Durch das Zeitalter der Ideologien und dessen Höhepunkt, den Kalten Krieg, waren wir es gewohnt, unseren Kontinent in Ost und West aufzusplitten. Noch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wurden alle ehemaligen Mitglieder des Warschauer Pakts meist abschätzig als Ostblock abgetan. Selbst die neuen Bundesländer der BRD, die ehemals die DDR umfassten, werden noch heute als Ostdeutschland bezeichnet, obwohl sie historisch Mitteldeutschland bilden. Dabei wurde lange Zeit vergessen, dass die europäischen Völker über Jahrhunderte in gänzlich anderen Räumen agierten. Einer dieser Räume ist Mitteleuropa, der je nach Sichtweise geografische, kulturelle, historische oder politische Dimensionen umfassen kann.
Direkt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde 1991 die Visegrád-Gruppe ins Leben gerufen. Benannt nach der ungarischen Stadt Visegrád (deutsch: Plinten- oder Blendenburg), die nördlich von Pest an der Donau gelegen ist, war es deren ursprüngliche Aufgabe, die Integration der ehemaligen Ostblockstaaten Mitteleuropas in die westlichen Strukturen zu fördern. Bei den Ländern, die heute von Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn repräsentiert werden, erwachte aber bald ein neues Selbstverständnis, das sich auf die Geschichte beruft. Als Pendant zur Benelux-Union steht regionale Zusammenarbeit vor allem auf wirtschaftlicher Ebene im Vordergrund. Heute geht es vorwiegend um eine Selbstbehauptung und Abwehr gegen Einflüsse von außerhalb, sei es Brüssel, Washington oder Moskau. Auch Brüssel wird als „raumfremd“ angesehen. Die vier Visegrád-Staaten sehen sich im Selbstverständnis nämlich als (Ost-)Mitteleuropa und zählen sich keineswegs zum Osten des Kontinents.
Was ist Mitteleuropa?
Das wirft die Frage auf, was denn nun dieses Mitteleuropa ausmacht. Je nach Definition ist der Raum weiter oder enger gefasst. Nimmt man heutige Nationalstaaten, so umfasst Mitteleuropa jedenfalls die Bundesrepublik Deutschland, Österreich, die Schweiz, Liechtenstein, Tschechien, die Slowakei, Polen und Ungarn. Manchmal werden auch Luxemburg, Slowenien und die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen hinzugezählt. Selten werden auch Belgien, zumindest der flämische Teil, und die Niederlande zu Mitteleuropa gerechnet. Erweitert man die Definition um eine kulturelle Komponente und verlässt die staatlichen Grenzen, kommen die Regionen Elsass-Lothringen, Südtirol, das Friaul, Istrien, Siebenbürgen, Slawonien, Teile des Banats, Galizien, Nordschleswig und Ostpreußen hinzu. Dabei fällt auf, dass sich in Mitteleuropa vor allem drei Völker und Kulturräume treffen: Deutsche, Slawen und Magyaren. Diese drei sind es auch, die der Region historisch ihren Stempel aufgedrückt haben. Das ging nicht immer friktionsfrei vonstatten, führte aber auch zu einer mannigfaltigen gegenseitigen Befruchtung und zu einzigartigen kulturellen Blüten. Dabei gab es in der Geschichte immer wieder besondere Entwicklungen und Bestrebungen, den mitteleuropäischen Raum zusammenzuführen oder zumindest enger zu verzahnen.
Gerade in Mitteleuropa wird die Definition des Mittelalters nach dem Historiker Hermann Heimpel, der darin eine Symbiose von Römertum, Christentum und Germanentum sah, greifbar. Im Hochmittelalter war das Heilige Römische Reich (HRR) zweifellos die Ordnungsmacht in Mitteleuropa und darüber hinaus. Mit Kaiser Otto dem Großen erreichte das Reich eine erste Blüte, die sein Enkel Kaiser Otto III. auszuweiten trachtete. Sein Konzept der „renovatio imperii“ zielte darauf ab, den Universalanspruch des Kaisertitels politisch zu verwirklichen. Er machte sich daran, die noch jungen Reiche der Polen und Ungarn in einem ersten Schritt an das HRR zu binden. Ziel war es, Ungarn und Polen für das römische Christentum zu gewinnen, was sich bis in die Gegenwart auswirkt. Während die meisten Slawen orthodoxe Christen wurden und dadurch später in den russischen Einfluss – Russland sah sich als das Dritte Rom – gerieten, verblieben Polen und Böhmen im katholischen Mitteleuropa, ebenso wie Ungarn. Dazu ließ Otto III. schon im Jahr 1000 die Erzbistümer Gnesen in Polen und Gran in Ungarn errichten und vermittelte zudem die Schaffung der beiden Königreiche unter Stephan dem Großen und Boleslaw Chrobry. Für weitläufigere Pläne war ihm jedoch keine Zeit gegeben, da Otto bereits 1002 mit gerade einmal 22 Jahren verstarb.
Böhmen stand hingegen schon seit dem 9. Jahrhundert in einem Tributverhältnis zum Frankenreich, womit auch die Christianisierung intensiviert wurde. Spätestens ab 895 bestand dann ein Lehensverhältnis mit dem Ostfrankenreich. Von Böhmen aus war es dann Adalbert von Prag, der in Ungarn und bei den Pruzzen missionierte. Er taufte König Stephan I. und war gerade für die Polen ein wichtiger Märtyrer und Heiliger, dessen Reliquien nach Gnesen gebracht wurden. Auch wenn die dauerhafte Bindung des polnischen und ungarischen Königreichs an das HRR nicht gelang, so war doch der Grundstein für den gemeinsamen mitteleuropäischen Kulturraum gelegt. Das bedeutete eine Orientierung gen deutschen und katholischen Westen und eine Einbettung in den mitteleuropäischen Kulturkreis. Da verwundert es nicht, dass diese Reiche im Zuge der hochmittelalterlichen Ostsiedlung deutsche Siedler in ihre Länder riefen, und, dass nach der Niederlage des Christentums im Heiligen Land und dem Verlust Akkons 1291 der Deutsche Orden von König Andreas II. nach Ungarn gebeten wurde, um in Siebenbürgen die Abwehr der Kumanen zu organisieren. Nachdem der Deutsche Orden von den Ungarn wieder gewaltsam vertrieben wurde, war es dann der polnisch-masowische Herzog Konrad I., der den Orden 1226 ins Kulmerland rief, um die Bekämpfung und Christianisierung der noch heidnischen Pruzzen zu übernehmen. Das legte den Grundstein für den Deutschordensstaat, der wiederum Keimzelle des späteren Preußen war.
Die Geschichte Ostmitteleuropas erschöpft sich aber nicht in der deutschen Geschichte und deren Beziehungen zu den Slawen und Magyaren. Schon das Haus Luxemburg wandte unter Kaiser Karl IV. seinen Blick im 14. Jahrhundert über die Grenzen des HRR hinaus, was neben Böhmen auch zu einer Herrschaft über Ungarn führte. Ausgerechnet die litauischen Jagiellonen waren es aber, die Ostmitteleuropa in Personalunion regieren sollten. Nachdem Großfürst Jogaila durch eine Konversion zum Katholizismus 1386 den polnischen Thron besteigen konnte, gelang es ihnen im Laufe des Spätmittelalters, auch die böhmische und ungarische Krone samt Kroatien und Moldawien zu sichern. Erst mit der Schlacht bei Mohács (deutsch: Mohatsch) 1526 und dem Beginn der Türkenkriege wurde dieser dynastische Erfolgslauf gestoppt. Während die Habsburger sich durch geschickte Heiratspolitik zuerst temporär, dann dauerhaft die Wenzels- und Stephanskrone sicherten, hatte die Polnisch-Litauische Union, die Grenzland zwischen katholischer und orthodoxer Sphäre war, länger Bestand. Dieses jagiellonische Großreich war es jedoch, das den polnischen Marschall Józef Piłsudski noch in der Zwischenkriegszeit von einer Konföderation der Staaten im Raum zwischen Schwarzem Meer und Ostsee unter polnischem Primat träumen ließ.
Auch im Geistesleben ist Mitteleuropa schon im Mittelalter als zusammenhängender Raum zu betrachten. Die erste Universität nördlich der Alpen, welche auch die erste deutsche war, wurde 1348 in Prag gegründet, worauf 1364 Krakau, 1365 Wien, 1367 Pécs (deutsch: Fünfkirchen), 1386 Heidelberg, 1388 Köln, 1392 Erfurt und 1395 Buda (deutsch: Ofen) folgten. Diese dichte Abfolge ist keineswegs Zufall, sondern zeugt vom engen Austausch. Östlich von Weichsel und Donau gab es nämlich keine mittelalterliche Universitätsgründung. Erst 1623 erhielt Osteuropa mit Kiew eine eigene Universität, wenn man die Gründung der ältesten baltischen Universität in Vilnius (deutsch: Wilna) 1578 nicht dazurechnet. Und auch wirtschaftlich war Mitteleuropa ein zusammenhängender Raum, was nicht nur die Ausbreitung der Handelstätigkeit der Deutschen Hanse verdeutlicht, sondern auch die Urbanisierung in Ostmitteleuropa, die eng mit der deutschen Ostsiedlung zusammenhing. In der Neuzeit haben wir in Mitteleuropa jene Mächte, die sich im Spätmittelalter herausgebildet hatten. Einerseits das Heilige Römische Reich Deutscher Nation mit der habsburgischen Ländersammlung, die Ungarn miteinschloss, und andererseits die polnisch-litauische Personalunion, die weit nach Osteuropa hineinreichte. Gemeinsamer Antagonist war die Hohe Pforte am Bosporus.
Der osmanische Sultan in Istanbul drängte schon im 15. Jahrhundert auf den Balkan und in Folge nach Mitteleuropa, wo er schließlich 1529 vor den Toren Wiens stand. Nach dem Rückzug verblieb jedoch ein Großteil Ungarns in türkischer Hand, bis nach der zweiten erfolglosen Türkernbelagerung Wiens 1683 die Rückeroberung im Zuge des Großen Türkenkriegs begann. Bei der Befreiungsschlacht am Kahlenberg war es ein mitteleuropäisches Entsatzheer, dass die Osmanen schlug. Neben kaiserlichen Truppen beteiligten sich Bayern, Sachsen und viele andere deutschen Fürstentümer sowie polnisch-litauische Truppen unter der Führung ihres Königs Johann III. Sobieski an der Befreiungsaktion. Das vom Dreißigjährigen Krieg verheerte Heilige Römische Reich Deutscher Nation konnte mit vereinten Kräften den islamischen Vorstoß beenden und in Folge dem mitteleuropäischen Raum erneut seinen Stempel aufdrücken. Die Habsburger erweiterten ihre Ländersammlung bis tief in den Balkan hinein und im Norden erstarkte Brandenburg-Preußen als Konkurrent um die Hegemonie.
Klein- und großdeutsche Lösung
Ende des 18. Jahrhunderts wurde die politische Karte Mitteleuropas drastisch geändert. In insgesamt drei Teilungen (1772, 1793 und 1795) wurde Polen-Litauen gänzlich von der Karte gefegt. Profiteure waren Preußen, Österreich und das aufstrebende Russland, welches nach dem Sieg über die Reitervölker in den eurasischen Steppen und der Vereinigung der russischen Fürstentümer gen Westen drang. Nach der dritten Teilung Polens reichte das Zarenreich bis Brest-Litowsk. Mitteleuropa war nun gänzlich unter deutscher Hoheit, was im Zeitalter des Nationalismus zu schweren Verwerfungen führte. Die napoleonischen Kriege brachten nicht nur den Untergang des alten Reiches, der 1803 mit dem Reichsdeputationshauptschluss von Kaiser Franz II. besiegelt wurde, sondern auch das nationale Erwachen der Völker. Nachdem mit vereinten Kräften Napoleon 1813 in der Völkerschlacht bei Leipzig und 1815 bei Waterloo geschlagen wurde, wurde Mitteleuropa neu geordnet.
Schon im Zuge der Koalitionskriege verschwanden viele deutsche Klein- und Kleinststaaten und mit der Säkularisierung die geistlichen Stifte. Übrig blieb der Deutsche Bund mit 39 Mitgliedern unter dem Vorsitz Österreichs. Sowohl Österreich als auch der Konkurrent Preußen verfügten im Osten außerhalb des Deutschen Bundes über ausgedehntes Territorium mit einer großen Anzahl nichtdeutscher Untertanen. Nach der erfolglosen Märzrevolution 1848 und dem Herausdrängen Österreichs aus dem Deutschen Bund als Ergebnis des deutsch-deutschen Bruderkriegs von 1866 konzertierten sich die Habsburger vermehrt auf ihre Politik im Osten ihres Reiches. Während man in den deutschen Landen über klein- und großdeutsche Lösungen debattierte, wurden in der Habsburgermonarchie andere Pläne geschmiedet.
Der österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand etwa galt als Vertreter des sogenannten Trialismus, der unter Rücksichtnahme der austroslawischen Forderungen nach der inneren Teilung durch den Ausgleich mit den Ungarn 1867 eine weitere innere Teilung mit einem slawischen Reichsteil vorsah. Vordenker um den Thronfolger spielten außerdem mit dem Gedanken an die „Vereinigte Staaten von Großösterreich“ in Anlehnung an die USA. Daneben wurde auch ein Konzept des „Deutschen Mitteleuropas“ propagiert, das eine mitteleuropäische Großmacht unter deutscher Führung als Gegengewicht zu Frankreich und Russland hätte sein sollen. Vor allem in liberalen Wiener Kreisen war dieses Mitteleuropa-Konzept eine beliebte Alternative zur großdeutschen Lösung, die auf eine Spaltung der Habsburgermonarchie hinausgelaufen wäre. Zusammen mit deutschen Fürstentümern wäre dies ein Vielvölkerstaat mit 70 Millionen Einwohnern und deutscher Dominanz gewesen, was eine ablehnende Haltung der kleineren Völker hervorrief. Deutsche Eliten reagierten auf die Emanzipation nichtdeutscher Völker mit Forderungen nach Germanisierung und Stärkung des deutschen Charakters, insbesondere nach 1867, wo sie in Transleithanien ins Hintertreffen gerieten.
Währenddessen wurde mit der kleindeutschen Lösung in Berlin Fakten geschaffen. Preußen begründete nach dem deutsch-französischen Krieg 1871 das Deutsche Kaiserreich, sodass mit dem österreichischen nun zwei Kaiserreiche, die beide deutsche Fürsten an ihrer Spitze hatten, in Mitteleuropa existierten. Berlin plante indes eine Zollunion mit Österreich-Ungarn, in der dem Deutschen Kaiserreich als dem größeren und wirtschaftlich potenteren Teil die Führungsrolle zugekommen wäre. Der Donaumonarchie sollte dabei die Rolle einer Brücke zum Balkanraum zufallen. Andere Pläne hatte Friedrich Naumann, der, stark geprägt vom wilhelminischen Militarismus, einen wirtschaftlich-militärischen Zusammenschluss Mitteleuropas unter deutscher Führung befürwortete, was er in seiner 1915 erschienenen Kriegszielschrift Mitteleuropa darlegte. Für ihn war die Zusammenfassung kleiner Einheiten zu Großblöcken wirtschaftlich notwendig. Trotz breiter öffentlicher Unterstützung stieß er bei der militärischen Führung, die imperialistische Annexionsziele verfolgte, auf Ablehnung. Seinen „liberalen Imperialismus“, argumentierte er wirtschaftlich und historisch, ignorierte jedoch die Nationalitätenprobleme der Habsburgermonarchie. Ziel wäre eine wirtschaftliche und politische Union unter deutsch-österreichischer Dominanz gewesen.
Wichtige Zusammenarbeit
Es kam jedoch anders. Die beiden mitteleuropäischen Kaiserreiche wurden in den Pariser Vororten zerschlagen und Mitteleuropas Grenzen neu gezogen, was den Revanchismus befeuerte. Es war fast immer katastrophal, wenn raumfremde Mächte versucht haben zu ordnen. Die Friedensarchitektur der Entente-Mächte nach dem Ersten Weltkrieg ebenso wie jene der Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg brach in sich zusammen, weil das Verständnis für die Region und ethnisches, religiöses und kulturelles Fingerspitzengefühl fehlte. Weder Jugoslawien noch die Tschechoslowakei noch die Grenzziehungen in Osteuropa waren von Dauer. Der Friede von Brest-Litowsk vom März 1918, der von deutscher Seite ausverhandelt wurde, erinnert dabei viel mehr an die heutigen Grenzen als an die politische Karte der Zwischenkriegs- oder Nachkriegszeit. Die Deutschen, selbst aus dem Herzen Europas stammend, bewiesen 1918 ein besseres Gespür, weil sie die Seele(n) der Region viel besser als die Briten, Amerikaner oder Franzosen verstanden. Die Nationalsozialisten hingegen verwarfen jegliche Pläne um Mitteleuropa sowie jegliches Verständnis für andere Völker und wollten in ihrem sozialdarwinistischen Größenwahn nicht nur „Lebensraum im Osten“, sondern gleich ein vereintes Europa unter dem Hakenkreuz.
Inzwischen befindet sich Europa in einem anderen Einigungsprozess, der eigentlich als Wirtschafts- und Friedensprojekt begann. Europazentralisten würden argumentieren, dass es in einem geeinten Europa keines Mitteleuropakonzepts mehr bedarf. Das stimmt indes nicht. Unter den Vorzeichen schwindender Souveränität und einer Identitätskrise ist eine Rückbesinnung und Selbstbehauptung das Gebot der Stunde. Die Visegrád-Länder haben dies erkannt. Die FPÖ unter Herbert Kickl hat bereits erste Versuche unternommen, um Österreich in die Visegrád-Gruppe zu führen. Auf EU-Ebene arbeitet man eng mit den mitteleuropäischen Partnern zusammen. Eine FPÖ-geführte Bundesregierung könnte sich also der Gruppe anschließen. Die Ziele sind jedenfalls überlappend und die Herausforderungen mannigfaltig: Migration, Sicherheit, Demografie, Wirtschaft, Energie, Infrastruktur, Arbeitsmarkt, Souveränität u. v. m.
Anders sieht es in der BRD aus, wo aufgrund der Größe und des noch vorhandenen wirtschaftlichen Gewichts des Landes keine Notwendigkeit für ein solches Bündnis gesehen wird. Dort dominiert noch die Achse Paris-Berlin sowie der Glauben an das transatlantische Westbündnis. Andererseits sind die Ressentiments gegen Deutschland vor allem aus Polen nach wie vor groß. Es besteht aber auf EU-Ebene auch die Diskrepanz zwischen Nettozahlerstaaten wie Österreich und Deutschland und den Nettoempfängern. Das Verhältnis zwischen Österreich und seinen östlichen Nachbarn ist aber sehr entspannt. Entweder wird den Österreichern der habsburgische „Völkerkerker“ nicht mehr übelgenommen, oder das kleine, neutrale Österreich wird als zu harmlos angesehen, um eine ernsthafte Bedrohung zu sein. Es könnte auch an der langen österreichischen Tradition der umsichtigen Diplomatie liegen. Heute begegnet man einander jedenfalls auf Augenhöhe. Was auch immer der Grund ist, einer engen mitteleuropäischen Zusammenarbeit stünde außer einer brüsselhörigen Bundesregierung in Wien und einer Außenministerin, die sich wie ein Elefant im diplomatischen Porzellanladen benimmt, nichts im Weg.
Eine mitteleuropäische Zusammenarbeit wäre für alle Länder vorteilhaft. Dass es aber nicht immer einfach ist, alle Interessen zu vereinen, zeigt der Kurswechsel Polens unter Donald Tusk. Vor allem der Ukrainekrieg hat Risse in der Gruppe gezeigt. Tusks Polen setzt zur Abschreckung Moskaus mehr auf das Lublin-Dreieck und die Bukarester Neun. Auch die aktuellen Debatten am Prager Gipfel sowie die Frage der EU-Erweiterung am Westbalkan haben Konfliktlinien aufgezeigt. Eine mitteleuropäische Interessenallianz, bei dem sich etwa auch Slowenien und die Schweiz, was die klare Distanz zu Brüssel weiter unterstreichen würde, beteiligen würden, wäre eine große Chance. Österreich könnte hier eine Vermittler- und Brückenrolle einnehmen, wofür es sowohl geographisch als auch historisch prädestiniert wäre. Immerhin liegt Österreich, wie in der zweiten Strophe der Bundeshymne besungen, dem Erdteil inmitten. Dabei dürfen selbstredend die eigenen Interessen nicht hintangestellt werden.





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