Paris/Berlin. – Mit der am 8. Juli im geopolitischen Magazin Le Grand Continent veröffentlichten Studie „Opération Prométhée“ legen der KI-Unternehmer Tristan Claret-Trentelivres, der hohe Beamte und Essayist Raphaël Doan, der KI-Unternehmer Aymeric Roucher sowie der Technologie- und Finanzexperte Victor Storchan einen industriepolitischen Entwurf vor. Ihr Ziel: Frankreich soll gemeinsam mit europäischen Partnern einen dritten globalen KI-Pol neben den USA und China aufbauen. Ihre zentrale These lautet, dass Künstliche Intelligenz zur strategischen Infrastruktur des 21. Jahrhunderts wird und Europa ohne massive Investitionen dauerhaft technologisch abhängig bleiben könnte.
KI als neuer Wachstumsmotor
Bereits heute entsprechen die Ausgaben für Künstliche Intelligenz in den fortschrittlichsten Unternehmen nach Angaben der Autoren mehr als zehn Prozent der Personalkosten. Dieser Anteil dürfte weiter steigen und langfristig sogar die Lohnkosten übertreffen. KI sei schon heute mit Abstand der wichtigste Wachstumstreiber der amerikanischen Wirtschaft.
Die Analyse geht weit über die übliche Debatte über Chatbots und Sprachmodelle hinaus. KI sei keine reine Softwareindustrie mehr, sondern vor allem eine Energie- und Infrastrukturindustrie. Der eigentliche Engpass liege künftig nicht bei Algorithmen oder Ingenieuren, sondern bei Elektrizität, Rechenzentren, Hochleistungschips und langfristigem Kapital. Nicht der Algorithmus werde zum knappsten Gut, sondern der Zugang zu Strom und Rechenleistung. Dementsprechend fallen auch die technischen Ziele aus. Bis 2029 soll eine Rechenkapazität von 12 Gigawatt entstehen – mehr als die Leistung mehrerer großer Kernkraftwerke – sowie ein Forschungsökosystem mit rund 1.700 Spitzenwissenschaftlern. Nach Ansicht der Autoren ist diese physische Infrastruktur die eigentliche Voraussetzung dafür, überhaupt KI-Modelle auf Weltklasseniveau entwickeln zu können.
Das Atomprogramm als Blaupause
Der historische Vergleich ist vom den Autoren bewusst gewählt. Wie beim Aufbau der zivilen Kernenergie und der nuklearen Abschreckung in den 1960er- und 1970er-Jahren müsse der Staat zunächst enorme Summen investieren, um langfristige strategische Unabhängigkeit zu gewinnen. Laut den Autoren der Studie stehe Europa heute vor einer vergleichbaren Entscheidung.
Auch bei der Finanzierung orientiert sich der Vorschlag am französischen Atommodell. Einen staatlichen KI-Konzern lehnen die Autoren ab. Stattdessen rechnen sie mit Investitionen von 170 Milliarden US-Dollar bereits ab 2027 und von mehr als 300 Milliarden US-Dollar im Jahr 2029 – insgesamt rund 700 Milliarden US-Dollar innerhalb von drei Jahren. Rund 95 Prozent dieser Summe würden in Rechenzentren, Stromversorgung und andere Infrastruktur fließen; nur ein kleiner Teil wäre für Forschung und Softwareentwicklung vorgesehen.
Ein Programm dieser Größenordnung entspräche 4,5 bis acht Prozent des französischen Bruttoinlandsprodukts, davon jährlich etwa 1,5 Prozent des BIP an öffentlichen Investitionen. Den übrigen Finanzierungsbedarf sehen die Autoren bei privaten Investoren sowie bei öffentlichem und privatem Kapital anderer mittlerer Mächte, die ihre Abhängigkeit vom amerikanisch-chinesischen KI-Duopol verringern wollen. Flankiert werden soll dies durch ein eigenes „Prométhée-Gesetz“, das Genehmigungen für Rechenzentren, Energieprojekte und Netzinfrastruktur drastisch beschleunigt.
Ein Kraftakt historischen Ausmaßes
Ob ein Investitionsprogramm dieser Größenordnung politisch oder finanziell realistisch ist, bleibt offen. Die Studie versteht sich deshalb weniger als fertiger Regierungsplan denn als industriepolitischer Weckruf. Ihre eigentliche Botschaft lautet: Der Wettbewerb um Künstliche Intelligenz wird künftig nicht allein in Forschungslaboren entschieden, sondern dort, wo ausreichend Energie, Rechenleistung und Kapital zur Verfügung stehen. Die entscheidende Frage sei daher nicht, ob Europa sich einen solchen Kraftakt leisten könne, sondern ob es sich leisten könne, darauf zu verzichten.





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