Inmitten der sich verschärfenden US-Kriegsführung gegen den Iran vollzieht sich eine bemerkenswerte Entwicklung in der außenpolitischen Debatte der USA: Ausgerechnet einzelne Neokonservative – jahrzehntelang die lautstärksten Verfechter amerikanischer Militärinterventionen – melden sich nun mit ungewohnt kritischen Tönen zu Wort.
Vom Irak-Kriegsbefürworter zum Mahner
Allen voran Robert Kagan, einst glühender Befürworter des Irakkriegs und Vordenker amerikanischer Weltmachtpolitik, ringt sich in einem aktuellen Beitrag für den Atlantic zu einer bemerkenswerten Selbstkritik durch. Darin argumentiert er sinngemäß, dass die Terrorgefahr aus dem Nahen Osten selbst ein Produkt amerikanischer Einmischung sei – und nicht deren Rechtfertigung. Seit den 1940er-Jahren seien die USA tief in der Politik der muslimischen Welt verwurzelt gewesen, weshalb islamistische Milizen ein vitales Interesse daran entwickelt hätten, ein Land anzugreifen, das andernfalls kaum auf ihrem Radar aufgetaucht wäre.
Im Falle des Irans verweist Kagan auf die jahrzehntelange Unterstützung des brutalen Regimes von Schah Mohammad Reza Pahlavi durch die USA bis zur Revolution im Jahr 1979. Demnach wäre der sicherste Weg, islamistischen Terrorangriffen zu entgehen, gewesen, sich schlicht herauszuhalten. Derselbe Mann, der einst ein Buch über die unverzichtbare Rolle Amerikas als globaler Ordnungshüter verfasste, bezeichnet Israel nun sinngemäß als das Südvietnam unter den unzuverlässigen Verbündeten.
Demokratie ja, Trump nein
Ähnlich äußert sich Bill Kristol, Gründer des inzwischen eingestellten Weekly Standard und einer der ersten und hartnäckigsten Fürsprecher für den Sturz Saddam Husseins. Kristol, der zwei Jahrzehnte lang US-Militäreinsätze im Nahen Osten unterstützte, gehört seit Kriegsbeginn zu den schärfsten Kritikern des Krieges im Iran. Grundsätzlich hält er zwar an der Idee eines von außen geförderten Demokratiewandels im Iran fest, greift die Trump-Administration jedoch scharf an – wegen Inkompetenz und fehlender strategischer Ziele.
David Frum, der als Redenschreiber für George W. Bush tätig war und durch seine polemische Abrechnung mit konservativen Gegnern des Irakkriegs als „unpatriotischer Konservativer“ bekannt wurde, stellt heute die Frage, wie Gesetzgeber sicherstellen könnten, dass die Iraner ihre Zukunft selbst bestimmen. Auch er zweifelt an den strategischen Zielen des Krieges und sieht darin vor allem den Ausdruck von Trumps Launenhaftigkeit.
Politisches Kalkül statt echter Sinneswandel?
Wie sind diese scheinbaren Kehrtwenden zu deuten? Ein echter Schwenk hin zu außenpolitischer Zurückhaltung erscheint laut dem US-Magazin Responsible Statecraft unwahrscheinlich. Naheliegender sei demnach politisches Kalkül: Kristol und Frum seien bekennende Trump-Gegner. Sie würden nicht die Kriegsziele an sich ablehnen, sondern den Mann, der den Krieg führt, sowie seine Art, dies zu tun.
Hinzu kommt, dass der Krieg äußerst unpopulär sei. Die öffentliche Meinung in den USA habe sich in Bezug auf die Nahostpolitik spürbar gewandelt. Neben einer wachsenden Ernüchterung über gescheiterte Regimewechsel habe insbesondere der Gazakrieg das Bild, das junge Amerikaner von Israel haben, deutlich eingetrübt – eine Entwicklung, die sich nun im laufenden Krieg zwischen den USA und Israel gegen den Iran fortsetzt. Kagans Positionierung folgt laut dem Bericht einer gewissen inneren Logik: Bereits in der Obama-Ära habe er begonnen, Differenzen zwischen amerikanischen und israelischen Interessen offen anzusprechen.
Von einem geschlossenen Wandel kann dennoch keine Rede sein. Prominente Stimmen wie Bret Stephens und Eliot Cohen sowie die Analysten der Denkfabriken Foundation for Defense of Democracies und Hudson Institute unterstützen den Krieg laut dem Bericht von Responsible Statecraft weiterhin.




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