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Kultur

Deutsche Verse – Die Gesellschaft und ihre Werte (Teil 4)

In der vierten Folge unserer Reihe „Zwanzig Lektionen über deutschsprachige Lyrik” beschäftigen wir uns mit den Themen Recht und Freiheit, Heldentum, Heimat und deren Verlust sowie Aufruhr.

Günter Scholdt
Von
Von Hoffmann von Fallersleben bis Goethe: Die vierte Folge der Lyrikreihe widmet sich den großen Themen Freiheit, Heimat, Heldentum und Aufruhr.
Von Hoffmann von Fallersleben bis Goethe: Die vierte Folge der Lyrikreihe widmet sich den großen Themen Freiheit, Heimat, Heldentum und Aufruhr. (Bild: IMAGO / snowfieldphotography)

12. Recht und Freiheit

Die Gedanken sind frei – dieses fast 250 Jahre alte Gedicht zu kennen, ist fast ein Muss. Zumindest seine erste Strophe sollte man auswendig und zudem singen können, wie das Tausende 2025 während „Seitenwechsel“ taten, der ersten vom Mainstream unabhängigen Buchmesse in Halle. Hoffmann von Fallersleben hat es 1842 aus einer früheren Vorlage in eine Form gebracht, die es zum Volkslied werden ließ als epochenübergreifendes Hoffnungssignal gegen Bedrückung. Aufmunternd ist der Verweis auf einen letzten Fluchtraum im täglichen Kampf gegen Einschüchterung und Zensur, der auch unser postdemokratisches Zeitalter kennzeichnet.

Die Gedanken sind frei,

Wer kann sie erraten?

Sie fliegen vorbei

Wie nächtliche Schatten.

Kein Mensch kann sie wissen,

Kein Jäger sie schießen,

mit Pulver und Blei.

Die Gedanken sind frei.

Ich denke, was ich will

Und was mich beglücket,

Doch alles in der Still

Und wie es sich schicket.

Mein Wunsch und Begehren

Kann niemand verwehren.

Es bleibet dabei:

Die Gedanken sind frei.

Und sperrt man mich ein

Im finsteren Kerker,

Das alles sind rein

Vergebliche Werke;

Denn meine Gedanken

Zerreißen die Schranken

Und Mauern entzwei:

Die Gedanken sind frei.

Leider trivialisieren die noch folgenden zwei (hier übergangenen) Strophen das ernste Anliegen ein wenig. Und die zweite zitierte bedarf der Erläuterung. Sie steckt zwar Grenzen für die Wirkung von Meinungsterror ab. Doch der Vorbehalt, alles nur „in der Still“ zu tun, reicht natürlich nicht. Schließlich sollten nicht nur Gedanken frei sein, sondern auch deren Publikation und diejenigen, die sie öffentlich äußern. Dafür haben unsere Vorfahren eigentlich die Grundgesetzgarantien ersonnen. Doch in praxi belegt jede wirklich offene Kontroverse z. B. über Klima, Geschlechter, Zuwanderung, Viren oder unser Geschichts- und Weltbild, wie eingeschränkt hierzulande nur diskutiert werden darf. Ein Dilemma, das Robert Gernhardt mit feiner Klinge bereits 1983 per ironischem Sprachspiel in Dorlamm meint behandelte:

Dichter Dorlamm läßt nur äußerst selten

andre Meinungen als seine gelten.

Meinung, sagt er, kommt nun mal von mein,

deine Meinung kann nicht meine sein.

Meine Meinung - ja, das läßt sich hören!

Deine Meinung könnte da nur stören.

Und ihr andern schweigt! Du meine Güte!

Eure Eurung steckt euch an die Hüte!

Lasst uns schweigen, Freunde! Senkt das Banner!

Dorlamm irrt. Doch formulieren kann er.

Bis auf die in der letzten Zeile konzedierte Qualität – denn sprachliche Bravour kann man etlichen Vielfaltspinseln unserer Zensoren kaum attestieren – liest sich das Gedicht als kongeniale Auslegung des aktuellen Schlagworts von „unserer“ Demokratie, deren Herrschaftsverständnis ebenfalls kein Austarieren der jeweils besten gesellschaftlichen Diagnose gestattet. Vielmehr wird unser Recht und Rechtsempfinden fundamental beeinträchtigt durch so manches, was seit Maas‘ elendem Netzwerkdurchsetzungsgesetz über den Digital Services Act bis zu jüngsten EU-Internetkontrollen an meinungsstrangulierenden Gesetzen die Parlamente passierte. Auch für uns passt Waldemar Deges ursprünglich auf die DDR gemünzter bitterer Aphorismus von 1986:

Im Strafgesetzbuch geblättert

Es sind manche Paragraphen

sehr viel schlimmer als die Strafen.

Bereits von 1858 stammt ein Sinnspruch zum Verhältnis von Legalität zu Legitimität. Theodor Storm, selbst Richter, äußerte sich darin als mutiger Liberaler zu einer Zeit, als dieser Begriff noch nicht von jeglichem ernstzunehmenden Freiheitsanspruch und Patriotismus entkernt war. Der Vierzeiler sei allen Duckmäusern dediziert, die sich ihr spontanes Empfinden für das Richtige durch politische Korrektheitsgebote oder hyperbedenkliche taktische Selbstkontrolle haben abdressieren lassen:

Der eine fragt: Was kommt danach?

Der andere fragt nur: Ist es recht?

Und also unterscheidet sich

Der Freie von dem Knecht.

Wer Meinungsäußerungsfreiheit als zentrales gesellschaftliches Gut antastet, legt eine Zündschnur an unser Rechtssystem. Insofern bewegt uns ein 1942 verfasstes Gedicht nach wie vor. Werner Finck, Kabarett-Star der „Katakombe“, schrieb es, gerade aus russischem Fronturlaub zurück und mal wieder in Gestapohaft, für seinen noch unmündigen Sohn.

Du brauchst dich deines Vaters nicht zu schämen,

Mein Sohn.

Und wenn sie dich einmal beiseite nehmen

Und dann auf mancherlei zu sprechen kämen,

Sei stolz, mein Sohn.

Sie haben deinem Vater reichlich zugesetzt,

Mein Sohn.

Ihn ein- und ausgesperrt und abgesetzt,

Sie haben manchen Hund auf ihn gehetzt –

Paß auf, mein Sohn:

Dein Vater hat gestohlen nicht und nicht betrogen,

Er ist nur gern mit Pfeil und Bogen

Als Freischütz auf die Phrasenjagd gezogen –

Und so, mein Sohn,

Kannst du den Leuten ruhig in die Augen gucken,

Mein Sohn.

Brauchst, wenn sie fragen, nicht zusammenzucken.

Ich ließ mir ungern in die Suppe spucken,

Das war’s, mein Sohn.

Wie vieles hat der Wind nun schon verweht,

Mein Sohn.

Der Wind, nach dem ich mich noch nie gedreht –

Daß dir mein Name einmal nicht im Wege steht,

Gib Gott, mein Sohn!

13. Heldisches

Besitz stirbt, Sippen sterben,

du selbst stirbst wie sie;

eins weiß ich, das ewig lebt:

der Toten Tatenruhm.

Was in nordischer Vorzeit für den Edda-Dichter Gewissheit war, ist hierzulande ebenso fragwürdig geworden wie das Verständnis von Ehre und Pflicht. Umso grotesker ist der Umstand, dass eine so getaktete, auf einen Schlag militant gewordene „Elite“ (noch dazu aus zweifelhaftem Anlass) glaubt, aus dem Stand heraus eine lang implantierte Mentalität ändern zu können. Denn der nun plötzlich erwartete todesmutige Einsatz heißt doch, mehr zu liefern als friedliche Passivität und korrekte Unverbindlichkeit.

Mut beweist sich übrigens nicht nur körperlich, und inflationär servierter Superman-Kitsch zählt nicht wirklich. Kehren wir lieber ins Jahr 1901 zurück zu Nis Randers, Otto Ernsts lyrischem Lob eines Mutigen, der auch bei schlimmem Sturm zur Rettung hinausfährt, obwohl das Meer in seiner Familie schon Opfer forderte:

Krachen und Heulen und berstende Nacht,

Dunkel und Flammen in rasender Jagd –

Ein Schrei durch die Brandung!

Und brennt der Himmel, so sieht man‘s gut:

Ein Wrack auf der Sandbank! Noch wiegt es die Flut;

Gleich holt sich‘s der Abgrund.

Nis Randers lugt – und ohne Hast

Spricht er: „Da hängt noch ein Mann im Mast;

Wir müssen ihn holen.“

Da fasst ihn die Mutter: „Du steigst mir nicht ein!

Dich will ich behalten, du bleibst mir allein,

Ich will‘s, deine Mutter!

Dein Vater ging unter und Momme, mein Sohn,

Drei Jahre verschollen ist Uwe schon,

Mein Uwe, mein Uwe!“

Nis tritt auf die Brücke. Die Mutter ihm nach!

Er weist nach dem Wrack und spricht gemach:

„Und seine Mutter?“ […]

Mit feurigen Geißeln peitscht das Meer

Die menschenfressenden Rosse daher;

Sie schnauben und schäumen.

Wie hechelnde Hast sie zusammenzwingt!

Eins auf den Nacken des andern springt

Mit stampfenden Hufen!

Drei Wetter zusammen! Nun brennt die Welt!

Was da? – Ein Boot, das landwärts hält. –

Sie sind es! Sie kommen! –

Und Auge und Ohr ins Dunkel gespannt ...

Still – ruft da nicht einer? –

Er schreit‘s durch die Hand:

„Sagt Mutter, 's ist Uwe!“

Ähnliches lehrte Theodor Fontane. Seine Balladen, früher Volksgut schlechthin, haben ganzen Generationen Grundtugenden vermittelt, vom Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland, der generationenübergreifende Vorsorge lebt, über Archibald Douglas‘ Heimatliebe bis zur Tapferkeit in John Maynard (1886).

John Maynard!

„Wer ist John Maynard?“

„John Maynard war unser Steuermann,

Aushielt er, bis er das Ufer gewann,

Er hat uns gerettet, er trägt die Kron,

Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.

John Maynard.“

Die „Schwalbe“ fliegt über den Erie-See,

Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee;

Von Detroit fliegt sie nach Buffalo –

Die Herzen aber sind frei und froh,

Und die Passagiere mit Kindern und Fraun

Im Dämmerlicht schon das Ufer schaun,

Und plaudernd an John Maynard heran

Tritt alles: „Wie weit noch, Steuermann?“

Der schaut nach vorn und schaut in die Rund:

„Noch dreißig Minuten... Halbe Stund.“

Alle Herzen sind froh, alle Herzen sind frei -

Da klingts aus dem Schiffsraum her wie Schrei,

„Feuer!“ war es, was da klang,

Ein Qualm aus Kajüt und Luke drang,

Ein Qualm, dann Flammen lichterloh.

Und noch zwanzig Minuten bis Buffalo.

Und die Passagiere, buntgemengt,

Am Bugspriet stehn sie zusammengedrängt,

Am Bugspriet vorn ist noch Luft und Licht,

Am Steuer aber lagert sichs dicht,

Und ein Jammern wird laut: „Wo sind wir, wo?“

Und noch fünfzehn Minuten bis Buffalo.

Der Zugwind wächst, doch die Qualmwolke steht,

Der Kapitän nach dem Steuer späht,

Er sieht nicht mehr seinen Steuermann,

Aber durchs Sprachrohr fragt er an:

„Noch da, John Maynard?“ – „Ja, Herr. Ich bin.“

„Auf den Strand! In die Brandung!“ – „Ich halte drauf hin.“

Und das Schiffsvolk jubelt: „Halt aus! Hallo!“

Und noch zehn Minuten bis Buffalo. – – –

„Noch da, John Maynard?“ Und Antwort schallts

Mit ersterbender Stimme: „Ja, Herr, ich halts!“

Und in die Brandung, was Klippe, was Stein,

Jagt er die „Schwalbe“ mitten hinein,

Soll Rettung kommen, so kommt sie nur so.

Rettung: der Strand von Buffalo!

Das Schiff geborsten. Das Feuer verschwelt.

Gerettet alle. Nur einer fehlt!

Alle Glocken gehn; ihre Töne schwelln

Himmelan aus Kirchen und Kapelln,

Ein Klingen und Läuten, sonst schweigt die Stadt,

Ein Dienst nur, den sie heute hat:

Zehntausend folgen oder mehr,

Und kein Aug im Zuge, das tränenleer.

Sie lassen den Sarg in Blumen hinab,

Mit Blumen schließen sie das Grab,

Und mit goldner Schrift in den Marmorstein

Schreibt die Stadt ihren Dankspruch ein:

Hier ruht John Maynard! In Qualm und Brand

Hielt er das Steuer fest in der Hand,

Er hat uns gerettet, er trägt die Kron,

Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.

John Maynard.

Wer lernt diese Ballade vom Opfertod noch auswendig? Welche Klasse liest oder verinnerlicht sie noch? Nebenbei gesagt, entfällt heute in einer auch ethisch gründlich nivellierten Gesellschaft zumeist die früher erwartbare immaterielle Gegenleistung („unsre Liebe sein Lohn“). Besonders Kriegstaten haben Baisse, ob zu Recht oder Unrecht. Vielleicht war der Erste Weltkrieg der letzte Militärkonflikt, in dem Deutsche noch mehrheitlich annehmen durften, durch den Einsatz ihres Lebens ihre patriotische Pflicht zu tun. Danach dominierte für breitere Schichten stets auch das peinigende Bewusstsein, dass der zur kriegerischen Eskalation führende diplomatische Leichtsinn und die dadurch verursachten barbarischen Verheerungen kaum noch zu rechtfertigen waren.

Insofern gehört jene schweigend-melancholische Heerfahrt in Walter Flex‘ Wildgänse rauschen durch die Nacht zu den wenigen nichtpazifistischen, doch weiterhin akzeptierten Gedichten dieses Genres. Robert Götz‘ eindringliche Vertonung hat ihn sogar populär gemacht. Hier herrscht kein Hurra-Patriotismus; propagandistische Dröhnworte fallen nicht. Stattdessen dominiert, ohne Tapferkeit abzuwerten, die Klage, in eine Welt voller „Morden“ verstrickt zu sein. „Was ist aus uns geworden?“, lautet die Grundfrage einer „Verlorenen Generation“, in die sich später auch Hemingway oder Remarque einreihten.

Wildgänse rauschen durch die Nacht

Mit schrillem Schrei nach Norden –

Unstete Fahrt! Habt acht, habt acht!

Die Welt ist voller Morden.

Fahrt durch die nachtdurchwogte Welt,

Graureisige Geschwader!

Fahlhelle zuckt, und Schlachtruf gellt,

Weit wallt und wogt der Hader.

Rausch’ zu, fahr’ zu, du graues Heer!

Rauscht zu, fahrt zu nach Norden!

Fahrt ihr nach Süden übers Meer –

Was ist aus uns geworden!

Wir sind wie ihr ein graues Heer

Und fahr’n in Kaisers Namen,

Und fahr’n wir ohne Wiederkehr,

Rauscht uns im Herbst ein Amen!

14. Heimat und deren Verlust

Theodor Storm, vielgelesener Klassiker des 19. Jahrhunderts, hat seinem Geburtsort Husum mit dem 1852 verfassten Gedicht Die Stadt ein literarisches Denkmal gesetzt:

Am grauen Strand, am grauen Meer

Und seitab liegt die Stadt;

Der Nebel drückt die Dächer schwer,

Und durch die Stille braust das Meer

Eintönig um die Stadt.

Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai

Kein Vogel ohn’ Unterlaß;

Die Wandergans mit hartem Schrei

Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei,

Am Strande weht das Gras.

Doch hängt mein ganzes Herz an dir,

Du graue Stadt am Meer;

Der Jugend Zauber für und für

Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir,

Du graue Stadt am Meer.

Das Gedicht ist ein prototypischer Text über Heimatliebe. Gegen kosmopolitischen Spott immunisiert sein poetischer Minimalismus. Viel mehr als Nebel, Gras und Meeresrauschen braucht es nicht, um das nordfriesische Provinzstädtchen in seiner allenfalls herben Schönheit zu charakterisieren. „Grau“ nennt der Dichter die Szenerie, „eintönig“. Karikierend pointiert, überfliegt selbst die Wandergans den Ort nur nächtlich, als lohne sich nicht, dort zu verweilen. In Strophe drei allerdings ändert sich der Ton zugunsten einer gegenläufigen Liebeserklärung. Erinnerungen der Jugend verklären Husum zum Sehnsuchtsraum.

Storms Neigung zur Heimatliteratur rührt aus identitätsstiftender Grundsympathie mit Schicksalen, landschaftlichen Eigenheiten oder der Mentalität und Geschichte eines ihm vertrauten Raums. Dieses Vertraute hielt schon Herder für konstitutiv und entdeckte Heimat da, „wo man sich nicht erklären muss“,
d. h. wo man im weiteren Wortsinn verstanden wird. Bis heute fortgeschrieben heißt das: Wo man spricht, wie einem der Schnabel gewachsen ist, ohne als „unkorrekt“ anzuecken. Oder wo Michael Klonovskys Sarkasmus zutrifft: „Heimat ist, wo du bespitzelt wirst.“ Übrigens wurde auch Storm der Wert von Heimat erst richtig bewusst, als das selbstverständlich Scheinende plötzlich in Frage stand. Wie die meisten Heimatautoren reagierte auch er auf einschneidende Veränderungen, seien sie technologischer, sozialer, politischer oder ökonomischer Art, beträfen den Verlust traditioneller Werte oder erzwungene Ortswechsel. Der Autor hatte sich 1849 in Schleswig-Holsteins Unabhängigkeitsbewegung engagiert und die geforderte Loyalitätserklärung der dänischen Krone verweigert. Er verlor darauf seine Advokatur und sah sich ab 1852 zu einem zwölfjährigen preußischen Exil genötigt. Das dort empfundene Heimweh, vom Berliner Kollegen Fontane zuweilen als „Husumerei“ belästert, beseelt auch Die Stadt. Dabei schätzte ihn Fontane durchaus, zumal er selbst zu intensiven (Brandenburger) Heimatgefühlen tendierte und in der Ballade Archibald Douglas (1854) einen Klassiker des Genres verfasste:

„Ich hab‘ es getragen sieben Jahr,

und ich kann es nicht tragen mehr,

wo immer die Welt am schönsten war,

da war sie öd' und leer. […]“

„Öd und leer“ ist sie für den einstigen Seneschall am schottischen Königshof Sir Archibald, weil er durch den Aufstand seiner Brüder, an dem er unbeteiligt war, aus dem Heimatland verbannt wurde. Alt geworden, scheut er König Jakobs Todesdrohung für den Fall seiner Rückkehr nicht mehr und landet in Schottland. Jakob trifft er auf der Jagd und bittet um Gnade. Selbst Knechtsarbeit wolle er verrichten, um nicht länger das Elend des Exils zu erdulden. Erinnerung an gemeinsame Jugendtage beim Fischen und Jagen rührt den Monarchen. Statt ihn mit dem Schwert zu erschlagen, reicht er es ihm erneut und setzt ihn wieder in sein altes Amt ein. Die Begründung entsprach zeitgemäßer Moral:

„Nimm´s hin, nimm´s hin und trag es neu,

und bewache mir meine Ruh‘,

der ist in tiefster Seele treu,

der die Heimat liebt wie du. […]“

Wie so vieles nach 1945 geriet auch Heimattreue bald unter Ideologieverdacht, indem man sie vorschnell mit aggressivem Nationalismus verband. Auch im Exil empfahlen manche von der NS-Diktatur per Todesdrohung zur Ausreise Genötigten einen gefühlsmäßigen Schnitt als Selbsttherapie. So errang etwa Walter Mehrings Emigrantenchoral (1934) in Paris für etliche den Status einer alternativen „Nationalhymne“:

Werft

eure Herzen über alle Grenzen,

Und wo ein Blick grüßt, werft die Anker aus!

Zählt auf der Wandrung nicht nach Monden, Wintern, Lenzen.

Starb eine Welt, ihr sollt sie nicht bekränzen!

Schärft

das euch ein und sagt: Wir sind zu Haus!

Baut euch ein Nest!

Vergeßt – vergeßt

Was man euch aberkannt und euch gestohln!

Kommt ihr von Isar, Spree und Waterkant:

Was gibts da heut zu holn?

Die ganze Heimat

Und das bißchen Vaterland

Die trägt der Emigrant

Von Mensch zu Mensch – von Ort zu Ort

An seinen Sohl’n, in seinem Sacktuch mit sich fort.

Das war mehr als verständlich, solange die Abnabelung vom Vaterland nicht als überlegene Haltung schlechthin verklärt wurde. Denn ein entsprechendes moralisches Auswanderungspostulat gibt es nicht. Und zu Recht reagierte Erich Kästner auf spätere Vorwürfe, 1933 nicht emigriert zu sein, mit einem trotzigen Bekenntnis:

Notwendige Antwort auf überflüssige Fragen

Ich bin ein Deutscher aus Dresden in Sachsen.

Mich läßt die Heimat nicht fort.

Ich bin wie ein Baum, der – in Deutschland gewachsen –

wenn‘s sein muss, in Deutschland verdorrt.

Von solchen Ausnahmesituationen abgesehen, besitzt das Dichterinteresse für vertraute Räume durchaus Plausibilität, sofern es auf ideologische Militanz verzichtet. Als ernstzunehmender Heimatdichter erwies sich etwa Josef Weinheber in Kirchstetten (1941), in dem er sanft und keineswegs eifernd für seinen ländlichen Wohnort wirbt. Seinen Freund bzw. die Leser nimmt er dabei poetisch an die Hand und führt sie in verborgene Schönheiten ein, in unhektisch Geruhsames, schlicht Geordnetes:

Also komm, dir ist alles hier neu.

Spür den Sturm! Und der macht dich schon frei

für den Blick, unser Nächstes zu sehen.

Freilich siehst du vielleicht nur den Weg,

üble Stelle, verfallenen Steg –

Aber komm nur, du wirst schon verstehen.

In humorvoller Variante werden Gefühlsunterschiede zwischen Stadt und Land in Fürstenfeld ausgetragen, einem 1984 gestarteten Evergreen der Rockband S.T.S., die zu einer Art Steirischer Hymne avancierte. Sie erzählt vom Scheitern eines einheimischen Straßenmusikers in der (drastisch geschilderten) Wiener Szene. Bezeichnend der sehnsüchtige Refrain, der offenbar überregional Anklang fand:

I will wieder ham, fühl mi do so allan

I brauch ka große Welt, i will ham nach Fürstenfeld

Gegenwärtige poetische Heimatadvokaten von Niveau sind selten geworden, obwohl Goodharts The Road to Somewhere eigentlich ein reiches Themenfeld zeigen sollte. Nicht um provinzieller Abschottung willen, eher schon zur selbstbewussten Standortbestimmung gegenüber einem weltbürgerlichen Überlegenheitsdünkel und einer synthetisch-globalen Einheitskultur im Sinne von Huxleys Schöne neue Welt. Johannes Kühn, einer der Großen dieser Gattung, hat sich 1992 mit solchen kosmopolitischen Snobs ironisch auseinandergesetzt.

Der Weltmann

Von Weltstädten spricht er gelangweilt und gähnt.

Und überall haben die Frauen Beine.

Sein Haarschnitt, in Londoner Vorstadt jetzt Mode,

beweist, daß er dort war und lebte.

Er lügt portugiesisch.

Sardinien kennt er wie ein römischer Fischer,

Ruhe lernte er bei den Negern

in heißen Sommernachmittagen

ganz schlangenfaul.

In Ungarn essen sie auch und viel besser.

Die Finnen sprechen eine Sprache, die anders ist.

Dicht unter den Wolken schlief er im Flugzeug,

auch das ist die Welt.

Die Betten in anderen Ländern!

Die Länder mit anderen Flöhen

und anderen Sonnen rühmt er wie scheckige Kühe.

Dann bricht er ab,

bleibt voll Geheimnis,

ganz wie die Welt,

er hat gelernt.

Als Gast trinkt er Kaffee,

der duftet deutsch um den Kuchen.

15. Aufruhr

Goethes 1774 verfasste „Sturm-und-Drang“-Hymne Prometheus ist ein Grundtext der Auflehnung gegen Autorität, die sich nicht durch Leistung und Nutzen für die Beherrschten ausweist.

Bedecke deinen Himmel, Zeus,

Mit Wolkendunst!

Und übe, Knaben gleich,

Der Disteln köpft,

An Eichen dich und Bergeshöh‘n!

Mußt mir meine Erde

Doch lassen steh‘n,

Und meine Hütte,

Die du nicht gebaut,

Und meinen Herd,

Um dessen Glut

Du mich beneidest.

Ich kenne nichts Ärmeres

Unter der Sonn‘ als euch Götter!

Ihr nähret kümmerlich

Von Opfersteuern

Und Gebetshauch

Eure Majestät

Und darbtet, wären

Nicht Kinder und Bettler

Hoffnungsvolle Toren.

Da ich ein Kind war,

Nicht wußte, wo aus, wo ein,

Kehrt‘ ich mein verirrtes Auge

Zur Sonne, als wenn drüber wär

Ein Ohr zu hören meine Klage,

Ein Herz wie meins,

Sich des Bedrängten zu erbarmen.

Wer half mir

Wider der Titanen Übermut?

Wer rettete vom Tode mich,

Von Sklaverei?

Hast du‘s nicht alles selbst vollendet,

Heilig glühend Herz?

Und glühtest, jung und gut,

Betrogen, Rettungsdank

Dem Schlafenden da droben?

Ich dich ehren? Wofür?

Hast du die Schmerzen gelindert

Je des Beladenen?

Hast du die Tränen gestillet

Je des Geängsteten?

Hat nicht mich zum Manne geschmiedet

Die allmächtige Zeit

Und das ewige Schicksal,

Meine Herren und deine?

Wähntest du etwa,

Ich sollte das Leben hassen,

In Wüsten fliehn,

Weil nicht alle Knabenmorgen-

Blütenträume reiften?

Hier sitz‘ ich, forme Menschen

Nach meinem Bilde,

Ein Geschlecht, das mir gleich sei,

Zu leiden, weinen,

Genießen und zu freuen sich,

Und dein nicht zu achten,

Wie ich!

Ein kühnes Gedicht, dessen schlechthin Rebellisches den Autor nur dadurch schützte, dass er sich hinter der Perspektive des Titanen Prometheus verbarg. Es verkörpert (über den antiklerikalen Affekt hinaus) etwas generell Antiautoritäres, ein jugendliches, gegen Askese und Opfer gerichtetes Lebensgefühl ebenso wie die Ermächtigung, menschliche Geschicke in die eigene Hand zu nehmen. Die darin enthaltene Überhebung, Menschen nach dem eigenen Bild zu formen, sehen wir angesichts zahlreicher Sozialexperimente seit der Französischen Revolution inzwischen zwangsläufig skeptischer, zumal wo sich dies nicht nur auf Dichtung beschränkt.

Soziale Anlässe für (Massen-)Protest boten darüber hinaus z. B. diverse Fremdherrschaften, exemplarisch Napoleons Eroberungen. Darauf reagierte z. B. das (seit 1948 zur offiziellen Hymne des österreichischen Bundeslandes Tirol avancierte) Andreas-Hofer-Lied oder das zum Volkslied gewordene Fluchtlied, das den schmählichen Rückzug der Grande Armée aus Moskau betraf: „Mit Mann und Roß und Wagen, so hat sie Gott geschlagen.“ Auch französische territoriale Begehrlichkeiten um 1830 entfesselten Protestlieder wie Max Schneckenbergers Die Wacht am Rhein oder Nikolaus Beckers Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein.

Andere Autoren erhoben ihre Stimme gegen feudale Willkürherrschaft. So der auf Befehl des württembergischen Herzogs Carl Eugen in der Festung Hohenasperg eingekerkerte Christian Friedrich Daniel Schubart mit seinem 1779 verfassten lyrischen Bannfluch Die Fürstengruft:

Da liegen sie, die stolzen Fürstentrümmer,

Ehmals die Götzen ihrer Welt!

Da liegen sie, vom fürchterlichen Schimmer

Des blassen Tags erhellt!

Die alten Särge leuchten in der dunkeln

Verwesungsgruft wie faules Holz;

Wie matt die großen Silberschilde funkeln,

Der Fürsten letzter Stolz! […]

Da liegen Schädel mit verloschnen Blicken,

Die ehmals hoch herabgedroht,

Der Menschheit Schrecken! – denn an ihrem Nicken

Hing Leben oder Tod.

Nun ist die Hand herabgefault zum Knochen,

Die oft mit kaltem Federzug

Den Weisen, der am Thron zu laut gesprochen,

In harte Fesseln schlug.

Nach den Herrschern verfallen deren Lakaien Schubarts Kritik:

Sprecht, Höflinge, mit Ehrfurcht auf der Lippe,

Nun Schmeichelein ins taube Ohr!

Beräuchert das durchlauchtige Gerippe

Mit Weihrauch, wie zuvor!

Er steht nicht auf, euch Beifall zuzulächeln,

Und wiehert keine Zoten mehr,

Damit geschminkte Zofen ihn befächeln,

Schamlos und geil, wie er.

Später setzte der Autor – wir ahnen, warum – vier Strophen über „beßre Fürsten“ hinzu, deren staatsmännische Tugend ihren Ländern Segen und ihnen selbst göttlichen Lohn bringe. Doch verblasst die Wirkung gegenüber dem zuvor Formulierten: der wohl schärfsten lyrischen Attacke gegen unkontrollierte Alleinherrschaft im Jahrzehnt vor Ausbruch der Französischen Revolution.

Ähnlich hassvoll hat Heinrich Heine eins der bekanntesten Politgedichte des Vormärz geschrieben, erstmals veröffentlicht 1844 bezeichnenderweise in Karl Marx‘ Vorwärts. Es thematisiert die soziale Frage am Beispiel des im gleichen Jahr niedergeschlagenen Aufstands gegen Lohnverfall und Ausbeutung, maßgeblich verursacht durch die Einführung der mechanischen Webstühle. Das Gedicht war in Preußen verboten; seine öffentliche Rezitation hatte Gefängnis zur Folge. Heines Flugblatt-tauglicher Angriff geht über Ökonomisches hinaus und attackiert den preußischen Staat als abgelebtes „falsches Vaterland“, dem man das „Leichentuch“ webe:

Die schlesischen Weber

Im düstern Auge keine Träne,

Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:

Deutschland, wir weben Dein Leichentuch,

Wir weben hinein den dreifachen Fluch –

     Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten

In Winterskälte und Hungersnöten;

Wir haben vergebens gehofft und geharrt,

Er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt –

     Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,

Den unser Elend nicht konnte erweichen,

Der den letzten Groschen von uns erpreßt,

Und uns wie Hunde erschießen läßt –

     Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem falschen Vaterlande,

Wo nur gedeihen Schmach und Schande,

Wo jede Blume früh geknickt,

Wo Fäulnis und Moder den Wurm erquickt –

     Wir weben, wir weben!

Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht,

Wir weben emsig Tag und Nacht –

Altdeutschland, wir weben Dein Leichentuch,

Wir weben hinein den dreifachen Fluch,

     Wir weben, wir weben!

Gut ein halbes Jahrhundert später lagen bereits einschlägige Erfahrungen mit kommunistischen Sozialentwürfen vor, obwohl ihre große Zeit noch kommen sollte. Damit begann auch die Hochzeit von Demagogen aller Art und politischer Richtung, wie sie Stefan Georges Diagnose im Massenzeitalter vorausahnte. Insofern reizt es, Heines Gedicht im Verbund mit Georges Der Widerchrist aus dem Jahr 1907 zu lesen. Stauffenberg hat es 1944 zitiert, bevor er seine Bombe im Führerhauptquartier platzierte:

Dort kommt er vom berge · dort steht er im hain!

Wir sahen es selber · er wandelt in wein

Das wasser und spricht mit den toten.

O könntet ihr hören mein lachen bei nacht:

Nun schlug meine stunde · nun füllt sich das garn ·

Nun strömen die fische zum hamen.

Die weisen die toren – toll wälzt sich das volk ·

Entwurzelt die bäume · zerklittert das korn ·

Macht bahn für den zug des Erstandnen.

Kein werk ist des himmels das ich euch nicht tu.

Ein haarbreit nur fehlt · und ihr merkt nicht den trug

Mit euren geschlagenen sinnen.

Ich schaff euch für alles was selten und schwer

Das Leichte · ein ding das wie gold ist aus lehm ·

Wie duft ist und saft ist und würze –

Und was sich der grosse profet nicht getraut:

Die kunst ohne roden und säen und baun

Zu saugen gespeicherte kräfte.

Der Fürst des Geziefers verbreitet sein reich ·

Kein schatz der ihm mangelt · kein glück das ihm weicht ..

Zu grund mit dem rest der empörer!

Ihr jauchzet · entzückt von dem teuflischen schein ·

Verprasset was blieb von dem früheren seim

Und fühlt erst die not vor dem ende.

Dann hängt ihr die zunge am trocknenden trog ·

Irrt ratlos wie vieh durch den brennenden hof ..

Und schrecklich erschallt die posaune.

Doch es gab um 1900 noch anders motivierte Revoluzzer-Texte. Lange Friedenszeiten fördern offenbar antibürgerliche Statements wie in Jakob van Hoddis‘ avantgardistischem Kultgedicht Weltende (1911), das später Pinthus‘ Expressionismus-Anthologie Menschheitsdämmerung eröffnete. Wie spaßig-provokativ sah eine Literaturschickeria damals die Revolution als Belebung einer Spielzeugwelt, bei der Dachdecker zu Bruch gehen und Eisenbahnen von den Brücken fallen.

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,

In allen Lüften hallt es wie Geschrei.

Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei

Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen

An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.

Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.

Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Nun, man lernte die Revolution noch genauer kennen. Von expressionistischen Euphorien und jener kalten Kommunismuswerbung im Ton der frühen Zwanziger war schon die Rede (z. B. in Bechers Vorbereitung Kap. 2. 4.). Auch die blutige (kriegerisch eingebettete) Gegenrevolution blieb uns nicht erspart, so dass die Nachkriegszeit zunächst einmal von riskanten Sozialexperimenten Abschied nahm. Die Revolte der 68er hat keine glaubhafte Hymne hervorgebracht. Und von der Wende 1990 ist im Abschlusskapitel die Rede.

Dieser Text wurde zuerst in der FREILICH-Ausgabe Nr. 41 „Der übergriffige Staat“ abgedruckt.

Mehr zum Thema:

Deutsche Verse – Anfänge (Teil 1)

Deutsche Verse – Besondere Epochen (Teil 2)

Deutsche Verse – Exemplarische Themen (Teil 3)

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