Auf der Strecke Sangerhausen – Magdeburg gibt es einen Zug mit langen Sitzbänken parallel zu den Gleisen. Ich taufe dieses Abteil im Stillen „Schlafwagen“, ziehe die Schuhe aus und tue nach fast zwölf Stunden Fahrt mit verschiedenen Regionalbahnen das einzig Vernünftige. Der Zug ruckelt ab und zu, aber das stört mich keineswegs. Im Gegenteil. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Menschen liebe ich es, unterwegs zu sein. Und dieses Ruckeln ist ein Symptom, das auf ein solches Unterwegssein schließen lässt, genau wie das Stampfen der Schiffsdiesel auf einem Frachter. Ich liege ausgestreckt auf dem Rücken und genieße die letzten Sonnenstrahlen, die die untergehende Sonne auf dieses Fleckchen Erde sendet – und denke an Hemingways alten Mann und sein Meer. Warum? Es gibt dort, wenn ich mich recht erinnere, eine Stelle, in der der alte Hochseefischer über die Abendsonne oder die Morgensonne fabuliert. Es ist gut fünfzehn Jahre her, dass ich die Novelle gelesen habe, die ihrem Schöpfer den Literaturnobelpreis eingebracht hat. Ich sollte sie bei Gelegenheit mal wieder zur Hand nehmen.
Beobachtungen aus einem fahrenden Mikrokosmos
Auf der anderen Seite des Abteils hat es sich eine Familie bequem gemacht. Der Sohn, etwa sechzehn Jahre alt, übersät mit Pickeln, Kopfhörer auf dem hellbraunen Schopf, sitzt teilnahmslos in der Ecke, während sich seine Eltern streiten. Aber eigentlich streiten sie sich nicht. Es ist nur die Mutter, die mal flennt, mal ihren Lebensgefährten anschreit und zuweilen sogar tätlich wird. Er gehe nicht auf sie ein, sagt sie. Wenn er in verständnisvollem Ton wiederholt, was sie sagt, zischt sie: „Ich brauch kein Papagei, den kann ich mir kaufen!“ Sagt er: „Ich mach doch gar nichts“, entgegnet sie ihm: „Das ist genau das Problem. Du machst gar nichts!“ Zweimal hat sie ihn schon fortgeschickt, aber er kommt nach einiger Zeit immer wieder angekrochen, um sich zu entschuldigen. Allerdings weiß er gar nicht so recht, wofür eigentlich. Das wiederum bringt die Frau mit der Sternzeichentätowierung hinterm Ohr, der mindestens ein Backenzahn fehlt, noch mehr in Rage. Manchmal sitzt der gertenschlanke Mann, der einen riesigen Adamsapfel und einen langen Hals hat, auf dem ein kurzer Kopf mit großer, konvexer Nase sitzt, nur stumm da, starrt vor sich hin und stopft ein Discounter-Schokoladenbrötchen nach dem anderen in sich hinein. Ab und zu nippt er an seinem Wasser mit Birnengeschmack. Mit so einer Frau verheiratet zu sein, muss die Hölle sein, denke ich.
Was für einen Kontrast bilden diese Unterschichtler zu der vierköpfigen Familie, die ich am frühen Morgen in der Regionalbahn zwischen Mannheim und Frankfurt habe beobachten können! Zuerst hat der Vater seiner sechsjährigen Tochter eine Geschichte vorgelesen. Anschließend hat die Mutter ein Quiz ausgepackt und Fragen gestellt, die Vater, Tochter und der etwa elfjährige Sohn reihum beantwortet haben. Fragen wie „Welcher der folgenden Stoffe ist nicht im Periodensystem der Elemente aufgeführt?“ oder „Was passiert, wenn die Erde sich um die Sonne und was, wenn sie sich einmal um ihre eigene Achse dreht?“ Ich war bass erstaunt, wie viele Fragen das aufgeweckte sechsjährige Mädchen mit den blonden Locken und den strahlend blauen Augen richtig beantworten konnte. In der Schule wird sie einen unschätzbaren Vorteil haben. Einmal ist ihr älterer Bruder frustriert und nörgelt, weil die Mutter ihn angeblich mehrmals bei einer Frage übergangen habe, aber die Harmonie ist rasch wiederhergestellt. Beide Kinder sind sehr wissbegierig und stellen viele Fragen. Auch solche, die ihre Eltern nicht sofort beantworten können. Für diese Fälle gibt es aber glücklicherweise das Internet – oder einen Fahrgast auf dem Weg nach Berlin, der mit halbem Ohr hingehört und zufällig die gesuchte Antwort parat hat. Sollte ich jemals wieder eine Familie gründen, hoffe ich, dass es so eine Familie sein wird.
Von Frankfurt nach Friedberg
Auf der Fahrt von Frankfurt nach Friedberg stehen wir dicht an dicht wie die Ölsardinen. Zuvor sind mehrere Züge ausgefallen und der Lokführer lässt uns über Lautsprecher wissen, dass Streckensperrungen und eine zu dünne Personaldecke nicht auf sein Konto gingen. Er ist genervt, weil ihm wütende Fahrgäste bei der Einfahrt in den Frankfurter Tiefbahnhof den Mittelfinger gezeigt haben. Seine Ansprache beendet er mit folgenden Worten: „Und außerdem steht auf Ihren Fahrkarten Beförderung und nicht Sitzplatz.“ Zwei Klappsitze konnten eine Mutter und ihr etwa achtjähriger Sohn ergattern. Die Mutter könnte Inderin oder Pakistanerin sein, spricht aber akzentfrei Englisch. Der Vater, der neben mir steht, hat einen kenianischen Akzent. Der kleine Bub sieht seinem Vater weit ähnlicher als seiner Mutter. So stelle ich mir Barack Obama als achtjährigen Jungen vor. Er spielt ein Spiel auf dem Tablet seiner Mutter, bei dem er bestimmte Gesichtsausdrücke Eigenschaftswörtern wie „angry“, „jealous“ oder „happy“ zuordnen muss. Die Mutter rät manchmal mit. Dass das Tablet Geräusche macht, stört mich nicht. Der Geräuschpegel in diesem überfüllten Zug ist ohnehin so hoch, dass es auf diese Töne nicht ankommt.
Der Anschlusszug von Friedberg nach Kassel wartet, weil der Frankfurter Verspätung hat. Allerdings fällt kurz darauf der Strom auf der Strecke Friedberg – Kassel aus, sodass der Zug nur bis Wabern fahren kann. Da es mindestens eine Stunde dauern wird, bis der nächste Zug nach Kassel fährt, suche ich mir in Wabern etwas zu essen. Einen Bäcker oder ein Restaurant finde ich zwar nicht, aber dafür stoße ich auf ein Seniorencafé mit Preisen wie vor zwanzig Jahren. Ich werde herzlich begrüßt. Man hält mich für einen Neuzugezogenen. Da es mittlerweile 15 Uhr ist und mein Frühstück um 6 Uhr morgens nur aus einem Buttercroissant und einem Kaffee bestanden hat, bestelle ich mir gleich zwei Portionen „Strammer Max“. Ich bin der einzige Gast, der hier etwas Deftiges bestellt. An die dreißig Greise sitzen bei Kaffee und Kuchen. Es ist kaum zu glauben, wie viele Tortenstückchen diese Senioren in sich hineinstopfen können, ohne zu platzen. Eine ältere Dame an meinem Tisch fragt mich, ob ich von der großen Zuckerrübenfabrik gehört hätte, für die Wabern bekannt sei. Ich verneine, erinnere mich aber an ein paar Silos, die ich in der Nähe des Bahnhofs gesehen habe. Später werde ich herausfinden, dass Wabern der kleinste noch aktive Standort der Südzucker AG ist. Den 80 dort beschäftigten Mitarbeitern stehen etwa 330 in Ochsenfurt, 200 in Offenau und gar 500 in Mannheim gegenüber.
Mit den Genossen im Zug
In Kassel (Wilhelmshöhe) steige ich in einen Zug Richtung Halle an der Saale. Mir gegenüber sitzt eine ältere Dame, aber sonst ist das Abteil komplett mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen besetzt. Aus ihrer Angewohnheit sich untereinander mit „Genosse“ und „Genossin“ anzureden, schließe ich, es müsse sich um Sozis oder Kommunisten handeln. Mit einer ziemlich dicken Teenagerin neben mir fange ich ein Gespräch an. Es stellt sich heraus, dass sie alle der „Föderation klassenkämpferischer Organisationen“ angehören und gerade von einer Großdemonstration gegen Rheinmetall kommen. Mit welchen Waffen wir Demokratie und Freiheit verteidigen würden, wenn es Rüstungsunternehmen wie Rheinmetall nicht mehr gäbe, frage ich. Und ob Rüstungsbetriebe verstaatlicht werden sollten. Nachdem sie ihre Ansicht kundgetan hat, dass jedes Unternehmen verstaatlicht gehöre, erklärt sie, ihr sei es aber prinzipiell lieber, wenn gar keine Waffen mehr produziert würden. Es ist wie immer, wenn man mit einem Pazifisten redet. Aber gegen Gewalt ist sie nicht grundsätzlich. Im Gegenteil. Es sei nur gerade nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Wenn sie einmal am Hebel säßen, dann würde sie Gewalt schon befürworten, denn es sei sehr fraglich, ob bestimmte Wirtschaftsbosse freiwillig ihre Stellung aufgeben würden usw. Die alte Frau, die mir gegenübersitzt, und ich werfen uns bedeutungsvolle Blicke zu. Sie hat das Unrechtsregime namens DDR noch erlebt. Das Geplauder mit den Kommunistinnen ist zwar recht unterhaltsam, aber auf einen gemeinsamen Nenner können wir uns erwartungsgemäß während der gesamten Fahrt nicht einigen.
Die Fahrt von Magdeburg nach Berlin verläuft ohne besondere Vorkommnisse, sodass ich mich in Max Frischs Roman Mein Name sei Gantenbein vertiefen kann. Nach einer Nacht auf einem zu kurzen, sonst aber sehr bequemen Sofa und einem Tag bei der afghanischen Botschaft geht es – das Touristenvisum für die Islamische Republik im Reisepass – wieder mit Regionalzügen zurück nach Baden-Württemberg. Dieses Mal über Bayern. Im Zug von Erfurt nach Würzburg dann noch ein letztes Highlight: Ein vollgesoffener Punker nickt immer wieder ein und droht dabei jedes Mal entweder auf einen pensionierten Lokführer oder auf mich zu stürzen, bis der ehemalige Bahnbedienstete ihm den Vorschlag unterbreitet, sich auf einer freien Sitzbank der Länge nach auszustrecken. Der Mann reißt die Augen auf, erhebt sich, peilt die beiden freien Sitze an, auf die ihn der Ex-Lokführer aufmerksam gemacht hat, und stolpert drauf los. Am Hals hat er den folgenden Spruch tätowiert, der erst durch den Rechtschreibfehler im letzten Wort richtig authentisch wirkt: THE WORLD IS GOING TO SHIT AND WE ARE ALL FUCKET.
Dieser Text wurde zuerst in der FREILICH-Ausgabe Nr. 38 „Frauensache“ abgedruckt.







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