Berlin. – Die Frühindikatoren für den deutschen Arbeitsmarkt senden ein deutliches Warnsignal. Sowohl das IAB-Arbeitsmarktbarometer als auch das ifo-Beschäftigungsbarometer zeigen im Februar eine spürbare Eintrübung. Stefan Sell, Professor für Volkswirtschaftslehre, Sozialpolitik und Sozialwissenschaften, analysiert diese Entwicklung auf seinem Blog Aktuelle Sozialpolitik und zeichnet das Bild eines Arbeitsmarkts, der zunehmend unter Druck gerät – vor allem infolge der anhaltenden Industriekrise.
IAB-Barometer rutscht unter die neutrale Marke
Nach sechs Monaten über der kritischen Schwelle ist das IAB-Arbeitsmarktbarometer erstmals wieder in den negativen Bereich gefallen. Der Frühindikator sank im Februar um 0,5 Punkte auf 99,5 Zähler und unterschritt damit die Marke von 100 Punkten, die einer neutralen Entwicklung entspricht. Immerhin „behauptet“ sich die Gesamtbeschäftigung, aber die Entwicklung wird „durch die Industriekrise belastet: Das Verarbeitende Gewerbe verliert derzeit 15.000 sozialversicherungspflichtige Jobs im Monat“, so Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).
Die Einschätzung zur Entwicklung der Arbeitslosigkeit habe sich besonders deutlich verschlechtert. Weber bilanziert: „Die Perspektive auf einen Abbau der Arbeitslosigkeit ist derzeit verlorengegangen.“ Während die Komponente zur Beschäftigungsentwicklung mit 100,4 Punkten noch leicht im positiven Bereich liege, habe der anhaltende Pessimismus bezüglich der Arbeitslosigkeit den Gesamtwert des Barometers ins Minus gedrückt.
Laut IAB verdeutlichten die Rückmeldungen aus den regionalen Arbeitsagenturen, wo der Druck am größten ist: „Maschinenbau und Automobilindustrie zählen bei je 60 Prozent der Arbeitsagenturen zu den drei Branchen, für die mit dem stärksten Beschäftigungsabbau gerechnet wird.“ Damit verdichten sich die Hinweise auf eine strukturelle Schieflage in zentralen Industriezweigen. Gerade die Automobilbranche, die lange Zeit als Beschäftigungsmotor galt, stehe unter massivem Anpassungsdruck.
Unternehmen planen mehr Entlassungen
Auch aus Unternehmensperspektive verschlechtert sich das Bild. So sank das ifo-Beschäftigungsbarometer im Februar leicht auf 93,1 Punkte. Das ifo Institut berichtet, dass Betriebe häufiger Personalabbau planten. Klaus Wohlrabe, Leiter der ifo-Umfragen, beschreibt die Stimmungslage wie folgt: „Die Zurückhaltung am Arbeitsmarkt nimmt wieder zu.“ Viele Unternehmen würden planen, mehr Personal zu entlassen, statt neue Stellen zu schaffen.
In der Industrie dominiere der Stellenabbau nahezu flächendeckend. Besonders die Automobilbranche stehe unter hohem Anpassungsdruck. Auch im Dienstleistungssektor habe sich das Klima verschlechtert, das entsprechende Barometer sei wieder ins Minus gefallen. Zwar suchten einzelne Bereiche wie IT-Dienstleister oder Rechts- und Steuerberater weiterhin Personal, doch insgesamt plane der Handel mit weniger Beschäftigten. Lediglich im Baugewerbe gebe es leichte Einstellungsimpulse.
Was messen IAB- und ifo-Barometer?
Das IAB-Arbeitsmarktbarometer basiert auf einer monatlichen Umfrage unter allen lokalen Arbeitsagenturen. Die Leitungen dieser Agenturen schätzen ein, wie sich Beschäftigung und Arbeitslosigkeit in den kommenden drei Monaten entwickeln werden. Aus den Erwartungen zur sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung und der Prognose der Arbeitslosigkeit wird ein Gesamtwert gebildet. Die Skala reicht von 90 Punkten (sehr schlechte Entwicklung) bis 110 Punkten (sehr gute Entwicklung). Werte unter 100 signalisieren eine negative Tendenz.
Das ifo-Beschäftigungsbarometer basiert wiederum auf der regelmäßigen Konjunkturumfrage unter rund 9.500 Unternehmen. Dabei werden die Personalpläne für die nächsten drei Monate erfasst. Der Indikator bildet den Saldo aus positiven und negativen Erwartungen. Niedrige Werte stehen für Zurückhaltung oder Stellenabbau. Beide Instrumente gelten als Frühindikatoren, da sie Hinweise darauf geben, in welche Richtung sich der Arbeitsmarkt kurzfristig bewegt.
Konjunkturhoffnung trifft auf strukturelle Risiken
Zwar gebe es aus anderen wirtschaftswissenschaftlichen Instituten Hinweise auf eine mögliche konjunkturelle Belebung. Steigende Industrieproduktion und wachsende Auftragseingänge könnten mittelfristig Impulse liefern. Allerdings reagiere die Beschäftigung erfahrungsgemäß zeitverzögert auf konjunkturelle Wendepunkte. In Abschwungphasen hielten Unternehmen oft zunächst an Fachkräften fest. Zudem wirkten Kündigungsschutz und Entlassungskosten dämpfend auf einen schnellen Personalabbau.
Sell weist jedoch darauf hin, dass die aktuellen Verwerfungen nicht allein konjunkturell erklärbar seien. Vielmehr deuteten zahlreiche Entwicklungen auf strukturelle Umbrüche hin. So würden Geschäftsmodelle überprüft, Standorte geschlossen oder Produktionskapazitäten ins Ausland verlagert. Selbst wenn neue Arbeitsplätze entstünden, geschehe dies nicht zwingend in Deutschland. Hinzu kämen mögliche Rationalisierungseffekte durch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz, die längst nicht mehr nur die Industrie beträfen. Allerdings sei bei der Bewertung der Beschäftigungswirkungen Vorsicht geboten. Letztlich sei die Nettobilanz aus wegfallenden und neu entstehenden Arbeitsplätzen entscheidend.



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