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Wirtschaft

Vor Sachsen-Anhalt-Wahl: Was die 68-Milliarden-Rechnung des IW ausblendet

23 Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt präsentiert das Institut der deutschen Wirtschaft Zuwanderung als Wohlstandsgaranten des Ostens. Doch hinter der spektakulären 68-Milliarden-Zahl steckt eine Teilrechnung, die Arbeitslosigkeit, Sozialtransfers und die gewaltigen Unterschiede zwischen verschiedenen Migrantengruppen ausblendet.

Jurij Kofner
Von
IW-Direktor Hüther wirbt für mehr Zuwanderung aus Drittstaaten – doch die 68-Milliarden-Rechnung seines Instituts lässt wesentliche Faktoren einer volkswirtschaftlichen Gesamtbilanz außen vor.
IW-Direktor Hüther wirbt für mehr Zuwanderung aus Drittstaaten – doch die 68-Milliarden-Rechnung seines Instituts lässt wesentliche Faktoren einer volkswirtschaftlichen Gesamtbilanz außen vor. (Bild: IMAGO / IPON)

Das Institut der deutschen Wirtschaft verkündet, ausländische Beschäftigte hätten 2025 in Ostdeutschland 68 Milliarden Euro beziehungsweise 10,5 Prozent der Bruttowertschöpfung erzeugt; mit indirekten Effekten sollen es sogar 92,4 Milliarden sein. Daraus leitet das IW unverzüglich die Forderung ab, mehr Arbeitskräfte aus außereuropäischen Drittstaaten zu holen. Doch der politische Hintergedanke ist unübersehbar. IW-Direktor Michael Hüther bezeichnete die AfD schon fünf Tage vor den Landtagswahlen in Sachsen und Thüringen 2024 als „Gift für unsere Wirtschaft“. Hüther ist zugleich stellvertretender Vorsitzender der Atlantik-Brücke, eines der einflussreichsten transatlantischen Netzwerke Deutschlands, und positioniert sich regelmäßig scharf gegen Donald Trump und die amerikanische Rechte.

Die AfD will nicht „alle Ausländer raus“

Auch die zugrunde gelegte politische Karikatur hält dem Regierungsprogramm der AfD Sachsen-Anhalt nicht stand. Dort heißt es ausdrücklich: „Echte Fachkräfte wollen wir nach unseren Bedürfnissen einwandern lassen.“ Tatsächlich Verfolgte und Kriegsflüchtlinge sollen Schutz auf Zeit erhalten. Gleichzeitig fordert die Partei Zurückweisungen illegaler Einreisen, Abschiebungen von Straftätern und Gefährdern sowie Kürzungen bei Arbeitsverweigerung. Das ist der entscheidende Unterschied: Die AfD unterscheidet zwischen Fachkräftezuwanderung, Asyl, illegaler Migration, Kriminalität und Sozialmigration. Das IW wirft für seine politische Botschaft dagegen „Ausländer“ weitgehend in einen Topf.

Die ausgeblendete Rechnung

Die echten Sozialdaten passen schlecht zur Jubelbotschaft. Eine eigene Hochrechnung auf Basis der von Nius aus Daten der Bundesagentur für Arbeit ausgewerteten Länderwerte vom Juli 2025 und der amtlichen SGB-II-Bestände 2025 ergibt für Ostdeutschland einschließlich Berlin rund 39 Prozent der Bürgergeldempfänger als ausländische Staatsbürger. Eine eigene Regionalhochrechnung auf Basis des Mikrozensus 2025 – aus der ostdeutschen Bevölkerungsstruktur nach Migrationshintergrund und den bundesweiten Bürgergeldanteilen der beiden Gruppen – ergibt rund 51 Prozent für Personen mit Migrationshintergrund.

Auch am Arbeitsmarkt klafft eine deutliche Lücke: Nach der Statistik der Bundesagentur für Arbeit lag die Arbeitslosenquote 2025 in Ostdeutschland bei ausländischen Staatsangehörigen bei 19,2 Prozent, bei deutschen Staatsangehörigen dagegen bei 6,3 Prozent.

Die SGB-II-Zahlungsansprüche der sechs ostdeutschen Länder summierten sich 2025 auf rund 10,66 Milliarden Euro. Überträgt man darauf die genannte Mikrozensus-basierte Regionalhochrechnung, ergibt sich rechnerisch eine Größenordnung von rund 5,4 Milliarden Euro für Personen mit Migrationshintergrund. Nach der bislang vollständig veröffentlichten AsylbLG-Jahresstatistik 2024 kamen in den sechs ostdeutschen Ländern rund 1,73 Milliarden Euro Bruttoausgaben hinzu; der Bund-Länder-Bericht für 2025 weist darüber hinaus weitere flüchtlings- und integrationsbezogene Ausgaben aus, die in dieser AsylbLG-Summe nicht enthalten sind.

Der methodische Trick

Der Kern der IW-Rechnung steht offen im Kleingedruckten: Für ausländische Beschäftigte wird angenommen, dass ihre Produktivität dem durchschnittlichen Produktivitätsniveau sämtlicher Erwerbstätiger ihrer jeweiligen Branche entspricht. Genau hier zerfällt die Pauschalrechnung. Die vom IKW ausgewertete niederländische „Borderless Welfare State“-Analyse zeigt enorme Unterschiede nach Qualifikation, Herkunft und Zuzugsgrund: Mehrere nahöstliche und afrikanische Herkunftsgruppen weisen hohe negative Lebenszeitsalden auf, während bestimmte hochqualifizierte westliche und einzelne ostasiatische Gruppen deutlich günstigere Ergebnisse erreichen. Die schwedische Studie von Olovsson, Walentin und Westermark berechnet für einen Flüchtlingszuzug in einer Größenordnung von einem Prozent der Bevölkerung zunächst 1,7 Prozent weniger BIP pro Kopf und 2,2 Prozentpunkte mehr Arbeitslosigkeit, während ökonomisch motivierte Zuwanderung positive, aber verzögerte Effekte erzeugt. Zusammengenommen zeigen diese Befunde vor allem: Herkunft, Qualifikation und Zuzugsgrund sind für die ökonomische Bilanz entscheidend und dürfen nicht in einer einheitlichen Kategorie „Ausländer“ verschwinden.

Besonders drastisch sind die jüngsten verfügbaren amtlichen Detailzahlen aus Dänemark: Auf Basis der letzten vollständigen Nettobeitragsrechnung für 2019, hochgerechnet auf das Preisniveau 2025, verursachten 42.000 Personen syrischer Herkunft rund sieben Milliarden DKK Nettokosten – umgerechnet knapp eine Milliarde Euro. Staatseinnahmen von rund vier Milliarden DKK standen Ausgaben von etwa elf Milliarden DKK gegenüber. Überträgt man die dänischen herkunftsspezifischen Pro-Kopf-Salden kaufkraftbereinigt auf die amtlichen 2025er Ausländerbestände nach Bundesland und Staatsangehörigkeit, ergibt die Modellrechnung für mindestens 510.600 in Ostdeutschland wohnhafte Personen der erfassten Herkunftsgruppen eine jährliche Nettofiskalbelastung von mindestens 5,6 Milliarden Euro. Allein Syrien steht dabei für rund drei Milliarden Euro, Afghanistan für 940 Millionen und die Türkei für 691 Millionen Euro. Die Summe ist eine Szenariorechnung, keine in Deutschland amtlich gemessene Fiskalbilanz.

Das IW beweist also nur eine Banalität: Wer arbeitet, produziert Wertschöpfung. Daraus folgt weder, dass jede Form von Migration fiskalisch nützt, noch dass zusätzliche Massenzuwanderung aus Drittstaaten Wohlstand schafft. Wer Herkunft, Qualifikation, Erwerbsstatus, Sozialleistungsbezug und Zuzugsgrund ausblendet und aus der Wertschöpfung bereits Beschäftigter eine Forderung nach mehr Migration konstruiert, betreibt keine vollständige volkswirtschaftliche Bilanz. Er produziert politische Wahlkampfagitation mit Wissenschaftssiegel.

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