Ländern mit niedrigem Entwicklungsindex stellen kulturell konservative Bürger meist die Mehrheit. In hochentwickelten Ländern hingegen stehen sich zwei annähernd gleich große Lager gegenüber, wobei liberale Positionen deutlich stärker vertreten sind. Besonders bemerkenswert ist, dass in den am höchsten entwickelten Staaten sogar häufig das kulturell liberale Lager dominiert.
Die Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass verschiedene gesellschaftliche Faktoren unterschiedliche Aspekte der Polarisierung beeinflussen. Demnach erhöht ethnische Fragmentierung die Distanz zwischen Lagern, während Wohlstandsunterschiede interne Uneinigkeit fördern. Der Entwicklungsgrad wiederum beeinflusst die Größenverhältnisse der politischen Blöcke.
Kulturelle Liberalisierung als Spaltungsbeschleuniger?
Die Daten legen nahe, dass sich mit zunehmender kultureller Liberalisierung von Gesellschaften politische Mehrheiten verschieben und kulturelle Konflikte intensiver werden. In Ländern mit einem niedrigen HDI dominiert oft ein kulturell konservatives Mehrheitscluster, während liberale Positionen eher eine Minderheit darstellen. In wohlhabenderen Staaten hingegen entstehen zwei annähernd gleich starke Lager, die sich in zentralen Moral- und Kulturfragen fundamental widersprechen. Die Studie spricht von einer klaren Zweiteilung entlang kultureller Linien. Zwar spielen wirtschaftliche Fragen weiterhin eine Rolle, doch sie sind nicht der primäre Spaltpilz.
Die Ergebnisse lassen sich jedoch auch anders interpretieren. Solange traditionelle Normen dominieren, existiert zwar Dissens, jedoch keine gleich starke Gegenbewegung, die das Land in zwei gleich große, sich feindlich gegenüberstehende Blöcke zerlegt. Erst mit zunehmender Liberalisierung entsteht ein symmetrisches Kräfteverhältnis zweier ideologischer Lager. Ein solches symmetrisches Kräfteverhältnis zweier Lager kann laut gängiger Demokratietheorie Entscheidungsprozesse erschweren.




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