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Welt

Markt oder Staat? Der wirtschaftspolitische Richtungsstreit bei MAGA

Ist Trumps Wirtschaftspolitik ein Widerspruch – oder das Erfolgsmodell einer neuen konservativen Synthese aus Markt und Staat? Jurij C. Kofner analysiert die rivalisierenden Lager innerhalb der MAGA-Bewegung und erklärt, warum ihre Debatten auch für Deutschland und Österreich richtungsweisend sein könnten.

Jurij Kofner
Von

Dieser Beitrag ist ein Archiv-Text aus Freilich 38.

Donald Trumps zweite Amtszeit macht die wirtschaftspolitischen Spannungen zwischen Marktliberalen und Nationalkonservativen innerhalb der Republikaner besonders sichtbar.
Donald Trumps zweite Amtszeit macht die wirtschaftspolitischen Spannungen zwischen Marktliberalen und Nationalkonservativen innerhalb der Republikaner besonders sichtbar. (Bild: IMAGO / Xinhua)

Wer die wirtschaftspolitischen Debatten im rechtskonservativen Milieu in Deutschland und Österreich verfolgt, erkennt seit Jahren eine grundlegende Spannungslinie. Auf der einen Seite stehen Vertreter eines klassisch marktwirtschaftlichen Ansatzes, die freie Märkte, niedrige Steuern, stabile Eigentumsrechte und möglichst geringe staatliche Eingriffe als Voraussetzung von Wachstum, Innovation und Wohlstand betrachten. Auf der anderen Seite formiert sich ein zunehmend selbstbewusstes solidarpatriotisches Lager, das eine aktive Rolle des Staates bei der Stärkung der nationalen Wirtschaft, bei Industriepolitik, strategischer Produktion und einer auf die eigenen Bürger fokussierten sozialen Sicherung einfordert.

Zwei Strömungen

Diese Spannung ist kein deutsches oder österreichisches Spezifikum. Spätestens seit der großen Delegationsreise führender AfD-Politiker nach Washington, D.C. und New York im Dezember 2025 sowie angesichts der außenhandelspolitischen Maßnahmen der zweiten Trump-Administration, die regelmäßig internationale Märkte bewegen und Schlagzeilen dominieren, richtet sich der Blick vieler europäischer Konservativer verstärkt auf die Vereinigten Staaten. Dort verlaufen die innerparteilichen Konfliktlinien der Republikanischen Partei bemerkenswert ähnlich.

Innerhalb von Trumps MAGA-Lager lassen sich zwei dominierende Strömungen identifizieren: Das nationallibertäre Lager betont marktwirtschaftliche Effizienz, Deregulierung, Eigentumsrechte, technologische Innovation und fiskalische Zurückhaltung. Demgegenüber steht das nationalkonservative Lager, das wirtschaftliche Fragen ausdrücklich mit Nation, sozialer Kohäsion und strategischer Souveränität verknüpft und staatliche Eingriffe nicht als Störfaktor, sondern als legitimes Instrument zur Sicherung des Gemeinwohls begreift.

Historische Wurzeln

Die gegenwärtigen wirtschaftspolitischen Konflikte der Republikaner wurzeln tief in der amerikanischen Ideengeschichte. Bereits in den ersten Jahrzehnten der Republik prallten zwei konkurrierende Visionen aufeinander, deren Nachwirkungen bis heute spürbar sind.

Thomas Jefferson (1743–1826), der dritte Präsident der Vereinigten Staaten und Hauptautor der Unabhängigkeitserklärung, verkörperte das Ideal einer dezentralen, agrarisch geprägten Republik. Er misstraute einer starken Zentralregierung, bevorzugte niedrige Steuern, geringe Staatsschulden und einen möglichst freien Handel. Jefferson sah wirtschaftliche Unabhängigkeit vor allem im selbstständigen Landbesitz unabhängiger Farmer verwirklicht. Die Idee einer dörflichen, agrarischen Idylle ist offenbar ein typisch liberalkonservatives Konzept, das sich ähnlich auch in den Arbeiten von Wilhelm Röpke, einem der Gründerväter des Ordoliberalismus, wiederfindet.

Dem gegenüber stand Alexander Hamilton (1755–1804), erster Finanzminister der USA und Architekt des amerikanischen Finanzsystems. Hamilton plädierte für eine starke Bundesregierung, eine nationale Zentralbank, die Übernahme von Staatsschulden und gezielten Protektionismus, um junge Industrien zu schützen. Er war der Ansicht, dass industrielle Entwicklung die Voraussetzung für nationale Macht und politische Souveränität sei.

Diese Gegensätze – Freihandel versus Schutzzölle, Minimalstaat versus aktive Industriepolitik, Dezentralisierung versus starke Zentralmacht – bilden bis heute die ideengeschichtliche Matrix der amerikanischen Rechten. In moderner Terminologie lässt sich Jefferson eher dem nationallibertären und Hamilton dem nationalkonservativen Denken zuordnen.

Im 20. Jahrhundert kristallisierten sich innerhalb der amerikanischen konservativen Bewegung unterschiedliche Strömungen heraus. Russell Kirk etwa betonte Tradition, Nation und soziale Ordnung und erkannte die Bedeutung staatlicher Institutionen für die Aufrechterhaltung moralischer und kultureller Stabilität. Er betrachtete Freiheit nicht als Selbstzweck, sondern stets im Kontext der Bewahrung einer geordneten Gesellschaft. Auf dieser Basis entfaltete sich eine intensive Debatte darüber, wie sich libertäre Freiheit und traditionelle Tugend miteinander vereinbaren ließen. Frank S. Meyer griff diese Diskussion auf und entwickelte den sogenannten Fusionismus. Als ehemaliger Kommunist, der zum Konservativen konvertiert war, verband er individuelle Freiheit und eine begrenzte Regierung mit moralischem Traditionalismus, familiären Werten, Religion und kultureller Ordnung. Freiheit sollte demnach der politische Zweck sein, während Tugend aus nicht-staatlichen Institutionen wie Familie und Gemeinschaft erwachsen sollte. Meyers Synthese wurde zur ideologischen Grundlage des modernen amerikanischen Konservatismus in den 1950er- und 1960er-Jahren, prägte Figuren wie Barry Goldwater und Ronald Reagan und dominierte die republikanische Koalition in der Reagan-Ära mit marktwirtschaftlichen Reformen, patriotischer Rhetorik und sozialkonservativen Positionen.

Parallel dazu entwickelte der libertäre Ökonom Murray Rothbard die Ideen von Frank S. Meyer weiter und baute auf dem Fusionismus auf, wobei er einen rechtslibertären Populismus formulierte. Rothbard kombinierte die libertäre Betonung individueller Freiheit mit einer populistischen Strategie: direkte Ansprache der Arbeiterschicht, harte Kritik an den Eliten und Umgehung etablierter Medien. Im Gegensatz zum nationalkonservativen Lager blieb er dabei strikt freihandels- und staatskritisch. Rothbards Ansatz inspirierte Paleo-Libertäre wie Lew Rockwell, Ron Paul und den Mises-Kreis. Der dominante Flügel der Republikanischen Partei unter Trump wiederum übernahm Elemente seines populistischen Ansatzes.

Nach dem Ende des Kalten Krieges übernahmen unter den Präsidenten George H. W. Bush und George W. Bush zunehmend neoliberale und neokonservative Strömungen die Kontrolle innerhalb der Republikanischen Partei. Getrieben von Ideen wie denen Francis Fukuyamas – dem Konzept des „Endes der Geschichte“ und des vermeintlich ewigen Triumphs des Liberalismus – setzten sich diese Ansätze in Politik und Ideologie weitgehend durch. Diese Strömungen waren im Kern globalistisch, imperialistisch und tendenziell antikonservativ. Dadurch entfernte sich die GOP zunehmend von traditionellen konservativen Werten und viele Republikaner wurden faktisch zu RHINOs („Republicans in Name Only“).

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