Ulf Poschardt kämpft gegen Shitbürger und verachtet Bückbürger – und protegiert in seinem Umfeld doch erstere, die dann von letzteren gelesen werden. Es wäre nun wohl zu trivial, Poschardt nachzuweisen, wie er selbst eine Stütze jenes linksliberalen Meinungskartells darstellt, das er, so eloquent wie konformistisch-rebellisch, emotional und lukrativ attackiert. Es wäre ferner auch zu banal, jene enervierenden Personalien anzusehen, die just in der Ära Poschardt beim Axel-Springer-Konzern ins Boot geholt und publizistisch groß gemacht wurden; ehemalige Jungle World-Antideutsche sind ebenso vertreten wie notorisch antifaschistisch taz-Geschulte. Derlei Widersprüche zwischen eigener Theorie (Schelte für Linke!) und eigener Praxis (Jobs für Linke!) interessieren Poschardt augenscheinlich nicht. Im Zweifel würde er sie noch mit Floskeleien wie „Nur Leistung zählt“ und „Pluralität des Blattes“ relativieren, was natürlich insofern schon eine Farce darstellte, da es keine „rechten“ Antipoden gegeben hatte, die er seinen „linken“ Spezis an die Seite stellte, was zu einer gewissen Grundform der Pluralität gehören würde. Geschenkt.
Ärger wiegt da schon, dass Poschardts gesamtes Konstrukt der Aufspaltung des zeitgenössischen „Bürgertums“ der Bundesrepublik in Shit-, Bück- und Fightbürger starke Polemik und gute Unterhaltung enthält, aber wenig konstruktive Substanz. Vielmehr hat man es mit einer Art Spiegelung des Moishe-Postone-Antifaschismus ins „Liberalkonservative“ hinein zu tun. Das heißt: Wie Postone und seine antideutschen Schüler von links sieht Poschardt eine deutsche Daseinsverfehlung am Werk, die im Zweiten Weltkrieg ihren vorläufigen Gipfel erklomm. Wie Postone und seine antideutschen Schüler von links sieht auch Poschardt nun keine ehrliche Aufarbeitung der deutschen Schuld: „Buße wurde bestenfalls simuliert.“ Mit den Deutschen, das weiß man ja schon länger, hat es Poschardt nicht so – und daher affirmiert er „den Westen“ als seinsgeschichtliche Bestimmung jener Individuen, die ganz zufällig auf deutschem Territorium zu leben verdattert sind. Der Westen hingegen sei die Idee „des aufrechten Gangs“ und das – natürlich! – „in stolzer, wehrhafter Positur“. Während Poschardt stolz aber wenig wehrhaft – ganz wie Postone und Co. – ausführlich über „die Verbrechen, die Deutschland über die Welt gebracht hat“ sinniert, findet deutsches Leid nicht statt und ein vielschichtiger deutscher Denker wie Heidegger allenfalls als, wörtlich, „Mittäter“. Die deutschen Vertriebenen, und hier schießt Poschardt seinen gewaltigen Vogel ab, seien „formal“ Deutsche gewesen. Ansonsten zeigt er wenig Empathie. Nun: Echte Deutsche sind für Poschardt eben nur akzeptabel und vorstellbar als Bundesbürger, und die gab es bedauerlicherweise erst ab 1949.
Dimitrios Kisoudis sprach bei solchen Denkmodellen mit einiger Berechtigung und Kohärenz von „Antideutschen von rechts“, nur dass gewiss darüber zu streiten wäre, ob Poschardt mit einem Attribut wie „rechts“ nicht doch zu sehr geadelt wäre, weil „rechts“ in seinem ideologisch-publizistischen Kontext schlichtweg mit Westradikalismus und Neokonservatismus auf Speed verwechselt würde – und überdies eben mit einer leidenschaftlich kultivierten Abneigung gegenüber Linksliberalen, die anders denken als er, und Normalliberalen, die sich von jenen Linksliberalen zu gebückten Wesen deklassieren lassen. So einfach macht es sich Poschardt: Die woken Linken sind die Shitbürger, die Mitte-Normies die Bückbürger, weil sie den Shitbürgern freie Hand lassen, was unvermeidlich die Frage aufwerfen dürfte, wieviel Bückbürger in Poschardt selbst zu stecken droht, zumal dann, wenn er, am Beispiel der FAZ, bekrittelt, dass ideologisch und personell ein Linksruck vollzogen wurde, während er selbst bei der Welt fast im selben Zeitraum Frederik Schindler und Co. den roten Teppich ausrollte. „Bückbürger“, mahnt Poschardt, „die über linke Medien meckern, aber sie weiter abonnieren oder konsumieren, sind Masochisten.“ Was ist dann erst ein Anti-Linker, der Linken das Feld bestellt?
Der eigentliche Irrtum hinter Poschardts Bürgerschema
Doch von dieser erneuten Widersprüchlichkeit abgesehen: So einfach und eingängig das Schema Poschardts auch ausfällt, so schwer wiegt sein zugrundeliegender Fehler: Er glaubt, oder scheint zu glauben, dass das Shitbürgertum, wie er es formuliert, „die Bürgerlichen sturmreif geschossen“ habe – dabei ist das verbliebene deutsche Bürgertum als Schicht, mindestens in den Großstädten, schon lange nicht mehr von Shitbürgern befehdet worden. Vielmehr wurden „die Bürgerlichen“ auf eigenes Verlangen hin selbst zu Shit- und Bückbürgern, weil sie organisch und vielerorts nachhaltig in der linksliberalen Denk- und Lebensweise aufgingen, zu deren wirkmächtigsten Vertretern sie hernach wurden. Das ist ein Ergebnis linker Hegemoniearbeit, und darum möchte sich Poschardt, immerhin, kümmern. Er widmet sich sogar Gramsci und dessen „Gefängnisheften“, die er fälschlich „Gefangenenhefte“ nennt, und hier macht er auch einen seiner Punkte, wenn er einen opportunistischen Bürger darin erkennt, dass er sich „reaktiv anzupassen“ vermag und sich „in der Sicherheit“ wähnt, „dass es gut für ihn ist“.
Es gibt kluge und weniger kluge bürgerliche Opportunisten, die man hier anführen kann, um Poschardts These zu untermauern. Angela Merkel, deren Wesen und Wirken Poschardt korrekt einordnet, fügte sich beispielshalber schweigsam der in weiten Teilen der Zivilgesellschaft bestehenden linksliberalen Hegemonie. Sie räumte in den frühen 2000er-Jahren selbst die letzten ideologischen Rudimente des christlich-sozialen und liberalkonservativen Alt-Bürgertums ab; eine eigene „Weltanschauung galt als überholt“ und Politik wurde fortan „vor allem als Dienstleistung begriffen“ (Hermann Binkert). Andreas Rödder zufolge, dem wohl einzigen CDU-nahen politischen Intellektuellen des frühen 21. Jahrhunderts, hat Merkel als Kanzlerin stattdessen „antizipiert, was mit den Leitmedien kompatibel ist, und entsprechend entschieden“, womit der Vorrang der Metapolitik (Was ist sagbar?) vor der Realpolitik (Was ist machbar?) eingeräumt wird. Poschardt trifft ins Schwarze, wenn er hier anmerkt, dass Merkel die Deutschen bzw. deren Meinungsmacher „gut gelesen“ habe.
Leitmedien, nach deren Standpunkten und Standorten sich Merkel bei Schlüsselfragen richtete (vom Kernkraftausstieg bis zur Nichtschließung der Grenzen), sind bekannterweise Hegemonieproduzenten: Was in den „Qualitätsmedien“ in Funk, Fernsehen und Presse nicht artikuliert wird, findet nicht statt, besitzt also im Alltagsverstand vieler Menschen keine Relevanz. Diesbezüglich ist es anerkennend hervorzuheben, dass Poschardt seine eigene Rolle in der Flüchtlingskrise 2015ff. einigermaßen selbstkritisch aufarbeitet; das machen nicht viele Granden der Medienwelt, sein ehemaliger (?) Intimus Julian Reichelt schafft es ja bis heute nicht.
Treffsichere Diagnose – aber keine Antwort auf die Krise
Wo ist aber nun das Aufbauende, der Weg ins Rettende? Das will Poschardt im Folgebuch Fightbürgertum darlegen, das er so ankündigt: „Aufklärung ist Anfang des 21. Jahrhunderts der Ausgang des Bürgerlichen aus der selbstverschuldeten Gebücktheit. Der neue kategorische Imperativ heißt Kämpfen. Sich fügen heißt lügen. Wer nicht steht, kniet.“ Was wie ein Amalgam aus ChatGPT und „Kant to go“ klingen mag, entspricht letztlich Poschardts emotional aufgewallter Suche nach dem wehrhaften Bürgerlichen der Zukunft. Diese Suche gleicht einer Schimäre: Würde der Bürgerliche zum Kämpfer gegen das Opportunistische und Pseudomittige, wäre er kein Bürgerlicher mehr; wir leben 2026.
Poschardt dröselt diesen Widerspruch nicht auf, aber er merkt in diesem Zuge an, dass das fehlende Kämpferische des Prototyp-Bürgerlichen den „Rechten“ das Feld öffnet. Aus dieser Motivation heraus bemängelt er, dass man die Auseinandersetzung mit „rechtsradikalen Intellektuellen wie Martin Sellner und Benedikt Kaiser eher aus Bequemlichkeit, denn aus Überzeugung“ gescheut habe. Auch hier, ein vorerst letztes Mal, richtet sich indessen die Quintessenz der Kritik gegen ihn selbst – mir sind jedenfalls keine Streitgespräche Poschardt vs. Sellner oder Kaiser bekannt. Aber vielleicht erfahren wir im nächsten, abschließenden Band, dem „Fightbürgertum“, wieso Poschardt einfach nicht auf Augenhöhe kämpfen will.
Vom Systemkritiker zum Bewirtschafter des Systems
Man darf sich dabei nicht täuschen: Ulf Poschardt bekämpft verbal durchaus den Shit- und Bückbürger, dem er kritisch überlegen ist; aber seinsmäßig bleibt er noch im Streit ihr nächster Anverwandter. Er will sie überwinden und bleibt ihren Grundwerten, Grundüberzeugungen und Grundbegriffen doch treu. Denn Poschardt trägt in sich nichts ungehört Neues, sondern verdient – nach dem einträglichen Geschäft durch Shit- und für Bückbürger – nun auch an der Kritik derselbigen. Das ist legitim und marktwirtschaftlich sinnig. Nur: Poschardt ist damit kein disruptiver Entrepreneur des Geistes, als der er sich punkig-krawallig vermarkten und anpreisen lässt, sondern ein kluger Bewirtschafter der gegenwärtigen Bundesrepublik, zu deren charakteristischen Wesenszügen eben auch die großen Grifter-Auftritte der „kritisch“ gewordenen Promis des langjährigen Establishments gehören. Diese sind Unternehmer ihrer Selbst, aber keine Opposition; Selbstvermarkter, aber keine Heroen; Weltbürger, aber keine Fightbürger.
Ernst Niekisch, als Autor der wohl größtmögliche denkerische Gegensatz zu Poschardt, hatte einst formuliert, dass „die ganze deutsche Weltbürgerei eine Rolle ist, die man aufgreift, um mehr zu scheinen, als man ist“. Mehr noch: „Die deutsche Weltbürgerei ist eine vom Ausland her bezogene Mode; der deutsche Schildbürger stolziert einher, als ob er ein Citoyen oder gar ein Gentleman wäre.“ Vielleicht ist Poschardt exakt dies: Schildbürger, nicht Fightbürger. Aber immerhin: unterhaltsam, pointiert und streitbar. Mehr ist wohl in seinem heimeligen Universum des spätbürgerlichen Abgesangs nicht drin.





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