Noch vor wenigen Wochen herrschte unter der iranischen Exilopposition eine geradezu fiebrige Aufbruchsstimmung. Nachdem das Regime in Teheran im Januar Tausende Demonstranten mit Gewalt niedergeschlagen hatte, richteten viele Iraner ihre Hoffnungen auf Washington und Tel Aviv. In London, Los Angeles und Toronto jubelte die Diaspora auf den Straßen über den Tod des Obersten Führers Ajatollah Ali Chamenei. Zehntausende scharten sich hinter Reza Pahlavi, den Sohn des letzten Schahs. Dieser bezeichnete die Bombardements als „humanitär“ und brachte sich als selbsternannter Anführer einer künftigen Übergangsregierung in Stellung.
Heute hat sich das Bild gewandelt. Zwar halten einige Unentwegte an ihrer Kriegseuphorie fest, vergleichen die Bombardements etwa mit einer Chemotherapie, ziehen mit Bannern der israelischen Armee neben royalistischen Fahnen durch die Straßen Londons oder drängen persische Restaurants, Solidaritätsbekundungen in ihre Schaufenster zu hängen, wie der Economist berichtet. Auch der in London ansässige Oppositionssender Iran International unterstützt dem Bericht zufolge den Krieg und eine Wiedereinsetzung der Pahlavis.
Wachsende Scheu vor dem Kriegskurs
Laut dem Economist wächst jedoch die Skepsis in breiten Teilen der Diaspora. Die Kundgebungen würden kleiner, iranische Musiker füllten Konzertsäle und weckten Mitgefühl für die Zivilbevölkerung unter den Trümmern. Ärzte, Lehrer und Wissenschaftler veranstalteten demnach Mahnwachen für Minab, eine Stadt im Süden des Landes, in der eine amerikanische Rakete eine Schule getroffen und dabei über 160 Menschen das Leben gekostet hatte – die meisten davon Schülerinnen (FREILICH berichtete).
Je mehr Washington und Tel Aviv ihre Angriffsziele auf zivile Infrastruktur ausweiteten, desto größer werde laut dem Bericht die Sorge um Angehörige in der Heimat. Pahlavi sehe sich dem Vorwurf ausgesetzt, mehr Mitgefühl für gefallene amerikanische Soldaten zu zeigen als für die mehr als 1.500 im eigenen Land ums Leben gekommenen Zivilisten. Manche hielten ihm überdies vor, sich durch seine enge Anlehnung an Israel zum Werkzeug fremder Interessen zu machen.
Neue Sammlungsbewegung in London
Teile der zersplitterten Exilopposition suchten daher nach neuen Wegen, so der Economist. Am 28. März versammelten sich in London Vertreter eines ungewöhnlich breiten Bündnisses aus politischen, ethnischen und religiösen Gruppen, um den Iran Freedom Congress ins Leben zu rufen – eine Plattform, die eigenen Angaben zufolge Abstand zu Amerika und Israel halten will. Redner hätten dabei die Angriffe beider Länder auf iranische Ölanlagen und Militäreinrichtungen kritisiert.
Einer der Organisatoren erklärte demnach, der Krieg sei eine Katastrophe gewesen, die das Regime gerade in jenem Moment gestärkt habe, als die Bevölkerung im Inneren begonnen habe, auf einen demokratischen Wandel zu drängen. Ein weiterer habe es pointiert formuliert: Ein Regimewechsel dürfe nicht auf diese Weise geschehen – er müsse ein iranisches Vorhaben sein, kein israelisches. Um Geschlossenheit zu demonstrieren, seien auf der Bühne sowohl monarchistische als auch republikanische Fahnen gezeigt worden; kurdische und belutschische Delegierte hätten Applaus erhalten.
Der Kongress stieß dem Bericht zufolge sofort auf Widerstand. Pahlavi-Anhänger hätten vor dem Veranstaltungsort protestiert und die Veranstaltung als Sammelbecken für Linke und verdeckt regimetreue Personen bezeichnet. Regimenahe Stimmen wiederum hätten sich am Fehlen der Fahne der Islamischen Republik gestört und auf Berichte verwiesen, wonach der Kongress von israelfreundlichen PR-Agenturen unterstützt werde.
Das Regime profitiert – vorerst
Diese Zerrissenheit komme dem Regime in Teheran gelegen, urteilt der Economist. Die von Pahlavi und seinen ausländischen Förderern angekündigten Massenproteste im Inneren seien ausgeblieben; stattdessen füllten allabendlich Anhänger des Regimes die Stadtplätze.
Dennoch, so das Blatt, würden mit dem Ende der Kampfhandlungen die alten Fragen zurückkehren. Die Wirtschaft werde zerrüttet, der staatliche Repressionsapparat hingegen gestärkt sein. Selbst während des Krieges seien Hinrichtungen inhaftierter Demonstranten wieder aufgenommen worden. Neue Volkserhebungen seien nicht auszuschließen, wie es sie bereits sechs Monate nach dem letzten Waffengang mit Israel gegeben habe. Sollte es dazu kommen, wäre eine geeinte demokratische Opposition gefragt – eine solche existiere jedoch noch nicht.





Kommentare
Sei der Erste, der einen Kommentar hinterlässt!