12. Recht und Freiheit
Die Gedanken sind frei – dieses fast 250 Jahre alte Gedicht zu kennen, ist fast ein Muss. Zumindest seine erste Strophe sollte man auswendig und zudem singen können, wie das Tausende 2025 während „Seitenwechsel“ taten, der ersten vom Mainstream unabhängigen Buchmesse in Halle. Hoffmann von Fallersleben hat es 1842 aus einer früheren Vorlage in eine Form gebracht, die es zum Volkslied werden ließ als epochenübergreifendes Hoffnungssignal gegen Bedrückung. Aufmunternd ist der Verweis auf einen letzten Fluchtraum im täglichen Kampf gegen Einschüchterung und Zensur, der auch unser postdemokratisches Zeitalter kennzeichnet.
Die Gedanken sind frei,
Wer kann sie erraten?
Sie fliegen vorbei
Wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen,
Kein Jäger sie schießen,
mit Pulver und Blei.
Die Gedanken sind frei.
Ich denke, was ich will
Und was mich beglücket,
Doch alles in der Still
Und wie es sich schicket.
Mein Wunsch und Begehren
Kann niemand verwehren.
Es bleibet dabei:
Die Gedanken sind frei.
Und sperrt man mich ein
Im finsteren Kerker,
Das alles sind rein
Vergebliche Werke;
Denn meine Gedanken
Zerreißen die Schranken
Und Mauern entzwei:
Die Gedanken sind frei.
Leider trivialisieren die noch folgenden zwei (hier übergangenen) Strophen das ernste Anliegen ein wenig. Und die zweite zitierte bedarf der Erläuterung. Sie steckt zwar Grenzen für die Wirkung von Meinungsterror ab. Doch der Vorbehalt, alles nur „in der Still“ zu tun, reicht natürlich nicht. Schließlich sollten nicht nur Gedanken frei sein, sondern auch deren Publikation und diejenigen, die sie öffentlich äußern. Dafür haben unsere Vorfahren eigentlich die Grundgesetzgarantien ersonnen. Doch in praxi belegt jede wirklich offene Kontroverse z. B. über Klima, Geschlechter, Zuwanderung, Viren oder unser Geschichts- und Weltbild, wie eingeschränkt hierzulande nur diskutiert werden darf. Ein Dilemma, das Robert Gernhardt mit feiner Klinge bereits 1983 per ironischem Sprachspiel in Dorlamm meint behandelte:
Dichter Dorlamm läßt nur äußerst selten
andre Meinungen als seine gelten.
Meinung, sagt er, kommt nun mal von mein,
deine Meinung kann nicht meine sein.
Meine Meinung - ja, das läßt sich hören!
Deine Meinung könnte da nur stören.
Und ihr andern schweigt! Du meine Güte!
Eure Eurung steckt euch an die Hüte!
Lasst uns schweigen, Freunde! Senkt das Banner!
Dorlamm irrt. Doch formulieren kann er.
Bis auf die in der letzten Zeile konzedierte Qualität – denn sprachliche Bravour kann man etlichen Vielfaltspinseln unserer Zensoren kaum attestieren – liest sich das Gedicht als kongeniale Auslegung des aktuellen Schlagworts von „unserer“ Demokratie, deren Herrschaftsverständnis ebenfalls kein Austarieren der jeweils besten gesellschaftlichen Diagnose gestattet. Vielmehr wird unser Recht und Rechtsempfinden fundamental beeinträchtigt durch so manches, was seit Maas‘ elendem Netzwerkdurchsetzungsgesetz über den Digital Services Act bis zu jüngsten EU-Internetkontrollen an meinungsstrangulierenden Gesetzen die Parlamente passierte. Auch für uns passt Waldemar Deges ursprünglich auf die DDR gemünzter bitterer Aphorismus von 1986:
Im Strafgesetzbuch geblättert
Es sind manche Paragraphen
sehr viel schlimmer als die Strafen.
Bereits von 1858 stammt ein Sinnspruch zum Verhältnis von Legalität zu Legitimität. Theodor Storm, selbst Richter, äußerte sich darin als mutiger Liberaler zu einer Zeit, als dieser Begriff noch nicht von jeglichem ernstzunehmenden Freiheitsanspruch und Patriotismus entkernt war. Der Vierzeiler sei allen Duckmäusern dediziert, die sich ihr spontanes Empfinden für das Richtige durch politische Korrektheitsgebote oder hyperbedenkliche taktische Selbstkontrolle haben abdressieren lassen:
Der eine fragt: Was kommt danach?
Der andere fragt nur: Ist es recht?
Und also unterscheidet sich
Der Freie von dem Knecht.
Wer Meinungsäußerungsfreiheit als zentrales gesellschaftliches Gut antastet, legt eine Zündschnur an unser Rechtssystem. Insofern bewegt uns ein 1942 verfasstes Gedicht nach wie vor. Werner Finck, Kabarett-Star der „Katakombe“, schrieb es, gerade aus russischem Fronturlaub zurück und mal wieder in Gestapohaft, für seinen noch unmündigen Sohn.
Du brauchst dich deines Vaters nicht zu schämen,
Mein Sohn.
Und wenn sie dich einmal beiseite nehmen
Und dann auf mancherlei zu sprechen kämen,
Sei stolz, mein Sohn.
Sie haben deinem Vater reichlich zugesetzt,
Mein Sohn.
Ihn ein- und ausgesperrt und abgesetzt,
Sie haben manchen Hund auf ihn gehetzt –
Paß auf, mein Sohn:
Dein Vater hat gestohlen nicht und nicht betrogen,
Er ist nur gern mit Pfeil und Bogen
Als Freischütz auf die Phrasenjagd gezogen –
Und so, mein Sohn,
Kannst du den Leuten ruhig in die Augen gucken,
Mein Sohn.
Brauchst, wenn sie fragen, nicht zusammenzucken.
Ich ließ mir ungern in die Suppe spucken,
Das war’s, mein Sohn.
Wie vieles hat der Wind nun schon verweht,
Mein Sohn.
Der Wind, nach dem ich mich noch nie gedreht –
Daß dir mein Name einmal nicht im Wege steht,
Gib Gott, mein Sohn!
13. Heldisches
Besitz stirbt, Sippen sterben,
du selbst stirbst wie sie;
eins weiß ich, das ewig lebt:
der Toten Tatenruhm.
Was in nordischer Vorzeit für den Edda-Dichter Gewissheit war, ist hierzulande ebenso fragwürdig geworden wie das Verständnis von Ehre und Pflicht. Umso grotesker ist der Umstand, dass eine so getaktete, auf einen Schlag militant gewordene „Elite“ (noch dazu aus zweifelhaftem Anlass) glaubt, aus dem Stand heraus eine lang implantierte Mentalität ändern zu können. Denn der nun plötzlich erwartete todesmutige Einsatz heißt doch, mehr zu liefern als friedliche Passivität und korrekte Unverbindlichkeit.
Mut beweist sich übrigens nicht nur körperlich, und inflationär servierter Superman-Kitsch zählt nicht wirklich. Kehren wir lieber ins Jahr 1901 zurück zu Nis Randers, Otto Ernsts lyrischem Lob eines Mutigen, der auch bei schlimmem Sturm zur Rettung hinausfährt, obwohl das Meer in seiner Familie schon Opfer forderte:
Krachen und Heulen und berstende Nacht,
Dunkel und Flammen in rasender Jagd –
Ein Schrei durch die Brandung!
Und brennt der Himmel, so sieht man‘s gut:
Ein Wrack auf der Sandbank! Noch wiegt es die Flut;
Gleich holt sich‘s der Abgrund.
Nis Randers lugt – und ohne Hast
Spricht er: „Da hängt noch ein Mann im Mast;
Wir müssen ihn holen.“
Da fasst ihn die Mutter: „Du steigst mir nicht ein!
Dich will ich behalten, du bleibst mir allein,
Ich will‘s, deine Mutter!
Dein Vater ging unter und Momme, mein Sohn,
Drei Jahre verschollen ist Uwe schon,
Mein Uwe, mein Uwe!“
Nis tritt auf die Brücke. Die Mutter ihm nach!
Er weist nach dem Wrack und spricht gemach:
„Und seine Mutter?“ […]
Mit feurigen Geißeln peitscht das Meer
Die menschenfressenden Rosse daher;
Sie schnauben und schäumen.
Wie hechelnde Hast sie zusammenzwingt!
Eins auf den Nacken des andern springt
Mit stampfenden Hufen!
Drei Wetter zusammen! Nun brennt die Welt!
Was da? – Ein Boot, das landwärts hält. –
Sie sind es! Sie kommen! –
Und Auge und Ohr ins Dunkel gespannt ...
Still – ruft da nicht einer? –
Er schreit‘s durch die Hand:
„Sagt Mutter, 's ist Uwe!“
Ähnliches lehrte Theodor Fontane. Seine Balladen, früher Volksgut schlechthin, haben ganzen Generationen Grundtugenden vermittelt, vom Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland, der generationenübergreifende Vorsorge lebt, über Archibald Douglas‘ Heimatliebe bis zur Tapferkeit in John Maynard (1886).
John Maynard!
„Wer ist John Maynard?“
„John Maynard war unser Steuermann,
Aushielt er, bis er das Ufer gewann,
Er hat uns gerettet, er trägt die Kron,
Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard.“
Die „Schwalbe“ fliegt über den Erie-See,
Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee;
Von Detroit fliegt sie nach Buffalo –
Die Herzen aber sind frei und froh,
Und die Passagiere mit Kindern und Fraun
Im Dämmerlicht schon das Ufer schaun,
Und plaudernd an John Maynard heran
Tritt alles: „Wie weit noch, Steuermann?“
Der schaut nach vorn und schaut in die Rund:
„Noch dreißig Minuten... Halbe Stund.“
Alle Herzen sind froh, alle Herzen sind frei -
Da klingts aus dem Schiffsraum her wie Schrei,
„Feuer!“ war es, was da klang,
Ein Qualm aus Kajüt und Luke drang,
Ein Qualm, dann Flammen lichterloh.
Und noch zwanzig Minuten bis Buffalo.
Und die Passagiere, buntgemengt,
Am Bugspriet stehn sie zusammengedrängt,
Am Bugspriet vorn ist noch Luft und Licht,
Am Steuer aber lagert sichs dicht,
Und ein Jammern wird laut: „Wo sind wir, wo?“
Und noch fünfzehn Minuten bis Buffalo.
Der Zugwind wächst, doch die Qualmwolke steht,
Der Kapitän nach dem Steuer späht,
Er sieht nicht mehr seinen Steuermann,
Aber durchs Sprachrohr fragt er an:
„Noch da, John Maynard?“ – „Ja, Herr. Ich bin.“
„Auf den Strand! In die Brandung!“ – „Ich halte drauf hin.“
Und das Schiffsvolk jubelt: „Halt aus! Hallo!“
Und noch zehn Minuten bis Buffalo. – – –
„Noch da, John Maynard?“ Und Antwort schallts
Mit ersterbender Stimme: „Ja, Herr, ich halts!“
Und in die Brandung, was Klippe, was Stein,
Jagt er die „Schwalbe“ mitten hinein,
Soll Rettung kommen, so kommt sie nur so.
Rettung: der Strand von Buffalo!
Das Schiff geborsten. Das Feuer verschwelt.
Gerettet alle. Nur einer fehlt!
Alle Glocken gehn; ihre Töne schwelln
Himmelan aus Kirchen und Kapelln,
Ein Klingen und Läuten, sonst schweigt die Stadt,
Ein Dienst nur, den sie heute hat:
Zehntausend folgen oder mehr,
Und kein Aug im Zuge, das tränenleer.
Sie lassen den Sarg in Blumen hinab,
Mit Blumen schließen sie das Grab,
Und mit goldner Schrift in den Marmorstein
Schreibt die Stadt ihren Dankspruch ein:
Hier ruht John Maynard! In Qualm und Brand
Hielt er das Steuer fest in der Hand,
Er hat uns gerettet, er trägt die Kron,
Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard.
Wer lernt diese Ballade vom Opfertod noch auswendig? Welche Klasse liest oder verinnerlicht sie noch? Nebenbei gesagt, entfällt heute in einer auch ethisch gründlich nivellierten Gesellschaft zumeist die früher erwartbare immaterielle Gegenleistung („unsre Liebe sein Lohn“). Besonders Kriegstaten haben Baisse, ob zu Recht oder Unrecht. Vielleicht war der Erste Weltkrieg der letzte Militärkonflikt, in dem Deutsche noch mehrheitlich annehmen durften, durch den Einsatz ihres Lebens ihre patriotische Pflicht zu tun. Danach dominierte für breitere Schichten stets auch das peinigende Bewusstsein, dass der zur kriegerischen Eskalation führende diplomatische Leichtsinn und die dadurch verursachten barbarischen Verheerungen kaum noch zu rechtfertigen waren.






