Als sich am 20. Juli 1881 Vertreter zahlreicher deutscher Burschenschaften in Eisenach versammelten, konnten sie kaum ahnen, dass ihre Beschlüsse die Grundlage für den bis heute bestehenden Dachverband der Deutschen Burschenschaft bilden würden. Mit der Gründung des Allgemeinen Deputierten-Convents (ADC) gelang erstmals ein dauerhafter organisatorischer Zusammenschluss der deutschen Burschenschaften. Dieses Jubiläum bietet Anlass, auf die Entstehung unseres Verbandes zurückzublicken und zugleich den Blick nach vorn zu richten.
Der Weg nach Eisenach
Die Burschenschaftsbewegung war seit ihrer Gründung im Jahre 1815 stets von dem Gedanken getragen, die studentische Jugend über die Grenzen einzelner Hochschulen hinaus zu verbinden. Die Urburschenschaft verstand sich als Trägerin der Ideen von Freiheit, nationaler Einheit und staatsbürgerlicher Verantwortung. Doch ebenso wechselvoll wie die deutsche Geschichte verlief auch die Geschichte der burschenschaftlichen Zusammenschlüsse.
Nach den Karlsbader Beschlüssen von 1819 wurde die Burschenschaft verfolgt und vielerorts verboten. Erst mit den politischen Veränderungen des 19. Jahrhunderts entstanden wieder Möglichkeiten zu überregionaler Zusammenarbeit. Verschiedene Verbandsgründungen scheiterten jedoch an organisatorischen Schwierigkeiten, unterschiedlichen Auffassungen über Aufgaben und Kompetenzen eines Dachverbandes oder den politischen Entwicklungen der Zeit.
Mit der Reichsgründung von 1871 änderten sich die Rahmenbedingungen grundlegend. Das Ziel der staatlichen Einheit war erreicht. Nun stellte sich die Frage, wie die deutschen Burschenschaften ihre Zusammenarbeit dauerhaft gestalten konnten, ohne die Eigenständigkeit der einzelnen Bünde aufzugeben.
Die Gründung des Allgemeinen Deputierten-Convents
Die Antwort wurde im Sommer 1881 in Eisenach gefunden. Auf Einladung der drei Jenaischen Burschenschaften kamen Vertreter zahlreicher Burschenschaften zusammen und beschlossen die Errichtung des Allgemeinen Deputierten-Convents.
Die Statuten waren bewusst knapp gehalten. Sie sollten keinen zentralistischen Verband schaffen, sondern einen Rahmen für die Zusammenarbeit bieten. Die Mitgliedsburschenschaften behielten ihre Selbstständigkeit. Der Verband sollte gemeinsame Angelegenheiten koordinieren, den Austausch fördern und dort mit einer Stimme sprechen, wo gemeinsame Interessen bestanden. Gerade diese Verbindung aus gemeinsamer Verantwortung und bundesinterner Eigenständigkeit erwies sich als tragfähig und begründete die bis heute fortbestehende Organisationsstruktur der Deutschen Burschenschaft.
Dass dieser Verband bis in die Gegenwart Bestand hat, ist keine Selbstverständlichkeit. Er überstand politische Umbrüche, staatliche Verbote, zwei Weltkriege, die Auflösung während der nationalsozialistischen Gleichschaltung und den Wiederaufbau nach 1945. Immer wieder mussten neue Antworten auf veränderte gesellschaftliche Bedingungen gefunden werden, ohne den eigenen Grundüberzeugungen untreu zu werden.
Tradition als Auftrag
Geschichte ist für die Deutsche Burschenschaft niemals bloße Erinnerung. Tradition lebt nicht allein vom Bewahren, sondern ebenso vom verantwortungsvollen Weiterentwickeln. Die Gründungsväter des Jahres 1881 entschieden sich bewusst gegen einen starren Zentralverband. Sie vertrauten darauf, dass gemeinsame Überzeugungen stärker verbinden als umfangreiche Satzungswerke. Dieses Vertrauen verlangt bis heute Verantwortungsbewusstsein auf allen Ebenen unseres Verbandes.
Gerade in einer Zeit, in der öffentliche Debatten häufig von Verkürzungen und Polarisierungen geprägt sind, bleibt die Deutsche Burschenschaft gefordert, ihre Grundsätze selbstbewusst und sachlich zu vertreten. Freiheit, Verantwortung, nationale Identität und akademische Selbstverwaltung sind keine historischen Relikte, sondern Themen, die auch im 21. Jahrhundert ihre Bedeutung behalten.
Herausforderungen unserer Zeit
Die Deutsche Burschenschaft steht heute vor Aufgaben, die sich von denen des Jahres 1881 unterscheiden und dennoch vergleichbare Entschlossenheit verlangen. Der demografische Wandel verändert die Hochschullandschaft. Gleichzeitig verändern Digitalisierung und neue Kommunikationsformen das studentische Leben grundlegend. Persönliche Begegnung, lebenslange Freundschaft und gemeinschaftliche Verantwortung müssen unter diesen Bedingungen bewusst gepflegt werden.
Hinzu kommt eine gesellschaftliche Entwicklung, in der traditionelle Institutionen schweren Anfeindungen ausgesetzt sind. Umso wichtiger ist es, das burschenschaftliche Selbstverständnis nachvollziehbar zu vermitteln und Missverständnissen mit Offenheit, historischer Bildung und persönlichem Auftreten zu begegnen, um nicht den Fehler zu begehen sich freiwillig abzukapseln und damit den eigenen Bund zu neutralisieren.
Auch der Verband selbst bleibt gefordert. Unterschiedliche Auffassungen gehören zu einem freien Verband selbständiger Burschenschaften. Entscheidend ist jedoch, dass Meinungsverschiedenheiten stets im Bewusstsein der gemeinsamen Verantwortung für die Zukunft unseres Verbandes geführt werden.
Ausblick
Der Allgemeine Deputierten-Convent entstand 1881 aus der Einsicht, dass gemeinsame Ziele dauerhafte Strukturen benötigen. Diese Erkenntnis besitzt bis heute Gültigkeit. Zentral für die weitere Entwicklung der Deutschen Burschenschaft wird insbesondere die Frage des Generationswechsels sein. Die künftigen Aktivengenerationen, die den Verband prägen werden, weisen eine deutlich andere Prägung auf als die vorangegangenen Generationen. Oftmals entstammen sie einem politischen Milieu, das es vor dem Aufstieg der Alternative für Deutschland in dieser Breite nicht gab. Weiterhin ist die Isolation einzelner Mitgliedsbünde ein Faktor, der das Selbstverständnis eines jungen Burschenschafters beeinflusst. Wer in einem Bund aktiv wird, der kaum Kontakt zur Korporationswelt an seinem Hochschulort hat, wird seine Zugehörigkeit zur korporativen Welt kaum noch als prägend empfinden, sondern die Burschenschaft als eine vom übrigen Kosmos des Verbindungsstudententums getrennte Entität betrachten.
In diesem Umstand steckt sowohl das Potenzial für eine positive Dynamik in der Öffentlichkeits- und damit auch der Keilarbeit der Deutschen Burschenschaft insgesamt als auch die Gefahr einer zunehmenden Entfremdung zwischen Aktiven und Alten Herren. An dieser Stelle sei daher an beide Seiten appelliert, Verständnis und Kompromissbereitschaft an den Tag zu legen.
Weiterhin wird uns in den kommenden Jahren die Frage einer verstärkten Professionalisierung (ich hoffe, an dieser Stelle keinen Leser vergrault zu haben) beschäftigen. Insbesondere die Medienarbeit des Verbandes sowie die Schaffung eines Generalsekretärs sind Diskussionspunkte, denen wir uns widmen müssen. Auch hier liegen Chancen wie Risiken. Die Kritik, dass die Deutsche Burschenschaft eine Jugendbewegung ist und es daher keine subalterne Riege an Verbandsapparatschiks geben darf, ist aus idealistischer Argumentation heraus durchaus zutreffend. Jedoch gehört auch zur Wahrheit, dass Verbandsarbeit unbeliebt ist und eine Vorsitzende Burschenschaft bereits mit der Ausübung ihrer Richtlinienkompetenz sowie der Wahrnehmung repräsentativer Aufgaben gut ausgelastet ist.
Das Jubiläum des Jahres 1881 erinnert uns deshalb nicht nur an ein historisches Ereignis. Es erinnert uns an einen Auftrag. Jede Generation steht vor der Aufgabe, den Verband neu mit Leben zu erfüllen und zugleich die Grundgedanken weiterzutragen, die seine Gründer vor nahezu eineinhalb Jahrhunderten nach Eisenach führten. Daher möchte ich meinen kurzen Abriss damit beenden, allen jungen Verbandsbrüdern Mut zu machen, sich aktiv in das Verbandsleben einzubringen. Nur wenn wir uns am Zahn der Zeit bewegen und aktuelle Entwicklungen aufnehmen, bleiben wir beweglich und haben die Chance, den Herausforderungen erfolgreich zu begegnen. Seht daher den Burschentag auch als Bühne, auf der die Stimme der jungen Verbandsbrüder in den Verband getragen werden muss. Denn nur dann können wir mit Blick auf die Zukunft sagen, dass die Geschichte der Deutschen Burschenschaft nicht abgeschlossen ist. Sie wird von den Burschenschaftern unserer Zeit fortgeschrieben.



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