Ein Kontinent, der rund 18 Billionen Euro Wirtschaftsleistung erbringt und damit etwa 14 bis 15 Prozent der weltweiten Warenimporte und -exporte stellt, über 450 Millionen Konsumenten verfügt und dem 14 Prozent des gesamten weltweiten Warenhandels zuzurechnen sind, ist gerade verunsichert. Dieser Kontinent schaut im Angesicht globaler Neuordnung reflexartig nach Washington. Nicht, weil er muss, sondern weil er es gelernt hat.
Das ist die eigentliche Nachricht, die hinter all den Debatten über NATO-Beiträge, Irankrieg, Rüstungspakete und transatlantische Solidarität steckt: Das Problem heißt institutionell eingeübte Selbstverkleinerung – und nicht Ohnmacht. Die Erklärung dafür, dass Europa in fremde Kriege hineingezogen wird, während China und Russland problemlos durch dieselben Straßen fahren, liegt jenseits von Geografie und Geschichte. Sie liegt in jenem Moment, in dem ein Bündnis zur Gewohnheit wurde – und eine Gewohnheit zur Identität.
Dieser Essay ist kein Nachruf auf Europa. Er ist ein Nachruf auf eine Denkfigur: die Vorstellung, dass Europas Sicherheit und Unterwerfung dasselbe seien. Diese Gleichsetzung hat ihren Preis gehabt, finanziell und strategisch zugleich.
Der weltweit größte Binnenmarkt schweigt über sich selbst
Die Machtasymmetrie zwischen Europa und den USA hat eine Grundlage, die seltener benannt wird, als sie es verdient: Die amerikanische Weltmacht beruht in ihrer tiefsten Schicht auf dem Dollar und weniger auf Trägerkampfgruppen und dem Silicon Valley, als es das öffentliche Bild suggeriert. Rund 58 Prozent aller weltweiten Devisenreserven werden in US-Dollar gehalten. Dieser Anteil sinkt immer weiter. 1977 waren es noch 85 Prozent und 2001 noch 73 Prozent. Der Dollar ist zudem an 88 bis 90 Prozent aller weltweiten Devisentransaktionen beteiligt und dominiert 62 Prozent der weltweiten Fremdwährungsverbindlichkeiten von Banken. Solange dieser Status Bestand hat, verschafft er den USA erhebliche fiskalische Spielräume, die andere Staaten so nicht haben. Jede Ausweitung der Geldmenge ist zugleich eine indirekte Exportleistung, da die Welt den Dollar benötigt, um Rohstoffe abzurechnen, Schulden zu tilgen und Handel zu betreiben. Das ist keine Stärke aus Produktivität heraus. Es ist eine Rente aus Systemkontrolle.
Diese Rente hat jedoch eine Bedingung: Alle müssen mitspielen. Und genau hier liegt Europas ungenutzte Hebelmacht. Die EU ist – bei allen inneren Widersprüchen, dem ganzen bürokratischen Dickicht und der politischen Inkohärenz – eine Volkswirtschaft mit Billionen Euro an Jahresleistung. Ihr Binnenmarkt ist nicht irgendeine Absatzregion, sondern der Kernmarkt, auf dem amerikanische Technologiekonzerne ihre Margen erzielen, auf dem US-Energiefirmen ihre Fracking-Investitionen refinanzieren und auf dem amerikanische Finanzinstitutionen europäische Ersparnisse verwalten. Und er wächst weiter: Allein die Vertiefung bestehender Binnenmarktbarrieren könnte laut Studien zur Binnenmarktintegration zusätzliche Einkommensgewinne im Bereich von rund 2,5 bis 3 Prozent des EU‑BIP freisetzen. Ein Potenzial, das seit Jahrzehnten nur unzureichend genutzt wird.
Besonders schmerzhaft offenbart sich die Selbstverkleinerung im Bereich der digitalen Infrastruktur: Amazon Web Services, Microsoft Azure und Google kontrollieren gemeinsam rund 70 Prozent des europäischen Cloud-Markts. Europäische Anbieter hielten 2017 noch einen Marktanteil von 29 Prozent, der bis 2024 auf 15 Prozent geschrumpft und seitdem stabil ist. Im selben Zeitraum hat sich der europäische Cloud-Markt auf rund 61 Milliarden Euro versechsfacht, aber vom Wachstum profitieren fast ausschließlich amerikanische Konzerne. Was wie ein Marktversagen aussieht, ist in Wahrheit das Ergebnis fehlenden industriepolitischen Willens.
Das ist kein zufälliger Befund. Er reicht zurück bis zum Scheitern von Unidata, dem europäischen Computerprojekt der 1970er-Jahre, das an nationalen Alleingängen zerbrach. Die Logik hat sich nicht verändert, nur die Maßstäbe: Damals verlor man den Zugriff auf Mainframes, heute auf die gesamte digitale Produktionsinfrastruktur. Dennoch ist die Marktmacht noch da. US-Unternehmen würden es nicht zulassen, dass das Weiße Haus Europa wirtschaftlich dauerhaft verprellt, dafür sind ihre Investitionen auf dem Kontinent zu groß und ihre Abhängigkeit vom europäischen Konsumenten zu real. Trump zog sich stets dann zurück und ruderte von Drohungen und Beleidigungen zurück, wenn die Märkte einbrachen. Ein Verhalten, das eine strukturelle Abhängigkeit von einem Vertrauen offenbart, das Europa geben oder verweigern kann. Diesen Hebel hat Europa nie ernsthaft benutzt.
Das Bündnis als Falle
Auch in der Verteidigungspolitik wird Europa unterschätzt. Die NATO ist ein Bündnis, das seinen Mitgliedern Sicherheit verspricht und ihnen Abhängigkeit liefert. Das ist keine polemische Zuspitzung, sondern die nüchterne Beschreibung eines Arrangements, dessen Zahlen für sich sprechen. Im Jahr 2024 gaben die USA 968 Milliarden Dollar für Verteidigung aus – mehr als alle anderen 31 NATO-Partner zusammen. Europäische NATO-Mitglieder kamen zusammen auf rund 476 Milliarden Dollar und EU-Staaten in der NATO auf 360 Milliarden Dollar. Das Kostenverhältnis bedeutet also zwei Drittel zugunsten der USA. Aber: Die strategischen Entscheidungen fallen hingegen vollständig in Washington. Was manche einen Euphemismus für Bündnissolidarität nennen, ist in seiner institutionellen Substanz ein Protektorat mit freiwilligem Beitrittsformular.
Auch die Rüstungsdynamik verschärft sich weiter: Auf dem NATO-Gipfel 2025 in Den Haag beschlossen die Mitglieder, die Verteidigungsausgaben auf 3,5 Prozent des BIP anzuheben, zuzüglich 1,5 Prozent für sicherheitsrelevante Infrastruktur. Für Europa bedeutet das, ausgehend vom EU-BIP 2024, jährliche Ausgaben von über 630 Milliarden (zumindest als Zielsetzung) Euro allein für das Militär, also mehr als das Doppelte des heutigen Niveaus. Zu fragen, wer von dieser Rüstungsspirale profitiert, ist berechtigt. Die Antwort lautet: amerikanische Rüstungskonzerne, die einen erheblichen Anteil europäischer Beschaffungsaufträge erhalten.
Die Wurzeln dieses Arrangements liegen tiefer, als die aktuelle Debatte über Rüstungsquoten suggeriert. Seit den 1990er-Jahren haben die USA die NATO-Osterweiterung als Instrument der Hegemonialsicherung betrieben – eine strategische Einhegung Russlands und kein Angebot an die neuen Mitgliedsländer. Mearsheimer, Sachs und andere haben diese Logik früh beschrieben. Die Integration Russlands in eine gemeinsame europäische Sicherheitsarchitektur hätte die amerikanische Vorherrschaft über Eurasien beendet, weshalb sie verhindert wurde. Europa war dabei kein Akteur, sondern Terrain.
Fremde Konflitke in Europa
Die Konsequenzen sind bekannt: Der Wirtschaftskrieg gegen Russland – Sanktionen, Beschlagnahme von Kapitalanlagen, Handelsblockaden – hat Europa stärker geschädigt als die USA. Das war keine Überraschung, viel mehr die vorhersehbare Folge einer Politik, bei der Europa das Risiko trägt und Amerika die Agenda setzt. Den Krieg in der Ukraine hat dies nicht verhindert und den Frieden nicht nähergebracht. Was es jedoch befördert hat, ist die Militarisierung der EU aus der falschen Richtung – nämlich der Krieg als Integrationsmaßnahme, Rüstung als Ersatz für Politik. Dabei braucht es ein geeintes Europa, das nicht von einer liberalen Elite in Brüssel geschmiedet wird, sondern von den Völkern. Die aktuellen Kriege Amerikas spalten gerade die EU. Die geplanten Pläne, einzelne Länder herauszusprengen, beweisen nur, dass die Strategie des Weißen Hauses darin besteht, Europa zu spalten.
Das schwerwiegendste Argument gegen die Logik der NATO ist ein aktuelles: Das Bündnis schützt ausgerechnet dort am wenigsten, wo es am dringendsten nötig wäre. Ein ehrlicher Blick auf jene Fälle, in denen Washington bedingungslosen militärischen Schutz gewährt, zeigt: Es gibt nur einen Fall – Israel. Die baltischen Staaten und Europa stehen in einer anderen Kategorie. Südkorea hat einen riesigen wirtschaftlichen Schaden durch chinesische Boykotte erlitten, um US-amerikanische Verteidigungsraketenstellungen zu bekommen. Nun steht das Land nackt da, da das Pentagon sein Verteidigungsmaterial von Südkorea nach Nahost gebracht hat. Auch die arabischen Golfstaaten können dies beobachten, sie stehen angesichts iranischer Verteidigungsschläge allein da. Ein Bündnis, das im Ernstfall selektiv schützt, ist kein Sicherheitsgarant, sondern eine Bindung ohne verlässliche Gegenleistung – und eine, die Europa in Konflikte hineinzieht, an denen es kein strategisches Eigeninteresse hat.
Wer durch die Straße von Hormus fährt – und wer nicht?
Es ist eine aufschlussreiche Asymmetrie: China und Russland unterhalten Handelsbeziehungen mit dem Iran, mit Saudi-Arabien, mit Israel, mit den USA – gleichzeitig, ohne dass einer dieser Handelspartner die anderen ausschließt. China hat zwischen Fatah und Hamas sowie zwischen Iran und Saudi-Arabien vermittelt und dabei seine Zugänge zu westlichen Märkten nicht gefährdet. Das ist keine außenpolitische Meisterleistung im moralischen Sinne, sondern die konsequente Anwendung des Prinzips, dass sich Handel und strategische Zurückhaltung nicht ausschließen.
Europa könnte dasselbe. Es hat die wirtschaftliche Masse dazu. Die Dedollarisierung ist dabei eine sich abzeichnende wirtschaftspolitische Normalität, kein antiamerikanisches Projekt, aber ein struktureller Prozess: So ist der Dollaranteil an den weltweiten Devisenreserven wie bereits angesprochen stark gefallen. Dieser Trend setzt sich fort, mit oder ohne europäischen Gestaltungswillen. Europa kann ihn mitgestalten oder abwarten, bis andere die Regeln setzen, wobei diese Zeitenwende durch Währungsarchitektur, Handelsinfrastruktur und den langen Atem wirtschaftlicher Geduld entschieden wird und kaum durch Waffenlieferungen.
Die Sanktionspolitik als Selbstverstümmelung illustriert das Muster exemplarisch: Drei Taktiken amerikanischer Hegemonialsicherung – Sanktionen, Beschlagnahme russischer Kapitalanlagen und Handelsblockade – schufen Kosten, die Europa weit stärker trafen als Washington. China hingegen, strikt dem Prinzip der Nichteinmischung verpflichtet, hält Handelsverbindungen mit Russland, dem Iran und dem Westen aufrecht – ein souveränes Kalkül, das sich nicht der Moral verpflichtet fühlt. Das ist das Modell, das Europa ignoriert: Neutralität als wirtschaftspolitisches Kapital.
Die Handelsalternativen sind vorhanden. Lateinamerika, Asien und Afrika sind reale Märkte mit erheblichem Potenzial für europäische Exportindustrien, vor allem für Maschinenbau, Autos und Chemie. Die Nachfrage existiert, was aussteht, ist der politische Wille zu Handelsabkommen, die diesen Namen verdienen, nämlich nüchterne Wirtschaftsverträge, frei von der Aufladung westlicher Wertebündnisse.
Das babylonische Gefängnis und seine freiwilligen Insassen
Wenn Europa so viel Macht besitzt, warum nutzt es sie dann nicht? Die Antwort liegt im Zusammenspiel dreier Faktoren: institutioneller Konstruktion, ideologischer Überformung und dem, was der Ökonom Wolfgang Streeck als „Entpolitisierung der politischen Ökonomie beschrieben“ hat. Der Euro, eingeführt als politische Morgengabe für die Wiedervereinigung und den Maastricht-Vertrag, hat den Mitgliedstaaten die währungspolitische Souveränität entzogen, ohne eine echte politische Union zu schaffen – ein schizophrenes Experiment, das jeden Versuch nationaler Wirtschaftspolitik unter Druck setzt und gleichzeitig keine europäische Handlungsfähigkeit produziert.
Die EU ist, in Streecks Formulierung, kein eigenständiger Großraum, sie ist der zivile Partner der NATO. Ihre Sicherheitspolitik ist eine Schimäre: Sie verfügt über kaum Kompetenzen, ist inkonsequent und uneinig. Russophobie dient als Versuch der Einigung, da gemeinsame Interessen fehlen und man stattdessen gemeinsame Feindbilder erzeugt. Das ist keine Außenpolitik, sondern Krisenmanagement der Kohäsion. Und der Preis dafür ist, dass Europa sich den USA auslieferte, um zusammenzubleiben.
Hinzu kommt eine politische Klasse, die diesen Zustand aktiv reproduziert. Anstatt Handelsabkommen mit Lateinamerika abzuschließen, eine Digitalsteuer für US-Technologiekonzerne zu erheben, die – wie gezeigt – 70 Prozent des europäischen Cloud-Markts kontrollieren, oder eine ernsthafte Strategie der Währungsdiversifizierung zu verfolgen, kauft Europa Waffen in den USA ein. Die Rüstungsspirale ist jedoch kein Weg zur Unabhängigkeit, sondern der teuerste Weg in die Abhängigkeit. Denn sie bindet Ressourcen, die für eigene wirtschaftliche Diversifizierung, technologische Eigenständigkeit und diplomatische Gestaltungsmacht benötigt würden.
Das ist die eigentliche Ironie der europäischen Sicherheitsdebatte: Je mehr Europa für die NATO ausgibt, desto abhängiger wird es – von amerikanischer Technologie, amerikanischen Entscheidungsstrukturen und amerikanischen strategischen Interessen. Das Bündnis, das Europa schützen soll, macht es ärmer und unsouveräner. Es ist ein Arrangement, das sich selbst perpetuiert, solange niemand die Frage stellt, wozu es eigentlich dient.
Was zu tun wäre – und was nicht
Aus dem Vorangegangenen eine Bedrohungslogik abzuleiten, wäre ein Missverständnis. Man kann sicher sein: Die USA werden Europa militärisch nie angreifen. Dies ist eine nüchterne Einschätzung amerikanischer Interessenlagen und kein Optimismus. Ein destabilisiertes Europa wäre für Washington ein Problem, kein Gewinn. Europäische Souveränität aus der Angst vor einem äußeren Feind zu begründen, ist die Methode von Angstpolitikern, die stets ein Feindbild benötigen, um ihre Vorschläge zu legitimieren.
Europäische Souveränität verlangt keine Feindschaft gegenüber Amerika, sie verlangt die Bereitschaft, eigene Interessen zu definieren und durchzusetzen, so wie es jeder souveräne Staat tut und die USA seit ihrer Gründung tun. Das bedeutet konkret: US-Militärbasen auf europäischem Boden sind ein amerikanisches Interesse, kein europäisches Geschenk. Sie als Verhandlungsmasse zu begreifen, ist das Mindeste. Eine Digitalsteuer für amerikanische Technologiekonzerne bedeutet, geltendes Steuerrecht auf Unternehmen anzuwenden, die in Europa Gewinne erzielen. Handelsabkommen mit Lateinamerika und Asien sind Diversifizierung, dasselbe, was jeder kluge Kaufmann betreibt. Im Jahr 2023 erzielte Deutschland seinen größten Handelsumsatz mit den mittel- und osteuropäischen EU-Ländern: 431 Milliarden Euro gegenüber knapp 200 Milliarden mit den USA. Die Abhängigkeit ist weitaus geringer, als auf der Diskursebene suggeriert wird.
Die Dedollarisierung ist kein Projekt für morgen, sie schreitet voran, mit oder ohne Europa. Europa läuft dabei Gefahr, auf der falschen Seite einer Zeitenwende zu stehen, die es verschlafen hat. Der Euro hält bereits rund 20 Prozent der weltweiten Devisenreserven und ist damit die zweitwichtigste Reservewährung hinter dem Dollar und weit vor dem Renminbi (2,7 Prozent). Das ist eine reale Ausgangsstellung, von der aus eine koordinierte europäische Währungspolitik erheblichen Gestaltungsspielraum hätte. Was aussteht, ist der Wille, diese Masse zu mobilisieren.
Der noch nicht geschriebene Nachruf
In dieser Debatte lauert immer die Versuchung der apokalyptischen Vereinfachung. Entweder Europa unterwirft sich Amerika – oder es bricht mit ihm. Entweder das Bündnis oder die Feindschaft. Entweder die Atlantiker oder die Eurasier. Diese Dichotomie ist falsch und politisch gefährlich, weil sie die eigentliche Option unsichtbar macht: die nüchterne, interessengeleitete und souveräne Gestaltung von Beziehungen, die weder Unterwerfung noch Konfrontation kennt.
Frankreichs Außenpolitik unter de Gaulle hat gezeigt, dass es möglich ist, im Bündnis zu bleiben und dennoch eigenständige Interessen zu vertreten, unter anderem Atomstreitkräfte zu entwickeln, aus der integrierten NATO-Kommandostruktur auszutreten und mit Moskau zu reden, ohne Washington zu fragen. Es handelte sich um Souveränität, nicht um Antiamerikanismus. Dass Deutschland und Europa diesen Weg nie ernsthaft gegangen sind, liegt weniger an geopolitischen Zwängen als an einer politischen Klasse, die Abhängigkeit als Komfort begriffen hat.
Die strukturellen Voraussetzungen für europäische Souveränität sind vorhanden: eine wirtschaftliche Masse von knapp zwei Dritteln des US‑BIP‑Volumens, eine Währung mit globaler Zweitposition, 14 Prozent des weltweiten Warenhandels, die diplomatische Tradition mehrerer großer europäischer Mächte sowie historische Handelsbeziehungen mit dem Globalen Süden. Was fehlt, ist das Selbstbild. Und das Selbstbild ist keine Frage der Realität, sondern eine Frage der Erzählung, die man über sich selbst erzählt.
Jahrzehntelang hat Europa eine Erzählung über sich selbst akzeptiert, in der es der jüngere Partner ist – schutzbedürftig, wertegebunden und zu heterogen für eigenständige Strategien. Diese Erzählung war jedoch immer ein Konstrukt. Sie kollabiert heute unaufhaltbar, ein europäischer de Gaulle ist dafür ebenso wenig verantwortlich wie ein politischer Aufbruch; die Welt, auf die sie sich bezog, existiert schlicht nicht mehr. Die Pax Americana ist keine Ordnungsgarantie mehr, der Dollar keine Selbstverständlichkeit und die NATO keine Sicherheitsgarantie für alle gleichermaßen.
In dieser Lage hat Europa zwei Optionen: Es kann warten, bis jemand anderes die neue Ordnung gestaltet hat – und dann unter deren Bedingungen eintreten. Oder es kann selbst mitgestalten, mit den Mitteln, die es hat: wirtschaftlich, diplomatisch und währungspolitisch. Der Nachruf auf die europäische Souveränität ist noch nicht geschrieben. Aber er liegt bereits vor. Ihn abzuwenden bedeutet, jetzt damit zu beginnen, eine andere Geschichte zu erzählen.





Kommentare
Sei der Erste, der einen Kommentar hinterlässt!