Gegen den jungen Burschenschafter Kevin Dorow aus Schleswig-Holstein hat der AfD-Parteivorstand am vergangenen Montag ein Parteiausschlussverfahren eröffnet. Der Nachwuchspolitiker aus dem Norden Deutschlands ist auch Burschenschafter – und drei der vier Anklagepunkte betreffen Vorwürfe, die regelmäßig – allerdings meist von der linken Seite des politischen Geschehens – auch gegen das burschenschaftliche Milieu vorgebracht werden. Grund genug, sich einmal näher damit zu befassen.
Dorow wird die Verwendung des Begriffs Remigration beziehungsweise die Kenntnis des Bestsellers von Martin Sellner vorgeworfen. Das mag absurd klingen, aber so steht es im Antrag des ehemaligen Staatsanwaltes und Ex-MdB Roman Reusch, Beisitzer im Parteivorstand der AfD. Aber das ist ohnehin der schwächste der vier Anklagepunkte. Weitaus interessanter sind die drei anderen Punkte, die Kevin Dorow zum Vorwurf gemacht werden.
Erster Vorwurf: „Wenn alle untreu werden“ ein SS-Lied?
Die AfD möchte gerne so erfolgreich sein wie die FPÖ. Das kennt man aus zahlreichen Verlautbarungen; man schaut gerne zu den deutschsprachigen Freunden nach Österreich. Bestes Beispiel ist die Teilnahme zahlreicher AfD-Funktionäre am Akademikerball am vergangenen Wochenende. Man ist allerdings auf dem Nachfolgeball des Wiener Korporationsringes, eines Zusammenschlusses, zu dem zehn Wiener Burschenschaften gehören (https://wkr.at/).
Unter den Teilnehmern überwiegt daher die Zahl der Verbindungsangehörigen. Kein Wunder, das akademische Rückgrat der FPÖ besteht eben auch aus zahlreichen Angehörigen schlagender Studentenverbindungen. Vielleicht sollte man nicht nur nach Wien schielen, wenn es um repräsentative Veranstaltungen geht. Denn man kann von der FPÖ durchaus lernen, wie man mit orchestrierten Vorwürfen umgeht. Ein gutes Beispiel dafür ist der Umgang der FPÖ mit dem Begräbnis des burschenschaftlichen Urgesteins Walter Sucher im September 2024. Der Alte Herr der Wiener akademischen Burschenschaft Olympia war eine graue Eminenz des burschenschaftlich geprägten akademischen Vorfelds der FPÖ. So fanden sich auf der Beerdigung einerseits Mitglieder seiner Olympia ein, aber auch FPÖ-Mandatare – und auch Olympen, die in beiden Organisationen aktiv sind. Und welches Lied wurde auf der Beerdigung gesungen? „Wenn alle untreu werden“.
Kein SS-Lied!
Das Lied wurde und wird von der Presse, auch im Nachgang der Beerdigung, gerne als „SS-Lied“ bezeichnet. Das ist historisch einfach unwahr, denn das Lied ist historisch betrachtet kein originäres SS-Lied, auch wenn Teile davon von der SS verwendet wurden. Der Text stammt von Max von Schenkendorf und wurde 1814 während der Befreiungskriege gegen Napoleon veröffentlicht. Das Gedicht entstand also mehr als 100 Jahre vor der Gründung der Schutzstaffel (SS). Die heute bekannte Melodie wurde erst später komponiert, um 1861, unter anderem von Friedrich Silcher, einem Komponisten zahlreicher deutscher Volksliedvertonungen. Ursprünglich umfasst das Gedicht von Max von Schenkendorf mehrere Strophen, je nach Abdruck fünf bis sieben, da es unterschiedliche Überlieferungen und leicht abweichende Textfassungen gibt. Die Schutzstaffel verwendete in der Regel nur die erste Strophe – sie wurde als sogenanntes „Treuelied“ gesungen. Das ursprüngliche Lied ist damit ein deutlich älteres patriotisches Lied, das im Dritten Reich teilweise eben auch von der SS gesungen wurde.
Die FPÖ sitzt den Vorwurf einfach aus
In Österreich sind die Strafgesetze bezüglich „Wiederbetätigung im Sinne des Nationalsozialismus“ deutlich strenger als in der Bundesrepublik. Kein Wunder also, dass nach dem Geschrei der Mainstreamgazetten, dass es sich um ein SS-Lied handele, selbst die Staatsanwaltschaft kurz ermittelte. Immerhin waren hochrangige FPÖ-Funktionäre vor Ort, darunter die Nationalratsabgeordneten, vergleichbar mit Bundestagsabgeordneten, Harald Stefan, Norbert Nemeth und Martin Graf. Und es wurde ihnen unterstellt, ein SS-Lied gesungen zu haben. Während man in der Bundesrepublik auf das Geschrei der Linken und Presse offenbar gerne hereinfällt, vielleicht einen imaginären VS-Druck im Rücken spürt, hat sich die FPÖ nicht von den Teilnehmern distanziert, keine Parteiausschlüsse eingeleitet. Man hat die Pressekampagne aber als solche bezeichnet, darauf verwiesen, dass es historisch falsch sei, es als SS-Lied zu bezeichnen – und saß den Vorwurf einfach aus. Aus den Ermittlungen wurde ebenfalls nichts.
Von Heino bis Heinrich Böll
Und auch in der Bundesrepublik war das Lied vor wenigen Jahren ganz normal im Handel erhältlich. Noch 2018 sang unser allseits beliebter Schlagerbarde Heino das Lied auf dem Album, Lied 13, „Die schönsten deutschen Heimat- und Vaterlandslieder“. Als er dafür kritisiert wurde, hat er angeblich darauf verwiesen, dass Historiker das Lied für „in Ordnung“ befunden hätten. Und in seinen Erinnerungen schreibt beispielsweise Heinrich Böll, also jemand, der des NS wahrlich unverdächtig ist, er habe das Lied mit einem Freund im Widerstand gegen das Naziregime gesungen. Darüber hinaus ist es ein Lied, das natürlich auch heute noch im millionenfach verbreiteten „Allgemeinen Deutschen Kommersbuch“ steht und regelmäßig von allen möglichen studentischen Verbindungen gesungen wird. Der Vorwurf von Roman Reusch ist daher gänzlich absurd. Dass ausgerechnet in einer patriotischen Partei einem Patrioten der Vorwurf gemacht wird, eine Liedzeile eines patriotischen Liedes von 1814 zu verwenden, ist – man muss es so deutlich sagen – einfach irre.
Der zweite Vorwurf: Jugend muss durch Jugend geführt werden?
Auch der Leitspruch „Jugend muss durch Jugend geführt werden“ ist kein originärer NS-Leitspruch. Auch hier wieder der Hinweis, dass dieser Leitspruch durch die beiden vergangenen Jahrhunderte ein immer wiederkehrendes Motiv völlig unterschiedlicher Jugendbünde war und ist. Darunter befinden sich Pfadfinder, die bündische Jugend, Männerbünde, Studentenverbindungen, Tischgesellschaften, Sportvereine, rechte wie auch linke Gruppen etc. Dass die Hitler-Jugend diesen Spruch auch nutzte, macht ihn nicht zum alleinigen NS-Vokabular.
So ist Kevin Dorow Mitglied zweier akademischer Burschenschaften und sogar Funktionär der Deutschen Burschenschaft. Als Schriftleiter der Burschenschaftlichen Blätter gehört er dem Verbandsrat der Deutschen Burschenschaft an. Die stimmberechtigten Mitglieder dieses Führungsgremiums, das den auch aus mehreren Tausend Alter Herren bestehenden Verband leitet, sind alles Studenten oder Jungakademiker. Seit jeher gilt auch innerhalb der Deutschen Burschenschaft, die immerhin auf die Urburschenschaft von 1815 zurückgeht, das Leitmotiv „Jugend führt Jugend“. Dass der Burschenschafter Dorow das Motiv auch auf den Jugendverband der AfD überträgt, liegt daher nahe. Junge Mitglieder der Partei führen den Jugendverband. Wie kann man ernsthaft der linken Jagdgesellschaft argumentativ folgen und sich einreden lassen, es handele sich um NS-Vokabular? Da kann man nur Bruno Kreisky zitieren, als er einem unwissenden Journalisten einst zuraunte: „Lernen S' Geschichte“!
Der dritte Vorwurf: Ein FREILICH-Artikel …
Auch der dritte Vorwurf zieht nicht, um im Sprachgebrauch der Burschenschaften zu bleiben. Der Antrag auf Parteiausschluss enthält einen Absatz eines Artikels von Dorow, erschienen auf FREILICH-online, der dem Jungpolitiker vorgeworfen wird. Darin schreibt Dorow:
Die Vorstellung, jede Differenz sei Diskriminierung, ist ein intellektueller Kurzschluss. Eine Gemeinschaft kann nur existieren, wenn sie Grenzen ihrer selbst kennt – nicht im Sinne der Ausgrenzung um der Ausgrenzung willen, sondern als Ausdruck kultureller Kontinuität. Wenn Herkunft, Sprache, Geschichte und gewachsene Lebensformen keine Rolle mehr spielen dürfen, wird Identität zu einem rein juristischen Konstrukt. Doch der Mensch ist kein Vertragssubjekt allein – er lebt in Symbolen, in Erinnerungen, in Prägung.
In diesem Licht ist es nicht „extrem“, sondern vernünftig, zwischen dem „Passdeutschen“ und dem „Volksdeutschen“ zu unterscheiden – so wie es auch legitim ist, zwischen türkischem Staatsbürger und ethnischem Türken zu unterscheiden. Wer dies heute öffentlich ausspricht, wird moralisch abgeurteilt – nicht, weil er lügt, sondern weil er eine unwillkommene Wahrheit anspricht.
Nun kann man über die Sicht von Kevin Dorow durchaus streiten. Dass es völlig konträre Auffassungen innerhalb der AfD gibt, kann man bei Maximilian Krah nachlesen. Aber was meint Dorow konkret – und ist das von der Parteilinie wirklich stark abweichend?
Differenzierung ist nicht automatisch Diskriminierung
Positiv gelesen, lässt sich der Absatz als Plädoyer für eine kulturelle Selbstvergewisserung und Differenzierungsfähigkeit verstehen. Der Absatz wendet sich gegen die Annahme, dass jede Form von Unterscheidung automatisch moralisch problematisch sei. Dorow betont zurecht, dass Gemeinschaften nicht nur aus rechtlichen Strukturen bestehen, beispielsweise aus der Summe von Staatsbürgern, sondern auch aus gemeinsam geteilten Erfahrungen, Traditionen, Sprache und Geschichte. Identität wird hier nicht rein staatsrechtlich, also über Staatsbürgerschaft, definiert, sondern auch kulturell verstanden, ein typisch burschenschaftlicher Blickwinkel.
Aber Differenzierung ist nicht automatisch Diskriminierung. Das scheint man Dorow allerdings vorwerfen zu wollen. Die rechtliche Zugehörigkeit und kulturelle Zugehörigkeit sind aber eben nicht deckungsgleich. Dies zeigt sich besonders deutlich bei Fußballspielen der türkischen Nationalmannschaft in Deutschland. Deutsche Staatsbürger türkischer Volkszugehörigkeit feiern ausgelassen. Damit ist der Dorow vorgeworfene Absatz einfach ein Argument für kulturelle Kontinuität, Identitätsbewusstsein und die Legitimität von Differenzierungen – verbunden mit Kritik an einer Debattenkultur, die solche Differenzierungen vorschnell moralisch verurteilt. Und das zurecht, ganz so, als ob das Parteiausschlussverfahren ein Beleg dafür ist.
Viel Lärm um nichts
Es fällt einem in der Tat das Shakespeare-Stück „Viel Lärm um nichts“ ein. Die Vorwürfe wirken konstruiert, folgen vorauseilend den Forderungen der Presse und könnten durch eine Angst vor einer VS-Einstufung begründet sein. Wenn man indes die historischen Hintergründe der Vorwürfe kennt, bleibt eigentlich nichts von ihnen übrig. Und dennoch soll die aufstrebende Politikkarriere eines Jungpolitikers bereits im Frühstadium beendet werden? Wenn man sich dagegen Äußerungen und Forderungen von Vertretern der anderen Parteijugenden anschaut, kann man unweigerlich nur mit dem Kopf schütteln. Was eine Jette Niezard von den Grünen in der Vergangenheit beispielsweise von sich gegeben hat, aber nicht durch die Partei sanktioniert wurde, ist dagegen echt harter Tobak. Man kann der Generation Deutschland (GD) daher nur wünschen, sich trotzig auf die Hinterbeine zu stellen und an Kevin Dorow festzuhalten.



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