FREILICH: Herr Kamiński, Sie vertreten eine EU-kritische, konservative Linie. Wollen Sie eine andere EU – oder gar keine EU?
Krystian Kamiński: Die Europäische Union ist nicht Europa. Europa ist viel älter, tiefer und reicher als jedes politische Konstrukt. Wir wollen eine Rückkehr zur ursprünglichen Idee: eine Union freier Nationen, die zusammenarbeiten, aber nicht ihre Identität verlieren. Europa wurde auf drei Säulen gebaut – auf dem römischen Recht, der griechischen Philosophie und der christlichen Moral. Nur auf dieser Basis kann eine echte europäische Zusammenarbeit gedeihen. Wenn diese Grundlage vergessen wird, verliert das ganze Gebäude seine Stabilität.
Viele sehen die EU zunehmend als ideologisches Projekt. Was läuft Ihrer Meinung nach schief in Brüssel?
In Brüssel läuft schief, dass man Europa mit einer Ideologie verwechselt. Die EU hat sich von einem wirtschaftlichen und zivilisatorischen Projekt in ein ideologisches Labor verwandelt. Entscheidungen werden nicht mehr im Geist von Verantwortung und Vernunft getroffen, sondern im Namen moralischer Parolen, die oft gegen die Interessen der europäischen Bürger wirken. Der sogenannte Green Deal und der Migrationspakt sind dafür die besten Beispiele. Sie wurden nicht als realistische Strategien entwickelt, um Europas Wettbewerbsfähigkeit oder Sicherheit zu stärken, sondern als ideologische Programme, die wirtschaftliche Rationalität und nationale Verantwortung aushebeln. Der Green Deal zerstört die industrielle Basis vieler Länder, und der Migrationspakt belohnt Chaos statt Ordnung. Das sind keine politischen Lösungen, sondern ist Ausdruck eines Denkens, das sich von der Realität abgekoppelt hat.
Und halten Sie eine nachhaltige Reform der EU für möglich?
Nur wenn man endlich anerkennt, dass die EU kein Ersatz für Europa ist. Eine echte Reform wäre nur dann möglich, wenn man zur ursprünglichen Idee zurückkehrt – zu einem Europa der Nationen, nicht der Bürokratien. Im Moment ist die EU ein System, das sich selbst verwaltet und rechtfertigt, statt den Bürgern zu dienen. Solange Machtkonzentration in Brüssel als Selbstzweck verstanden wird, ist keine echte Reform denkbar. Europa braucht Dezentralisierung, nicht mehr Integration. Es braucht einen Wettbewerb der Ideen, nicht Gleichschaltung. Wenn man die EU retten will, muss man aufhören, sie wie eine Religion zu behandeln.
Die Union muss wieder ein Werkzeug sein – nicht ein Ziel. Die nationalen Parlamente müssen wieder die zentrale Instanz politischer Legitimation werden. Ohne eine Rückkehr zur Verantwortung der Mitgliedstaaten wird Europa weiterhin in einer postdemokratischen Blase leben, die viel über Werte spricht, aber die Menschen immer weniger versteht. Europa muss wieder eine Gemeinschaft gemeinsamer Ziele werden, nicht ein Experiment ideologischer Gleichschaltung. Die Menschen wollen Sicherheit, Gerechtigkeit und kulturelle Kontinuität – nicht abstrakte Programme, die sie spalten. Heute ist die Europäische Union jedoch tief im Geist des linksliberalen Denkens verankert. Sie hat sich von der Realität entfernt und versucht, Gesellschaften nach einem ideologischen Muster umzuprogrammieren. In dieser Form ist eine Rückkehr zur Normalität kaum vorstellbar. Vielleicht muss dieses Konstrukt zuerst zerlegt werden, damit auf seinen Trümmern etwas Neues, Vernünftiges und wahrhaft Europäisches entstehen kann.
Die EU spricht ständig von „gemeinsamen Werten“. Bedeutet das in Wahrheit, dass konservative Länder sich dem linksliberalen Mainstream anpassen sollen?
Leider ja. Der Begriff „gemeinsame Werte“ ist zur Waffe geworden. Er bedeutet heute: Anpassung an eine ideologische Linie, die sich selbst als universell versteht, in Wahrheit aber provinziell ist. Wahre europäische Werte sind älter und tiefer – sie wurzeln im römischen Rechtsdenken, im griechischen Streben nach Wahrheit und in der christlichen Vorstellung von Würde und Verantwortung. Wenn Brüssel diese Quellen vergisst, verliert es den moralischen Kompass.
Polen steht für Familie, Religion, nationale Identität. Warum fällt es der EU so schwer, diese Werte als gleichberechtigt anzuerkennen?
Weil sie sich selbst von den Quellen Europas entfremdet hat. Familie, Glaube und Nation sind für die Brüsseler Bürokratie Relikte. Für uns sind sie aber die Bedingung der Freiheit. Ohne sie gibt es keine Verantwortung und keinen Zusammenhalt. Europa ist kein Museum moderner Ideen, sondern eine lebendige Zivilisation, die sich auf Kontinuität gründet.
NGOs spielen in der europäischen Politik eine immer größere Rolle. Welche Auswirkungen hat das?
Viele NGOs handeln nicht als Ausdruck der Gesellschaft, sondern als Instrumente ideologischer Steuerung. Sie importieren Konflikte, die nicht aus unserer Kultur stammen. Sie sind keine echte Zivilgesellschaft, sondern eine Industrie politischer Einflussnahme, finanziert von außen. Das zerstört Vertrauen und ersetzt Dialog durch Dogma.
Auch in Polen finanzieren westliche Stiftungen Projekte zu Migration, Gender oder Klima. Wie bewerten Sie diesen Einfluss?
Ich nenne das „soft power ohne Verantwortung“. Diese Stiftungen wirken wie Parallelstrukturen – sie umgehen den demokratischen Prozess, indem sie Narrative kaufen. Wenn westliche Mittel benutzt werden, um kulturelle oder moralische Normen umzuschreiben, dann ist das keine Hilfe, sondern Intervention. Wir wollen Partnerschaft, keine Umerziehung.
Können Sie konkrete Beispiele nennen, in denen NGOs versucht haben, Einfluss auf politische Entscheidungen in Polen zu nehmen?
Ja, zum Beispiel die sogenannte Stefan-Batory-Stiftung, die in Polen mit erheblichem westlichen Kapital arbeitet. Ihr Einfluss war während der Parlamentswahlen 2023 besonders sichtbar – sie finanzierte Kampagnen, die auf eine massive Mobilisierung des linksliberalen Elektorats abzielten. Dadurch stieg die Wahlbeteiligung deutlich, vor allem unter jungen Frauen bis vierzig Jahre, aber zunehmend auch bei Menschen in den Fünfzigern und Sechzigern.
Es war kein Zufall, sondern ein gezielt orchestrierter gesellschaftlicher Druck, der die politische Balance in Polen verschoben hat. Solche Aktivitäten zeigen, wie NGOs heute politische Macht ohne demokratisches Mandat ausüben. Viele dieser Strukturen arbeiten eng mit bestimmten Medien zusammen, um ein einheitliches Narrativ zu schaffen – eines, das angeblich „proeuropäisch“ ist, aber in Wahrheit gegen jede Form konservativer Selbstbehauptung gerichtet ist. Diese Instrumentalisierung des Begriffs „Zivilgesellschaft“ ist gefährlich, weil sie Vertrauen in die Demokratie zerstört und die Polarisierung verstärkt.
Sollte die EU NGO-Förderungen grundsätzlich neu aufstellen? Welche Änderungen wünschen Sie sich?
Ja. Erstens: vollständige Transparenz über Geldflüsse. Zweitens: klare Trennung zwischen humanitärer und ideologischer Tätigkeit. Drittens: Priorität für Projekte, die lokale Bedürfnisse und traditionelle Strukturen stärken. Eine Union, die Vielfalt predigt, sollte sie auch finanziell respektieren.
Wie sieht es mit rechten, konservativen NGOs aus? Gibt es solche in Polen und wie groß ist ihr Einfluss? In Deutschland und Österreich gibt es dergleichen kaum.
Ja, es gibt sie – aber sie sind finanziell schwächer. Während linksliberale NGOs Millionen aus westlichen Stiftungen erhalten, müssen konservative Organisationen auf die Unterstützung normaler Bürger bauen. Das zeigt, dass die sogenannte Zivilgesellschaft in Europa nicht neutral ist.
In Polen werden konservative NGOs fast ausschließlich durch private Spenden und gesellschaftliches Engagement getragen – sie existieren dank Überzeugung, nicht dank Subventionen. Internationale Gelder – ob aus Brüssel, Berlin oder von großen Stiftungen – fließen fast ausschließlich an linksliberale Projekte. Dadurch entsteht der Eindruck, dass diese die gesellschaftliche Mehrheit repräsentieren, obwohl ihr Einfluss ohne diese Finanzströme minimal wäre. Wenn das internationale Finanzierungsmodell enden oder neutralisiert würde, hätten linksliberale NGOs kaum Überlebenschancen. Die konservativen, nationalen und patriotischen Organisationen würden dagegen weiter bestehen, weil sie im gesellschaftlichen Bewusstsein verankert sind. Die heutige Asymmetrie ist also kein Ausdruck realer Stärke, sondern das Ergebnis einer künstlichen Dominanz von außen.
Die Visegrád-Gruppe galt lange als geschlossene Stimme für konservative und souveränitätsorientierte Politik in Mitteleuropa. Tritt die V4 heute noch als echte Allianz auf – oder ist sie zu einem eher symbolischen Bündnis geworden?
Die V4 ist kein Mythos, sondern eine Notwendigkeit. Ihre Kraft kommt nicht aus der Tagespolitik, sondern aus der Geschichte. Mitteleuropa ist der Raum, in dem nationale Identität und europäische Kultur noch eine organische Einheit bilden. Die V4 bleibt der natürliche Rahmen für jene, die nicht bereit sind, sich dem Zentralismus aus Brüssel zu unterwerfen.
Polen und Ungarn waren innerhalb der V4 enge Partner, doch der Krieg in der Ukraine hat zu deutlichen Spannungen geführt. Wie tief sind diese Gräben?
Die Gräben sind politisch, nicht zivilisatorisch. Unsere Länder haben unterschiedliche sicherheitspolitische Einschätzungen, aber ein gemeinsames Ziel: ein Europa freier Nationen. Ungarn und Polen verbindet ein Verständnis dafür, dass man nationale Interessen nicht Ideologien opfern darf. Wir bleiben Partner, auch wenn wir nicht immer dieselbe Taktik wählen.
Manche Beobachter sagen, die V4 habe an politischem Gewicht verloren, weil es zu viele interne Differenzen gibt – etwa beim Russlandkurs oder im Verhältnis zur EU. Was wäre nötig, um die Visegrád-Gruppe wieder als konservatives Gegengewicht in Europa zu stärken?
Ein gemeinsamer Realismus. Die V4 darf kein moralisches Projekt sein, sondern ein geopolitisches. Unsere Länder müssen erkennen, dass niemand außer uns Mitteleuropa verteidigen wird – weder Washington noch Brüssel. Gemeinsame Energiepolitik, Infrastruktur und Verteidigung sind die Basis. Der Rest kommt mit Vertrauen.
Können Sie ein paar Beispiele aus den Bereichen Energie, Infrastruktur und Verteidigung nennen, in denen diese Zusammenarbeit aktuell gut funktioniert?
In der Praxis funktioniert die Zusammenarbeit innerhalb der Visegrád-Gruppe in mehreren Bereichen erstaunlich gut, auch wenn sie politisch oft unterschätzt wird. Im Energiebereich ist der Ausbau der Nord-Süd-Verbindungen entscheidend: die Gasinterkonnektoren zwischen Polen und der Slowakei, der Ausbau des LNG-Terminals in Świnoujście, die Verbindung zum ungarischen System und die Pläne für eine gemeinsame Nutzung von Speicher- und Transportkapazitäten schaffen schrittweise eine echte regionale Energiearchitektur. Im Infrastrukturbereich ist das Projekt der Via Carpathia ein Symbol dieser Kooperation – eine Verkehrsachse, die die Ostflanke Europas vom Baltikum bis zum Mittelmeer verbindet und die wirtschaftliche Integration Mitteleuropas stärkt. Auch im Verteidigungsbereich gibt es praktische Kooperationen, etwa im Rahmen der Visegrád-Battlegroup und bei der Ausbildung militärischer Einheiten. Diese Zusammenarbeit zeigt, dass Mitteleuropa – trotz politischer Differenzen – in der Lage ist, strategisch zu handeln, wenn es um seine eigene Sicherheit, Energieunabhängigkeit und regionale Entwicklung geht.
Trotz aller aktuellen Konflikte – sehen Sie für Mitteleuropa weiterhin eine gemeinsame strategische Zukunft, etwa als Wertegemeinschaft, die nationale Souveränität und traditionelle Identität gegen den Zentralismus aus Brüssel verteidigt?
Absolut. Wir sind die letzte Bastion eines Europas, das noch weiß, was es ist. Mitteleuropa erinnert daran, dass Freiheit nicht in Institutionen, sondern in Charakteren lebt. Wir teilen ein Geschichtsbewusstsein, das uns vor ideologischen Illusionen schützt. Diese Region kann das Herz einer neuen europäischen Erneuerung werden.
Was halten Sie von der Idee, die V4 zu erweitern? Zum Beispiel durch die Aufnahme Österreichs? Die FPÖ hatte das vor einigen Jahren einmal ins Spiel gebracht ...
Die Idee ist interessant, aber ich glaube, dass das aktuelle Format der Visegrád-Gruppe seinem Charakter nach am besten zu den vier bestehenden Staaten passt. Polen, Ungarn, Tschechien und die Slowakei verbindet eine besondere historische Erfahrung – sowohl die Zeit vor 1989 als auch die Art und Weise, wie sich unsere Gesellschaften nach der Wende entwickelt haben. Diese gemeinsame Prägung schafft ein spezifisches Verständnis für Souveränität, Identität und Freiheit, das für die V4 konstitutiv ist. Eine Erweiterung um Österreich oder andere südliche Staaten wäre bereits ein anderer politischer und zivilisatorischer Rahmen – nicht notwendigerweise schlecht, aber eben ein neues Format. In anderen Konstellationen – etwa bei wirtschaftlichen oder kulturellen Projekten – könnte eine enge Zusammenarbeit mit Österreich und anderen Ländern des Südens dagegen sehr fruchtbar und inspirierend sein.
Nach dem Regierungswechsel in Warschau hat sich das politische Klima spürbar verändert. Wie beurteilen Sie den Kurs der neuen Regierung – und worin unterscheidet sich Ihre Vision von Polens Zukunft grundlegend?
Die neue Regierung definiert Polen als abhängige Provinz im westlichen System. Wir sehen Polen als Subjekt. Ein Polen, das sich Brüssel nicht unterordnet, das mit den USA kooperiert, aber nicht gehorcht – und das sich auch von einer Zusammenarbeit mit China nicht abwendet, sondern sie auf Grundlage gegenseitigen Respekts erweitert. Die Außenpolitik Polens darf nicht zwischen Vasallentreue und Isolation schwanken – sie muss auf Gleichgewicht und Souveränität beruhen.
Wie sollte das Verhältnis zu Russland sein?
Realistisch. Russland ist ein schwieriger, aber dauerhafter Nachbar. Wir müssen aufhören, Außenpolitik in moralischen Kategorien zu denken. Polen sollte gegenüber Russland klar, aber rational auftreten – mit starker Verteidigung und ohne Illusionen, aber auch ohne Hysterie. Souveränität bedeutet: Wir reden mit jedem, aber lassen uns von niemandem benutzen. Russland ist Teil Europas – ob es uns gefällt oder nicht – und langfristig wird Stabilität nur mit, nicht gegen Russland möglich sein. Eine neue Sicherheitsordnung in Europa kann nur auf Realismus, gegenseitiger Anerkennung und klaren Grenzen basieren – nicht auf moralischen Kampagnen. Das 21. Jahrhundert wird nicht von einer Supermacht geprägt, sondern vom Gleichgewicht vieler Kräfte. Polen und Mitteleuropa müssen lernen, zwischen den Blöcken zu navigieren, ohne ihre Würde zu verlieren.
Uns ist bewusst, dass Westeuropa – vor allem Deutschland, Frankreich, aber auch Österreich – nach einem künftigen Frieden zwischen Russland und der Ukraine versuchen wird, erneut Geschäfte mit Moskau zu machen. Polen hat aus der Geschichte gelernt und will nicht, dass solche Entscheidungen erneut über unsere Köpfe hinweg getroffen werden. Wir wissen, dass es zu einer Korrektur im Umgang mit Russland kommen wird, und sehen das mit Realismus – aber auch mit Vorsicht. Besonders schwer fällt es uns derzeit, ruhig zuzusehen, was an unserer östlichen Grenze geschieht, wo Tausende von Migranten als politisches Druckmittel eingesetzt werden. Dennoch hoffe ich, dass auch diese Krise bald ein Ende findet und Europa wieder zu Stabilität und Verantwortung zurückkehrt.
Wenn man den Wikipedia-Beitrag zur Konfederacja liest, steht dort, dass es sich dabei um eine heterogene politische Partei handelt, die Monarchisten, Libertäre, Wirtschaftsliberale, Eurokritiker, Nationalisten, Konservative und Populisten vereint. Warum dieser Zusammenschluss?
Weil wir alle verstanden haben, dass das, was uns verbindet, stärker ist als das, was uns trennt: der Glaube an Freiheit, Verantwortung und nationale Würde. Die Konfederacja ist keine ideologische Sekte, sondern eine Allianz derer, die nicht glauben, dass man Freiheit ohne Identität oder Identität ohne Freiheit haben kann.
Und wie kam es dazu? Können Sie kurz den Werdegang Ihrer Partei schildern?
Die Konfederacja entstand als Antwort auf den Stillstand und die Einseitigkeit des polnischen Parteiensystems. Dieses System war in den letzten zwanzig Jahren – und im Grunde genommen während der gesamten Dritten Republik – von zwei politischen Lagern dominiert: der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) unter Jarosław Kaczyński und der Bürgerplattform (PO) unter Donald Tusk. Beide haben die politische Bühne in Polen weitgehend monopolisiert und den Raum für echte Alternativen erstickt.
Im Jahr 2019 entstand die Konfederacja als Zusammenschluss zweier zentraler Strömungen: des nationalkonservativen Lagers Ruch Narodowy („Nationale Bewegung“), dessen Vorsitzender heute Krzysztof Bosak ist, und des konservativ-liberalen Umfelds, das heute unter dem Namen Nowa Nadzieja („Neue Hoffnung“) auftritt und von Sławomir Mentzen geführt wird.
In den ersten Wahlen zum Europäischen Parlament verfehlten wir die Fünf-Prozent-Hürde nur knapp und erhielten keine Mandate. Doch schon bei den Parlamentswahlen im Oktober 2019 gelang uns der Einzug in den Sejm. Seitdem verzeichnen wir bei jeder weiteren Wahl steigende Unterstützung. Bei den letzten Präsidentschaftswahlen im Mai dieses Jahres erreichte unser Kandidat Sławomir Mentzen bereits rund 15 Prozent – ein deutliches Zeichen unseres kontinuierlichen Wachstums und der wachsenden gesellschaftlichen Resonanz unseres Programms.
Die Konfederacja vereinte Gruppen, die von der liberalen und sozialkonservativen Orthodoxie ausgeschlossen waren – Menschen, die Freiheit mit Verantwortung und Nation mit Vernunft verbinden. Anfangs war das ein riskantes Projekt, weil viele uns nicht zutrauten, langfristig zu überleben. Doch wir wuchsen, weil wir konsequent und nicht opportunistisch waren. Heute repräsentiert die Konfederacja jene Polen, die genug haben von ideologischen Dogmen – egal ob aus Brüssel oder aus Warschau.
Und wie bringt man diese unterschiedlichen Strömungen dauerhaft unter einen Hut?
Durch den Respekt vor Prinzipien, nicht vor Schlagwörtern. Wir akzeptieren Unterschiedlichkeit, solange sie auf den gemeinsamen Grundlagen beruht – Familie, Eigentum, Tradition, Glaube, Verantwortung. Es ist nicht immer leicht, aber das ist die Natur jeder lebendigen Bewegung. Einheit ist keine Uniformität.
Was unterscheidet Ihre Partei von der konservativen PiS?
Vor allem Ehrlichkeit und Konsequenz. Die PiS spricht über Souveränität, handelt aber oft wie ein Teil des Systems, das sie angeblich bekämpft. Sie hat den Staat aufgebläht, statt ihn zu reformieren, und sie hat sich zu stark auf Emotionen statt auf Vernunft gestützt. Während sie rhetorisch gegen Migration auftrat, hat sie gleichzeitig Hunderttausende Migranten aus aller Welt – aus Indien, Pakistan, Bangladesch oder Nigeria – ins Land geholt. In der Pandemie setzte sie auf harte Restriktionen statt auf Vertrauen. Und gegenüber der Ukraine verfolgte sie eine Politik grenzenloser Öffnung – die Abgabe von Waffen nicht aus Reserven, sondern aus dem Bestand, und die Gewährung voller sozialer Leistungen für ukrainische Bürger. Wir waren von Anfang an skeptisch gegenüber dieser bedingungslosen Linie. Wir wollen helfen, aber mit Augenmaß – ohne unsere nationale Sicherheit und Stabilität zu gefährden.
Der entscheidende Unterschied liegt jedoch in der Herangehensweise an grundlegende Fragen. Beim sogenannten Green Deal lobten Jarosław Kaczyński und seine Minister dieses Projekt noch vor wenigen Jahren. Erst später erkannten sie die Folgen – und lehnen es heute in der Opposition ab. Das zeigt politische Naivität gegenüber Brüssel. Auch in der Migrationspolitik handelte die PiS widersprüchlich. Nach außen war sie gegen Migration, in der Realität öffnete sie die Grenzen für Menschen aus Asien und Afrika. Wir dagegen sind klar gegen Masseneinwanderung, weil wir sehen, wohin das im Westen Europas geführt hat – zu Konflikten, Parallelgesellschaften und kultureller Erosion.
Ein weiterer Unterschied betrifft die Außenpolitik. Die PiS ist zutiefst proamerikanisch und spricht sogar von einer „ewigen polnisch-amerikanischen Freundschaft“. Wir sehen das anders. Freundschaften sind in der Politik eine Illusion – entscheidend sind Interessen. Deshalb treten wir für eine multilaterale, ausgewogene Außenpolitik ein, in der Polen mit den USA zusammenarbeitet, aber auch Beziehungen zu anderen Partnern wie China pflegt. Nur eine wirklich souveräne, vielachsige Politik kann die nationale Unabhängigkeit dauerhaft sichern.
Hinzu kommt eine deutliche Generationenfrage. Die meisten führenden Politiker der PiS sind über sechzig oder siebzig Jahre alt, wie Jarosław Kaczyński selbst. Sie repräsentieren ein älteres Wählersegment, das naturgemäß andere Prioritäten hat – etwa Rentenerhöhungen und soziale Zuschläge. Wir hingegen sprechen vor allem die jüngere Generation an: Menschen bis vierzig, zunehmend aber auch bis fünfzig oder sechzig Jahre. Unsere Führung ist eine Generation jünger – sie besteht aus Politikern um die vierzig, die keine Komplexe gegenüber dem Westen haben und überzeugt sind, dass Polen stark, souverän und selbstbewusst auftreten kann. Wir glauben, dass unser Land die Kraft hat, seinen eigenen Weg zu gehen – unabhängig, mit eigener Stimme und im Bewusstsein seiner Werte.
Zwischen Polen und Deutschland gibt es eine lange, schmerzhafte Geschichte. Wie beeinflusst sie heute noch das politische Verhältnis beider Länder?
Sie beeinflusst es tief, weil historische Erinnerung nicht einfach verschwindet. In Polen wird Geschichte als moralische Kategorie verstanden, in Deutschland als juristische. Das führt zu Missverständnissen. Wir wünschen uns Partnerschaft, aber auf der Basis der Wahrheit, nicht des Vergessens.
Das Thema Reparationsforderungen bleibt umstritten. Warum ist es für viele Polen nach wie vor wichtig?
Weil das Thema Gerechtigkeit nicht mit Fristen verjährt. Es geht nicht nur um Zahlen, sondern um Anerkennung. Polen hat im Zweiten Weltkrieg unermesslich gelitten, und viele Wunden sind nie benannt worden. Die Forderung nach Reparationen ist ein Ausdruck des Bedürfnisses, dass die Geschichte vollständig ausgesprochen wird.
Das ist ein gutes Stichwort: Zur vollständigen Geschichte gehören beispielsweise auch die vertriebenen Deutschen. Ein Thema, das ebenfalls nicht vergessen werden sollte. Doch wie könnte hier eine echte Versöhnung stattfinden, ohne dass beide Seiten gegenseitig Verbrechen und Leid aufrechnen?
Nur durch Wahrheit, nicht durch Symmetrie. Versöhnung ist kein Handel mit Leid. Polen hat nie verlangt, dass jemand sein eigenes Schicksal vergisst – aber wir erwarten, dass niemand unsere Geschichte relativiert oder sie in ein künstliches Gleichgewicht der Schuld stellt.
Dabei ist es wichtig zu betonen: Auch das Schicksal der deutschen Vertriebenen war eine Folge der damaligen deutschen Politik. Hätte Deutschland Polen nicht angegriffen, wäre die Geschichte Europas völlig anders verlaufen. Das Leid der Vertriebenen war keine Folge polnischer Entscheidungen, sondern eine Konsequenz der von Deutschland selbst ausgelösten Katastrophe. Durch den deutschen Angriff geriet Polen in die sowjetische Einflusszone, verlor seine östlichen Gebiete, und Hunderttausende Polen wurden ebenfalls vertrieben – nicht aus eigenem Willen, sondern als Folge jener Ereignisse. Wenn Deutsche und Polen ehrlich miteinander sprechen wollen, dann auf der Grundlage historischer Verantwortung und nicht politischer Korrektheit. Vergebung setzt Wahrheit voraus – alles andere bleibt Rhetorik.
Können Sie sich vorstellen, dass Konservative und Rechte in Deutschland und Polen künftig stärker zusammenarbeiten – etwa über gemeinsame Thinktanks oder Medienprojekte?
Ja, und es ist notwendig. Die europäischen Konservativen müssen aufhören, sich national isoliert zu betrachten. Zwischen Warschau, Wien, Budapest und Berlin gibt es genug geistige Schnittmengen, um eine echte kulturelle Alternative aufzubauen. Medien, Bildung, Austausch – das ist die strategische Frontlinie des 21. Jahrhunderts.
Gibt es da auf parteipolitischer Ebene bereits Pläne, die über die gemeinsame EU-Fraktion hinausgehen?
Ja, es gibt Gespräche, auch informelle. Viele sehen, dass die Zeit gekommen ist, europäische Kooperation auf der Rechten neu zu definieren – nicht nur als Wahlbündnis, sondern als geistiges Projekt. Wir brauchen gemeinsame Thinktanks, Austauschplattformen und Medienstrukturen. Wenn Rechte und Konservative in Europa überleben wollen, müssen sie aufhören, sich nur zu verteidigen. Es ist Zeit, wieder kulturell anzugreifen.
Wo sehen Sie die größten Unterschiede zwischen westlichem und osteuropäischem Konservatismus?
Der westliche Konservatismus ist oft akademisch – der osteuropäische existenziell. Wir wissen, was es heißt, die Freiheit zu verlieren. Unser Konservatismus ist weniger dekorativ, dafür kämpferischer. Er ist nicht nostalgisch, sondern notwendig.
Wenn Sie Brüssel in einem Satz sagen müssten, was Polen will – wie würde dieser Satz lauten?
Polen will kein Europa der Belehrung, sondern ein Europa der Gleichberechtigung – gegründet auf römischem Recht, griechischer Vernunft und christlicher Moral.
Vielen Dank für das Interview!
Zur Person:
Krystian Patryk Kamiński, geboren 1983 in Zielona Góra, studierte Kulturwissenschaften an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) und war anschließend als Unternehmer tätig. Politisch engagierte er sich zunächst in der Allpolnischen Jugend und der Nationalen Bewegung, bevor er 2019 für die Konfederacja in den polnischen Sejm einzog. Dort gehörte er unter anderem dem Ausschuss für Auswärtige Angelegenheiten an und profilierte sich vor allem in Fragen der Geopolitik, europäischen Integration und nationalen Souveränität. Nach seinem Ausscheiden aus dem Parlament 2023 kandidierte er 2024 erfolglos für das Europäische Parlament. Heute arbeitet Kamiński als politischer Berater des stellvertretenden Parlamentspräsidenten Krzysztof Bosak sowie als Publizist und Analyst mit Schwerpunkt auf den internationalen Beziehungen Mitteleuropas.
Dieses Interview wurde zuerst in der FREILICH-Ausgabe Nr. 37 „Vier gegen Brüssel“ abgedruckt.





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