In der libanesischen Bekaa-Ebene im Norden hat sich einem Bericht des Telegraph zufolge eine ungewöhnliche Allianz gebildet: In der christlich geprägten Ortschaft Ras Baalbek arbeiten die katholischen Bewohner eng mit der schiitischen Miliz Hisbollah zusammen. Das Ziel besteht darin, die lokale Bevölkerung sowie religiöse Stätten zu schützen.
Der rund 6.000 Einwohner zählenden Gemeinde, in der sich auch zwei byzantinische Kirchen befinden, werden enge Beziehungen zur vom Iran unterstützten Organisation nachgesagt. Diese gehen so weit, dass die Hisbollah dem Dorf jährlich einen Weihnachtsbaum bereitstellt. Ein lokaler Vertreter erklärte dem Bericht zufolge, das Verhältnis zur Miliz sei enger als jenes zur katholischen Kirchenführung. Der Vatikan habe aus seiner Sicht keine konkrete Hilfe geleistet, während die Hisbollah aktiv für den Schutz der Bevölkerung gekämpft habe.
Gemeinsamer Kampf gegen IS stärkte Bündnis
Die Grundlage für diese Kooperation entstand während des Syrienkriegs. Zwischen 2013 und 2017 versuchten Kämpfer des sogenannten „Islamischen Staates“ mehrfach, aus Syrien in das Gebiet vorzudringen. Ihr Ziel war es, das Dorf zu zerstören und die christliche Bevölkerung zu töten. Ein Dorfbewohner berichtete, dass IS-Kämpfer Arbeiter entführt und gefoltert hätten. In dieser Phase leisteten zunächst ausschließlich die Hisbollah und die lokalen Bewohner Widerstand. Gemeinsam habe man mit Raketen und anderen Waffen gegen die Angreifer gekämpft, wobei es Verletzte und Tote gegeben habe. Laut Darstellung habe sich die libanesische Armee erst später aktiv beteiligt. Ein Soldat bestätigte rückblickend erhebliche Verluste und gab zu, dass es anfangs an Ausrüstung und Logistik gefehlt habe. Erst 2017 gelang es der Armee im Rahmen einer Offensive, die Extremisten aus der Region zu vertreiben.
Angst vor neuen Angriffen aus Syrien
Aktuell wächst in der Region erneut die Sorge vor einer Eskalation. Insbesondere die möglichen Entwicklungen in Syrien werden misstrauisch beobachtet. Hintergrund ist unter anderem die Vergangenheit des neuen syrischen Präsidenten, der zuvor mit dschihadistischen Gruppen in Verbindung gestanden haben soll. Zwar gibt es keine konkreten Hinweise auf geplante Angriffe auf den Libanon, doch die geografische Nähe und frühere Erfahrungen nähren die Angst in der Bevölkerung.
Laut Bericht kommt es parallel dazu weiterhin zu militärischen Spannungen mit Israel. In den vergangenen Monaten hatten zahlreiche Luftangriffe und Drohneneinsätze die Region geprägt. Die Vereinten Nationen registrierten demnach Tausende Verstöße gegen die Waffenstillstandsvereinbarungen. Es wird von zivilen Opfern sowie gezielten Angriffsdrohungen gegenüber Familien berichtet. Diese Lage hat dazu geführt, dass Teile der Bevölkerung ihre Unterstützung für die Hisbollah weiter verstärken. Ein Dorfbewohner erklärte, Israel sei der Hauptgegner, während die Hisbollah als Verbündeter betrachtet werde.
„Krieg gegen Epstein-Leute“
In diesem Klima äußerten einige Bewohner auch weitreichende Theorien. So erklärte etwa ein junger Mann dem Telegraph, man befinde sich im Krieg mit den Epstein-Leuten: „Die Leute, die Kinder essen, braten und vergewaltigen. Das sind Monster, Bestien. Das sind keine Menschen. Aber das Schlimmste daran ist, dass genau diese Leute die Welt regieren.“ Solche Aussagen spiegeln die tiefe Verunsicherung und das Misstrauen wider, die sich angesichts der anhaltenden Konflikte in Teilen der Bevölkerung entwickelt haben.
Trotz internationaler Kritik an der Hisbollah sieht ein Teil der christlichen Bevölkerung in der Miliz einen verlässlichen Schutzfaktor. Als Gründe werden militärische Hilfe gegen den IS, medizinische Unterstützung während der Coronapandemie sowie infrastrukturelle Hilfe in Form von Stromgeneratoren genannt. Ein Dorfbewohner betonte, dass eine Distanzierung von der Hisbollah für viele Christen in der Region unter diesen Umständen kaum vorstellbar sei.





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