1. Was ist das Semesterprogramm? Alles.
2. Was ist es bis jetzt in der korporativen Ordnung gewesen? Alles.
3. Was verlangt es? Papierkosten im (mindestens) zweistelligen Bereich und zusätzliche Ausgaben für Briefmarken.
Und das ist historisch ungerechtfertigt. Das Sempro ist eine fiese Nachkriegserfindung. Es gibt, zumindest meinem Kenntnisstand nach, keine Belege für so etwas vor 45. Warum auch? Korporative Verhältnisse waren bis weit in das 20. Jahrhundert hinein sowieso nicht stabil genug, um eine ständige Versendung von Einladungen an eine feste Anzahl an Bünden zu rechtfertigen.
Kartelle, Generationen, Zufall
Einer meiner eigenen Bünde hatte als Landsmannschaft ein Kartell mit einer späteren SK-Burschenschaft (SK = Süddeutsches Kartell, Anm. d. Redaktion) und einer Landsmannschaft, die später Burschenschaft, dann Corps wurde und heute in einem großen Multifusionscorps an einer relativ neuen Uni im Westen aufgegangen ist. Später bemüßigte man sich eines Kartells mit zwei österreichischen Bünden, nur um nach dem Abschluss der kleindeutschen Einheit dieses Projekt auch wieder ad acta zu legen. Damals reichte das einmalige Saufieren mit vielen Bieren, um ein Kartell zu rechtfertigen, was dann nur so lange hielt, wie die jeweiligen Aktivengenerationen noch studierten oder nicht, wie etwa der spätere Wilhelminische Hofprediger Adolf Stoecker, der aus Jux und Dallerei einfach den Bund wechselte.
Das Sempro geht nun aber nicht nur davon aus, dass es eine feste interkorporative Struktur in Form von langlebigen Verbänden, Kartellen, Freundschafts- und Vorstellungsverhältnissen gibt, sondern auch, dass man mehrere hundert Kilometer zu einer Veranstaltung reisen kann, und noch dazu, dass man das will. Es ist damit der ideologische Überbau zur Basis der deutschen Bundesbahn und dem Massen-PKW, um mich am Vokabular eines Waffenbruders zu bedienen, dessen eigene Verbindung zu seiner Zeit wohl als alte Landsmannschaft klassifiziert werden konnte, um schließlich Kösener Corps zu werden, jedoch aus diesem Verband austrat, weil man sich in den Sechzigern dem Zeitgeist hingab und nun das Fechten ablehnte.
Das Sempro als notwendiges Übel
Aber welche Rolle spielt es in unserer Zeit? Die eines notwendigen Übels. Jeder Bund, der zwischen dem Brennerpass und der Förde und zwischen Trier und dem Berliner/Wiener Großraum besteht, produziert ein Heftchen aus Weichpappe, in dessen Fittichen die Termine des Semesters und, noch besser, Name und Anschrift der Chargen vermerkt sind. Für die Regelung von Contrahagen und PPs ist das, wie ich unlängst selbst bemerkte, ein sehr guter Umstand, aber trotzdem stellt sich die Frage, was das soll. Wer kommt überhaupt zu den Veranstaltungen? Niemand, außer die, die sowieso ein Interesse am Bundesleben haben.
Aber wer würde es bemerken, wenn dieses Stück Druckpappe wegbleiben sollte? Alle, die auf dem Convent etwas zu sagen haben. Alter Herr X würde zwar eh nicht kommen, weil er gerade den Solbrah (US-amerikanischer Influencer, der aufgrund seiner Neigung, sich nackt zu sonnen, zu einem Meme geworden ist. Anm. d. Redaktion) in Übergewichtig auf den Malediven oder Balearen macht, aber wehe er kriegt nicht doch das liebe Sempro, um erinnert zu werden, dass er doch da sein könnte. Deshalb gehört dieses Stück Faltpappe zu denjenigen Stücken Papier, die für das Leben des Korporierten zentral und nicht wegzudenken sind, denn welcher Alter Herr würde sich nicht beleidigt fühlen, wenn er nicht die uninteressanteste Veranstaltung, zu der er eh nicht erscheint, zumindest angezeigt bekommt, damit er sich im Nachhinein über deren unrühmlichen Verlauf beschweren könnte?
Solange die modernen Massenmedien, die modernen Transportmittel und Juristen in der Altherrenschaft existieren, wird es also dieses Faltpapier geben! In diesem Sinne wünsche ich allen Schriftwarten unserer Jeckengemeinschaft namens Korporationswesen auch im kommenden Semester viel Spaß beim Gestalten und Falten dieser Dinger und empfehle auch als Protestant das Anrufen diverser Schutzheiliger gegen das Sich-am-Papier-schneiden, verspätete ICEs, den TÜV und den Eingriff der Altherrenschaft in die Semesterplanung.



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