Der Westen hat sich im Nahen Osten schwer getäuscht – und aus dieser Täuschung eine neue Gewissheit gemacht. Nach Afghanistan, Irak, Libyen und Syrien gilt vielen Beobachtern heute als ausgemacht: Regimewechsel führen zwangsläufig ins Chaos. Wer also auf ein Ende der Islamischen Republik im Iran hofft, so lautet das Argument, träumt von einer politischen Illusion. Diese Skepsis hat Gründe. Die Interventionspolitik der frühen 2000er-Jahre – geprägt von neokonservativen Strategen wie Donald Rumsfeld, Paul Wolfowitz und Dick Cheney – hinterließ tatsächlich ein geopolitisches Trümmerfeld. Doch aus diesem Scheitern ist inzwischen eine neue Fehlannahme entstanden: dass alle politischen Umbrüche im Nahen Osten notwendigerweise gleich verlaufen.
Gerade der Iran zeigt, dass diese Verallgemeinerung zu kurz greift. Denn während viele Staaten der Region fragile Konstruktionen ohne gemeinsames nationales Fundament sind, gehört Persien zu den ältesten Kulturnationen der Welt. Wer diese Differenz ignoriert, verwechselt Staaten mit Nationen – und übersieht, dass der Konflikt im Iran eine völlig andere Struktur besitzt.
Warum der Irak, Libyen und Afghanistan zerfielen
Der Beitrag „Der Wunschtraum vom freien Iran: Warum nach dem Mullah-Regime keine Demokratie folgt“ von Bruno Wolters formuliert genau diese skeptische Perspektive. Er warnt davor, aus der Schwäche der Islamischen Republik automatisch auf eine demokratische Zukunft zu schließen. Diese Skepsis ist nachvollziehbar – doch sie greift zu kurz, wenn sie strukturelle Unterschiede zwischen den politischen Ordnungen der Region ausblendet.
Afghanistan, Libyen, Irak und Syrien teilen eine grundlegende strukturelle Eigenschaft: Sie sind politische Gebilde, deren Grenzen weitgehend aus kolonialen Entscheidungen nach dem Ersten Weltkrieg hervorgingen. Ihre staatliche Hülle war schwächer als die darunterliegenden Loyalitäten – Stamm, Ethnie, Konfession und Region. Autoritäre Regime erfüllten in diesen Staaten daher eine paradoxe Funktion. Sie unterdrückten – und sie stabilisierten zugleich. Ihr Sturz bedeutete nicht nur das Ende einer Diktatur, sondern den Verlust der letzten Klammer, die konkurrierende Gruppen zusammenhielt.
In Afghanistan zerfiel politische Ordnung sofort in Stammesstrukturen; ein einheitliches nationales Subjekt existierte kaum. In Libyen kehrten nach dem Sturz Gaddafis regionale und tribale Machtzentren zurück. Der Irak zerfiel nach dem Ende des Baath-Regimes in Konflikte zwischen Schiiten, Sunniten und Kurden. Und der Bürgerkrieg in Syrien zeigte, wie schnell ein politischer Konflikt entlang ethnischer und religiöser Linien fragmentieren kann. In all diesen Fällen verlief der gesellschaftliche Druck horizontal – Gruppe gegen Gruppe, Region gegen Region. Regimewechsel bedeutete daher nicht Revolution, sondern Fragmentierung.
Persien – eine historische Nation
Der Iran unterscheidet sich hiervon fundamental. Persien gehört zu den wenigen Regionen des Nahen Ostens mit einer durchgehenden historischen Identität. Bereits das Achämenidenreich im 6. Jahrhundert vor Christus begründete eine der ersten großen politischen Ordnungen der antiken Welt. Spätere Dynastien – von den Sassaniden bis zu den Safawiden – formten ein kulturelles Selbstverständnis, das bis heute fortwirkt.
Die persische Sprache, eine gemeinsame literarische Tradition und ein starkes historisches Bewusstsein verbinden die Gesellschaft über ethnische Unterschiede hinweg. Azeris, Perser und große Teile der kurdischen Bevölkerung teilen ein übergeordnetes nationales Selbstverständnis. Der Iran ist daher keine postkoloniale Konstruktion, sondern eine Kulturnation mit langer staatlicher Kontinuität. Die Islamische Republik entstand erst 1979. Sie ist nicht die Grundlage dieser Nation, sondern ihr politischer Überbau – und zugleich ihr innerer Widerspruch.
Elite gegen Gesellschaft
Diese historische Struktur verändert die Dynamik politischer Konflikte im Iran grundlegend. Während im Irak oder in Syrien ein Aufstand rasch entlang ethnischer oder konfessioneller Linien zerfallen würde, bleibt der Konflikt im Iran strukturell vertikal: staatliche Elite gegen gesellschaftliche Mehrheit. Die Protestbewegungen der letzten Jahre und Monate – etwa unter dem Motto „Frau, Leben, Freiheit“ – verbinden Studenten, Frauen, Arbeiter und urbane Mittelschichten. Die Repression des Systems traf nicht eine einzelne Gruppe, sondern breite Teile der Gesellschaft. Die zentrale Botschaft vieler Demonstrationen lautete daher nicht „wir gegen die anderen“, sondern: Ihr repräsentiert uns nicht.
Gerade deshalb greift auch der Einwand zu kurz: Die Forderung nach einem Ende des Mullah-Regimes sei vor allem ein geopolitisches Projekt des Westens. Diese Darstellung unterschätzt die Realität der iranischen Gesellschaft. Die Proteste gegen die Islamische Republik wurden nicht in Washington, London oder Brüssel organisiert. Sie entstanden auf den Straßen iranischer Städte – in Universitäten, Fabriken und Wohnvierteln.
Tausende Menschen wurden in den vergangenen Jahrzehnten und in den letzten Wochen verhaftet, gefoltert oder getötet. Ihre Familien, ihre Freunde und die Überlebenden dieser Repression tragen die mahnende Erinnerung an diese Gewalt weiter. Der Wunsch nach politischer Veränderung ist daher keine geopolitische Projektion. Er ist eine gesellschaftliche Erfahrung.
Die Israel-Frage
Auch die aggressive Rhetorik der Islamischen Republik gegenüber Israel wird häufig als Beleg dafür angeführt, dass ein zukünftiger Iran zwangsläufig dieselbe außenpolitische Haltung einnehmen müsse. Historisch ist diese Annahme jedoch keineswegs zwingend. Vor der Revolution von 1979 unterhielt der Iran diplomatische Beziehungen zu Israel und galt zeitweise sogar als einer der wichtigsten regionalen Partner des jüdischen Staates. Die antiisraelische Politik der Islamischen Republik ist daher weniger Ausdruck einer historischen iranischen Staatsräson als vielmehr Teil der ideologischen Selbstdefinition des revolutionären Systems.
Tatsächlich erfüllt die Feindschaft gegenüber Israel innerhalb der Logik der Islamischen Republik eine zentrale innenpolitische Funktion. Sie dient als ideologischer Kitt eines Systems, das seine Legitimität weniger aus demokratischer Zustimmung als aus revolutionärer Identität bezieht. Der permanente Konflikt mit Israel ist daher nicht nur Außenpolitik, sondern auch ein Instrument politischer Mobilisierung im Inneren.
Gerade deshalb lohnt sich ein Blick auf die gesellschaftliche Realität im Iran selbst. In diesen Tagen sind immer wieder Szenen zu beobachten, in denen iranische Demonstranten – im offenen Gegensatz zur offiziellen Staatsdoktrin – Dankbarkeit gegenüber Israel oder sogar gegenüber Benjamin Netanjahu zum Ausdruck bringen. Hintergrund ist die Wahrnehmung vieler Iraner, dass die israelische Aktion gegen die Führung der Islamischen Republik direkt den Druck auf das Regime erhöhen.
Solche Gesten bedeuten nicht, dass jahrzehntelang propagierte Ressentiments vollständig verschwunden wären. Doch sie zeigen, dass die antiisraelische Haltung im Iran keineswegs ausschließlich gesellschaftlich verankert ist. Sie ist zu einem erheblichen Teil ein Produkt der politischen Ideologie des Systems. Ein zukünftiger Iran würde seine Außenpolitik daher sicher stärker entlang nationaler Interessen definieren als entlang der revolutionären Feindbildlogik der Theokratie.
Das Ende des Interventionszeitalters
Die Debatte über den Iran lässt sich nicht vom größeren geopolitischen Kontext trennen. Die neokonservative Außenpolitik der 1990er und 2000er Jahre ging von der Annahme aus, dass militärische Interventionen eine liberale Weltordnung sichern könnten. Die Realität sah anders aus: Irak, Afghanistan und Libyen destabilisierten ganze Regionen. Diese Politik hat nicht nur Staaten zerstört, sondern auch das Vertrauen in politische Transformation von außen nachhaltig beschädigt.
Doch gerade deshalb ist eine wichtige Unterscheidung nötig: Die Regimewechsel jener Jahre waren äußere Interventionen. Der Konflikt im Iran hingegen ist ein innergesellschaftlicher. Während die neokonservativen Interventionen versuchten, politische Systeme von außen zu verändern, entsteht der politische Druck im Iran von innen.
Nicht Migration – sondern Remigration?
Ein weiterer Aspekt wird in europäischen Debatten häufig übersehen. Der Iran besitzt eine der größten Diasporagemeinschaften des Nahen Ostens. Mehrere Millionen Iraner leben heute außerhalb des Landes – viele von ihnen hochqualifizierte Fachkräfte, Unternehmer oder Akademiker. Ein erheblicher Teil dieser Diaspora verließ das Land aus politischen Gründen. Historische Beispiele zeigen, dass nach dem Ende autoritärer Systeme häufig eine Rückkehrmigration einsetzt. Nach dem Ende der Diktaturen in Spanien, Portugal oder Chile kehrten viele politische Emigranten zurück, um am Wiederaufbau ihrer Länder mitzuwirken.
Auch für den Iran ist ein solches Szenario plausibel. Ein politischer Wandel würde nicht nur ein repressives System beenden. Er würde zugleich die Ursache vieler Auswanderungen beseitigen. Die unter dem Druck der illegalen Massenmigration stehende europäische Debatte denkt verständlicherweise nur in eine Richtung: Regimewechsel gleich Migration. Ebenso plausibel ist in diesem Falle jedoch das Gegenteil – eine Remigrationsbewegung der iranischen Diaspora.
Zwei Missverständnisse der Iran-Debatte
Die Debatte über den Iran leidet an einem doppelten Missverständnis. Das erste lautet: Regimewechsel im Nahen Osten führen zwangsläufig zum Zerfall. Das zweite lautet: Der Wunsch nach Veränderung im Iran sei vor allem ein Projekt des Westens. Beides verkennt die Realität. Die Proteste gegen die Islamische Republik entstanden nicht in Washington oder Brüssel, sondern auf den Straßen von Teheran, Isfahan und Shiraz. Sie werden getragen von Studenten, Frauen, Arbeitern, Unternehmern – und von den Familien jener Tausenden, die in Gefängnissen des Regimes gefoltert oder getötet wurden.
Der Wunsch nach Veränderung ist deshalb keine geopolitische Strategie. Er ist Erfahrung und Wunsch der iranischen Gesellschaft selbst. Und genau darin liegt der entscheidende Unterschied zu den gescheiterten Regimewechseln der letzten Jahrzehnte: Afghanistan, Libyen, Irak und Syrien waren Staaten ohne Nationen.
Der Iran ist eine Nation mit einem umstrittenen Staatsregime. Dort führte der Sturz des Regimes zum Zerfall, weil kein gemeinsames politisches Subjekt existierte. Hier, im Iran hingegen, richtet sich der Konflikt nicht zwischen Stämmen oder Konfessionen aus, sondern zwischen einer historischen Nation und einem politischen System, das sich über sie gelegt hat. Die eigentliche Lektion aus den Interventionen der letzten zwanzig Jahre lautet daher nicht, dass politischer Wandel im Nahen Osten unmöglich ist. Sie lautet: Wo keine Nation existiert, zerfällt der Staat. Wo eine Nation existiert, kann ein Regime fallen. Und dieser Versuch, auch unterstützt von außen, ist es wert.




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