Schon immer wurde der ORF im Volksmund scherzhaft „Postenschacher- und Heiratsverein“ genannt. Und das ist nicht so weit hergeholt. Wenn man sich die Liste der Mitarbeiter genau ansieht, wird man rasch feststellen, dass es regelrechte Familienclans am Küniglberg gibt. Und da sind diejenigen Liaisons ohne Trauschein gar nicht mitgerechnet. Ohne Beziehungen läuft im ORF gar nichts. Seien sie politisch, freundschaftlich, familiär oder amourös.
Der Fall Weißmann und die erhobenen Vorwürfe
Über letztere ist nun ORF-Generaldirektor Roland Weißmann gestolpert und musste völlig überraschend seinen Hut nehmen. Er soll 2022, zu Beginn seiner Amtszeit, eine Mitarbeiterin sexuell belästigt haben. Davon soll es sogar Schrift-, Ton- und Bildmaterial geben, die das belegen. Andere berichten davon, dass Weißmann eine Liaison mit der Mitarbeiterin schon vor rund sechs (!) Jahren begonnen hätte und diese damals durchaus einvernehmlich gewesen wäre.
Jetzt, vier Jahre nach den mutmaßlichen sexuellen Übergriffen, poppt die Geschichte plötzlich auf. Das kann, muss aber nichts, mit der bevorstehenden Neubestellung der ORF-Geschäftsführung zu tun haben. Die zeitliche Nähe ist dennoch auffällig. Endet doch die Ausschreibung zur Wahl der Generalintendanz am 1. Mai. Gewählt wird am 11. August. Und Weißmann galt bisher, trotz aller Kritik an seiner Amtsführung, als Favorit. Jetzt ist er mit einem Schlag aus dem Rennen.
Zufall oder Kalkül im Machtkampf?
Bemerkenswert ist die Art und Weise, wie seine Demontage erfolgte. Denn dieses Vorgehen ist für eine öffentlich-rechtliche Anstalt doch einigermaßen skurril. Da wollen der Chef Heinz Lederer (SPÖ) und der stellvertretende Chef des Stiftungsrates, Gregor Schütze (ÖVP), Mitte voriger Woche vom Opferanwalt über die Causa informiert worden sein. Daraufhin habe Lederer Weißmann ein 48-Stunden-Ultimatum gestellt, um die Sache mit dem Anwalt des Opfers zu klären.
Und das ist der eigentliche Skandal an dieser dubiosen Geschichte. Ist doch der Stiftungsrat das oberste Organ des ORF und dient vorrangig der Kontrolle und Leitung der Rundfunkgesellschaft. Und genau die beiden Vorsitzenden dieses Kontrollorgans bieten dem Generaldirektor, über alle Compliance-Richtlinien hinweg, die Chance, die Sache „zu klären“, sprich sie unter den Tisch zu kehren.
SPÖ-Bundesfrauengeschäftsführerin Ruth Manninger begrüßt sogar „das rasche Vorgehen“ des Stiftungsrates, sagt aber gleichzeitig, dass sie für null Toleranz bei sexueller Belästigung – unabhängig davon, ob es sich dabei um einen Direktor oder einen Arbeiter handle – sei. Da hat offenbar jemand nicht ganz verstanden, was es mit dem 48-Stunden-Ultimatum auf sich hatte.
Aussage gegen Aussage im Nachspiel des Skandals
Weißmann konnte die Frist, die ihm gesetzt wurde, nicht zu seinem Gunsten nutzen und ist am vergangenen Sonntag um 11.45 Uhr mit sofortiger Wirkung zurückgetreten. Soweit die offizielle Version. Die Kronen Zeitung berichtet jedoch von völlig anderen Hintergründen, die zu Weißmanns Rücktritt geführt hätten. Da wird hinter vorgehaltener Hand von Intrigen gemunkelt. Die Krone schreibt: „Weißmann hätte eine einvernehmliche Liaison mit der Mitarbeiterin schon vor rund sechs Jahren begonnen. Interessant sei auch, dass die schon bei vielen ORF-Galas aufgetretene Frau jetzt mit einem anderen Mitarbeiter im Konzern liiert sein soll. Und genau dieser liege derzeit mit seinem Arbeitgeber ORF wegen eines äußerst lukrativen Gehaltsbestandteils seines Vertrages, den die Küniglberger Chefetage nicht genehmigen will, im Clinch. Es steht also Aussage gegen Aussage. Im zu erwartenden arbeitsgerichtlichen Prozess werden beide Seiten zu Wort kommen. Es geht um viel Geld – und den guten Ruf.“
Gut möglich, dass uns der ORF noch ein spannendes Unterhaltungsprogramm in dieser Causa liefern wird. Die „erste Folge“ war jedenfalls schon ein guter Auftakt zu einer Schmierenkomödie mit tragischem Ende.




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