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Kultur

Deutsche Verse – Exemplarische Themen (Teil 3)

Im dritten Teil der 20 Lektionen über deutschsprachige Lyrik von Günter Scholdt stehen exemplarische Themen deutscher Dichtung im Mittelpunkt. Anhand von Liebeslyrik, Naturgedichten, Alters- und Todesmotiven sowie humoristischen Versen zeigt Scholdt, wie zeitlose menschliche Erfahrungen über Jahrhunderte poetisch gestaltet wurden.

Günter Scholdt
Von

Dieser Beitrag ist ein Archiv-Text aus Freilich 40.

Die Statue Walthers von der Vogelweide vor der Würzburger Residenz erinnert an den bedeutendsten Minnesänger des Mittelalters, dessen Liebeslyrik bis heute zum Kanon deutscher Dichtung zählt.
Die Statue Walthers von der Vogelweide vor der Würzburger Residenz erinnert an den bedeutendsten Minnesänger des Mittelalters, dessen Liebeslyrik bis heute zum Kanon deutscher Dichtung zählt. (Bild: IMAGO / H. Tschanz-Hofmann)

8. Liebe

Natürlich lässt sich ein solches Thema nicht national rubrizieren. Tragen doch alle Länder auf ihre Weise zu einem repräsentativen Arsenal an Liebeslyrik bei. Eines der ältesten Beispiele deutscher Sprache, datiert um 1180, besticht durch Einfachheit. Aktuell blieb sein Grundgedanke, den geliebten Partner im Herzen einzuschließen. Noch heutige Paare ketten sich symbolisch durch Schlösser an Brückenpfeiler.

Dû bist mîn, ih bin dîn.

des solt dû gewis sîn.

dû bist beslozzen

in mînem herzen,

verlorn ist das sluzzellîn:

dû muost ouch immêr darinne sîn.

Ansonsten kennzeichnet das Mittelalter im Minnesang eine besondere Variante von Liebesdichtung. Dabei wählte sich der Troubadour eine hochgestellte Dame und pries die ihr zugeschriebenen kaum überbietbaren Vorzüge vor aller Welt. Mag sein, dass einer dieser schwärmenden Sänger tatsächlich einmal erotisch entflammt wurde. Doch im Kern ging es um ritualisierte ritterliche Auftragspoesie. Walther von der Vogelweide, einem der größten Dichter der Zeit (Minnesänger, Lobredner, Polemiker und Politagitator zugleich), war es vorbehalten, die Grenzen dieser poetischen Gattung auszuweiten bzw. zu sprengen. Sein persönlicher Ton führte zur Natürlichkeit zurück, indem er das Lob der ein wenig lebensfremden platonischen „hohe Minne“ durch die Feier der (nicht standesgebundenen, Körperlichkeit einschließenden) „niederen“ ergänzte.

Anschaulichstes, bis heute frisch wirkendes Beispiel ist sein um 1200 geschriebenes Gedicht Under der linden. Gepriesen wird darin das, was in einem Schlagerhit der 1970er unter dem Titel Ein Bett im Kornfeld erfolgreich vermarktet wurde. Inwiefern der Text auch in unserem pornographischen Zeitalter seine Attraktivität bewahrt hat, sei dahingestellt. Für frühere Generationen besaß das Gedicht fraglos Attraktives, wobei man seinen Charme eher bewahrt, wenn man ihn nicht ins Hochdeutsche übersetzt, sondern sich mit einem knappen Resümee begnügt: Aus der Perspektive einer Verliebten wird ein Rendezvous geschildert, bei dem ihr Freund („friedel“) sie in blumengeschmückter Natur empfängt. Was dann geschieht, macht sie selig. Ein wenig Scham stellt sich ein angesichts der Befürchtung, andere könnten davon erfahren. Doch belauscht hat das, beruhigt sie sich, wohl höchstens ein kleiner Vogel. Und der werde wohl „getriuwe“, d. h. verschwiegen sein.

Under der linden

an der heide,

dâ unser zweier bette was,

Dâ muget ir vinden

schône beide

gebrochen bluomen unde gras.

Vor dem walde in einem tal,

tandaradei,

schône sanc diu nahtegal.

Ich kam gegangen

zuo der ouwe:

dô was mîn friedel komen ê.

Dâ wart ich empfangen,

hêre frouwe,

daz ich bin saelic iemer mê.

Kuster mich? wol tûsentstunt:

tandaradei,

seht wie rôt mir ist der munt.

Dô het er gemachet

alsô rîche

von bluomen eine bettestat.

Des wirt noch gelachet

inneclîche,

kumt iemen an daz selbe pfat.

Bî den rôsen er wol mac,

tandaradei,

merken wâ mirz houbet lac.

Daz er bî mir laege,

wessez iemen

(nu enwelle got!), sô schamt ich mich.

Wes er mit mir pflaege,

niemer niemen

bevinde daz, wan er und ich.

Und ein kleinez vogellîn:

tandaradei,

daz mac wol getriuwe sîn.

Als weiterer Klassiker der Liebeslyrik bereicherte Goethes Willkommen und Abschied den Kanon. Veranschaulicht werden Hochgefühle angesichts eines amourösen Stelldicheins.

Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde!

Es war getan fast eh gedacht.

Der Abend wiegte schon die Erde,

Und an den Bergen hing die Nacht;

Schon stand im Nebelkleid die Eiche,

Ein aufgetürmter Riese, da,

Wo Finsternis aus dem Gesträuche

Mit hundert schwarzen Augen sah.


Der Mond von einem Wolkenhügel

Sah kläglich aus dem Duft hervor,

Die Winde schwangen leise Flügel,

Umsausten schauerlich mein Ohr;

Die Nacht schuf tausend Ungeheuer,

Doch frisch und fröhlich war mein Mut:

In meinen Adern welches Feuer!

In meinem Herzen welche Glut!

Dich sah ich, und die milde Freude

Floß von dem süßen Blick auf mich;

Ganz war mein Herz an deiner Seite

Und jeder Atemzug für dich.

Ein rosenfarbnes Frühlingswetter

Umgab das liebliche Gesicht,

Und Zärtlichkeit für mich – ihr Götter!

Ich hofft es, ich verdient es nicht!

Doch ach, schon mit der Morgensonne

Verengt der Abschied mir das Herz:

In deinen Küssen welche Wonne!

In deinem Auge welcher Schmerz!

Ich ging, du standst und sahst zur Erden,

Und sahst mir nach mit nassem Blick:

Und doch, welch Glück, geliebt zu werden!

Und lieben, Götter, welch ein Glück!

Bereits die Annäherung ist von überschäumender Erwartung getragen, was die Urfassung des Gedichts im zweiten Vers noch stärker betont, wo es hieß: „wild wie ein Held zur Schlacht“. (Dem gereiften Klassiker erschien dieser Vergleich nun allzu martialisch.) Einem so Berauschten erscheint die Natur als lebendiges Wesen, teils lieblich, teils drohend, den eigenen Mut entfesselnd und die überschwängliche Grundstimmung verstärkend. Neben der Erfüllung im Erlebnis wird als Kontrapunkt auch der Abschiedsschmerz bedacht. Doch er zerrinnt angesichts der vorausgehenden Glücksempfindung.

Das 20. Jahrhundert hat das Liebeserlebnis zwar nicht generell entzaubert. Aber die Neue Sachlichkeit thematisierte bewusst auch das Verblassen der Zuneigung, exemplarisch Bertolt Brecht 1920 mit

Erinnerung an die Marie A.:

1

An jenem Tag im blauen Mond September

Still unter einem jungen Pflaumenbaum

Da hielt ich sie, die stille bleiche Liebe

In meinem Arm wie einen holden Traum.

Und über uns im schönen Sommerhimmel

War eine Wolke, die ich lange sah

Sie war sehr weiß und ungeheur oben

Und als ich aufsah, war sie nimmer da.

2

Seit jenem Tag sind viele, viele Monde

Geschwommen still hinunter und vorbei.

Die Pflaumenbäume sind wohl abgehauen

Und fragst du mich, was mit der Liebe sei?

So sag ich dir: ich kann mich nicht erinnern

Und doch, gewiß, ich weiß schon, was du meinst.

Doch ihr Gesicht, das weiß ich wirklich nimmer

Ich weiß nur mehr: ich küßte es dereinst.

3

Und auch den Kuß, ich hätt ihn längst vergessen

Wenn nicht die Wolke dagewesen wär

Die weiß ich noch und werd ich immer wissen

Sie war sehr weiß und kam von oben her.

Die Pflaumenbäume blühn vielleicht noch immer

Und jene Frau hat jetzt vielleicht das siebte Kind

Doch jene Wolke blühte nur Minuten

Und als ich aufsah, schwand sie schon im Wind.

Ebenso desillusionierend, nur weniger kaltschnäuzig als traurig, gibt sich Kästners Sachliche Romanze – möglichweise eine Kontrafraktur der populären Schlager-Schnulze In einer kleinen Konditorei.

Als sie einander acht Jahre kannten

(und man darf sagen: sie kannten sich gut)

kam ihre Liebe plötzlich abhanden.

Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,

versuchten Küsse, als ob nichts sei,

und sahen sich an und wussten nicht weiter.

Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.

Er sagte, es wäre schon Viertel nach vier

und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.

Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Café am Ort

und rührten in ihren Tassen.

Am Abend saßen sie immer noch dort.

Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort

und konnten es einfach nicht fassen.

Über solches Erkalten von Gefühlen hinaus, wie dies ähnlich Ed-Hopper-Bilder suggerieren, hat die Moderne zudem den Geschlechterkampf zum Gegenstand literarischer Darstellung gemacht – eine verbreitete Vorstellung seit den Triumphzügen eines exzessiven Feminismus. Eine frühe Thematisierung von 1940 stammt von Georg Britting. Sein Wo sind, Achill gestaltet auf Kleists Spuren den mörderischen Konflikt zwischen Achill und der Amazonenkönigin Penthesilea:

Unbehelmt, 

Voran der Hundemeute, 

Über das kahle Vorgebirge her 

Auf ihrem Rappen eine, 

Den Köcher an der bleichen Mädchenhüfte. 

Ein Falke kreist im blauen, großen, 

Unermeßlich blauen, 

Großen Himmel. 

Er wird niederstoßen,

Die harten Krallen und den krummen Schnabel 

Im Blut zu tränken, dem purpurnen Saft, 

An dem das Falkenvolk sich wild berauscht. 

Die nackte Brust der Reiterin. 

Ihr glühend Aug. 

Die Tigerhunde. 

Der Rappe, goldgezügelt. 

Sie hält ihn an. 

Mit allem Licht 

Tritt aus den Wäldern vor 

Der Mann der Männer. 

Die Tonnenbrust. 

Auf starkem Hals das apfelkleine Haupt. 

Er sieht die Reiterin. 

Und sie sieht ihn. 

So stehn sich zwei Gewitter still 

Am Morgen- und am Abendhimmel gegenüber. 

Der Falke schwankt betrunken auf der Beute. 

Was hat, Achill, 

Dein Herz? 

Was auch sein Schlag bedeute: 

Heb auf den Schild aus Erz!

Auch Ingeborg Bachmanns Die gestundete Zeit (1953) behandelt eine Geschlechterkrise. Wie so häufig in Texten der Feminismus-Ikone geht es um den Verlust einer geliebten Person, um Abschied oder Ende einer Beziehung, verbunden mit der Einsicht eines endlichen Lebens. Das geschieht in eindringlichen Symbolen, Anspielungen bzw. Anklängen an Odysseus, Orpheus, Heidegger, Brecht oder Celan. Die angemahnte Vorbereitung auf „härtere Tage“ wurde vielfach politisch gedeutet bzw. mit dem Kalten Krieg verbunden, was den Text zusätzlich bekannt machte. Das scheint mir überinterpretiert und lässt sich wohl eher als typisches Bachmann-Raunen begreifen.

Es kommen härtere Tage.

Die auf Widerruf gestundete Zeit

wird sichtbar am Horizont.

Bald mußt du den Schuh schnüren

und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe.

Denn die Eingeweide der Fische

sind kalt geworden im Wind.

Ärmlich brennt das Licht der Lupinen.

Dein Blick spurt im Nebel:

die auf Widerruf gestundete Zeit

wird sichtbar am Horizont.

Drüben versinkt dir die Geliebte im Sand,

er steigt um ihr wehendes Haar,

er fällt ihr ins Wort,

er befiehlt ihr zu schweigen,

er findet sie sterblich

und willig dem Abschied

nach jeder Umarmung.

Sieh dich nicht um.

Schnür deinen Schuh.

Jag die Hunde zurück.

Wirf die Fische ins Meer.

Lösch die Lupinen!

Es kommen härtere Tage.

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