Sollen deutsche Streitkräfte in der Straße von Hormus eingesetzt werden? Diese Grundsatzfrage beschäftigt derzeit nicht nur die Fraktionen des Deutschen Bundestag – sie steht auf der Tagesordnung des heutigen EU-Gipfels in Brüssel, bewegt Medien und Öffentlichkeit in ganz Europa und wird in mehreren Hauptstädten mit wachsender Dringlichkeit gestellt.
Die wirtschaftspolitische Sorge ist real: Steigende Energiepreise, blockierte Handelswege, verunsicherte Reeder. Aber von der berechtigten Sorge bis zur Entsendung deutscher Soldaten in diesen Konflikt ist es ein sehr weiter Weg – ein Weg, der an militärischer Wirkungslosigkeit, politischer Unzumutbarkeit und einer katastrophalen Eskalationsdynamik vorbeiführt, deren jüngstes Kapitel sich in der Nacht zu heute geschrieben hat.
Wer hat die Straße gesperrt – und warum?
Die Straße von Hormus war offen. Jahrzehntelang. Dass ein Angriff auf den Iran mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Sperrung oder Gefährdung dieser Wasserstraße führen würde, war in jedem ernsthaften strategischen Lagebericht nachzulesen. Es war kein Geheimwissen – auch Donald Trump wusste es. Als Israel und die USA dennoch ihren Angriff starteten – ohne Vorwarnung an NATO oder EU, ohne erkennbare Exitstrategie, ohne dass Washington oder Tel Aviv gegenüber Partnern oder eigenen Parlamentariern plausibel darlegen konnten, was der strategische Endzustand sein soll – war diese Folge nicht nur absehbar, sie war einkalkuliert.
Der Außenminister Omans – jenes Landes, das die Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran vermittelt hatte – hat in einem vielbeachteten Gastbeitrag das Wesentliche auf den Punkt gebracht: Eine Verhandlungslösung war möglich. Die USA hätten inzwischen jedoch die Kontrolle über ihre eigene Außenpolitik verloren. Der israelische Angriff war für Teheran ein Schock; die iranische Reaktion sei die einzig rationale Option gewesen, die der Führung zur Verfügung stand. Der größte Fehler der USA sei es gewesen, sich überhaupt in diesen Krieg hineinziehen zu lassen – überredet von Israels Führung, die glaubte, der Iran werde nach ersten Schlägen schnell kapitulieren. Diese Fehlkalkulation ist nun offenkundig. Und durch das zweimalige Wechseln von Verhandlung zu Bombenangriff habe Trump die Diplomatie nachhaltig beschädigt: Der Iran hat gelernt, dass Gespräche mit Washington eine tödliche Falle sein können.
Trumps Reaktion auf das britische Angebot, einen Flugzeugträger ins östliche Mittelmeer zu entsenden: Man brauche das nicht, der Krieg sei schon gewonnen. Heute ruft Washington unkoordiniert nach Unterstützung – weil die eigenen, von Anfang an völlig unklaren Ziele nicht erreicht wurden. Die Frage, die sich Deutschland stellen muss, ist daher keine technische, sondern eine politische: Sollen deutsche Soldatinnen und Soldaten ihr Leben für einen Krieg riskieren, den andere ohne Konsultation, ohne Mandat und ohne Exitstrategie begonnen haben?
Ein Partner, der brüskiert, kann keine Gefolgschaft erwarten
Der Irankrieg ist kein Einzelfall, sondern Ausdruck eines Musters. Bei Grönland demütigten die USA ihre europäischen Verbündeten mit vollendeten Tatsachen. Beim Ukrainekonflikt hat Washington unmissverständlich klargemacht, dass die Hauptlast der Verteidigung Europas und der Unterstützung der Ukraine Europa zufalle – nicht Amerika. Und nun Spanien: Madrid verweigerte den USA die Nutzung der gemeinsam betriebenen Militärbasen für Einsätze im Irankrieg. Trumps Reaktion war die Androhung eines vollständigen Handelsembargos gegen einen NATO-Verbündeten – ausgerechnet in Anwesenheit von Bundeskanzler Merz im Oval Office, der dazu sogar Zustimmung äußerte.
Eine Allianz, die ihre Partner mit Handelsembargos bedroht, weil sie keine Kriegsgefolgschaft leisten, hat das Recht auf reflexartige Unterstützung verwirkt. Das gilt erst recht, wenn der Hilferuf ohne klar definierte Erwartungen, Ziele oder einen gemeinsam erarbeiteten Rahmen kommt. Deutschland täte gut daran, sich an Spaniens Haltung zu orientieren – nicht aus Antiamerikanismus, sondern aus Eigeninteresse. Zumal es deutlich naheliegendere Hebel zur Entlastung des deutschen Energiemarkts gäbe – etwa ein Ende des Russlandembargos, das unsere Versorgungssicherheit ohne militärisches Risiko substanziell verbessern würde.
Militärisch wäre ein Einsatz wirkungslos – und gefährlich
Selbst wer die politischen Einwände beiseitelässt, stößt auf die militärische Realität: Deutsche Streitkräfte in der Straße von Hormus könnten allenfalls einzelne Konvois schützen – die Straße befreien könnten sie nicht. Die geografischen Gegebenheiten machen deutlich, warum: Die Schifffahrtsrouten verlaufen um die Musandam-Halbinsel und setzen Schiffe einem 270-Grad-Feuerradius aus – mit gestaffelten iranischen Waffensystemen von der Insel Qeschm, dem Hochgelände ringsum und dem Landesinneren, ergänzt durch Oberflächen- und Angriffsdrohnen. Der Iran muss die Straße nicht vollständig sperren: Er leitet genehmigte Schiffe an einem kontrollierten Durchlass an Qeschm vorbei – und exerziert damit dieselbe Logik, mit der die USA den Dollar als globalen Machtfaktor einsetzen: Kontrolle über den Engpass.
Begleitende Kriegsschiffe werden in enger Formation um Tanker herum selbst zum Ziel – in einem Gewässer, das so dicht befahren ist, dass kaum zwischen Fischerbooten, Fähren und Drohnenmutterschiffen unterschieden werden kann. Die Operation Prosperity Guardian im Roten Meer hat gezeigt, wohin das führt: Eine Landmacht ohne nennenswerte Marine hat die mächtigste Kriegsmarine der Welt zum Patt gezwungen. Das Hormus-Problem ist komplexer.
Wer die Straße wirklich befreien will, bräuchte die vollständige militärische Kontrolle über den iranischen Südosten – ein Gebiet von der Größe Deutschlands und der Republik Österreich zusammen. Das bedeutet: Einsatz von Bodentruppen – mit all dem, was das an Verlusten und Risiken bedeutet. Und selbst dann blieben Raketen- und Drohnenangriffe aus dem Landesinneren weiterhin möglich. Armin Laschet, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestags und wahrlich kein Gegner transatlantischer Beziehungen, hat es im Deutschlandfunk nüchtern formuliert: Die zentrale Bedrohung gehe aktuell und wohl auch in Zukunft in erster Linie von Drohnen aus dem Festland aus – Minensucher, der realistischste deutsche Beitrag, könnten dagegen wenig anrichten.
Die Nacht zu heute: Wohin diese Eskalationslogik führt
In der Nacht zu heute hat Israel erstmals das iranische Gasfeld South Pars angegriffen – laut übereinstimmenden Berichten koordiniert mit der Trump-Administration, auch wenn Trump dies öffentlich zurückwies. South Pars ist das größte Erdgasfeld der Welt; es wird gemeinsam von Iran und Katar genutzt und ist das Herzstück der katarischen LNG-Infrastruktur.
Der Iran reagierte mit massiven Angriffen auf Katars Ras Laffan Industrial City – die weltgrößte LNG-Exportanlage. QatarEnergy meldete erhebliche Schäden, ausgelöste Brände, Notfalleinsätze. Katar erklärte den iranischen Militärattaché zur Persona non grata und kontaktierte umgehend den Weißen-Haus-Gesandten Steve Witkoff sowie CENTCOM-Kommandeure mit der dringenden Frage, ob Washington von dem israelischen Angriff vorab gewusst habe.
Das ist die Lage: Ein enger US-Partner – Katar, Heimat des CENTCOM-Hauptquartiers – wird als direkte Folge eines US-israelischen Angriffs mit Raketen beschossen und fragt, ob Washington davon wusste. Trumps Reaktion wirkte konfus: Er drohte dem Iran mit der vollständigen Zerstörung von South Pars und forderte Israel gleichzeitig auf, keine weiteren Angriffe auf das Gasfeld zu fliegen. Der selbsternannte Dealmaker hat die Lage und seine Alliierten in Israel nicht im Griff.
Dem Außenminister des Oman ist zuzustimmen: Nun droht der Konflikt die gesamte Wirtschaftsarchitektur der Golfregion zu zerstören – Energie, Tourismus, Luftfahrt, Technologie – und mit ihr die globale Energieversorgung, von der auch Deutschland und Europa unmittelbar abhängen. Wer in diesem Moment einen deutschen Streitkräfteeinsatz in der Region fordert, sollte zumindest erklären können, welches konkrete Ziel damit erreicht und welcher Ausweg damit eröffnet wird. Diese Antwort bleibt die Debatte bisher schuldig.
Rechenschaft vor Gefolgschaft
Deutschland hat ein legitimes Interesse an offenen Handelswegen und stabilen Energiemärkten. Aber dieses Interesse wahren wir nicht, indem wir deutsche Soldaten in einen strategisch ziellosen, von anderen angezettelten und eskalierenden Krieg schicken, dessen Dynamik wir weder mitgestaltet haben noch kontrollieren können. Ein Einsatz in der Straße von Hormus wäre militärisch ohne Bodentruppen wirkungslos, das geltende Mandat EUNAVFOR ASPIDES schließt ihn rechtlich ohnehin aus – und politisch wäre er ein Signal der Gefolgschaft gegenüber einer Administration, die ihre Partner wiederholt brüskiert und die Diplomatie durch Wortbruch nachhaltig beschädigt hat.
Wer ernsthaft für deutsche Interessen einsteht, stellt zunächst die Frage, die bisher niemand in Washington beantwortet hat: Was ist das Ziel, wie sieht der Weg dorthin aus, und wann, unter welchen Umständen, ist dieser Krieg zu Ende? Solange diese Antworten fehlen, muss die deutsche Antwort lauten: Nein.




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