Berlin. – Der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD) äußert erhebliche Bedenken gegen die geplante Neuausrichtung der Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“. Nach Einschätzung des Fachverbands würde der vom Bundesinnenministerium vorgelegte Gesetzesentwurf die institutionellen Machtverhältnisse innerhalb der Stiftung sowie deren erinnerungspolitische Ausrichtung grundlegend verändern. Zudem bemängelt der Verband, dass die vorgesehenen Änderungen bislang nicht öffentlich diskutiert wurden.
Im Zentrum der Kritik steht die geplante Erweiterung des Stiftungsrats. Laut dem VHD würde der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten künftig eine zusätzliche Stimme erhalten. Da er bis vor Kurzem an der Spitze des Bundes der Vertriebenen stand, befürchtet der VHD eine dauerhafte Mehrheitsstellung des Vertriebenenverbands im Kontrollgremium der Stiftung. Erinnerungspolitische Positionen müssten sich jedoch im öffentlichen Diskurs und in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung bewähren, statt institutionell abgesichert zu werden.
Historiker sehen Paradigmenwechsel
Nach Auffassung des Historikerverbands geht der Entwurf über organisatorische Änderungen hinaus. Durch die geplante Neufassung der Aufgabenbeschreibung werde der Schwerpunkt der Stiftung stärker auf das Leid deutscher Vertriebener verlagert. Dadurch bestehe die Gefahr, dass die bisherige Einbettung von Flucht- und Vertreibungserfahrungen in größere historische Zusammenhänge in den Hintergrund trete. Gleichzeitig würde der Versöhnungsgedanke, der bereits im Namen der Stiftung verankert ist, geschwächt und zugunsten einer „deutschen Opferzählung“ in den Hintergrund treten.
Der VHD warnt außerdem vor negativen Folgen für die Beziehungen zu den osteuropäischen Nachbarstaaten Deutschlands. Darüber hinaus werde die Möglichkeit geschmälert, historische Erfahrungen von Flucht und Vertreibung mit den Lebensgeschichten anderer Bevölkerungsgruppen in der heutigen Einwanderungsgesellschaft in Beziehung zu setzen. Der Verband ist der Ansicht, dass der Entwurf erneut ein Verständnis von Nation transportiert, das Abstammung stärker betonte als gesellschaftliche Vielfalt.
Kritik an geplanter Neuausrichtung
Auch der Bochumer Zeithistoriker und Vorstandsmitglied des Historikerverbands, Constantin Goschler, äußert sich kritisch zu den Plänen. In einem Beitrag der Zeit wird er mit den Worten zitiert: „Flucht und Vertreibung im 20. Jahrhundert, insbesondere die der Deutschen - um welche Deutschen geht es hier?“ Er verweist darauf, dass Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit und eigener Fluchtgeschichte offenbar nicht mitgemeint seien. Nach seiner Einschätzung spreche aus dem Entwurf vielmehr eine „Definition der Deutschen als Abstammungsgemeinschaft“.
Sorge um Versöhnung
Aus Sicht der Kritiker sendet die geplante Neuausrichtung der Stiftung ein problematisches Signal. Insbesondere vor dem Hintergrund der Zuständigkeit des Innenministeriums für Migrations- und Flüchtlingspolitik wird die stärkere Konzentration auf deutsches Vertreibungsleid infrage gestellt. Goschler bezeichnet dies als „fragwürdiges politisches Signal“ und verweist auf die Bedeutung eines Erinnerungsortes, der Fluchterfahrungen weltweit sichtbar mache. Er hebt den „empathischen Blick“ hervor, mit dem das Dokumentationszentrum unterschiedliche Vertreibungsgeschichten – von Europa bis Asien und Lateinamerika – miteinander in Beziehung setzt.
Der VHD fordert deshalb eine breite gesellschaftliche und politische Diskussion über den Gesetzesentwurf. Aus Sicht des Verbands stehen dabei nicht nur Fragen der institutionellen Ausgestaltung der Stiftung, sondern auch die europäische Verständigung und der gesellschaftliche Zusammenhalt in Deutschland auf dem Spiel. In die weitere Debatte müsse zwingend auch die fachhistorische Perspektive einbezogen werden.







Kommentare
Sei der Erste, der einen Kommentar hinterlässt!