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Gesellschaft

Literaturwissenschaftlerin Bettina Gruber: „Europa idealisiert das Fremde auf Kosten des Eigenen“

Die Kulturwissenschaftlerin und Autorin Bettina Gruber hat ihr neues Buch „Halbmondsüchtig. Xenomanie in Europa“ unter dem Pseudonym Sophie Liebnitz veröffentlicht. Im FREILICH-Interview spricht die Autorin über Fremdbegeisterung, postkoloniale Deutungsmuster und Europas problematischen Umgang mit dem Eigenen.

Stefan Juritz
Von

Dieser Beitrag ist ein Archiv-Text aus Freilich 38.

Literaturwissenschaftlerin Bettina Gruber: „Europa idealisiert das Fremde auf Kosten des Eigenen“
(Bild: Bettina Gruber)

FREILICH: Liebe Frau Gruber, „Xenomanie“ ist ein seltsames Wort. Was bedeutet es, wo kommt es her und wofür verwenden Sie es?

Bettina Gruber: Der Begriff ist im Deutschen meines Wissens nicht gebräuchlich. Ich dachte zunächst, ich hätte ihn erfunden, er existiert aber jedenfalls im Französischen. Mich hat er sozusagen überfallen, als sich eine Beobachtung häufte, die wohl jeder aufmerksame Zeitgenosse macht: Das „juste milieu“ der Bundesrepublik samt Zivilgesellschaft und Altparteien huldigt einer aktiven Bevorzugung des und der Fremden. Ich lebe seit über vierzig Jahren in Deutschland und die Tendenz war immer da. Allerdings gibt es den erwartbaren Unterschied: Das gilt vor allem für den Westen. Wir haben bis 2002 im Ruhrgebiet gelebt und seitdem in Sachsen. Ich habe also durchaus den Vergleich. Was sich früher eher als eine Art freundliches Interesse und Aufgeschlossenheit gezeigt hat, ein Wille, sich zu begeistern, ist zwischenzeitlich umgeschlagen in – man kann es nicht anders sagen: in eine Manie.

Es gibt ja den Begriff der „Xenophilie“ („Liebe zum Fremden“), der auf eine freundliche, in einem positiven Sinne neugierige Einstellung verweist, die gewissermaßen fähig und willens ist, dem Unbekannten und Anderen einen Vertrauensvorschuss zu gewähren. Dass das nur aus einer sicheren und souveränen Position heraus möglich ist, sei am Rande bemerkt. Wer mit dem Rücken zur Wand steht, ist schwerlich xenophil. Peter Sloterdijk qualifizierte die Xenophilie als eine Variante der typisch europäischen Vorliebe für das Neue, was zutrifft, und zugleich als eine „protodemokratische Tugend“, was ich bestreiten würde. Wie auch immer, diese -„philie“ ist längst in eine wahnhafte Fixierung, eben eine Manie, umgeschlagen, der keine Realitätswahrnehmung mehr zugrunde liegt. Der viel thematisierte Selbsthass ist ihre Kehrseite, sie wiederum ist sein euphorisches und ebenso zerstörerisches Pendant.  

Ich entnehme Ihrer Antwort, dass Xenomanie für Sie ein speziell deutsches Phänomen ist? Sehen Sie das so?

Nein, das wäre in dieser Form missverständlich. Die heutige (west-)deutsche Gesellschaft ist zwar ein besonders krasses, um nicht zusagen, suizidales Beispiel, aber sie steht damit nicht allein. Im Gegenteil. Das Vokabular, die Sprachregelungen, die tugendhaft-weltumarmenden Attitüden stammen aus dem Register amerikanischer Politkorrektheit, besonders in ihrer „woken“ Ausprägung. Die EU und sämtliche westeuropäische Länder partizipieren fleißig daran, allerdings kommt der Bundesrepublik dafür eine erhebliche Verantwortung zu, weil Deutschland als Schwergewicht hier natürlich eine große Rolle spielt. Und um die hier meistens gestellte Frage vorwegzunehmen: Auf den deutschen Schuldkult lässt sich die Xenomanie nicht zurückführen, jedenfalls kann er sie nicht erklären. Er wirkt allenfalls als verstärkendes Phänomen.

Was erklärt diese Haltung aber dann?

Diese Frage berührt den Kern des Buches und genau das, was mich an der Fragestellung fasziniert hat. Es werden ja immer alle möglichen praktisch-politischen und materiellen Gründe dafür angeführt, dass Europa und insbesondere Deutschland einen nicht abreißenden Zustrom überwiegend kulturfremder Einwanderer nicht nur duldet, sondern auch noch aktiv und unter lautem ideologisch-moralistischem Geklapper fördert. Ja, Parteien wie die SPD setzen auf den Import von Wählern, ja, nicht wenige Interessengruppen kochen darauf ihr Süppchen, NGOs und Vermieter von Asylantenheimen verdienen daran, usw. Und natürlich wollte Angela Merkel in einem Staat, in dem die sogenannte Vierte Gewalt praktisch zur ersten geworden ist, keine hässlichen Bilder. Außerdem bleibt immer ein unberechenbares Quantum Kontingenz. Das stimmt alles. Aber: Wähler zurückgewinnen hätte man durch eine andere Politik gekonnt und Geld verdienen kann man auf Basis jeder beliebigen Ideologie, wenn man es geschickt anstellt. Warum also gerade diese? Das ist die Frage. 

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