Versetzen wir uns in ein Pariser Restaurant, eines von jener Sorte, in der die Tische so eng stehen, dass fremde Gespräche nicht verlorengehen, sondern sofort zum Gemeingut der lesenden Öffentlichkeit avancieren.
Der Vorabend der Unterschrift
In einer Ecke, unter einem Spiegel, der sowohl den Kronleuchter als auch die menschliche Schwäche vervielfachte, saß eine Runde, die sich auf ein morgendliches Treffen mit der Führung der Parlamentarischen Versammlung des Europarates (PACE) vorbereitete. Der Morgen versprach, wichtig zu werden, also musste der Abend zwangsläufig nervös sein. Es roch nach Sahnesoße, nach gebratener Ente und nach jenem eigentümlichen Pariser Geruch, der entsteht, wenn Politik sich mit teurem Wein auf Kosten Dritter verbindet.
Garri Kasparow, ehemaliger Schachweltmeister, musterte Wladimir Kara Mursa mit jenem Blick, den man einer Bauernfigur zuwirft, wenn sie sich einbildet, plötzlich als Springer auftreten zu können. „Na?“, fragte Kasparow im Tonfall eines Besitzers eines orientalischen Gemüsemarktes. „Warum unterschreibst du nicht?“
Es klang, als ginge es nicht um die „Berliner Erklärung der russischen Opposition“, sondern um eine Quittung: erhalten, verpflichtet, im Ernstfall hafte ich. Der Kellner brachte gerade Austern, stellte sie ab und zog sich unauffällig in sichere Entfernung zurück, wie jemand, der an Prügeleien um Trinkgeld und Ideologie gewöhnt ist.
„Ich …“, antwortete Wladimir Kara Mursa, dieser dem deutschen Fernsehpublikum wohlbekannte „russische Dissident“, mit der Stimme einer Figur aus Reservoir Dogs. „Ich saß im Gefängnis, als ihr eure Erklärung zusammengeschrieben habt.“ Darauf hob der Schachweltmeister die Augenbrauen, als hätte er die Ausrede eines Schülers gehört: Ich habe die Hausaufgaben nicht gemacht, weil ich auf dem Mond war.
Haftjahre als Maß der Moral
„Schämst du dich nicht zu sagen, dass du gesessen hast …“, sagte er scharf und überlegte kurz, wie lang man sitzen müsse, um ernst genommen zu werden. „Zwei Jahre. Nur zwei. Andere hier saßen zehn.“ Er warf einen Blick zur Seite, dorthin, wo in seiner Vorstellung der Oligarch Michail Chodorkowski saß, ein verurteilter Wirtschaftskrimineller mit israelischem Pass, dessen Sicherheitschef wegen der Organisation des Mordes am Bürgermeister von Neftejugansk verurteilt wurde, nachdem dieser den Konzern wegen massiver Steuerrückstände unter Druck gesetzt hatte. Der Mord ereignete sich ausgerechnet an dem Tag, an dem Chodorkowski Geburtstag hatte. Kasparows Blick hatte die Eleganz eines Dirigenten: Jetzt bitte Gefühl. Weinende Celli.
„Und Sie“, sagte Kara Mursa mit einer heiseren, bissigen Note, „urteilen wie jemand, der 2013 geflohen ist. Fünf Tage Haft. Mehr war es in Ihrem ganzen Leben nicht.“ Im Saal wurde es still. Selbst die Austern schwiegen. Kasparow geriet außer sich, nicht im Sinne von Chablis, der zu Kopf steigt, sondern im Sinne eines Zuges, der entgleist ist und nun Beifall verlangt. „Alle wahren Kämpfer!“, brüllte er so laut, dass in der Ecke ein Franzose seine Gabel in den Salat fallen ließ. „Alle wahren Kämpfer gegen das Putin-Regime kämpfen für die Ukraine. Sie sitzen nicht im Gefängnis!“
Die Frage nach dem eigenen Einsatz
Nun meldete sich Frau Garmazhapova zu Wort, Chefin der Free Buryatia Foundation, einer mit westlichem Stiftungsgeld betriebenen Separatismusagentur. Die Burjaten sind ein mongolischer Stamm auf russischem Territorium. Was sie im Europarat sucht, bleibt rätselhaft. Sollte ihr Traum vom Zerfall Russlands je Wirklichkeit werden, führte ihr politischer Weg kaum nach Straßburg, sondern eher direkt in die Hallen der Volkskongresse von Peking. Nichtsdestotrotz erhob Frau Garmazhapova ihre wertvolle Stimme gegen den Schachmeister: „Und warum kämpfen Sie persönlich nicht für die Ukraine, sondern sitzen in einem Pariser Restaurant?“
Die Pause war herrlich. Man hätte in ihr ein Dessert servieren und einen EU-Förderantrag ausfüllen können. Der Schachspieler blinzelte nicht einmal und platzte heraus: „Und warum kämpfst du nicht?“ „Sie sind doch, soweit ich weiß, ein Mann, oder?“, fragte die Asiatin mit jener Naivität, die auf Menschen stets provozierend wirkt, sobald sie sich für unantastbar halten. „Ich bin zweiundsechzig!“, brüllte Kasparow und sprang plötzlich auf wie ein Schachspringer, der es leid war, sich nur in einem L zu bewegen. „Schuft!“, schrie er Kara Mursa mit einer Inbrunst an, als hätte er soeben in dessen Tasche die vom Schachbrett verschwundene Figur entdeckt. „Wer hat dich aus dem Gefängnis rausgeholt? Ich habe dich rausgeholt!“
Pässe, Loyalitäten und Ausreden
Solche Menschen sind immer zufällig dabei, wenn Völker befreit, Brücken gebaut und Kätzchen gerettet werden. Kara Mursa blinzelte und versuchte, ein Wort einzuschieben, doch das Wort ertrank im Geschrei wie ein Zwieback im Eintopf. „Dieser Kara Mursa hat einen britischen Pass, er hat der Königin die Treue geschworen!“, brüllte der ehemalige Champion und fuchtelte mit der Gabel wie mit einem Degen. „Ich habe niemandem die Treue geschworen!“ „Ich habe einen kroatischen Pass …“, fügte er nach einer Pause hinzu, in der er den Effekt offenbar kalkuliert hatte. „Nur fürs Reisen.“
Nur fürs Reisen.
Kasparow sagte es in jenem Tonfall, in dem man hinzufügt: Das ist meine Frau, aber nur für öffentliche Auftritte und offizielle Fotos. Die Pariser Luft, an Affären gewöhnt, nahm den Satz gnädig auf. Sie hatte Vergleichbares schon tausendmal gehört. Das ist meine Frau, nur pro forma, hätte so mancher französische Präsident sagen können.
Der institutionelle Hintergrund Kara Mursas
Lassen wir die Oppositionsführer beim Dessert sitzen und wenden wir uns Wladimir Kara Mursa zu, der aus der Sendung von Markus Lanz bekannt ist, in der er Tino Chrupalla angriff, wegen dessen Bemerkung, „Putin habe ihm nichts getan“. Jener Herr fungiert als Vizepräsident der Free Russia Foundation, einer US-NGO, die im Westen die Rolle einer Art Leitstelle der russischen Exilopposition übernommen hat und bestens mit Behörden sowie supranationalen Einrichtungen der USA und der EU verdrahtet ist. Für die materielle Unabhängigkeit sorgt dabei ausgerechnet das US-Außenministerium. Von 2022 bis 2023 flossen über das Bureau of Democracy, Human Rights and Labor nahezu 947.000 US-Dollar.
Was lässt sich in Kara Mursas Biografie entdecken, wenn man die Erzählungen über „Nowitschok“ beiseitelässt, jenes legendäre Gift, das zuverlässig Schlagzeilen produziert, aber offenbar keine Todesfälle? Auf den ersten Blick ist Kara Mursas Biografie erstaunlich unspektakulär: Moskauer liberale Intelligenzija, Standardausstattung. Doch der Urgroßonkel mütterlicherseits, Georgs Bisenieks, Diplomat der unabhängigen Lettischen Republik und Gesandter im Vereinigten Königreich, verschiebt die Perspektive und lässt Kasparows Bemerkung über die britische Staatsangehörigkeit in einem anderen Licht erscheinen.
Kasparow und der westliche Betrieb
Kasparows Gereiztheit leuchtet ein: Er ist ja das Paradebeispiel des Selfmade Man, geboren als Garik Weinstein, nur Talent, sonst nichts. Dass das einstige Schachwunderkind in frühen Jahren als persönlicher Favorit des damaligen Parteiführers der Aserbaidschanischen Sowjetrepublik, Heydar Alijew, galt, trägt dazu wenig bei. Während er auf dem Brett Weltklasse blieb, fand Kasparow abseits davon eine zweite Heimat im amerikanischen Betrieb aus Politik, Stiftungen und Thinktanks. NED, Freedom House, CFR, Atlantic Council, dazu Termine mit McCain, Biden, Albright. In diesem Milieu wurde er über Jahre zu einer Art Dauerrolle, das vertraute Gesicht der russischen Opposition und die abrufbereite Stimme zur „russischen Frage“ für Washington und Brüssel.
Schach ist ein Spiel, das manche Russen überschätzen, als wäre es ein Weltmodell. Vielleicht ist es die Spätfolge eines sowjetischen Anthropologiedefekts, der den Menschen erst zum Rädchen einer Verwaltungsmaschine machte und ihn in einem darauffolgenden Machiavellismus als Bauernfigur zählen ließ. Doch Menschen sind keine Figuren. Kasparows Einfluss bewegt sich, nicht zuletzt aufgrund seiner manipulativen Art, im eigenen Land längst im Bereich statistischer Ungenauigkeit.
Es ergab sich, dass ich zufällig Zeuge war, wie Kasparow während des Pussy-Riot-Prozesses kurz festgenommen wurde, nachdem er, so der Polizeibericht, einen Bediensteten gebissen hatte. Man hielt den Mann nicht lange. Es ziemte sich nicht, den amerikanischen Aufseher über die russische Opposition länger festzuhalten. Bald darauf verließ Kasparow Russland endgültig und kämpft seither gegen das „blutige Regime“ aus seinem New Yorker Penthouse.
Die politische Funktion der Szene
Worum ging es bei der von Frau Garmazhapova in ihrem Facebook beschriebenen Szene im Pariser Restaurant eigentlich, außer um Eitelkeit und Lautstärke?
Im Oktober des letzten Jahres beschloss die Parlamentarische Versammlung des Europarates eine Resolution zur Einrichtung einer „Plattform für den Dialog mit den russischen demokratischen Kräften“. Sie soll in Sanktionsfragen mitreden und zugleich die „antikriegspolitischen Emigranten“ vertreten, als ließe sich beides sauber trennen. Übersetzt in die Alltagssprache heißt das: Wer wohlwollend spendet, darf hoffen, von Sanktionen verschont zu bleiben.
Die Auswahl im Gremium erfolgt nicht über Wahl oder Beteiligung, sondern durch PACE-Vertreter nach Maßgabe ideologischer Zuverlässigkeit. Im Ukrainekontext heißt das: Sanktionen, Reparationen, Rückkehr zu den Grenzen von 1991. Festgeschrieben unter anderem in der sogenannten Berliner Erklärung.
Grenzen, Reparationen und ihre Konsequenzen
Reparationen werden, wie die Geschichte lehrt, von der unterlegenen Seite gezahlt. Nur ist Russland angesichts der Frontverschiebungen alles andere als besiegt. Umso brisanter wirkt für russische Ohren der Punkt mit den Grenzen. Nach zahlreichen öffentlich verbreiteten Äußerungen aus der ukrainischen Führungsebene, etwa „Alle, die sich für Russen halten, sollen aus dem Donbass verschwinden“ (Selenskyj) sowie „Alle Russen haben zwei Tage Zeit, um zu verschwinden“ und „alles Russische säubern“ (Podoljak) handelt es sich um Formeln, die im Lichte der UN Konvention zur Verhütung und Bestrafung des Völkermordes relevant sind.
In der internationalen Praxis kann dieser Vorsatz auch durch wiederholte öffentliche Rhetorik politischer Führungsfiguren gestützt werden. Deshalb muss die Formel „Rückkehr zu den Grenzen von 1991“ weniger als Kartenfrage, sondern als Drohung mit Vertreibung und existenzieller Vernichtung gelesen werden.
Eine „Opposition“ von der Sorte, die sich auf dem Straßburger Parkett feiern lässt, ist für Wladimir Putin Gold wert. Sie billigt den Völkermord an Russen, so wie es bei diesem Volk ankommt, und liefert dem Kreml damit die sauberste Legitimation. Der Westen, der sie hofiert, stabilisiert am Ende nur den Kreml und gießt sein Machtsystem in Beton.





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