Berlin. – An deutschen Universitäten verorten sich nur sehr wenige Wissenschaftler politisch rechts. Das geht aus einer neuen Studie hervor, für die 9.083 hauptberuflich beschäftigte Akademiker an 158 Hochschulen befragt wurden. Demnach ordneten sich lediglich 1,4 Prozent der Befragten dem rechten politischen Spektrum zu. Die große Mehrheit sah sich hingegen in der politischen Mitte (60,5 Prozent) oder links (38,1 Prozent).
Die im Sommer 2024 durchgeführte Untersuchung wurde nun in der Fachzeitschrift Minerva veröffentlicht. Die Autoren wollten herausfinden, wie Hochschulangehörige mit kontroversen Debatten umgehen und welche Rolle Universitäten bei der Sicherung der Wissenschaftsfreiheit spielen.
Mehrheit setzt auf Debatte statt Verbote
Im Mittelpunkt der Befragung standen fiktive Konfliktsituationen zu besonders umstrittenen Themen. Dazu zählten geschlechtergerechte Sprache, militärische Forschung, der Nahostkonflikt und Erklärungen für unterschiedliche Kriminalitätsraten von Migrantengruppen.
Bei allen Themen zeigte sich ein ähnliches Bild: Die große Mehrheit sprach sich dafür aus, dass Universitäten kontroverse Fragen aktiv begleiten und Räume für Diskussionen schaffen sollten. Nur eine kleine Minderheit wollte, dass sich Hochschulen vollständig heraushalten. Ebenso gering war die Zustimmung zu besonders harten Eingriffen, wie dem Ausladen von Referenten, dem Entfernen von Büchern aus Bibliotheken oder Disziplinarmaßnahmen gegen Lehrende. Viele Befragte befürworteten stattdessen universitätsinterne Verfahren wie Kommissionen, öffentliche Diskussionsveranstaltungen, Stellungnahmen oder die Zulassung von Protesten auf dem Campus.
Linke befürworten häufiger institutionelle Maßnahmen
Die politische Selbstverortung hatte jedoch Einfluss darauf, welche Instrumente bevorzugt wurden. Wissenschaftler, die sich selbst als links einstuften, unterstützten deutlich häufiger Maßnahmen wie öffentliche Debatten, Stellungnahmen, Arbeit in Hochschulgremien oder Protestmöglichkeiten. Befragte, die sich rechts einordnen, zeigten sich dagegen zurückhaltender gegenüber solchen Formen institutioneller Auseinandersetzung. Laut den Autoren zog sich dieses Muster durch sämtliche untersuchten Themen und blieb auch dann bestehen, wenn dieselben Fragestellungen aus gegensätzlichen politischen Perspektiven präsentiert wurden.
Die Forscher legten den Teilnehmern jeweils zwei Versionen derselben Konfliktsituation vor. Beispielsweise wurden sowohl konservative als auch progressive Positionen zu geschlechtergerechter Sprache sowie unterschiedliche Sichtweisen auf Migration und den Nahostkonflikt abgefragt. Dabei zeigte sich laut den Autoren, dass die politische Selbstverortung der Befragten ihre bevorzugten Reaktionsweisen stärker prägte als die jeweilige politische Stoßrichtung des konkreten Beispiels.
Eine Ausnahme ergab sich bei staatlichen Eingriffen in die Hochschulautonomie. Sollte die Politik Universitäten gesetzlich dazu verpflichten oder verbieten, ausschließlich zivile Forschung zu betreiben, sank das Vertrauen vieler Befragter in inneruniversitäre Lösungen. Ein erheblicher Teil sprach sich stattdessen dafür aus, rechtlich gegen solche Eingriffe vorzugehen. Die Autoren werten dies als Hinweis darauf, dass Eingriffe staatlicher Stellen in die Hochschulautonomie von vielen Befragten anders bewertet werden als Konflikte innerhalb der Universität.
Autoren: Hochschulen als Orte der offenen Debatte
Nach Auffassung der Autoren sprechen die Ergebnisse gegen die Vorstellung, Hochschulen reagierten auf kontroverse Positionen überwiegend mit Ausgrenzung oder Verboten. Die meisten Befragten betrachteten Universitäten vielmehr als Institutionen, die kontroverse Debatten organisieren und ermöglichen sollten. Demnach werde Wissenschaftsfreiheit nicht nur als individuelles Recht, sondern auch als gemeinsame Aufgabe der akademischen Gemeinschaft verstanden.







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