„So wird der Fink ein Fux …“: Stolz schloß ich den neuen Bundesbruder in den Arm. Finken werden die jungen Studenten genannt, welche sich noch außerhalb des korporierten Lebens befinden und mit der Aufnahme in die Burschenschaft werden sie Füxe. In der Kneipe stehen Generationen von Bundesbrüdern beisammen, die bei ihrer Bandaufnahme kaum etwas anderes gefühlt haben werden als der junge Mann, der gerade mein Bundesbruder geworden ist und es wunschgemäß unser ganzes Leben lang bleiben wird.
Die Bandaufnahme ist ein Kristallisationspunkt im Leben – bildlich entspricht dieser Moment der Engstelle in einem Stundenglas, denn es gibt das Leben vor und nach dem Aktivwerden. In einem kurzen Augenblick nähern sich beide an, ohne dass dem jungen Fuxen die Bedeutung des Augenblicks in seiner Tragweite wohl schon bewußt ist, den älteren unter den Anwesenden um so mehr.
Einstellung vor Symbolik – warum Burschenschafter?
Bei den meisten Burschenschaften ist Bandaufnahme ein schmuckloser Akt. Die katholischen Verbindungen werten die Rezeption eines neuen Fuxen mit Ritualen auf, die meßähnlich-sakralen Charakter haben: das Licht wird mit einem lateinischen „Lumen ex“ gelöscht, im Kerzenschein wird der Aufzunehmende zum Senior geleitet, der ihm einen lateinischen Eid abnimmt und ihn seine Treue auf die Bundesfahne schwören läßt.
Mystische Rituale sucht man bei Burschenschaften und den meisten schlagenden Korporationen in der Regel vergebens. Die Mensur als Erleben ist prägender und für Außenstehende weitaus weniger nachvollziehbar als die formalisierte Mystik katholischer Korporationen.
Wer sich einer Burschenschaft anschließt, reiht sich in andere waffenstudentische Kreise ein, als es beim Beitritt zu einem Corps oder einer Landsmannschaft/Turnerschaft zu erwarten wäre. Seit jeher stellen Burschenschaften ein Anforderungsprofil an junge Männer, das über die rein formalen Aspekte hinausgeht. Die Bereitschaft zur Mensur ist bereits ein Punkt, der viele Bewerber abschreckt. Früher kaum zu erwähnen, heute aber fast Stigma ist die Frage nach der deutschen Abstammung, welche für Burschenschaften Wesensmerkmal ist.
Wer sich mit dem Gedanken trägt, Burschenschafter zu werden, muß ein junger Mann aus bestimmtem Holze sein. Es setzt bestimmte charakterliche Merkmale voraus, sich der burschenschaftlichen Idee anzuschließen und ein Leben lang Burschenschafter zu bleiben.
Burschenschaften sind Randgruppe in einer gesellschaftlichen Nische. Es gehört aus burschenschaftlicher Sicht eine Portion Glück dazu, dass überhaupt neue Bundesbrüder gewonnen werden können. Ein neuer Fux hat sein Band aufgenommen und steht nun, das Band noch bis Mitternacht über dem Blazer, in der Kneipe und empfängt Glückwünsche. Wie kann ein solcher Weg beginnen? Welche Bedeutung hat die Bandaufnahme?
(K)ein kleiner Schritt für einen Menschen?
Das Dickicht an Halbwahrheiten und Zimmeranzeigen ist der erste Teil einer Reise, welche einen jungen Studenten zum Burschenschafter macht. Während die allermeisten Korporationen in erster Linie auf das Vermieten von Buden setzen, ist dies bei Burschenschaften selten und innerhalb der DB kommt es kaum noch vor. Ein abseits der burschenschaftlichen Kreise stehender Beobachter könnte einwenden, dass es hanebüchen sei, dieses Reservoir an potentiellen neuen Mitgliedern nicht zu erschließen, doch stellt die Suche nach einem preiswerten Zimmer in der Regel keine hinreichende Motivation dar, sich den Herausforderungen zu stellen, die es mit sich bringt, Burschenschafter zu sein. Die persönliche Erfahrung beweist, dass charakterliche Eignung in den seltensten Fällen auf WG-gesucht zu finden ist.
Die zunehmende Polarisierung unserer Gesellschaft und die, oft falschen und überzogen Berichte über Burschenschaften sind die beste Werbung geworden, dass junge Männer sich aktiv an Burschenschaften wenden. Mit einem imaginären Buschmesser hat dann ein Anwärter im zweiten Teil der Reise das Dickicht durchdrungen: Es öffnet sich ihm eine neue Welt.
Der dritte und wichtigste Teil ist die Kontaktaufnahme. Oft liegt diese alleinig beim Finken: er muss sich melden. Auf eine E-Post folgt dann eine Einladung, sich persönlich vorzustellen.
Den Weg und Mut auf sich zu nehmen, stellt den vierten Teil des Weges dar und wird eine unüberwindbare Barriere für weniger entschlossene Charaktere. Hat der Bewerber den Weg aufs Haus gefunden, folgen diese ersten Begegnungen einem repetitiven Muster. Man beschnuppert sich und meist wird innert weniger Minuten die Grundlage gelegt, welche in einer Bandaufnahme endet.
Persönlich habe ich es immer als anachronistisch empfunden, wenn junge Studenten Anfang 20 von Aktiven Mitte 20 im schwarzen Anzug empfangen wurden, und man verknöchert auf ein strenges „Sie“ geachtet hat. Formalität ist unverzichtbar und für Burschenschaften essentieller Bestandteil gesellschaftlicher Distinktion. Mir bleiben diejenigen Treffen im Gedächtnis, wo man gemeinsam gegrillt hat und einem offenen Kennenlernen den Vorzug gegeben hat. Die burschenschaftliche Idee lebt mehr von freundschaftlich geteilten Idealen als spießbürgerlicher Steifheit.
Verbindlichkeit – über Generationen hinweg
Der eingangs erwähnte Bundesbruder blieb beim ersten Besuch über Nacht. Die Aktiven erweiterten die Vorstellungsrunde umgehend um eine Tour durch einschlägige Kneipen und eine durchzechte Nacht. Ein solcher Vorgang ist eher die Regel als die Ausnahme: wer sich trotz aller äußeren Einflußnahme gegen die Burschenschaft auf dieses persönliche Experiment einlässt, trifft dort auf eine Dichte an kompatiblen Charakteren. Diese kennenzulernen wäre außerhalb dieser Welt nur durch unsägliches Glück möglich gewesen. Das Aktivwerden schweißt Menschen zusammen, die auch unter anderen Umständen zusammenpassen. Das außergewöhnliche daran ist weniger das Zusammentreffen all dieser jungen Männer, als die Tatsache, dass diese sich freiwillig in ein System einfügen, dass sie gleichzeitig rahmt und formt.
Jeder einzelne von uns wird sich an seinen ersten Besuch auf dem Haus erinnern, als sei es gestern gewesen. Das Bezeichnende am Aktivwerden ist hier jedoch nicht der erste Besuch als solcher, sondern die damit begonnene Verbindlichkeit. Die Bandaufnahme ist nach solchen Evenements zumeist eine Formalität – aber im eigentlichen Sinne – ohne sie geht es nicht und sie ist der zentrale Akt. Man ist bereit, sich nach einigen wenigen Besuchen in eine über zweihundertjährige Tradition und den Lebensbund einzureihen und lässt sich darauf ein, sich diesem Mikrokosmos bis zum Grabe zu verpflichten.
Allen Widrigkeiten zum Trotz
Während ich den neuen Fuxen in unseren Reihen willkommen heiße, komme ich nicht umhin, jenem Kernaugenblick eines jeden korporierten Lebens, ein janusköpfiges Moment zu attestieren. Wie komme ich dazu? Der römische Gott Janus ist für seine zwei Gesichter bekannt. Ebenso wird ein jeder Burschenschafter zwei Gesichter pflegen muss. Diederich Heßling, Heinrich Manns Untertan, trug die Farben seiner Neoteutonia auch im Berufsleben als Zipfel an seiner Taschenuhr und konnte sich des Renommées bewusst sein, das mit der Mitgliedschaft in einer Korporation einherging. Ein kurzer Blick auf die ältesten anwesenden Bundesbrüder lässt mich für einen kurzen Augenblick fragen, wer von den Jahrgängen der 50er- und 60er-Jahre das Band aufgenommen hätte, wenn er jenem Druck ausgesetzt worden wäre, welchem sich junge Füxe heute so bereitwillig entgegenstellen? Sie werden in Beruf und Gesellschaft desöfteren ihre Mitgliedschaft verschweigen müssen, oder sich ungerechtfertigter Anfeindungen erwehren müssen.
Ein junger Student hat gerade auf einer Kneipe das Band meiner Burschenschaft aufgenommen. Auch bei uns brennen Kerzen in silbernen Lüstern, das Licht ist gedimmt und Kommersbücher gefüllt mit 300 Jahren studentischem Liedgut liegen auf jedem Platz. Die Portraitfotos so gut wie aller Bundesbrüder, die je gelebt haben, schmücken die Wände. Für die Altgedienten unter uns ist diese Kneipe wie jede andere ein weiterer Beweis, dass wir uns ob aller Veränderungen niemals vom festen Fundament dessen lösen, was seit Generationen Brauch und Sitte sind.
Für den aufgenommenen Fuxen hat diese eine Kneipe und das für ihn angestimmte Bundeslied jedoch eine Bedeutung, die von keiner formalen Mystik erreicht werden kann. Dieses Band zu tragen und in unseren Kreisen gemeinsam den Ideen der Urburschenschaft zu folgen, ist ein Unterpfand und eine Verpflichtung, welche eine innere Bereitschaft voraussetzt, die durchschnittliche Charaktere nicht aufbringen können.



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