Freilich #36: Ausgebremst!

Beile Ratuts „Reden an die Friedenswunschwelt“: Ein Buch, das wehtut und doch wärmt

Das Buch „Reden an die Friedenswunschwelt“ zeigt, wie brüchig die moderne Wunschwelt ist, und erinnert dabei an ernste Weihnachtsgeschichten, die erst durch die Dunkelheit zur Erkenntnis führen. Genau diesen stillen, winterlichen Ernst erkennt Ilia Ryvkin als Kern von Ratuts Texten.

Kommentar von
30.11.2025
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2 Minuten Lesezeit
Beile Ratuts „Reden an die Friedenswunschwelt“: Ein Buch, das wehtut und doch wärmt
© Cover: Ruhland Verlag / Kerzen: Foto von Gülfer ERGİN auf Unsplash. Collage: FREILICH

Als ich „Reden an die Friedenswunschwelt“ zum ersten Mal zur Hand nahm, rechnete ich nicht damit, dass mich dieses schmale Buch an etwas erinnern würde, das ich seit Jahren kaum noch empfunden habe: an den inneren Klang einer Weihnachtsgeschichte. Nicht an die zuckrige Festtagsprosa, die sofort verpufft, sondern an jene alten, ernsthaften Texte, in denen Menschen durch Dunkelheit gehen müssen, um am Ende ein anderes Licht zu sehen.

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Stimmen aus den Rissen der Gegenwart

Die Figuren, die Ratut sprechen lässt, stammen aus den Schattensäumen unserer Zeit: ein Radiomoderator, der zum Anhängsel seiner berufsoptimistischen Selbstdarstellung geworden ist; eine Pastorin, die statt des Sakraments die Ideologie des Zeitgeists spendet, während ihr eigenes Fundament erodiert; ein guter Elitesoldat, der dem absolut Bösen Einsatz leistet; ein Amokläufer, dessen Stimme jene unheimliche Mischung aus Verzweiflung und Selbstrechtfertigung offenbart. Selbst eine Künstliche Intelligenz tritt als Erzählinstanz auf und verleiht ihrer nüchternen Berechnungslogik etwas Verstörend-Menschliches. Doch die Stärke des Buches liegt weniger in der Exotik dieser Perspektiven als in ihrer Präzision. Jede dieser Figuren wirkt wie ein seismischer Messpunkt, der zeigt, wie dünn die Oberfläche unserer „Wunschwelt“ geworden ist.

Moderne Erschreckenstexte ohne moralische Pose

Beim Lesen musste ich immer wieder an Dickens Weihnachtsgeschichten denken – nicht an die Kulissen seines viktorianischen Londons, sondern an das Gefühl, dass Literatur uns manchmal erschrecken muss, damit wir aufwachen. Ratuts „Reden“ tun das auf moderne Weise: ohne Pathos, ohne moralischen Hammer, aber mit einer Genauigkeit, die einen zwingt, die eigenen Selbstverständlichkeiten zu prüfen. Vor allem aber hatte ich den Eindruck, dass dieses Buch ernst nimmt, worüber heute oft zu leicht gesprochen wird: Einsamkeit, Überforderung, Angst, Sehnsucht nach Sinn.

Ratut schreibt in einer Sprache, die zugleich knapp und poetisch wirkt. Sie verzichtet auf Ausschmückungen und moralische Zeigefinger, doch kaum ein Satz verhallt ohne Resonanz. Immer wieder schimmert in ihren Texten ein lakonischer Witz auf, nie komisch gemeint, sondern erkenntnisreich – ein dunkles Schmunzeln der Sprache über die menschlichen Selbsttäuschungen. Die Autorin gewährt ihren Figuren viel Freiraum und legt ihnen zugleich feine Fallen. Die „Friedenswunschwelt“ ist kein freundlicher Ort; sie ist ein Spiegel, der jede Schönfärberei in ihr Gegenteil verkehrt. Wer hier schnelle Urteile erwartet, wird enttäuscht. Wer sich jedoch auf die Störungen einlässt, findet einen klaren, eindringlichen Text über die Fragilität unserer Gegenwart.

Ein leises Licht im Dunkel der Winterzeit

Und doch bleibt nach jeder Geschichte etwas Helles zurück. Kein grelles, lautes Licht, sondern ein stilles, warmes – wie das einer Kerze in einem dunklen Zimmer. Es ist ein unbequemes Buch, aber kein zynisches. Es ist getragen von einem Ernst, der nicht düster wird, und von einer Hoffnung, die sich nicht an Übungen im Selbstbetrug beteiligt. Genau das hat mich an die alten Weihnachtsgeschichten erinnert, die von Wandlung sprachen, ohne sie zu versprechen. 

Vielleicht ist das der Grund, warum ich dieses Buch gerade jetzt, in der Winterzeit, besonders schätze. Es ist nicht tröstlich im bequemen Sinne, aber es tröstet auf eine Weise, die ernst nimmt, was im Menschen zerbrechlich ist. Und es schenkt etwas, das ich selten finde: innere Aufmerksamkeit. „Reden an die Friedenswunschwelt“ ist für mich eine Weihnachtsgeschichte unserer Tage – fragmentarisch, beunruhigend und trotzdem voller Hoffnung. Ich kann es nur empfehlen – auch oder vielleicht gerade als Weihnachtsgeschenk.

Die in Gastbeiträgen geäußerten Ansichten geben ausschließlich die Meinung des jeweiligen Autors wieder und entsprechen nicht notwendigerweise denen der Freilich-Redaktion.
Über den Autor

Ilia Ryvkin

Ilia Ryvkin Jahrgang 1974, wurde im russischen Petrosawodsk geboren und lebt derzeit in Berlin. Als Journalist und Dramaturg erhielt er zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien. Ryvkin ist als Korrespondent für Osteuropa und Zentralasien tätig.

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