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Umfrageanalyst über Israel-Wahl: „Es geht darum, wessen Koalitionspartner giftiger sind“

Der Umfrageanalyst Daniel Stiebel über den israelischen Wahlkampf, die Tücken der Umfrageforschung und die Frage, warum ausgerechnet Generäle für das linke Lager antreten. Ein Gespräch vor der Knesset-Wahl am 27. Oktober.

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Benjamin Netanjahu kämpft um eine weitere Amtszeit, doch die schwierige Suche nach mehrheitsfähigen Bündnissen könnte über seine politische Zukunft entscheiden.
Benjamin Netanjahu kämpft um eine weitere Amtszeit, doch die schwierige Suche nach mehrheitsfähigen Bündnissen könnte über seine politische Zukunft entscheiden. (Bild: IMAGO/UPI Photo)

FREILICH: Herr Stiebel, in Ihrem Newsletter „Israel Elects“ aggregieren Sie israelische Umfragen – unabhängig und, nach eigener Beschreibung, dezidiert überparteilich. Wie sind Sie zu dieser Arbeit gekommen? Und was zeigen die Zahlen, was in den großen Reden meist untergeht?

Daniel Stiebel: Die kurze Antwort lautet: Ich bin Mathematiker, mein Partner in diesem Unternehmen ist Ingenieur – und wir nähern uns Politik beide instinktiv aus spieltheoretischer Perspektive. Wir zerlegen eine Lage gern in die ihr zugrundeliegenden Daten und prüfen dann, welche Handlungsmöglichkeiten den einzelnen Akteuren in diesem Licht bleiben.

„Israel Elects“ ist aus dem Versuch entstanden, diesen Zugang auf die israelische Öffentlichkeit anzuwenden. Eine der faszinierendsten Erkenntnisse der vergangenen Jahre war für uns, dass die großen Reden und Schlagzeilen sehr viel weniger zählen, als man annimmt. Journalisten und politische Kommentatoren essen, trinken und träumen Politik; normale Menschen tun das nicht. Ihnen entgeht vieles von dem, was als große Nachricht gilt, und es kann eine Weile dauern, bis selbst bedeutende Ereignisse durchsickern und die öffentliche Meinung verändern.

Wer in der politischen Blase steckt, versteht das oft nicht. Ein geradezu komisches Ergebnis ist, dass israelische Politikjournalisten gelegentlich winzige, statistisch bedeutungslose Verschiebungen in Wahlabsichtsumfragen an die Schlagzeilen des jüngsten Nachrichtenzyklus knüpfen. Ich erinnere mich an mindestens einen Fall, in dem ein allzu eifriger Reporter eine Verschiebung mit einem Ereignis erklärte, das erst nach der Erhebung der Rohdaten stattgefunden hatte.

Israelische Institute gelten als politisch nicht immer unbefangen, und die Werte einzelner Häuser weichen teils erheblich voneinander ab. Wie sortieren Sie das? Woran erkennen Sie, ob eine Umfrage etwas misst – oder etwas herstellen soll?

Das ist ein weites Feld. Demoskopen – auch meinungsstarke – fälschen nur selten offen Zahlen. Wohl aber können ihre Erhebungs- oder Gewichtungsmethoden – also die Modelle, mit denen sie ihre Stichprobe an die Gesamtwählerschaft anpassen – politische oder professionelle Voreingenommenheiten widerspiegeln. Manchmal sieht man leicht, dass ein Institut immer wieder überdurchschnittlich politisierte Menschen befragt, oder ein anderes fragwürdige, mitunter geradezu törichte demografische Annahmen trifft. In der Regel aber sind solche Fehler schwer zu entdecken.

Was allerdings vorkommt: Umfrageinstitute stellen Fragen, die entweder unklug oder absichtlich irreführend sind. Am besten erkennt man solche Fälle, indem man prüft, wie genau die Frage den Sachverhalt und die Wahrnehmung der Wähler trifft. Ein Beispiel: In der Debatte darüber, ob Israel einem Geiselabkommen mit der Hamas zustimmen solle, ging es im Kern um die Frage, ob der von der Hamas geforderte Preis es wert sei. Vor diesem Hintergrund liegt auf der Hand, dass Umfragen, die diesen Abwägungscharakter ausblenden oder kleinreden, die Zustimmung zum Abkommen systematisch überhöhen – während solche, die die Kosten betonen und sie womöglich höher ansetzen, als die meisten Wähler glauben, die Ablehnung überzeichnen.

Und schließlich gibt es Fälle, in denen die Demoskopen wirklich nichts dafür können. Sie können hervorragende Arbeit leisten – und dann klebt ein parteiischer Journalist ihre Daten unter eine Überschrift, die einen belanglosen Ausreißer zum Erdbeben erklärt. Dieser Falle entgeht man am leichtesten, indem man auf Trends achtet statt auf einzelne Datenpunkte.

Israel wählt am 27. Oktober – die erste fristgerecht abgehaltene Knesset-Wahl seit 1988, und die scheidende Regierung ist die erste seit 1973, die eine volle Amtszeit durchgehalten hat. Für Leser in Österreich und Deutschland, die israelische Politik als permanenten Ausnahmezustand wahrnehmen: Wie ungewöhnlich ist diese Normalität?

Es ist tatsächlich sehr ungewöhnlich, dass eine Regierung ihre volle Amtszeit absolviert, und der Grund dafür ist denkbar einfach. Noch nie hat eine Partei allein eine Mehrheit in der Knesset gewonnen, was bedeutet, dass Israel immer von Mehrparteienkoalitionen regiert wurde.

Bei 120 Sitzen also immer die Suche nach 61 Mandaten.

Genau. Jede Koalition überlebt nur so lange, wie ihre Bestandteile zu Kompromissen bereit sind – und dieser Kompromiss hat selbstverständlich seinen politischen Preis. Mit der Zeit wird der Ertrag dieses Preises immer kleiner. In einer Kernfrage nachzugeben, mag sich lohnen, wenn es einem vier Regierungsjahre einbringt; drei Jahre später, wenn derselbe Kompromiss allenfalls noch ein weiteres Jahr im Amt erkauft, lohnt es sich womöglich nicht mehr. Und so werden die Mitglieder jeder Koalition mit der Zeit immer unbeweglicher, bis das Ganze zusammenbricht.

Dieses Mal aber lagen die Umstände besonders. Zunächst einmal führte die Verfestigung der israelischen Parteien zu zwei klar geschiedenen Lagern – pro und kontra Netanjahu – dazu, dass eine Wahl nur zwei Ergebnisse haben konnte: Entweder bilden alle Mitglieder der amtierenden Regierung gemeinsam auch die nächste, oder sie sitzen gemeinsam in der Opposition. Und da die Umfragewerte der Regierungsparteien insgesamt reichlich trostlos waren, hatte keine von ihnen ein Interesse an vorgezogenen Neuwahlen. So hat sich diese Regierung trotz aller Drohungen und aller Pokerei über die Ziellinie geschleppt.

Netanjahu prägt die israelische Politik seit über zwanzig Jahren. Was zeigen Ihre Daten: Bleibt sein Rückhalt stabil, oder schrumpft er auf einen harten Kern zusammen, der nur deshalb so schwer wiegt, weil das andere Lager zersplittert ist?

Netanjahus persönlicher Rückhalt ist eindeutig geschrumpft. Umfragen, die danach fragen, ob er Ministerpräsident bleiben soll, zeigen durchweg, dass die Wähler ihn loswerden wollen – nahezu im Verhältnis zwei zu eins. Zugleich profitiert Netanjahu von einer sehr schwachen Opposition. Stellt man die Wähler vor die Wahl zwischen ihm und einem der Kandidaten, die seine Nachfolge anstreben, schneidet Netanjahu deutlich besser ab. Deshalb ist das Rennen so eng.

Gadi Eisenkot kam aus der Armee, nicht aus einer Parteizentrale, und ist in bemerkenswert kurzer Zeit zum Herausforderer aufgestiegen. Was macht ihn für so viele wählbar – und wo zeigen die Zahlen seine Grenzen?

Eisenkot hat eine überzeugende Vorgeschichte. Er ist der Sohn marokkanischer Einwanderer, aufgewachsen in der geografischen und sozialen Peripherie des Landes, stieg zum Generalstabschef auf und verlor im Gaza-Krieg sowohl einen Sohn als auch einen Neffen.

Für seine Anhänger verkörpert Eisenkot eine sehr menschliche, verlässliche Hand – und er teilt den kulturellen und sozioökonomischen Hintergrund mit Netanjahus Stammwählerschaft. Seine militärische Vergangenheit wirkt angesichts der enormen Sicherheitsherausforderungen Israels beruhigend, liegt zugleich aber weit genug zurück, dass er nicht mit jenem organisatorischen Versagen in Verbindung gebracht wird, das in das Debakel des 7. Oktober führte. Zwar ist er der Politik nicht gänzlich fremd – er saß für Benny Gantz’ Liste „Blau-Weiß“ (Kachol Lavan) in der Knesset –, doch war er nie das Gesicht einer Partei …

Sie meinen Gantz, er war auch ein früherer Generalstabschef.

Richtig. Und Eisenkot ist daher auch nicht vom Scheitern der scheidenden Opposition belastet, Netanjahus Regierung zu Fall zu bringen.

Zugleich ist Eisenkot ein erkennbar unfertiger Kandidat. Er ist nicht besonders medienerfahren und tut sich zum jetzigen Zeitpunkt des Rennens schwer, seine anfängliche Dynamik zu halten. Seine Partei „Jaschar“ (hebräisch für „gerade“, auch im Sinne von „aufrichtig“) liegt seit einigen Monaten bei fünfzehn bis zwanzig Prozent. Das mag reichen, um ihm die meisten Mandate zu sichern, ist aber nicht das überlegene Ergebnis, das er anstrebt.

Der ehemalige Ministerpräsident Naftali Bennett hat sich im April mit Jair Lapid verbündet – zur gemeinsamen Liste „Gemeinsam“ (Beyachad), die offiziell „Gemeinsam unter Führung Bennetts“ heißt. In Israel ergeben Listenzusammenschlüsse selten die Summe ihrer Teile. Was hat ihm dieser Schritt gebracht – und was hat er ihn gekostet?

Er hat ihm eine Chance verschafft. Für eine kurze Zeit drehte sich der gesamte Nachrichtenzyklus um ihn. Die Fusion zementierte ihn als Netanjahus wichtigsten Herausforderer. Ideologisch ergab sie allerdings wenig Sinn. Bennetts Angebot lautete, er sei ein Kandidat des rechten Lagers, nur eben ohne den Ballast der Netanjahu-Regierung – während „Jesch Atid“ („Es gibt eine Zukunft“) eine gesellschaftspolitisch liberale Partei ist.

Sie sprechen von der Partei des früheren Fernsehmoderators Jair Lapid, gegründet 2012 für die säkulare Mittelschicht.

Ja. Doch Bennett hat seine Chance nicht genutzt. Er hat keine Vision verkauft, die den ideologischen Graben zwischen diesen beiden sehr unterschiedlichen Wählerschaften hätte überbrücken können – tatsächlich hat er es nicht einmal versucht. Er schien davon auszugehen, dass es nun ein Zweikampf zwischen ihm und Netanjahu sei und die Anti-Netanjahu-Wähler sich zwangsläufig hinter ihm sammeln würden.

Kurz gesagt: Die Fusion hat Bennetts Aussichten auf das Amt des Ministerpräsidenten verbessert, aber er konnte nicht zeigen, was sie seinen Wählern bringt. Sein Rückhalt brach nach dem Zusammenschluss ein, und manche Umfragen zeigen, dass er Monate später immer noch fällt.

Eine Frage, die europäische Leser mehr verwirrt als fast jede andere: Auffällig viele Oppositionslisten werden von hochrangigen Militärs angeführt – bis zu den linksliberalen „Demokraten“ (HaDemokratim) unter einem früheren Generalmajor. Ist das eine Erwartung, die sich in Umfragen zeigt – oder eher eine Annahme der Parteien darüber, was Wähler wollen?

In den meisten Ländern werden das Militär und seine Führung dem rechten Lager zugeordnet – in Israel ist es umgekehrt. Die israelische Armee ist im Kern die Nachfolgerin einer linken Miliz aus der Zeit vor der Staatsgründung.

Sie verweisen hier auf die „Haganah“ (HaHaganah, „die Verteidigung“), die der Arbeiterbewegung nahestand und 1948 in den neu gegründeten Streitkräften aufging.

Exakt. In den Anfangsjahren wurden höhere Offiziere ebenso sehr wegen politischer Loyalität befördert wie wegen ihrer Fähigkeiten. Die ersten Generäle, die über eine rechte Partei in die Politik gingen, taten das erst, nachdem sie sich mit ihren Vorgesetzten heillos überworfen hatten – sie schlossen sich deren politischen Gegnern gewissermaßen aus Rache an.

Kurz gesagt: Weil die Linke sowohl den Staat als auch seine Institutionen gegründet hat, tritt die israelische Rechte häufig recht subversiv auf – die ganze Geschichte der Justizreform hat das vorgeführt.

2023, als die Regierung die Befugnisse des Obersten Gerichtshofs beschneiden wollte und das Land in die größten Massenproteste seiner Geschichte geriet.

Eben. Generäle als institutionstreue Autoritätsfiguren geben gute Gallionsfiguren für Parteien ab, die solchen subversiven Bewegungen entgegentreten wollen.

Hinzu kommt die Annahme, ein General habe erhebliche Anziehungskraft auf Wähler, denen die nationale Sicherheit am Herzen liegt – wobei die Belege dafür sehr dünn sind.

Welche Parteien am Rand der großen Listen könnten darüber entscheiden, ob überhaupt eine Koalition zustande kommt? Auf welche Schwellenwerte werden Sie in der Wahlnacht zuerst schauen?

Israel hat ein Verhältniswahlsystem mit einer Sperrklausel von 3,25 Prozent – was bedeutet, dass der Erfolg kleiner Parteien, die um drei bis vier Prozent herum liegen, über die Regierungsbildungschancen eines ganzen Lagers entscheiden kann. Derzeit gibt es zwei solche Parteien: die neu gegründete, Netanjahu-nahe Partei „Volk Israels“ (Amcha Jisrael), die der frühere Brigadegeneral Ofer Winter im August gegründet hat, sowie „Reservisten – Wirtschaft“, einen Zusammenschluss zweier eigenständiger Parteien: der „Reservisten“ (HaMiluimnikim) um den früheren Kommunikationsminister Joaz Hendel und der „Wirtschaftspartei“ des Ökonomen Jaron Selecha. Dieses Bündnis verhält sich offiziell neutral zu Netanjahu, passt aber natürlicher ins Anti-Netanjahu-Lager.

Wobei die Unterscheidung wichtig ist: Die „Reservisten“ haben eine Koalition mit den ultraorthodoxen und den arabischen Parteien ausgeschlossen, die „Wirtschaftspartei“ nicht.

Genau. Momentan hängen die Mehrheitsaussichten beider Lager an der Wahlbeteiligung. Umfragen deuten derzeit darauf hin, dass die Anhänger der großen Anti-Netanjahu-Parteien eher zur Wahl gehen werden als Netanjahu-Wähler. Hält diese Lücke bis zum Wahltag, bekommt Netanjahu ein Problem. Zugleich würde eine hohe arabische Wahlbeteiligung die Aussichten beider Lager auf eine eigene Mehrheit zunichtemachen.

Die beiden großen arabischen Parteien, die antreten, sind die „Vereinte Liste“ (HaReschima HaMeschutefet) – ein Zusammenschluss dreier kleiner Parteien mit starken kommunistischen und palästinensisch-nationalistischen Elementen – und „Ra’am“ (Kürzel für Reschima Aravit Meuchedet, „Vereinte Arabische Liste“) unter Mansur Abbas, eine gesellschaftspolitisch konservative, islamistische Partei, deren Anhängerschaft stark beduinisch geprägt ist.

Sie meinen die Liste, die dieses Mal als „Hadasch-Ta’al-Balad“ antritt – ein Bündnis der kommunistischen „Hadasch“ mit den arabisch-nationalistischen Parteien „Ta’al“ und „Balad“.

Ja. „Ra’am“ würde im Gegenzug für Investitionen in die arabische Bevölkerung gern mit dem Anti-Netanjahu-Lager in eine Regierung eintreten, und Teile der „Vereinten Liste“ sind offen dafür, eine Minderheitsregierung dieses Lagers zu tolerieren. Eine solche Regierung wäre allerdings extrem instabil, und ein Parteiführer des Anti-Netanjahu-Lagers hat sie bereits ausgeschlossen – was etwas heißen mag oder auch nicht.

Sie sprechen von Avigdor Lieberman, Parteichef von „Jisrael Beitenu“ („Israel unser Haus“), der erklärt hat, für nichtzionistische Kräfte sei in der nächsten Regierung kein Platz.

Genau. Neben der Wahlbeteiligung lautet die große offene Frage: Wie viele Wähler sind in den vergangenen vier Jahren tatsächlich vom Netanjahu-Lager ins Gegenlager gewechselt? Die wenigen Umfragen, die Netanjahu kurz vor dem Sieg sehen, gehen von vergleichsweise wenigen Wechslern aus. Die meisten anderen Institute zeigen, dass ein Viertel bis ein Drittel der Wähler des „Likud“ (HaLikud, „die Sammlung“) von 2022 die Seite gewechselt hat. Ich werde die ersten Ergebnisse aus den Hochburgen des „Likud“ daraufhin ansehen, welche Annahme näher an der Wirklichkeit liegt.

Worüber wird nach Ihren Daten bei dieser Wahl tatsächlich entschieden – über Sicherheit, über die Verantwortung für den 7. Oktober oder über die Lebenshaltungskosten?

Das ist schwer zu beantworten, zumal Menschen erstaunlich schlecht darin sind, zu erklären, warum sie so wählen, wie sie wählen. Parteien, die sich auf ein einzelnes Thema konzentrieren – Lebenshaltungskosten, Reservedienst –, haben sich außerordentlich schwergetan.

Seit dem 7. Oktober werden Reservisten in einem Umfang eingezogen, der für viele Familien wirtschaftlich erhebliche Folgen hat.

Richtig – wobei das Scheitern dieser Parteien eher an der Untauglichkeit ihrer Kampagnen liegen mag als an den Prioritäten der Wähler.

In ganz Europa beobachten wir, dass jüngere Wähler sich scharf von den älteren fortbewegen – und junge Männer und junge Frauen auseinanderdriften. Sehen Sie vergleichbare Ausreißer in Israel? Wählen die Unter-Dreißigjährigen messbar anders als die Rentner?

Die Umfragen sind in diesem Punkt uneinheitlich. Eine gewisse Generationenkluft ist klar erkennbar, eine Geschlechterkluft dagegen kaum – aber nichts davon erreicht annähernd das Ausmaß dessen, was wir in Europa sehen. Hinzu kommt, dass die meisten Erstwähler angeben, sie würden so wählen wie ihre Eltern. Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass die Generationenunterschiede im Wahlverhalten eher die unterschiedlichen Geburtenraten einzelner Bevölkerungsgruppen abbilden als einen Bruch zwischen Eltern und Kindern.

Und dieselbe Frage von der anderen Seite: Lassen sich überhaupt eigene Wählergruppen ausmachen – und mobilisieren bestimmte Themen demografische und sozioökonomische Gruppen unterschiedlich stark?

Auch das ist ein weites Feld. Ich würde eher sagen: Es gibt zu viele eigene Wählergruppen. Israel ist eine sehr heterogene Gesellschaft; jede Gemeinschaft hat ihre eigene Subkultur, ihre eigenen Werte und Sorgen – und dank des Verhältniswahlrechts oft auch ihre eigene Partei.

So gibt es mehrere arabische Parteien: eine islamistische, deren Kernwählerschaft beduinisch ist, und eine, die eine Mischung aus Marxisten und palästinensischen Nationalisten darstellt. Es gibt zwei ultraorthodoxe Parteien – eine für die Ultraorthodoxen europäischer Herkunft, die selbst wieder aus mehreren Unterparteien besteht, und eine für die misrachischen, also orientalischen Ultraorthodoxen, die im Allgemeinen weniger radikal sind und sich von ihren aschkenasischen Glaubensbrüdern oft an den Rand gedrängt fühlen. Und es gibt eine Partei, die historisch die Einwanderer aus der Sowjetunion vertreten hat.

Sie beschreiben das „Vereinigte Thora-Judentum“ (Jahadut HaTorah), „Schas“ (Kurzform von Schomrej Sfarad, „Wächter der Sefarden“) und „Jisrael Beitenu“ – Letztere hervorgegangen aus der großen russischsprachigen Einwanderungswelle der neunziger Jahre.

Unter anderem. Jede dieser Gruppen hat ihre eigenen Reizthemen und ihre eigenen Generationenkonflikte – die allerdings, auch hier, meist weniger ausgeprägt sind als in Europa. Um sie alle zu behandeln, bräuchte es mindestens eine kleine Broschüre.

Eine Frage mit österreichischem Eigeninteresse, verbunden mit einer allgemeineren: Im September haben sich in Straßburg FPÖ-Spitzen und „Likud“-Vertreter zu engerer Zusammenarbeit bekannt – in Österreich wurde darüber tagelang gestritten. Registriert man so etwas in Israel überhaupt? Und allgemeiner gefragt: Bewegt Außenpolitik die Wähler bei dieser Wahl? Fallen die Beziehungen zu Europa oder zu Washington an der Wahlurne ins Gewicht – oder ist dieser Wahlkampf fast vollständig innenpolitisch?

Überraschenderweise hat das kaum Widerhall gefunden. Es herrscht Einigkeit darüber, dass Israels Verhältnis zu Europa nicht das beste ist und sich auch die Lage mit den Vereinigten Staaten verschlechtert. Die Opposition gibt dafür selbstverständlich Netanjahu die Schuld, aber das hat in ihrem Wahlkampf bislang keine große Rolle gespielt. Netanjahu wiederum stellt es so dar, als stehe er für das Land gegen internationalen Druck ein. Aber zugegebenermaßen dürfte es an diesem Punkt in beide Richtungen wenig ausmachen – darum geht es bei dieser Wahl nicht.

Sie sagen, Sie achteten dieses Mal vorrangig auf die Wahlbeteiligung, und dort könnte es Überraschungen geben. An welche Art von Überraschung denken Sie – und welche Gruppen müssten dafür mit ihren historischen Mustern brechen?

Ich schaue derzeit auf drei bestimmte Gruppen.

Erstens die ultraorthodoxen Wähler. Sie sind historisch die diszipliniertesten Wähler Israels. Sie gehen in Scharen zur Wahl, und die große Mehrheit von ihnen wählt ihre eigenen Sektorparteien. Dieses Mal aber gibt es viel Frustration: Die ultraorthodoxen Parteien saßen vier Jahre lang in der Regierung und haben wenig vorzuweisen. Das Gesetz zur Befreiung vom Wehrdienst, das ihnen zugesagt worden war, kam nicht zustande, und der Generalstaatsanwalt ging mit Rückendeckung des Obersten Gerichtshofs gegen Wehrdienstentzieher und die Einrichtungen vor, die sie decken. Leistungen, auf die ultraorthodoxe Familien angewiesen waren, wurden fast über Nacht gekürzt. Einer Erhebung zufolge ist die Lage so ernst, dass vier von zehn ultraorthodoxen Familien im vergangenen Jahr ihr Budget für Lebensmittel zusammenstreichen mussten. Die Not ist also real. Die Frage ist, ob sie die Wahlbeteiligung der Ultraorthodoxen drückt – oder sie erst recht anstachelt.

Zweitens die Hochburgen des „Likud“. Umfragen zeigen derzeit, dass Oppositionswähler etwas eher zur Wahl gehen dürften als Netanjahu-Wähler. Netanjahu wird die letzten Wochen des Wahlkampfs darauf verwenden, dieses Gefälle zu schließen – wie weit ihm das gelingt, kann über seinen Wahlkampf entscheiden.

Drittens die israelischen Araber. Eine hohe arabische Wahlbeteiligung könnte beide Lager um eine eigene Mehrheit bringen und wochenlange, verwickelte Koalitionsverhandlungen einleiten – womöglich sogar eine Neuwahl.

Die beiden Lager liegen in den meisten Erhebungen dicht beieinander, und ohne die arabischen Parteien erreicht keines 61 Mandate. Was gibt am Ende den Ausschlag – und welches Szenario halten Sie derzeit für das wahrscheinlichste: Fortsetzung, Wechsel oder Wochen des Feilschens?

Das wahrscheinlichste Szenario ist Instabilität in der einen oder anderen Form – entweder in Gestalt von Neuwahlen oder einer knappen, kurzlebigen, funktionsunfähigen Koalition, die den Großteil ihrer Zeit und Energie darauf verwendet, nicht zu implodieren.

Jenseits der Mandatszahlen: Vertrauen die Israelis noch ihrer Armee, ihren Gerichten, dem Wahlakt selbst? Was messen Sie da?

Allgemein gesprochen bleibt das Vertrauen in das Militär hoch. Die Werte der Justiz sind ziemlich mies – wenn auch nicht so schlecht wie die von Regierung und Knesset. Schwieriger ist es zu verstehen, wie die Menschen das Wählen selbst sehen. Israelis sind extrem polarisiert, und entsprechend zeigen Umfragen, dass eine nicht unerhebliche Zahl von Wählern der jeweils anderen Seite zutraut, die Wahl „manipulieren“ zu wollen. Ich vermute allerdings, dass darin eher das Misstrauen gegen das gegnerische politische Lager zum Ausdruck kommt als eines gegen den Wahlvorgang.

Hätten die Menschen tatsächlich geglaubt, das System sei korrumpiert, hätte sich das in weitverbreiteter Apathie niedergeschlagen – in dem Gefühl, es habe ohnehin keinen Sinn zu wählen, weil alles manipuliert sei. Falls dieses Gefühl existiert, bilden die Umfragen es nicht ab. Im Gegenteil, sie zeigen eher das Umgekehrte: dass die Wähler insgesamt hochgradig engagiert sind.

Wo hat die israelische Demoskopie zuletzt danebengelegen – und was haben Sie daraus für diesen Wahlkampf gelernt?

Eine ausgezeichnete Frage, denn sie trifft den Kern eines Wahrnehmungsproblems: Was ist eigentlich ein Umfragefehler? Nehmen wir zwei Fälle.

Erstens: Bei einer Wahl zwischen zwei Kandidaten sagt eine Umfrage voraus, Kandidat A werde mit zwanzig Prozentpunkten Vorsprung gewinnen. Tatsächlich gewinnt er mit fünfundzwanzig.

Zweitens: Eine Umfrage sieht Kandidat A bei 51 zu 49 vorn. Am Ende gewinnt Kandidat B mit 51 zu 49.

Mathematisch war der Fehler im ersten Rennen deutlich größer und im zweiten nahezu vernachlässigbar. Doch weil im zweiten Fall der falsche Sieger prognostiziert wurde, wird die Öffentlichkeit die dortige Umfrage für die schlechtere halten.

Beim letzten Mal ist der Fehler in Erinnerung geblieben, dass die Umfragen „Meretz“ (hebräisch für „Tatkraft“) – einer großstädtisch-liberalen, Netanjahu-kritischen Partei – den knappen Sprung über die 3,25-Prozent-Hürde vorhersagten. Tatsächlich scheiterte sie um einen Bruchteil eines Prozentpunkts, was Netanjahus Lager eine solide Mehrheit bescherte.

Aus mathematischer Sicht war dieser Fehler allerdings unerheblich.

Der mathematisch bedeutendere Fehler, der sich kaum auf die Mandatsverteilung auswirkte, bestand darin, dass die Institute „Schas“ durchweg unterschätzten – eine Netanjahu-nahe, ultraorthodoxe Partei mit sozialpolitisch linkem Profil, deren Anhängerschaft sich aus traditionsbewussten orientalischen Juden speist.

Grundsätzlich unterstellen Demoskopen, dass Wähler sich an historische Beteiligungs- und Wahlmuster halten. Und jedes Mal wird mindestens eine dieser Annahmen verletzt. Dieses Mal schaue ich auf die Wahlbeteiligung – ich glaube, dort könnten uns einige interessante Überraschungen erwarten.

Wenn Sie diese Wahl in einem Satz beschreiben müssten: Welcher wäre es?

Es ist eine Wahl darüber, wessen Koalitionspartner die giftigeren sind. Ein großer Teil der Netanjahu-Wähler ist mit dem Bündnis zwischen Netanjahu und den Ultraorthodoxen unzufrieden, während das Gegenlager über ein mögliches Bündnis mit islamistischen, kommunistischen und palästinensisch-nationalistischen Parteien gespalten ist. Wer das weniger giftige Bündnis vorweisen kann, gewinnt wahrscheinlich.

Herr Stiebel, vielen Dank für Ihre Antworten!


Zur Person:

Daniel Stiebel ist Mathematiker mit den Schwerpunkten mathematische Modellierung, Spieltheorie und Entscheidungsforschung. „Israel Elects“ ist eine unabhängige, überparteiliche Publikation, die die israelische öffentliche Meinung, Umfragen und Wahlen analysiert und dabei jene Zahlen und Trends in den Blick nimmt, die die Politik des Landes prägen.

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