Zürich. – Am 4. September 2026 beginnt vor dem Bezirksgericht Zürich ein Verfahren gegen sechs junge Männer und Frauen, die dem identitären Aktivistenkollektiv „Junge Tat“ angehören. Im Zentrum stehen Vorwürfe der Diskriminierung und des Aufrufs zu Hass aufgrund der sexuellen Orientierung sowie weitere Delikte im Zusammenhang mit öffentlichen Protestaktionen. Für den Co-Leiter Manuel Corchia fordert die Staatsanwaltschaft unter anderem eine unbedingte Freiheitsstrafe von sechs Monaten, eine bedingte Freiheitsstrafe von neun Monaten sowie finanzielle Sanktionen von insgesamt mehr als 40.000 Euro. Im Mittelpunkt stehen mehrere Vorfälle aus dem Jahr 2022.
Von Coronaprotest bis Pride-Gottesdienst
Am 12. Februar 2022 versammelten sich in Zürich Kritiker der Coronamaßnahmen zu einer Demonstration gegen die Zertifikatspflicht. Gleichzeitig riefen linke Gruppen unter dem Motto „Zürich Nazifrei – rechten Aufmarsch verhindern“ zu einer Gegenkundgebung auf. Vor dem Hauptbahnhof kam es zu einer körperlichen Auseinandersetzung zwischen maskierten Teilnehmern beider Seiten. Die Staatsanwaltschaft wirft Corchia vor, sich in einer rund 40-köpfigen Gruppe aufgehalten zu haben. Durch seine Anwesenheit und sein Verhalten habe er die Gruppe unterstützt, obwohl er sich nach Ansicht der Anklage vom Geschehen hätte entfernen können. Corchia ist deshalb wegen Landfriedensbruchs angeklagt.
Die Angeklagten schildern den Ablauf anders: Sie hätten an der Coronademonstration teilnehmen wollen, seien jedoch von der Polizei abgedrängt und in eine Seitengasse geleitet worden. Dort seien sie überraschend auf eine deutlich größere Gruppe von Teilnehmern der Gegenkundgebung gestoßen. Es sei zu Gerangel und gegenseitigen körperlichen Auseinandersetzungen gekommen. Als sich die Situation kurzzeitig beruhigt habe, seien sie davongelaufen, dabei von der Polizei mit Gummischrot beschossen und anschließend festgenommen worden. Die Gegengruppe sei später durch die Zürcher Innenstadt gezogen und habe dort Sachbeschädigungen verursacht.
Wenige Monate später, am 1. Mai 2022, folgte eine weitere Aktion: Mehrere der Beschuldigten, darunter Corchia, stiegen auf einen Baukran an der Molkenstraße in Zürich. Dort entrollten sie ein Transparent mit der Aufschrift „DENKST DU GLOBAL / DIENST DU DEM KAPITAL! / SICHERE GRENZEN SICHERE ZUKUNFT“ und zündeten Rauchpetarden. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen Hausfriedensbruch, geringfügige Sachbeschädigung sowie Verstöße gegen das Sprengstoffgesetz vor.
Gegenstand der Anklage ist auch eine Aktion im Rahmen eines Pride-Gottesdienstes. Am 19. Juni 2022 trugen mehrere Personen, darunter Corchia, während eines öffentlich zugänglichen Pride-Gottesdienstes in der Kirche an der Werdstraße ein großes weißes Kreuz mit der Aufschrift „NoPrideMonth“ in den Kirchenraum und stellten es dort auf. Die Anklage lautet auf Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung, Störung der Glaubens- und Kultusfreiheit sowie Diskriminierung und Aufruf zu Hass aufgrund der sexuellen Orientierung. Die Beschuldigten betonen allerdings, dass sie die Aktion abgebrochen hätten, nachdem ein Besucher gewalttätig geworden sei.
Weitere Aktion gegen Drag-Queen-Lesung
Ein weiterer Vorwurf betrifft den 16. Oktober 2022: Bei einer Drag-Queen-Story-Hour im Tanzhaus Wasserwerk wollten Aktivisten der Jungen Tat eigenen Angaben zufolge ein Banner mit der Aufschrift „Es gibt nur zwei Geschlechter“ zeigen. Außerhalb der Veranstaltung wollten sie zudem ein Transparent mit der Aufschrift „Familie statt Gender-Ideologie“ entrollen und Rauchtöpfe zünden. Der Teil im Innenbereich sei abgebrochen worden, nachdem die Leiterin der Veranstaltung nach Darstellung der Aktivisten gewalttätig geworden sei, während die Aktion draußen wie geplant stattgefunden habe. Die Staatsanwaltschaft wirft den Beteiligten unter anderem Diskriminierung, Aufruf zu Hass, Hausfriedensbruch, Verstöße gegen das Sprengstoffgesetz und das Vermummungsverbot sowie weitere Delikte vor. Medienberichte sprachen seinerzeit von einem Sturm auf die Veranstaltung und von Randale. Die Beteiligten weisen diese Darstellung zurück: Sie hätten weder randaliert noch die Veranstaltung gestürmt und sich beim Einsatz der Rauchtöpfe außerhalb des Gebäudes befunden.
Corchia sieht grundsätzliche Fragen berührt
Corchia, der die Junge Tat als „konsequent identitäre und grundsätzlich friedlich agierende politische Bewegung“ beschreibt, sieht das Ziel der Bewegung darin, mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen auf gesellschaftliche und politische Themen aufmerksam zu machen, Debatten anzustoßen und Positionen zur ethnokulturellen Identität in den öffentlichen Diskurs einzubringen. Aus seiner Sicht berührt der Prozess daher Fragen, die über den konkreten Fall hinausreichen: die Grenzen politischer Meinungsäußerung, die Verhältnismäßigkeit staatlicher Sanktionen und den gesellschaftlichen Umgang mit Positionen wie dem Spruch „Familie statt Gender-Ideologie“.





Kommentare
Sei der Erste, der einen Kommentar hinterlässt!