Beobachter von außen merken immer wieder einmal an, dass es in Tirol rund um Pennalien und Studentenverbindungen eher dürftig aussieht. Die Tiroler, der burschenschaftlichen Idee grundsätzlich fremd? Der Eindruck ist nicht ganz falsch. Tirol nimmt im Kontext der Studentenverbindungen eine Ausnahme ein. Und Südtirol ist noch einmal die Ausnahme von der Ausnahme.
Grenzland Tirol
Bevor man sich insgesamt mit der burschenschaftlichen Idee befasst, muss man sich geographisch und kulturell vergegenwärtigen, dass Tirol bereits im Mittelalter eine absolute Grenzlage einnahm. Der zusammenhängende deutsche Sprach- und Kulturraum endete nördlich von Trient. Das „Konzil von Trient“, 1563 nicht zufällig an der Sprach- und Kulturgrenze abgehalten, leitete die Gegenreformation ein. Seit dem Konzil wurde Tirol systematisch katholisch missioniert. Freiheitliche Regungen hatten dementsprechend einen schweren Stand. Das wird an der Rezeption des Tiroler Freiheitskampfes 1809 deutlich, der im späten 19. Jahrhundert gezielt als Auflehnung der katholischen Tiroler gedeutet wurde. Das mag bis zu einem bestimmten Punkt stimmen. Die politischen Impulse zum Freiheitskampf kamen jedoch vom freiheitlichen Außenpolitiker Joseph von Hormayr, der Andreas Hofer Anfang 1809 in Wien in die politischen Pläne einweihte.
Zuvor studierte Hormayr die Schriften Ernst Moritz Arndts und dessen Rezeption des Spanischen Freiheitskrieges. Nach dem Tiroler Freiheitskrieg deklarierte Ernst Moritz Arndt den Sandwirt Andreas Hofer zum „berühmtesten Namen Deutschlands“ und erhoffte sich dadurch den notwendigen Antrieb in den Deutschen Befreiungskriegen. Während es im Deutschen Bund nach 1815 Einzelstaaten gab, die mehr oder weniger freiheitlich agierten, war Österreich ein Zentralstaat mit einer stark ausgebauten Verwaltung und einem straffen Polizei- und Spitzelsystem. In diesem System war selbst Andreas Hofer politisch problematisch. Der Staat Österreich konnte nichts weniger, als wehrhafte und freie Tiroler, gebrauchen.
Erste burschenschaftliche Bewegungen
Die Urburschenschaft wurde zwar 1815 gegründet. In Österreich spielten burschenschaftliche Bewegungen noch kaum eine Rolle. 1823 bestand zwar eine Burschenschaft Libera Germania Innsbruck, die beteiligten Akteure wurden jedoch systematisch verfolgt. Burschenschaftliche Bewegungen waren nur im Verborgenen, in Form von Lese- und Literaturklubs, unter Pseudonym, möglich. Das änderte sich auch 1848 nicht wesentlich. Tirol galt für die Habsburger in revolutionären Zeiten als sicherer und ruhiger Zufluchtsort. Während in Frankfurt über die deutsche Einigung debattiert wurde, fielen in Tirol nur zwei von neun Wahlkreisen an freiheitliche Abgeordnete. Die klerikalen Tiroler Abgeordneten debattierten in Frankfurt nicht über eine deutsche Einigung, sondern forderten ein Niederlassungsverbot für deutsche Protestanten, um die katholische Glaubenseinheit zu sichern.
Gleichzeitig wurde Tirols Südgrenze 1848 mit Waffen verteidigt. Italienische Freischärler erhoben Ansprüche auf Tirol. Die österreichische Armee hatte die Gefahr aus dem Süden maßlos unterschätzt. Es waren Tiroler Studenten aus Wien und Innsbruck rund um Adolf Pichler sowie Turner und freiwillige Aufgebote Tiroler Schützen, die die Südgrenze Tirols, die gleichzeitig die Südgrenze des Deutschen Bundes war, verteidigten. Aus den Beständen jener Studenten, die an der Südfront kämpften, formierten sich in Innsbruck erste Studentenverbindungen, namentlich Teutonia, Arminia, Germania, Alemannia, Rhätia und Minerva. Die Habsburger beendeten mit Regierungsantritt Franz Josephs I. im Dezember 1848 nicht nur die Revolution, sondern installierten einen autoritären Staat. Jene Studenten, die am Tiroler Grenzkrieg teilnahmen, wurden unter Generalverdacht gestellt. Die gegründeten Korporationen wurden aufgelöst. Österreich konnte jedoch die außen- und innenpolitischen Ansprüche kaum erfüllen.
Wendepunkt 1859
Das Schillerfest 1859, der den 100. Geburtstag des Dichters, sowie das 10-jährige Scheitern der Revolution demonstrativ an allen Universitäten Deutschlands feierte, markierte auch in Tirol eine politische Trendumkehr. Zwischen 1858 und 1863 bestand an der Universität Innsbruck das Corps Chinesia mit den Farben rot-weiß-rot. Der Name entstammte einer Terrakottafigur eines sitzenden Chinesen, der der Tafelrunde als Tischkasse diente. Die Chinesia betrieb die Aufstellung der Studentenkompanie anlässlich des Tiroler Grenzkrieges 1859 maßgeblich. Aus dieser Kompanie konstituierte sich im Dezember 1859 das Corps Rhaetia. Mit grün-weiß-grün führte Rhaetia die Fahnenfarben der Kompanie. Das Corps Athesia wurde 1861 in Innsbruck von neun Südtiroler und Innsbrucker Studenten mit dem Wahlspruch „Furchtlos und treu“ gestiftet. Zuvor bestand seit 1848 eine Tischrunde Bozner Studenten, die sich landsmannschaftlich organisierte, die sich nach der Etsch („athesis“) benannte.
Die Innsbrucker Corps feierten 1865 in Innsbruck den ersten gemeinsamen Kommers, auf dem Adolf Pichler die Festrede hielt. Darin legten die Corps ein „Bekenntnis zum deutschen Vaterland“ ab. 1870 wurde in Innsbruck die akademische Verbindung „Walhalla“ von Meraner Studenten gegründet. Die Verbindung wurde 1872 ein Corps und nahm den Namen „Gothia“ an. Der Akademische Gesangsverein Innsbruck wurde 1863 gegründet, übernahm 1866 in Erinnerung an den Deutsch-deutschen Krieg 1866 die Farben der Tiroler Schützen weiß-grün und nennt sich seit 1911 Akademischer Gesangsverein Innsbruck, Sängerschaft Skalden. Die Akademische Landsmannschaft Tyrol entstand 1880 in Innsbruck aus den Beständen einer „Akademischen Gesellschaft Veilchenblaue Republik“.
Die Innsbrucker Burschenschaften
Mit dem Vereinsrecht, das in Österreich ab 1867 bestand, war es endlich möglich, Vereine zu gründen, die sich Burschenschaft nannten. Die Innsbrucker Burschenschaft Suevia wurde 1868 als Verbindung Vorarlbergia gestiftet. Der landsmannschaftliche Charakter verschwand, 1877 nannte man sich „Suevia“ und war ab 1884 Burschenschaft. Der Brixner Fürstbischof Vinzenz Gasser gilt als radikalster politischer Agitator gegen freiheitliche Bewegungen in Tirol, gründete 1872 ein Knabenseminar in Brixen mit dem Zweck, freiheitliches Gedankengut als „Festung gegen den Zeitgeist“ zu bekämpfen. Dass wenige Jahre später, 1876, Maturanten in Brixen die „Akademische Gesellschaft Brixia“ gründeten, die später zur Innsbrucker Burschenschaft Brixia wurde, ist wohl kein Zufall.
Die Brixia wurde 1909 eine Burschenschaft. Bereits 1921 bestand ein Verkehrsverhältnis zwischen der Brixia und der Wiener akademischen Burschenschaft Teutonia. 1884 wurde durch Meraner Studenten der „Gesangsverein Pappenheimer“ ins Leben gerufen. Dieser firmierte 1900 als „Burschenschaft der Pappenheimer“, aus dem Beziehungsgeflecht mit anderen Bünden, etwa mit der späteren Burschenschaft Rhätogermania Graz, wird klar, dass es sich bereits um 1890 um eine burschenschaftliche Bewegung handelte. Die Pappenheimer gingen in der Burschenschaft Suevia auf. Die Burschenschaft Germania Innsbruck wurde 1892 als Burschenschaft mit den Farben Schwarz-Weiß-Gold gestiftet. Da zwei Altburschen der Wiener Teutonen sowie ehemalige Innsbrucker Schwaben an der Gründung beteiligt waren, führte die Gründung zu einer Verstimmung zwischen der Wiener Teutonia und der Burschenschaft Suevia. Das Verhältnis der Wiener Teutonia zur Germania Innsbruck bestand bis 1895.
Sonderfall Südtirol
Da die einzige Universität in Innsbruck situiert war, konnten sich in Bozen, Meran, Brixen und Trient nur Schülerverbindungen bilden. Ab 1850, aber insbesondere ab 1868 mit einem Höhepunkt rund um 1900 entstanden zahlreiche Schülerverbindungen, die, sobald diese durch die geistliche Lehrerschaft aufflogen, aufgelöst, verbannt oder in katholische Verbindungen umgewandelt wurden. Liest man in Tiroler Tageszeitungen im 19. Jahrhundert, wird klar, dass die Mitgliedschaft in einer deutschnationalen Schülerverbindung den Verweis aus allen Tiroler Gymnasien zur Folge hatte. Wer sich dennoch in Schülerverbindungen betätigte, riskierte viel.
Mit der Annexion Südtirols an Italien war es den liberalen Nachkriegsregierungen in Italien wesentlich, die Verbindungen über den Brenner zu kappen. Noch bevor der italienische Faschismus regierte, wurden deutschnationale Vereine wie der Alpenverein oder der Deutsche Schulverein aufgelöst. Das traf freilich auch die Schülerverbindungen. Nach 1945 kam verstärkend ein Nicht-Deutsch-Sein sowie ein Nie-Deutsch-Gewesen-Sein jener bürgerlichen Schichten hinzu, die als freiheitliche Akademiker eigentlich das kulturelle Rückgrat Südtirols bilden hätten sollten.
Hinzu kommen historische Missverständnisse. 1968 behauptetet der linke Journalist Claus Gatterer, „Nationalismus beider Seiten“ habe Tirol zerstört. Diese Meinung wird inzwischen nicht nur von Linken, sondern auch von Tirol-Patrioten verbreitet. Tirol wurde wohlgemerkt durch italienische Aggressionen zerstört, wohingegen es gerade deutschfreiheitliche Vereine waren, die den Bestand der deutschen Sprache und Kultur verteidigten. Die Klerikalen schürten hingegen einen sinnlosen Glaubenskrieg. Eine Trendumkehr beginnt in Tirol dadurch, dass historische Missverständnisse berichtigt werden.



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