Berlin. – Die Preisträger des Deutschen Buchhandlungspreises 2025 stehen seit einigen Tagen fest. Staatsminister für Kultur und Medien Wolfram Weimer gab sie am 10. Februar bekannt. Insgesamt fließen auch in diesem Jahr eine Million Euro aus dem Bundeskulturhaushalt an ausgewählte Buchhandlungen. Die eigentliche Preisverleihung findet allerdings erst am 19. März 2026 auf der Leipziger Buchmesse statt – aus organisatorischen Gründen, wie es heißt.
Mit dem Preis werden inhabergeführte Buchhandlungen ausgezeichnet, die einen Jahresumsatz von unter einer Million Euro erzielen und ein literarisches Sortiment oder ein kulturelles Veranstaltungsprogramm anbieten, innovative Geschäftsmodelle verfolgen oder sich im Bereich der Lese- und Literaturförderung engagieren. Bis zu 100 Buchhandlungen erhalten 7.000 Euro, fünf „besonders herausragende“ 15.000 Euro und die drei „besten“ sogar 25.000 Euro. Zusätzlich werden zehn größere Buchhandlungen mit einem undotierten Gütesiegel ausgezeichnet. Für den Buchhandelspreis 2025 gab es insgesamt 483 Bewerbungen.
„Unverzichtbar für die kulturelle Grundversorgung“
Wie schon beim Deutschen Verlagspreis fand Staatsminister Weimer auch beim Buchhandlungspreis große Worte. Deutschland verfüge über ein „nahezu einzigartiges, flächendeckendes Netz unabhängiger Buchhandlungen“. Gerade in ländlichen Regionen seien diese Buchhandlungen „lebendige Treffpunkte“, die Bildung, Wissen und Unterhaltung für alle zugänglich machten.
In einer Zeit, in der Algorithmen vor allem Bekanntes und Verkaufsstarkes belohnen würden, hielten Buchhändler die Tür für „Vielfalt und Entdeckungen“ offen. Mit „Kompetenz, Neugier und Herzblut“ gäben sie Orientierung, machten „auch unbekannte Stimmen sichtbar“ und stärkten damit unabhängige Verlage. All das mache Buchhandlungen „unverzichtbar für die kulturelle Grundversorgung unseres Landes“. Der Preis sei „Anerkennung und Ermutigung zugleich“.
Schutz der Vielfalt – oder Lenkung des Diskurses?
Bereits in seinem Grußwort zum Buchhandlungspreis 2025 hatte Weimer in einem ähnlich grundsätzlichen Ton argumentiert. Mit Blick auf das Gutenberg-Jubiläum betonte er, dass der Buchdruck den „Grundstein für die Demokratisierung der Bildung und die Freiheit des Wortes“ gelegt habe. Inhabergeführte Buchhandlungen stünden in dieser Tradition. Sie seien mehr als Verkäufer: Sie vermittelten Kultur und könnten „Lesende und Literatur zusammenbringen“ – etwas, was der Onlinehandel nicht könne.
Zudem böten sie in Zeiten „ungefilterter und ungeprüfter“ Informationsflut „kuratierte Empfehlungen, fachkundige Beratung und den persönlichen Dialog“. Die „Freiheit des Wortes“ sei eines der höchsten Güter einer demokratischen Gesellschaft und müsse um jeden Preis erhalten und geschützt werden. Buchhandlungen leisteten dazu einen wichtigen Beitrag.
Die Rhetorik ist eindrucksvoll. Doch sie wirft Fragen auf. Wenn der Staat festlegt, was „kulturelle Grundversorgung“ ist, wenn er mit einer Million Euro jährlich gezielt jene Buchhandlungen auszeichnet, die einen bestimmten kulturellen Auftrag „in besonderem Maße“ erfüllen, dann geht es nicht nur um Wirtschaftsförderung. Es geht auch um kulturpolitische Setzungen, die darüber mitentscheiden, welche Inhalte, Haltungen und Programmlinien als förderwürdig gelten.
Prinz Eisenherz in Berlin
Ein Blick auf die Preisträgerliste des Deutschen Buchhandlungspreises 2025 für Berlin zeigt unter anderem einen Namen, der seit Jahrzehnten eng mit der queeren Szene verbunden ist: den Buchladen Prinz Eisenherz in Berlin-Schöneberg. Das Geschäft wurde laut eigenen Angaben 1978 aus der neuen Schwulenbewegung heraus als Kollektiv mit dem erklärten Anspruch gegründet, „das Thema Homosexualität in der Literatur in seinen ganzen Facetten sichtbar zu machen und um die schwule Kulturlandschaft zu erweitern“.
Ein Blick auf das frei zugängliche Angebot zeigt, dass es nicht nur bei Belletristik und Sachbüchern zur Kulturgeschichte bleibt. So führt der Buchladen neben Publikationen, die auch in Katalogen des deutschen Buchhandels zu finden sind – darunter der Band Spielen am Rand – 60 Jahre Leben in der schwulen Leder- und Fetisch-Szene, der laut Beschreibung einen umfassenden Einblick in die Entwicklung dieser Szene seit den 1960er-Jahren geben will und in dem in über 50 Interviews Fetisch-Identitäten, Praktiken und Szeneentwicklungen beleuchtet werden – auch solche Publikationen, die sich nicht in Buchdatenbanken finden lassen.
Kunst oder kalkulierte Provokation?
Die programmatische Ausrichtung wird besonders deutlich bei einzelnen Kunstpublikationen. So führt Prinz Eisenherz unter anderem Kavla – Issue 3: Slaughterhouse, ein Magazin von Konstantinos Menelaou. In der Selbstbeschreibung ist von einer „Erkundung der provokativen Kraft der Kunst“ durch multidisziplinäre Ausdrucksformen von LGBTQI+-Künstlern die Rede, das Schlachthaus dient dabei als queere Metapher.
Ein Einblick in die Veröffentlichung selbst wird auf der Website des Buchladens Prinz Eisenherz nicht gewährt. Andere Plattformen wie das Kaltblut Magazin zeigen jedoch einzelne Seiten. Dazu gehört unter anderem das Werk des Künstlers „Fausto“: Zu sehen sind drei vollständig nackte Männer vor einem großen schwarzen Tuch, am Boden liegt ein Gegenstand, der stark an eine Monstranz erinnert. Einer der Männer kniet in der Szene auf einer Hantelbank und vollzieht eine orale Sexualhandlung an einem zweiten Mann, während er zugleich die Hand eines dritten Mannes in seinen Anus geschoben bekommt.
Ähnlich gelagert ist das Magazin KINK – The 42nd Issue + Cuaderno 23 von Paco y Manolo, das bei Prinz Eisenherz ebenfalls im Sortiment zu finden ist. Auch diese Publikation arbeitet mit expliziter Bildsprache und rückt männliche Sexualität ins Zentrum der Inszenierung. Online einsehbare Seiten zeigen vollständig nackte Männer in erotischen Posen.
LGBT-Kinderbücher ab drei oder vier Jahren
Besonders sensibel wird die Diskussion beim Blick auf das Kinderbuchsortiment. Titel wie Ach, so ist das! – Wer statt dem Storch die Kinder bringt, das bereits für Kleinkinder ab vier Jahren empfohlen wird, behandeln Aufklärungsgeschichten, die auch Intersexualität und gleichgeschlechtliche Ehe thematisieren. Zwei Mamas für Oscar richtet sich sogar schon an Kinder ab drei Jahren und erklärt anhand einer Samenspende, wie ein Kind in einer sogenannten Regenbogenfamilie entsteht. Daddy, Papa, and Me zeigt einen Kleinkind-Alltag mit zwei Vätern. Oma Herbert thematisiert Transidentität, während das Werk Fips will keine Schildkröte mehr sein, das für Kinder zwischen vier und sieben Jahren empfohlen wird, Identitätswechsel metaphorisch aufgreift.
Kuckuck Buchhandlung
Unter den ausgezeichneten Buchhandlungen findet sich auch die Kuckuck Kinderbuchhandlung in München-Lehel. Hinter ihr steht seit 2024 der Verein Kuckuck KinderBuchKultur e.V., der sich laut Eigendarstellung zum Ziel gesetzt hat, Kindern und Erwachsenen mit „inhaltlich und illustrativ wertvollen Kinderbüchern und regelmäßig stattfindenden Veranstaltungen wie etwa Lesungen, Performances und Workshops mit Autor*innen und Illustrator*innen Themen wie Umweltbewusstsein, Diversität, Klimapolitik, Naturerleben und Toleranz nahezubringen“.
Gegründet wurde die Buchhandlung 2021 – nur zwei Jahre später erhielt sie bereits den Deutschen Buchhandlungspreis in der Kategorie „hervorragende Buchhandlung“. Im Jahr 2024 folgte die organisatorische Neuausrichtung als Verein, der auch pädagogische Einrichtungen bei der Buchauswahl berät.
LGBTQ-Literatur für Kinder und Jugendliche
Wer sich das Sortiment der Kuckuck Kinderbuchhandlung näher ansieht, erkennt schnell: Themen rund um die sexuelle Orientierung und Identität bilden keinen Randaspekt, sondern einen klar erkennbaren Schwerpunkt – und zwar quer durch alle Altersgruppen. Das Angebot reicht von sensiblen Coming-out-Geschichten bis hin zu explizit sexualpädagogischen Sachbüchern.
Der Roman Friday I’m in Love etwa wird bereits ab 12 Jahren beworben. Im Zentrum der Handlung steht eine 16-Jährige, die eine Coming-out-Party plant, sich in eine Mitschülerin verliebt und ihre sexuelle Identität gegen familiäre und soziale Hürden forciert. In Darius der Große verdient mehr wird Jugendlichen eine Geschichte präsentiert, in der ein Junge mit seinem ersten Freund zusammen ist und sein Leben zwischen Beziehung, Selbstsuche und kultureller Herkunft neu ordnet. Auch in Nur fast am Boden zerstört wird eine Liebesgeschichte zwischen zwei Jungen erzählt. In der Comic-Reihe Heartstopper wird eine Liebesgeschichte zwischen zwei schwulen Teenagern als romantische Selbstfindungserzählung für ein junges Publikum aufbereitet.
Identitätspolitik zwischen Aufklärung und Aktivierung
Noch deutlicher wird die Stoßrichtung bei Sachbüchern. Mehr als binär fordert beispielsweise offen dazu auf, „über die Kategorien Mann und Frau hinaus zu denken“. Das klassische Geschlechtersystem wird hier als überholt dargestellt, Identität erscheint als frei wählbares, fluide gestaltbares Spektrum. Mit How to Be Gay wird Jugendlichen ein „ultimatives Sachbuch zu Sex und Identität“ angeboten, das über hundert Erfahrungsberichte enthält und mit dem ausdrücklichen Hinweis „Honestly explicit in parts!“ beworben wird. Titel wie Was ist eigentlich dieses LGBTIQ? oder Queergestreift verstehen sich als niederschwellige Zugänge zu Gender- und Identitätsfragen. Neben Begriffserklärungen bieten sie Checklisten für sogenannte „Allies“, Ressourcenlisten und Vernetzungsangebote. Hier wird nicht nur informiert, sondern auch eine klare normative Haltung vermittelt.
Bilderbücher und Graphic Novels zum Thema LGBT
Besonders sensibel wird die Debatte, wenn entsprechende Themen bereits im Grundschul- oder Vorschulalter ansetzen. Julian ist eine Meerjungfrau richtet sich an Kinder ab drei Jahren und erzählt die Geschichte eines Jungen, der sich als Meerjungfrau sieht. Das Buch wird als Geschichte über Individualität gefeiert, transportiert aber zugleich die Botschaft, dass Geschlechterrollen bewusst überschritten und neu definiert werden können.
Die Graphic Novel Regenbogentage ist für Kinder ab zehn Jahren gedacht und erzählt eine Liebesgeschichte zwischen zwei Mädchen – bewusst „unaufgeregt“, wie es heißt. Zahlreiche weitere Titel im Sortiment behandeln Themen wie „Regenbogenfamilien“, Transidentität oder nicht-binäre Selbstzuschreibungen und richten sich oftmals an Altersgruppen im einstelligen Bereich. Die Buchhandlung hebt diese Werke in ihren „Buchtipps“ hervor und empfiehlt sie aktiv weiter. Das Angebot macht damit überaus deutlich, wie früh sexuelle Orientierung und geschlechtliche Selbstdefinition als zentrales Identitätsmerkmal in der Kinderliteratur verankert wird.
Politische Mobilisierung im Kinderbuchregal
Neben der starken Fokussierung auf die LGBT-Community tritt ein weiterer Aspekt hinzu: die politische Aktivierung. Mit Aktivistmuss erhalten Jugendliche eine Art Handbuch, das ihnen zeigt, wie sie gegen konservative, patriotische oder migrationskritische Positionen argumentieren und aktiv werden können – online wie offline. Dabei werden Begriffe wie „Cancel Culture“, „Querfront“ oder „Remigration“ beleuchtet und politische Strategien erläutert. Das Buch versteht sich explizit als Anleitung zum Handeln im politischen Raum.
Sie sind überall analysiert konservative und rechte Strömungen in den Sozialen Medien und soll junge Leser für entsprechende Narrative sensibilisieren. In Fake News wird der Begriff „Lügenpresse“ beleuchtet und der Umgang mit politischer „Desinformation“ erläutert – mit einer klaren Stoßrichtung gegen bestimmte politische Milieus.
In Wie wir mit unseren Kindern die Demokratie verteidigen wird Eltern schließlich geraten, gemeinsam mit ihren Kindern zu demonstrieren, Petitionen zu unterstützen oder sich politisch zu engagieren – als Reaktion auf gesellschaftliche Entwicklungen, die als problematisch beschrieben werden. Politisches Engagement erscheint hier nicht als Option, sondern als pädagogisch vermittelbarer Auftrag. Zwar sind die genannten Titel grundsätzlich über zentrale Buchdatenbanken und den regulären Großhandelsweg bundesweit bestellbar. Entscheidend ist hier jedoch nicht ihre bloße Verfügbarkeit, sondern ihre gezielte Platzierung und Empfehlung im Sortiment der Kuckuck-Buchhandlung.
Cardabela mit klarer politischer Schlagseite
Zu den ausgezeichneten Buchhandlungen des Deutschen Buchhandlungspreises 2025 zählt auch der Cardabela Buchladen in Mainz. Das Geschäft existiert seit 1979 in der Mainzer Neustadt, wurde von einem Kollektiv gegründet und ist bis heute von dem Selbstverständnis eines alternativen Kulturortes geprägt. Cardabela beschreibt sich selbst als „etwas anderen Buchladen“, der mit einem „alternativen Programm“ gesellschaftspolitische Diskussionen unterstützen will. Man räume kleinen, unabhängigen Verlagen einen „gebührenden Platz“ ein und wolle unbekannte Autoren sichtbar machen. Dabei sind Bücher ausdrücklich auch Teil eines politischen und kulturellen Projekts.
Diese Ausrichtung wird besonders im Veranstaltungsprogramm deutlich. So fand im vergangenen Sommer beispielsweise in Kooperation mit den Linken Mainz/Mainz-Bingen eine feministische Leseveranstaltung statt. Thema war eine Gesprächsrunde zur Einführung in das Denken Hannah Arendts, der deutsch-amerikanischen politischen Theoretikerin, deren Arbeiten bis heute in Debatten über Totalitarismus, Macht und politische Verantwortung herangezogen werden.
Unrast und Verbrecher als politisches Netzwerk
Noch eindeutiger ist eine weitere Veranstaltung: ein Vortrag mit dem Autor Stefan Dietl zum Thema Antisemitismus und die AfD, der in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung organisiert wurde und ebenfalls vergangenen Sommer stattfand. Dietl ist dabei kein unbeschriebenes Blatt, sondern publiziert regelmäßig in dezidiert linken Medien wie der Wochenzeitung Jungle World und dem Monatsmagazin konkret. Laut Eigendarstellung liegen seine Arbeitsschwerpunkte in Klassenanalyse, Gewerkschaftspolitik und der Beobachtung der politischen Rechten. Die Buchhandlung lud also nicht einfach einen Autor ein, sondern einen publizistischen Akteur, der seit Jahren in einem klar linken Milieu schreibt und argumentiert.
Dietls Bücher erscheinen unter anderem im Unrast Verlag und im Verbrecher Verlag. Diese Verlage sind weniger für literarische Offenheit als für ihre politische Programmatik bekannt. Der 1989 entstandene Unrast Verlag versteht sich bis heute als dezidiert politisches Projekt. Auffällig ist die systematische Abdeckung des gesamten Antifa-Spektrums – bis hin zu Publikationen, die sich ausdrücklich an junge Schüler richten. Dazu zählt etwa die Broschüre Tipps & Tricks für Antifas und Antiras, die unter anderem Tipps enthält, wie man eine Antifa-Gruppe aufbaut, aber auch – teils offen, teils verklausuliert – Anleitungen zum „Straßenkampf“ gibt. Insgesamt kann so beim Betrachter der Eindruck entstehen, dass die Broschüre Jugendliche und Kinder beispielsweise gezielt auf die physische Konfrontation mit der Polizei vorbereiten möchte.
Auch der Verbrecher Verlag geriet in der Vergangenheit bereits in die Kritik, weil er 2013 ein Buch einer Antifa-Gruppe, dem „Antifa Recherche Team Dresden“, veröffentlichte, die vom Sächsischen Landesamt für Verfassungsschutz als linksextremistisch eingestuft wird.
Queerfeministisches Kollektiv hinter Glitch in München
Auch der glitch.bookstore in München zählt zu den prämierten Buchhandlungen. Der Laden versteht sich ausdrücklich nicht als klassischer Buchhändler, sondern als „politischer, feministischer Ort“, der in eine „queerfeministische Zukunft“ überführt werden soll. Das rund 30-köpfige Kollektiv, das den Laden im Herbst 2023 gegründet hat, will mit seiner Agenda „heteronormative Vorstellungen“ aufbrechen, binäres Denken überwinden und Themen wie Trans, Rassismus, Klassismus oder Speziesismus ideologisch rahmen.
Entsprechend fällt auch das Sortiment aus. Neben Belletristik und Sachbüchern finden sich zahlreiche Titel, die sich explizit gegen konservative Gesellschaftsvorstellungen richten. Dabei betont glitch, dass man unabhängig vom queerfeministischen Profil grundsätzlich alle lieferbaren Bücher bestellen könne – das Sortiment stützt sich also auch auf zentrale Buchdatenbanken. So führt etwa auch Glitch das oben bereits erwähnte und umstrittene Tipps & Tricks für Antifas und Antiras aus dem Unrast Verlag im Sortiment. Auch der Antifa-Taschenkalender 2027 gehört zum Angebot. Hinzu kommen Titel wie Slay, gegen rechts sowie die eigene Kategorie „Patriarchat stinkt“, in der Bücher wie Piss on Patriarchy, Die Zukunft ist nicht binär oder Die letzten Tage des Patriarchats einsortiert werden.
Die Selbsteinordnung als queerfeministische Buchhandlung spiegelt sich schließlich auch im Sortiment zu Queerness und LGBT wider. Zur kuratierten Auswahl gehören Bücher wie Queere Küsse gegen rechts, Materialistischer Queerfeminismus oder Das homosexuelle Begehren. Unterdessen propagieren Titel wie Schlampen mit Moral eine Entgrenzung klassischer Beziehungsmodelle.
Von „Vielfalt“ zur Agitation: Demoaufrufe gegen rechts
Doch Glitch beschränkt sich nicht nur auf das Angebot eines queerfeministischen Sortiments. Besonders auffällig ist auch die offene politische Mobilisierung über Instagram. So hat der Buchladen Anfang Juni 2025 den Aufruf zu einer Antifa-Demonstration in Jena beworben. Auf dem Bild waren mehrere Antifaschisten zu sehen, die unter anderem ein Banner vor sich hielten. Darauf stand vor dem Hintergrund der Ermittlungen rund um den sogenannten Budapest-Komplex: „Free all Antifas. Keine Auslieferung nach Ungarn“.
Der Buchladen hat auch schon zuvor unter dem Motto „Gemeinsam gegen rechts“ zur Teilnahme an einer anderen Demonstration aufgerufen und dabei die Verteidigung „unserer Demokratie“ gefordert.
Von Demoaufrufen zur Solidarität mit Inhaftierten
Die Solidaritätsbekundungen im Zusammenhang mit dem sogenannten „Budapest-Komplex“ sind allerdings noch nicht alles. Auf Instagram veröffentlichte Glitch mehrere Beiträge, in denen Unterstützer aufgerufen wurden, inhaftierte Antifaschisten mit Büchern zu versorgen. In einem Beitrag mit dem Titel „Bücher für Hanna“ etwa hieß es, man wolle sich „solidarisch mit allen Antifaschist*innen in Haft“ zeigen, und diese Solidarität solle „nicht an den Gefängnismauern enden“. Mit Hanna ist die mutmaßliche Linksextremistin Hanna S. gemeint. Sie wurde vergangenen Herbst unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung zu fünf Jahren Haft verurteilt.
Dass sich ein staatlich prämierter Buchladen demonstrativ mit Beschuldigten in einem Verfahren wegen politisch motivierter Gewalttaten solidarisiert, wirft zwangsläufig Fragen auf.
Schwarze Risse Berlin: Linke Infrastruktur seit 1980 – und Solidarität mit dem militanten Milieu
Mit „Schwarze Risse“ findet sich unter den ausgezeichneten Buchhandlungen ein Laden, der sich nicht nur als Buchhändler, sondern auch als Teil einer politischen Szene versteht. Seit 1980 ist er im Kreuzberger Mehringhof ansässig. Der Buchladen beschreibt sich selbst als „Teil einer linken Öffentlichkeit und Infrastruktur in der Stadt“. Bis heute wird er als selbstverwaltetes Kollektiv betrieben. Schwarze Risse ist somit kein unpolitischer Ort literarischer Vielfalt, sondern ein dezidiert ideologisches Projekt. Das zeigt sich besonders deutlich in den Empfehlungen des Ladens selbst.
Militanz als Traditionslinie
Empfohlen wird etwa das Buch Haftantritt ausgesetzt, das die Geschichte eines Antifaschisten erzählt, der nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft in Stammheim untertaucht und ins Exil geht, um einer weiteren Haftstrafe zu entgehen. Auch das Anarchafeministische Manifest wird als praxistaugliche „Gebrauchsanweisung“ für zukünftige Kämpfe gelobt. Darin wird Feminismus nicht als Gleichberechtigungsbewegung verstanden, sondern als umfassendes Projekt gegen Kapitalismus, Cisgender-Dominanz, „Elitefeminismus“ und die gesellschaftliche Ordnung insgesamt.
Mit dem Sammelband Generalverdacht wird die Debatte um Clankriminalität zudem grundsätzlich delegitimiert. Medienberichte und polizeiliche Maßnahmen werden darin als „fantasierte Bedrohung“ beschrieben, Razzien als rassistische Kriminalisierung migrantischer Stadtteile. Das Buch dreht die Perspektive damit vollständig um. Im Fokus steht nicht die organisierte Kriminalität, sondern der Rechtsstaat selbst, der als stigmatisierend dargestellt wird.
Besonders brisant wird es bei Büchern, die sich ausdrücklich mit militanten Gruppen der linken Szene beschäftigen. So zeichnet Mili bittet zum Tanz die Geschichte der radikal-feministischen Gruppe Rote Zora nach, die in der Bundesrepublik Anschläge verübte. Die Publikation enthält über 20 Anschlagserklärungen und diskutiert die Frage, welche Bedeutung „feministische Militanz“ heute noch haben könne.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der offenen Delegitimierung staatlicher Sicherheitsorgane. In dem Buch Die Polizei: Helfer, Gegner, Staatsgewalt wird die Polizei als Organisation mit „Gewaltlizenz“ beschrieben, die von Korpsgeist und Rassismus geprägt sei. Noch einen Schritt weiter geht Ohne Polizei/Gewalt, das eine Reise „durch Welten ohne Polizei“ anbietet und die Debatte über die Abschaffung der Polizei intensivieren möchte.
Kulturpolitik im Kreuzfeuer der AfD
Angesichts der Programmatik dieser und möglicherweise auch anderer ausgezeichneter Buchhandlungen stellt sich unweigerlich die Frage, ob und in welchem Umfang eine solche Ausrichtung mit öffentlichen Mitteln gefördert werden sollte. Eine Einschätzung dazu gibt der kulturpolitische Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion, Matthias Helferich.
Grundsätzlich sei nichts dagegen einzuwenden, dass der Staat „herausragende kulturelle Leistungen fördert“, erklärt der Abgeordnete auf Anfrage von FREILICH. Gerade bei Preisen, Stipendien und Fördermitteln verfüge der Staat über einen „großen Handlungsspielraum“, qualitative Werturteile seien durchaus in einem bestimmten Rahmen möglich. Problematisch werde es jedoch dann, wenn Personen oder Stilrichtungen kategorisch von Förderungen ausgeschlossen würden oder wenn die staatliche Förderung eine „Schlagseite“ bekomme, die für die Bürger überhaupt nicht mehr nachvollzogen werden könne.
Auf die Frage nach den Maßstäben für die Vergabe des Buchhandlungspreises verweist Helferich auf die kulturpolitische Entscheidungsfreiheit der Regierung. „Eine patriotische Bundesregierung würde sicherlich ganz andere Akzente setzen als der gegenwärtige Kulturstaatsminister“, so der AfD-Politiker. Dennoch müsse es objektive Kriterien geben. Wenn – wie zuletzt beim Verlagspreis – indirekt „linksterroristische Umtriebe“ gefördert würden, sei das „geradezu grotesk“.
Explizite Inhalte und die Verantwortung des Staates
Mit Blick auf das Berliner Sortiment von „Prinz Eisenherz“ und die dort angebotene Kunstpublikation mit expliziten sexuellen Darstellungen erklärt Helferich: „Das Kunstempfinden des Staates und das des Volkes sollten in einer Demokratie nie zu weit auseinandergehen“. Die oben geschilderten Beispiele würden bei der Mehrheit der Bürger „gelinde gesagt auf Unverständnis stoßen“.
Zur Frage nach der Grenze zwischen Kunstfreiheit und pornografischer Provokation führt er aus: „Etwas, das der Staat auf der einen Seite als jugendgefährdend einstuft, kann er auf der anderen Seite nicht durch Förderungen auszeichnen. Das wäre völlig widersinnig.“ Zugleich betont er, man könne eine Buchhandlung nicht allein deshalb von staatlichen Preisverleihungen ausschließen, weil sie „etwas breiter aufgestellt“ sei – hier müsse man im Einzelfall prüfen. „Anders sieht das jedoch bei einschlägigen Buchhandlungen aus. Daran muss sich die Regierung messen lassen.“
Besonders kritisch äußert sich Helferich zur Schwerpunktsetzung im Kinder- und Jugendbereich, etwa bei der Kuckuck Kinderbuchhandlung. Die staatliche Auszeichnung entsprechender Konzepte sende „ein fatales Signal“. Bürger müssten darauf vertrauen können, „dass der Staat keine Ideologien fördert, die das Kindeswohl gefährden“. Eine bloße Nachschärfung des Regelwerks reiche hier nicht aus – notwendig sei vielmehr „eine Veränderung der politischen Machtverhältnisse“.
Kritik an Jury-Schlagseite und politischer Vernetzung
Im Hinblick auf parteipolitische Kooperationen – etwa zwischen der Mainzer Buchhandlung Cardabela und der Partei Die Linke oder der Rosa-Luxemburg-Stiftung – sieht Helferich weniger ein Problem einzelner Veranstaltungen als vielmehr ein strukturelles Defizit. Politische Neutralität müsse „nicht zwingend“ das zentrale Kriterium sein. Vielmehr habe man es in der Bundesrepublik seit Jahrzehnten mit dem Phänomen zu tun, „dass Linke Linken Preise verleihen“. Entscheidend sei daher die mangelnde politische Neutralität der Jurys, die ihm „ein Dorn im Auge“ sei.
Deutliche Worte findet er schließlich zur Solidaritätsbekundung der Münchner Buchhandlung Glitch mit Beschuldigten im sogenannten Budapest-Komplex. „Ich kann einer linksextremen Buchhandlung schlecht vorwerfen, dass sie linksextrem ist“, so Helferich. Dass eine solche Buchhandlung jedoch staatlich ausgezeichnet werde, könne „mit dem Willen des Souveräns mitnichten übereinstimmen“. In diesem Zusammenhang seien „bereits alle Dämme gebrochen“.
„Alles auf den Prüfstand“: Forderung nach Neuordnung
Auch die Einschätzung von Kulturstaatsminister Weimer, wonach die prämierten Buchhandlungen unverzichtbar für die kulturelle Grundversorgung seien, teilt Helferich ausdrücklich nicht. Er könne „versprechen, dass eine patriotische Bundesregierung in Deutschland auf eine ganze Menge verzichten wird – nicht zuletzt auf die Wertmaßstäbe von Herrn Dr. Weimer“.
Was mögliche Reformen des Deutschen Buchhandlungspreises betrifft, fordert der AfD-Politiker eine grundlegende Überprüfung. „Im gegenwärtigen Kulturkampf muss grundsätzlich alles auf den Prüfstand gestellt werden.“ Verbesserungen bei der Preisvergabe, etwa durch die Auslagerung an unabhängige Gremien, seien zwar wünschenswert. Doch auch hier wiederholt Helferich seine zentrale Forderung: Nicht das „Herumdoktern an Regelwerken“, sondern allein eine Veränderung der politischen Machtverhältnisse könne die aus seiner Sicht bestehende „linke Hegemonie im Kulturbereich brechen“.



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