Die europäische Rechte wähnt sich vor dem kommenden Sieg, am gesamten Kontinent werden die rechten Parteien zunehmend mit mehr und mehr Stimmen, Macht und Verantwortung betraut. Ein politische Wandel steht vor der Türe. Doch was, wenn dieser Wandel bloß Teil und Trick des Systems wäre? Ein politisches Gefängnis, das wir durch seine Allgegenwärtigkeit, Absolutheit und den Überlegenheitsanspruch, den es vermittelt, nicht erfassen können und sollen. Ein solches Szenario würde dem simulierten Gefängnis für Geist und Körper, das im Film Matrix (1999) gezeigt wird, ähneln. In jenem Film und den darauf folgenden Teilen werden Menschen in einer simulierten Traumwelt gefangen gehalten, welche es beinahe unmöglich für sie macht, sich aus dieser Simulation zu befreien. Geist und Körper der Menschen werden getrennt. Der Körper verbleibt in der realen Welt, dessen Körperwärme die Maschinen nutzen, um Energie zu erzeugen, während der Geist in der digitalen Matrix eingesperrt ist und nichts über den Verbleib seines Körpers weiß.
Leben wir analog zur Matrix in einer politischen Traumwelt, in der Veränderung bloß simuliert, Teil des Systems, und damit unmöglich ist? Werden unsere Stimmen bloß als Legitimitätsbeschaffer des keine Veränderung zulassenden Staates benutzt? Rechte Wahlerfolge und Melonisierung könnten als Teil des politischen Systems erscheinen, da grundlegende Veränderungen bislang ausgeblieben sind. Stattdessen glich man sich den bestehenden Einheitsparteien an.
Vorgezeichnete Revolte
Im Film Matrix kommt es ebenfalls zu angeblichen Veränderungen. Zyklisch tritt eine Anomalie auf, die aus einem geringen Prozentsatz der Menschen entsteht, die das simulierte System nicht akzeptieren können und wollen. Bei dieser Anomalie handelt es sich um einen allen Menschen, Maschinen und Programmen überlegenen Held, über den eine Prophezeiung besagt, dass er die Menschheit aus der Knechtschaft der Matrix führen wird. Nun wird aber dieser Held und Protagonist Neo im Laufe der Filmreihe damit konfrontiert, dass es schon fünf Vorgänger vor ihm gegeben hat. Jeder seiner Vorgänger wollte das System stürzen, entschied sich jedoch dafür, den Status quo zu erhalten und die Menschen in Knechtschaft weiterleben zu lassen. Die Maschinen stellten die Auserwählten vor die Wahl: das Ende der Menschheit oder ein Fortbestehen der Menschheit in weiterer Knechtschaft. Die Vorgänger des Protagonisten zogen dem Ende der Menschheit die weitere Knechtschaft vor.
Im Film heißt es, dass es sich bei Entscheidungen um Illusionen handelt, welche Mächtige von Ohnmächtigen trennt. In diesem Sinne schufen die Maschinen die Prophezeiung, um den Auserwählten trotz seiner Kräfte für immer in Schach zu halten. Dies kann den österreichischen Lesern an den zyklischen Vorgang „Aufstieg – Höhepunkt – Fall – Konsolidierung – Neustart der FPÖ“ erinnern, der sich mehrmals in ähnlicher Art und Weise vollzogen hat.
Die Bequemlichkeit der Anpassung
Die weit überwiegende Mehrheit der Menschen fühlt sich in der Matrix, in ihrem geistigen Gefängnis, wohl, und sieht keinen Grund zur Veränderung. Sie lassen sich gewissermaßen willentlich in ihrem Gefängnis halten, da ihnen das System einen hohen Grad an Verlässlichkeit und Konformität zugesteht und sie keine Notwendigkeit darin sehen, davon abzuweichen. Analog dazu könnte das liberaldemokratische System eine angenehme Alternative bieten, Veränderung gedanklich durch das bloße Umsetzen eines Wahlkreuzes zu bewirken. Wie schon skizziert, kommen in zyklischen Abfolgen Parteien mit dem Anspruch der Veränderung an die Macht, bis sich die angepriesene Veränderung in Inkompetenz, Skandalen und heißer Luft auflöst. Eine Veränderung wird nur innerhalb der engen Grenzen des Systems ermöglicht, wodurch es zu keinem relevanten Wandel kommt, da der Staat seinen Bürgern nur irrelevante Wahlentscheidungen zugesteht und die Parteien – analog zu den sich in der Matrix wohlfühlenden Menschen – auch an keiner Veränderung interessiert sein können, da sie sich ans System angepasst haben und jenes ihnen ein weithin unbeschwertes Leben ermöglicht. Andersdenkende und Aufständische werden hingegen in der Matrix durch Agenten und Programme gejagt, ebenso wie in der Realität nonkonforme Intellektuelle, Politiker und Aktivisten durch „Meinungsschützer“ und „Hammerbanden“ heimgesucht werden.
Eines vorweg, die Matrix-Regisseure, die Wachowski-Brüder (mittlerweile Wachowski-Schwestern) mögen in unseren Kreisen kritisch gesehen werden. Man sollte jedoch nicht außer Acht lassen, dass sie mit der Matrix–Trilogie und dem Film V wie Vendetta einen nicht zu ignorierenden Beitrag zur Popkultur geschaffen haben. Dies sollte Grund genug sein, sich der Herausforderung zu stellen und diesen „Tiger zu reiten“ und Matrix aus rechter Sicht zu analysieren.
Eine politische Lesart der Matrix
Betrachten wir zunächst die Welt, in der Matrix spielt. Dabei handelt es sich um eine Zukunft, die Fortschritts- und Technikgläubigkeit eine klare Absage erteilt. Das Verhältnis vom Menschen zur Technik hat sich umgekehrt, nicht der Mensch nutzt Maschinen, die Maschinen benutzen den Menschen, um zu leben. Die Umkehrung der Verhältnisse beginnt in Matrix durch die Erfindung der Künstlichen Intelligenz. Inwieweit sich diese Prophezeiung auf unsere nahe Zukunft übertragen lässt, wird sich zeigen. Wir stehen aber mit den raschen Fortschritten der Künstlichen Intelligenz tatsächlich an der Grenze, an der Maschinen nicht nur manuelle Tätigkeiten besser als Menschen ausüben, sondern auch Informationen besser verarbeiten und Entscheidungen übernehmen können. Die Überlegenheit der Technik über den Menschen scheint somit heutzutage gar nicht mehr so weit entfernt wie im Matrix-Universum dargestellt.
Ebendort existiert der Mensch nur noch für die Maschinen, da dessen Körperwärme benutzt wird, um Energie für die Maschinen zu erzeugen. Er ist wie eine Batterie eingebettet in ein riesiges technisches System, dessen Teil er geworden ist. Sein einziger Zweck ist es, das System zu erhalten. Es gibt keine Spur von einem Fortschreiten der Menschen zu immer mehr Freiheit und einem Ende der Geschichte. Das Ende der Geschichte wurde umgekehrt zu einem Ende in ewiger Knechtschaft im Dienste der Maschinen. Eine Warnung für uns, Künstliche Intelligenz nur bewusst mit deren möglichen Risiken im Blick zu nutzen und sich nicht durch sie ersetzen zu lassen. Wer vermag es nun in der Matrix, die Menschen wieder in die Wirklichkeit zu holen?
Im Film wurde dazu ein Orakel erwählt. Analog zum Eingang des sagenumwobenen Orakels in Delphi hängt über der Tür des Orakels in Matrix der Ausspruch „Erkenne dich selbst“. Wie in griechischen Heldensagen soll das Orakel Helden auf ihre Bestimmung einschwören. Was befreit schließlich besser aus einem lethargischen Gefängnis als Handlung, Sinn und Bestimmung? Aufgabe des Helden Neo ist es jedoch nicht, die vom System vorbereitete Prophezeiung als Bestimmung wahrzunehmen, welche dazu führen würde, alle Menschen in Knechtschaft zu belassen, sondern einen anderen Weg zu gehen. Eine wiederholte Aussage des Orakels in Matrix ist, dass niemand hinter die Entscheidungen blicken kann, die er nicht versteht. In diesem Sinne ist auch die bereits indirekt zitierte Aussage: „Entscheidungen sind eine Illusion, geschaffen zwischen jenen mit Macht und jenen ohne. (...) Unser einziger Frieden ist zu verstehen, das Wieso zu verstehen.“ Das Wieso in Neos Fall ist die Liebe. Keine undefinierte Liebe zur gesamten Menschheit, sondern jene unmittelbare zu einer Frau, seiner Geliebten. Die Liebe zum Konkreten, die Entscheidung für das Eigene und Geliebte ist in Matrix der Beginn, der Auftakt zur wesentlichen Veränderung.
Vom Schicksal zur Bestimmung
Am Beginn des ersten Films fällt auch der Ausspruch, dass der Protagonist den Begriff des Schicksals ablehnt, weil ihm der Gedanke missfällt, sein Leben nicht unter Kontrolle zu haben. Womit wir beim eingangs skizzierten Problem stehen: Zahlreiche Parlamentspatrioten glauben, durch bloße Wahlgewinne Veränderung zu erzielen und Kontrolle über den Staat erlangen zu können, wobei doch nur das System Kontrolle über sie erlangt und sich der geschilderte Zyklus wieder fortsetzt. Ihnen missfällt der Gedanke, dass das System, dem sie sich zugehörig fühlen, sie doch nur als Mittel der Systemerhaltung einsetzt, als scheinbare Alternative. Zusätzlich dienen sie dem System auch noch als Legitimation, da sie eine scheinbare Opposition stellen und vom System geduldet werden. Die Frage nach dem Wieso beantworten viele rechte Parteifunktionäre immer noch mit der bloßen Korrektur und Rückführung in die „gute alte Zeit“. Ein leeres Bekenntnis ohne klares Ziel, Kraft und ausbleibender Wucht, wodurch bestenfalls der Status quo erhalten bleibt.
Somit scheint es angebracht, auf Nietsches Zarathustra zu verweisen, in dem es heißt: „Frei nennst du dich? Deinen herrschenden Gedanken will ich hören. Und nicht, dass du einem Joche entronnen bist. Bist du ein solcher der einem Joche entrinnen durfte? Es gibt manchen der seinen letzten Wert wegwarf, als der seine Dienstbarkeit wegwarf. Frei wovon? Was schiert das Zarathustra? Hell aber soll mir dein Auge künden, frei wozu?“ Dies soll die parallelen Linien zwischen dem Helden Neo und den rechten Parteien Europas aufzeigen. Neo fühlt sich zu Beginn als einem System Entkommener und mancher Zuseher hat beim Betrachten des Films den Eindruck, dass er diesem System allzu einfach entfliehen konnte. Geist und Körper sind jedoch zum ersten Mal in seinem Leben vereint. Nach der Flucht aus der Matrix ist er sich seiner Aufgabe nicht bewusst und wird in eine fremdartige, kalte, dystopische Welt geworfen. Die angesprochenen Parteien sind ebenso in einer horrenden Welt gefangen; mal mehr, mal weniger von den anderen Parteien und dem System geduldet, stehen sie einem übermächtigen Feind gegenüber: einer Fusion aus öffentlichen Körperschaften, Konformisten in den eigenen Strukturen, einer alles bestimmen wollenden Europäischen Union und der Frage, was angesichts dessen eigentlich zu tun sei.
Jenseits der Systemgrenzen
Maßgeblich für Neos Entwicklung ist, dass er sämtliche Konventionen, Denkweisen und Prophezeiungen infrage stellt und nach seiner Bestimmung sucht. Zunächst gehorcht er allen Weissagungen und Befehlen untertänig, doch zunehmend begreift er seine Freiheit nicht als bloße Loslösung aus der Matrix. Er stellt Fragen über sich, andere und das System an sich, schlussendlich tritt er bewusst seinen selbstgewählten Weg an, mancher möge dies als Bestimmung definieren. Genauso sollten Menschen, die wahrhafte Veränderung suchen, Meinungsumfragen, Konventionen, Anhäufen und Halten von Macht und auch Parteien hinterfragen. All dies ist nichts wert ohne überlegene Alternative, da wir sonst frei nach Nietzsche unseren letzten Wert aufgeben. Um dies zu erreichen, müssen jedoch alle aufwachen. Es muss unsere Aufgabe sein, eine wahrhafte Alternative zu der Illusion der (Wahl-)Entscheidung, die von jenen mit Macht oktroyiert wird, zu bieten. Keine scheinbare Wahl, sondern echte (Mit-)Bestimmung. Möglicherweise kann die Wucht der KI-Revolution zu diesem Zweck genutzt werden, um Menschen aufzuwecken und anzuregen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.
Dies ist auf Basis der Einheit von Geist und Körper, der Liebe zum Eigenen und der Frage nach der je eigenen, wahrhaftigen Aufgabe zur Gestaltung der Welt umzusetzen. Es gilt, alles zu hinterfragen, auch scheinbar absolut Gültiges. Menschen sollten nicht als getrennte Entitäten von Staatsbürger, Wähler und Mehrheiten begriffen werden, sondern in der ursprünglichen Definition als gemeinsames Volk, das sich sein Recht selbst schafft. Die Veränderung erwächst aus der Liebe zur Familie und Heimat. Es gilt, Freiheit als bewusste Annahme seiner Bestimmung anzuerkennen und diese Bestimmung nicht als einengend, sondern als befreiend zu begreifen, da sie ein Ziel vor Augen führt und von Konventionen löst, für die Gestaltung des Lebens, unserer Gesellschaft und unser aller Zukunft.
Dieser Text wurde zuerst in der FREILICH-Ausgabe Nr. 38 „Frauensache“ abgedruckt.







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