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Tartarische Post (2): Musk, Mavic und Männer in Adiletten

Technologische Überlegenheit entscheidet moderne Kriege längst stärker als ideologische Bekenntnisse oder traditionelle Militärdoktrinen. Ilia Ryvkin zeigt, warum Russland den Wandel zur digitalen Kriegsführung unterschätzte und welche Lehren Europa daraus ziehen sollte.

Ilia Ryvkin
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Günstige Quadrokopter haben die moderne Kriegsführung grundlegend verändert und übernehmen heute Aufgaben, die einst spezialisierten Waffensystemen vorbehalten waren. (Bild: IMAGO / ITAR-TASS)

Als die USA 2014 Sanktionen gegen die russische Raumfahrtindustrie verhängten, spottete Dmitri Rogosin, damals russischer Vizepremier und politischer Aufseher des Raumfahrtsektors, Washington könne seine Astronauten künftig per „Trampolin“ zur ISS schicken. Sechs Jahre später brachte SpaceX erstmals Astronauten mit der Crew Dragon ins All. Elon Musk kommentierte trocken: „The trampoline is working.“

Elon Musks Starlink-Konstellation umfasst inzwischen mehr als zehntausend Satelliten im niedrigen Erdorbit und ermöglicht nahezu weltweite Kommunikation; die nächste Generation V3 steht bereits zur Einführung bereit. Russland verfügt zwar über viele Dutzend militärische Satelliten verschiedener Typen, doch ein eigenes, mit Starlink vergleichbares Kommunikationsnetz im erdnahen Orbit brachte die Ära Rogosin nicht hervor.

Vom Nationalisten zum Raumfahrtchef

Dmitri Rogosin, den Eduard Limonow als „vielleicht nicht den ersten, aber doch einen Ersatzspieler auf der Kremlbank“ bezeichnete, stammt aus einer einflussreichen Familie und hat eine politische Laufbahn voller überraschender Wendungen hinter sich. Als Sohn eines sowjetischen Rüstungsgenerals studierte er zur Sowjetzeit „Auslandsjournalistik“, was auf eine gewisse Nähe zur Ersten Hauptverwaltung des KGB hindeuten mag. Nach dem Zerfall der Sowjetunion gründete er den „Kongress der russischen Gemeinden“, der sich den Schutz der Russen in den neuen postsowjetischen Staaten auf die Fahnen schrieb, die Bewegung faktisch jedoch einhegte und einer möglichen russischen Irredenta die Spitze nahm. Später führte er die nationalistische Partei Rodina, auf Deutsch „Heimat“, und wurde ausgerechnet danach Russlands Botschafter bei der NATO. Es folgten die Aufsicht über den militärisch-industriellen Komplex, der Chefposten bei Roskosmos und der Auftritt im Kampfanzug im Donbass.

„Seit über 450 Tagen stürmen unsere Jungs Malaja Tokmatschka. Meter für Meter, heldenhaft und unbeirrt. Der Durchbruch steht unmittelbar bevor.“ So twittert der ehrwürdige Patriot vom Dienst täglich. „Unsere Jungs“, buchstäblich.

Mittlerweile haben es die Jungs schwerer, seit ihnen Anfang Februar der Zugriff auf Starlink entzogen wurde. Die russische Front ist deshalb weder eingebrochen noch ist der Vormarsch zum Stillstand gekommen. Der Wegfall von Starlink beseitigt jedoch einen wichtigen Vorteil, dessen Verlust sich insbesondere bei Drohnen- und Marschflugkörperschlägen tief im russischen Hinterland bemerkbar machen dürfte. Wer hätte auch ahnen können, dass Elon Musk zu solcher Heimtücke fähig sein würde? Die Moskauer roten Neokons und Sowjetboomer sahen in ihm einen verlässlichen Verbündeten in der gemeinsamen Front gegen die Globalisten, einen Mann, der Trump zur Macht verholfen hatte, was Alexander Dugin allen Ernstes als „konservative Revolution“ bezeichnete.

Silicon Valley als neue Supermacht

Der wichtigste Gegner Russlands sind nach Ansicht des russischen Philosophen und Drohnenproduzenten Alexej Tschadajew heute weder die Ukraine noch die NATO, sondern die Techbros des Silicon Valley. Russland ist für sie kein Feind im eigentlichen Sinne und schon gar kein Gegenstand historischer Abrechnung. Es ist vielmehr eine Zielscheibe auf einem kommerziellen Erprobungsgelände: ein Raum, in dem sich neue Technologien unter Kriegsbedingungen testen lassen, bevor sie anschließend auf dem Weltmarkt angeboten werden.

Lange vor Beginn des Krieges unterlief Russland nach Ansicht Alexej Tschadajews ein folgenreicher Denkfehler: Man blickte gebannt auf die NATO und übernahm, was dort als militärische Zukunft galt. Die Amerikaner verstanden Drohnen als unbemannte Flugzeuge. Entsprechend groß, teuer und technisch aufwendig fielen Predator und Reaper aus. In China setzte sich ein anderes Modell durch: die Drohne als Gadget, fast wie ein Mobiltelefon mit Propellern. Sie sollte billig sein, in großen Stückzahlen verfügbar und leicht zu bedienen. Bewaffnete Bastler im Nahen Osten trieben dieses Prinzip noch weiter. Ein paar Streben, vier Motoren, ein Controller, ein Akku und eine Kamera genügen für fliegendes Verbrauchsmaterial. Die eigentliche Revolution lag im Preis. Ihre Bekämpfung kostet häufig ein Vielfaches.

Russland blieb lange beim großen Modell. Es baute Systeme wie den „Orion“, setzte auf Aufklärer wie den „Orlan“ und produzierte mit dem „Forpost“ eine russische Variante eines israelischen Entwurfs. Kleine taktische Aufklärer und Kamikazedrohnen führten ein Schattendasein. Ihre Bedeutung erkannten zuerst Milizen und technische Enthusiasten im Donbass. Mit Beginn des Großkriegs rollten chinesische Mavic-Drohnen lastwagenweise an die Front. Ein Gerät für Hochzeitsfilmer und Reiseblogger wurde zum Auge der Artillerie. Auch die späteren russischen Erfolgsmodelle wuchsen selten in den großen Strukturen des militärisch-industriellen Komplexes heran. KWN, „Molnija“ und andere Systeme entstanden in kleinen Entwicklergruppen, häufig buchstäblich in Garagen. In der Ukraine erhielten solche Leute mehr Spielraum. In Russland mussten sie sich zusätzlich gegen Beamte und Vorschriften behaupten. Hinzu kamen jene Experten, die schon zu Sowjetzeiten alles verstanden zu haben glaubten.

Das digitale Gefechtsfeld entscheidet

Am deutlichsten zeigt sich das Versagen bei der Kommunikation. Milliarden versickerten in Korruptionsfällen rund um Funkgeräte, Router und Satellitentechnik. Breitband galt einer Armee, die Kommunikation vor allem als Befehl und Rückmeldung verstand, lange als Humbug. Das digitale Gefechtsfeld, auf dem zahlreiche Sensoren Daten erfassen und eine KI sie auswertet, blieb eine abstrakte Zukunftsvision, bis der Gegner es unter realen Kriegsbedingungen vorführte.

Russen wie Europäer werden erst noch begreifen müssen, dass der Krieg unserer Zeit keine bloße „Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ mehr ist. Ein ganzes Arsenal neuer Systeme hat binnen kürzester Zeit überall die Versuchung geweckt, das bestehende Kräfteverhältnis neu zu ordnen. Diese Versuchung erfasst Großmächte ebenso wie die berüchtigten „Männer in Adiletten“ der Hisbollah. Oft wirkt sie stärker als der ursprüngliche politische Anlass. Die Technik entwickelt sich, wird billiger, verbreitet sich massenhaft und schafft Tatsachen, denen die Politik anschließend nur noch hinterherläuft.

Dieser Text wurde zuerst in der FREILICH-Ausgabe Nr. 41 „Der übergriffige Staat“ abgedruckt.

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