Eines der beliebtesten Vorurteile, welches sich mit Hartnäckigkeit der Deutschen Burschenschaft gegenüber durchhält, ist jenes der angeblichen Geheimniskrämerei. Die Burschenschaft – so lautet der implizite Vorwurf –, das sei eine konspirative Gemeinschaft von Dunkelmännern, deren oberstes Prinzip die Verschlossenheit der Öffentlichkeit gegenüber sei. Es wäre demnach nicht nachvollziehbar, was genau hinter den Pforten der Korporationshäuser geschehe – feststehe aber jedenfalls, dass es nichts Gutes sei. Jeder Korporierte wird über diese Vorstellung wohl nur lachen können, aber da sie sich mit einiger Penetranz in der öffentlichen Wahrnehmung durchhält, möchte ich den Vorwurf einmal genauer untersuchen.
Am einfachsten scheint es mir, die angebliche Geheimniskrämerei der Burschenschaften richtig einzuordnen, wenn sie mit jener von tatsächlichen Geheimgesellschaften verglichen wird. Dafür brauche ich mich glücklicherweise gar nicht weit in die sogenannten Verschwörungsgefilde vorzuwagen und Freimaurerlogen oder Illuminatenorden herbeizuzitieren. Sogar die formale Organisationsform wird in meinem Beispiel dieselbe sein wie jene der Burschenschaft, denn es gibt auf dem amerikanischen Kontinent einige Studentenverbindungen, welche ohne weiteres als Geheimgesellschaften klassifiziert werden können und sich selbst auch als solche verstehen. Ich denke an die mittlerweile fast schon sagenumwobenen Studentenvereinigungen der Ivy-League-Universitäten an der amerikanischen Ostküste.
Die amerikanische Elite
Während die Ivy-League bereits aus den selektivsten Universitäten der Welt besteht, so eignet den ihr angegliederten Studentenverbindungen – welche ähnlich wie die deutschen Korporationen vorwiegend im 19. Jahrhundert gegründet worden sind – ein gänzlich elitäres Bewusstsein. Jedes Jahr werden in die Bünde etwa 15 Neuanwärter aufgenommen, welche zum Zeitpunkt des Eintritts allesamt ihr letztes Jahr des Bachelorstudiums beginnen. Dies hat dazu geführt, dass die Verbindungen auch als Final-Clubs bezeichnet werden – wobei diese Bezeichnung insbesondere für Bünde an der Harvard Universität wie den „Porcellian Club“ verwendet wird. Weitere bekannte Namen sind „Quill and Dagger“ an der Cornell, „Sphinx“ in Dartmouth und „Skull & Bones“ in Yale, wobei die Letztgenannte die vermutlich berüchtigtste aller amerikanischen Studentenverbindungen ist.
Neue Mitglieder: Auswahl statt Eigeninitiative
Schon in der Art der Aufnahme von Neumitgliedern unterscheiden sich die amerikanischen Studentenclubs von den deutschen Burschenschaften. Denn während in Deutschland Interessenten zumeist eigenständig auf die Bünde zugehen, können potenzielle Anwärter in Amerika nicht selbst entscheiden, ob sie mitmachen dürfen. Stattdessen wählen die aktiven Mitglieder der Vereinigungen jedes Jahr ihre Nachfolger für die nächsten beiden Semester. Studenten, welche in den exklusiven Kreis aufgenommen werden sollen, lehnen nur sehr selten ab, denn die Mitgliedschaft ist oftmals an enorme gesellschaftliche und berufliche Vorteile geknüpft.
Skull & Bones: Eine Erfolgsgeschichte
Und der Erfolg der Mitglieder kann sich sehen lassen. Allein zu den Bonesmen – so der Name der Mitglieder von Skull & Bones – der jüngeren Vergangenheit zählen die Präsidenten Bush Senior und Junior, der Publizist William F. Buckley, welcher mit dem von ihm gegründeten Magazin National Review während des Kalten Krieges enormen Einfluss auf die republikanische Partei ausübte, und der Gründer des Logistikkonzerns FedEx, Frederick Smith. Wer sonst noch dem elitären Netzwerk angehört, kann seit den 1970er-Jahren eigentlich nur noch gemutmaßt werden, denn seither sind die Mitgliedslisten nicht mehr öffentlich einsehbar. Kaum verwunderlich also, dass sich um Skull & Bones einige spektakuläre Mythen ranken: So sollen es etwa die Bonesmen sein, welche seit der Gründung des amerikanischen Auslandsgeheimdiensts – der Central Intelligence Agency – kurz nach dem Zweiten Weltkrieg den Nachrichtendienst personell dominieren würden. Es ist kaum möglich, in dieser Hinsicht eine belastbare Einschätzung zu geben, aber dass Skull & Bones eine gewichtige Rolle in der Spitze der amerikanischen Gesellschaft einnimmt, kann als gesichert angenommen werden.
Die Burschenschaft und ihr öffentlicher Auftrag
Ganz anders gelagert ist das Verhältnis der Deutschen Burschenschaft zur Öffentlichkeit. Diese hat ihren politischen Auftrag geschichtlich stets klar formuliert und ihr ganzes Wirken, angefangen in der Zeit der Demagogenverfolgung, öffentlich gestaltet. Das hat sich bis heute so bewährt: Denn während wohl noch nie ein Zivilist einen Blick hinter die dicken Mauern von „The Tomb“ (englisch: „Die Gruft“, so der Name des Verbindungshauses von Skull & Bones) auf dem Campus in Yale werfen durfte, haben Burschenschaften ständig externe Referenten und Gäste auf dem Haus. Wenn überhaupt ist es der korporationsfeindliche Zeitgeist, welcher die Mitgliedschaft in einer Burschenschaft pauschal verurteilt, der heute viele Burschenschafter dazu verleitet, mit ihrer Zugehörigkeit zu ihrem Bund nicht hausieren zu gehen.
Präsidentschaftswahlkampf 2004: Bonesmen unter sich
Zum Abschluss sei noch eine bemerkenswerte Anekdote erzählt, welche die Macht und die tatsächliche Verschwiegenheit von Skull & Bones und Co. darstellt: Als sich im US-Präsidentschaftswahlkampf 2004 John Kerry von den Demokraten und George W. Bush von den Republikanern gegenüberstanden, hatten die Amerikaner die Wahl zwischen zwei Bonesmen. Angesprochen auf diesen Umstand reagierten die Kandidaten ausweichend: Skull & Bones, das sei so geheim, dass man nicht darüber reden könne – so George W. Bush im beinahe wörtlichen Zitat. So nämlich verhalten sich Geheimniskrämer.



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