Die aktuell von Bruno Wolters in FREILICH-online angedachte Forderung, sämtliche amerikanischen Militärbasen in Deutschland zu schließen, wirkt auf den ersten Blick wie ein Akt nationaler Selbstbehauptung. Sie artikuliert ein Gefühl, das in Deutschland und in Europa weit verbreitet ist: Auch achtzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs scheint die politische und militärische Souveränität Europas noch immer unvollständig. Wer über Staatlichkeit, über nationale Interessen und über geopolitische Handlungsfähigkeit spricht, kommt an dieser Frage nicht vorbei.
Insofern berührt die Forderung nach einem Ende der amerikanischen Militärpräsenz tatsächlich einen wunden Punkt. Doch genau an dieser Stelle beginnt das strategische Problem: Denn zwischen der Diagnose – Europa ist nicht vollständig souverän – und der Forderung – die amerikanischen Basen müssen sofort geschlossen werden – liegt eine geopolitische Realität, die sich nicht durch politische Beschlüsse auflösen lässt.
Souveränität braucht Stärke
Souveränität entsteht nicht durch Deklarationen. Sie entsteht durch Fähigkeiten. Ein Staat oder ein politischer Raum ist souverän, wenn er seine Sicherheit, seine wirtschaftliche Stabilität und seine strategische Handlungsfähigkeit selbst gewährleisten kann. Nicht wenn er diese Fähigkeit behauptet. Und genau hier liegt der entscheidende Punkt: Europa besitzt diese Fähigkeiten derzeit nur sehr begrenzt.
Die amerikanischen Militärstandorte in Deutschland sind nicht lediglich Relikte der Nachkriegszeit. Sie bilden zentrale Elemente einer komplexen militärischen Infrastruktur: Lufttransportdrehscheiben, Kommandozentren, medizinische Versorgungseinrichtungen, logistische Netze und strategische Aufklärung. Diese Infrastruktur ist Bestandteil der Abschreckungsarchitektur, auf der die Sicherheit Europas seit Jahrzehnten basiert. Ein abruptes Ende dieser Struktur würde daher keine neue Ordnung schaffen. Es würde zunächst einmal eine Lücke erzeugen – eine strategische Lücke.
Gerade deshalb zeigt sich in der Forderung nach der sofortigen Schließung aller US-Basen eine Denkfigur, die ich mal als Souveränitäts-Reflex bezeichnen würde. Der Reflex funktioniert nach diesem Muster: Man erkennt eine reale Abhängigkeit und formuliert darauf eine maximalistische Forderung. Doch diese Forderung bleibt im Modus politischer Opposition. Opposition formuliert Parolen. Staatspolitik organisiert Machtverhältnisse. Wer geopolitische Verantwortung übernehmen will, muss daher anders denken – nicht in symbolischen Akten, sondern in strukturellen Aufbauprozessen. Doch an dieser Stelle wird ein entscheidender Aspekt der aktuellen Debatte häufig übersehen. Die Forderung nach mehr europäischer Eigenständigkeit kommt heute nicht nur aus Europa selbst. Sie kommt auch aus den Vereinigten Staaten.
Das stärkere Europa aus amerikanischer Sicht
In der außenpolitischen Debatte der USA hat sich in den letzten Jahren eine bemerkenswerte strategische Verschiebung vollzogen. Besonders in der republikanischen Außenpolitik im MAGA-Kontext wird deutlicher formuliert, dass Europa mehr Verantwortung für seine eigene Sicherheit übernehmen muss.
Der amerikanische Außenminister Marco Rubio brachte diesen Gedanken auf der diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz 2026 auf den Punkt: „The United States is a child of Europe. Our histories are intertwined, and our futures will remain linked.“ Deutsch: „Die Vereinigten Staaten sind ein Kind Europas. Unsere Geschichte ist miteinander verwoben, und auch unsere Zukunft bleibt miteinander verbunden.“ Rubio beschreibt die transatlantische Beziehung damit ausdrücklich nicht als hierarchisches Verhältnis, sondern als zivilisatorische Gemeinschaft. Doch genau aus dieser Gemeinschaft ergibt sich aus amerikanischer Sicht eine Erwartung: Europa muss stärker werden.
Rubio formulierte das Prinzip eines funktionierenden Bündnisses mit einem prägnanten Satz: „Strong alliances require strong partners.” Deutsch: „Starke Bündnisse brauchen starke Partner.“ Die Vereinigten Staaten wollen daher keine dauerhafte sicherheitspolitische Abhängigkeit Europas. Sie erwarten vielmehr, dass Europa militärische Fähigkeiten, wirtschaftliche Stärke und technologische Kompetenz entwickelt. Rubio stellte diese Perspektive sogar in einen größeren historischen Zusammenhang: „Together we should work to build a new Western century.” Deutsch: „Gemeinsam sollten wir daran arbeiten, ein neues westliches Jahrhundert aufzubauen.“ Die Vision ist also nicht amerikanische Dominanz, sondern ein Westen, der aus mehreren starken Machtzentren besteht.
Europa muss erwachsen werden
Noch deutlicher hat diese Erwartung innerhalb der strategischen Debatte der amerikanischen Rechten Vizepräsident J. D. Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2025 artikuliert und mit einer bemerkenswert klaren Passage über die Zukunft der transatlantischen Beziehungen festgestellt: „The United States cannot and should not be the permanent security guarantor for a Europe that has the economic capacity to defend itself.” („Die Vereinigten Staaten können und sollten nicht dauerhaft der Sicherheitsgarant für ein Europa sein, das wirtschaftlich durchaus in der Lage ist, sich selbst zu verteidigen.“) Und weiter: „A strong and self-confident Europe is not a threat to America. It is exactly what a healthy alliance requires.” (Deutsch: „Ein starkes und selbstbewusstes Europa ist keine Bedrohung für Amerika. Es ist genau das, was ein gesundes Bündnis erfordert.“)
Diese Aussagen markieren einen strategischen Wandel. Die amerikanische Erwartung lautet nicht mehr: Europa soll abhängig oder, wie man es öfters hört, etwa „Vasall“ bleiben. Die Erwartung lautet: Europa soll erwachsen werden. Ein militärisch handlungsfähiges, wirtschaftlich starkes und technologisch souveränes Europa wäre aus amerikanischer Sicht kein Problem – sondern ein Partner.
Ein antiamerikanischer Reflex greift ins Leere
Gerade deshalb greift ein antiamerikanischer Reflex, der europäische Eigenständigkeit automatisch als Abkehr von den Vereinigten Staaten interpretiert, ins Leere. Die Forderung nach europäischer Souveränität ist längst Teil der amerikanischen strategischen Debatte selbst. Der Konflikt verläuft daher nicht zwischen Amerika und Europa. Der Konflikt verläuft zwischen zwei Modellen: Europa als sicherheitspolitischer Konsument oder Europa als souveräner Partner. Doch ein solcher Partner entsteht nicht durch politische Resolutionen. Er entsteht durch Fähigkeiten.
Europa müsste Fähigkeiten entwickeln, die heute nur fragmentarisch vorhanden sind: eine eigenständige militärische Kommandoarchitektur, eine leistungsfähige Rüstungsproduktion, strategische Transportkapazitäten, Satellitenaufklärung, integrierte Luft- und Raketenabwehr sowie technologische Führungsfähigkeit in Schlüsselindustrien. Erst wenn diese Fähigkeiten existieren, wird aus der Forderung nach echt gelebter Souveränität eine realistische Option. Bis dahin bleibt sie lediglich eine gedanklich normative Perspektive.
Eine kleine Erinnerung an Carl Schmitt
Gerade in der politischen Rechten sollte diese Einsicht eigentlich selbstverständlich sein. Denn kaum ein politischer Denker hat stärker darauf hingewiesen als Carl Schmitt, dass Politik letztlich immer eine Frage realer Machtverhältnisse ist. Schmitts berühmte Formel lautet: „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.“ Dieser Satz erinnert daran, dass Souveränität nicht aus Normen oder Programmen entsteht, sondern aus der Fähigkeit, in kritischen Situationen tatsächlich handeln zu können. Überträgt man diesen Gedanken auf die heutige geopolitische Lage Europas, ergibt sich eine einfache Schlussfolgerung: Souveränität entsteht nicht durch den Wunsch nach Unabhängigkeit, sondern durch den Aufbau von Fähigkeiten. In diesem Sinne wäre der Aufbau europäischer Verteidigungsfähigkeit keine Abkehr vom Westen – sondern gerade die Voraussetzung für eine neue Form westlicher Partnerschaft.
Konsequenzen für die aktuelle politische Debatte
Gerade deshalb lohnt sich auch ein nüchterner Blick auf die aktuelle programmatische Diskussion. Wenn in Debatten – etwa im Umfeld politischer Programme der Alternative für Deutschland – gefordert wird, die Schließung aller US-Basen in Deutschland als konkrete politische Forderung zu verankern, dann ist Vorsicht geboten. Das Prinzip der Souveränität ist richtig. Der Aufbau eigener militärischer und technologischer Fähigkeiten ist notwendig. Doch die konkrete Forderung nach einer sofortigen Schließung der amerikanischen Basen wäre politisch wie strategisch nicht tragfähig. Sie würde nicht nur eine sicherheitspolitische Lücke erzeugen. Sie würde, unabhängig vom Prinzipiellen, auch politisch kaum Mehrheiten finden – weder in Deutschland noch im übrigen Westen.
Die eigentliche Aufgabe liegt daher nicht in symbolischen Forderungen, sondern, um es nocheinmal zu wiederholen, im Aufbau realer Fähigkeiten. Oder anders formuliert: Nicht der Abzug fremder Truppen macht einen Staat souverän, sondern die Fähigkeit, ihre Rolle selbst zu übernehmen. Erst dann beginnt echte Souveränität.




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