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Politik

Politik von unten: Für eine neue Politik der Nähe

Wie kann aus einer Opposition eine dauerhaft tragfähige politische Kraft werden? Benedikt Kaiser skizziert einen strategischen Ansatz, der Idee, Gemeinschaft und praktische Verankerung miteinander verbindet.

Benedikt Kaiser
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Lokale Verankerung und Bürgernähe bilden nach Benedikt Kaiser das Fundament einer langfristigen politischen Erneuerung.
Lokale Verankerung und Bürgernähe bilden nach Benedikt Kaiser das Fundament einer langfristigen politischen Erneuerung. (Bild: IMAGO / Swaantje Hehmann)

In Zeiten der fluiden Moderne, des Endes der Gewissheiten und des allgegenwärtigen Digitalen, kurz: des eher Abstrakten, wächst die Sehnsucht nach neuer Stabilität, klarer Ordnung und erlebter Gemeinschaft, kurz: nach dem eher Konkreten. „Die Neugeburt des Politischen“, so kann mit dem Essayisten Simon Strauss gefolgert werden, wird „aus dem Geist der Nachbarschaft, aus der Sehnsucht nach Nähe“ erfolgen. Das heißt nicht, sich der Zeit, in der man lebt, und ihres Entwicklungsstadiums, deren Folgen man täglich er- und durchlebt, zu verweigern. Das heißt aber schon, dass sich in der „Nähe“, vor Ort, ein „politischer Wert“ (Strauss) herausschält, der durch neuartige Krisenschübe eher zu- als abnehmen wird.

Strauss schreibt in seinem Schlüsseltext „In der Nähe“ (Stuttgart 2025) explizit von einem „politischen Wert der Nähe“ und verortet diesen im Osten der Bundesrepublik Deutschland. Während in der alten BRD eine „Gesellschaft der Beziehungslosen“ entstanden sei, favorisieren immer mehr Ostdeutsche „das Paradigma der Gemeinschaft“. Sie beleben „die soziale Bindungsstärke“ im Zeichen der „Sehnsucht nach mehr Nähe als Kennzeichen eines ostdeutschen Lebensgefühls“. Strauss zeigt sich überzeugt, dass daraus nicht nur politisch folgt, dass „der“ Osten reizvoller sei – „auch intellektuell ist das, was heute im Osten geschieht, spannender“. Mit ihrem „Willen zum Nonkonformismus“ heben die Ostdeutschen die festgefahrenen Zustände auf.

Dieser Entwicklung zuträglich ist, dass das heutige Ostdeutschland insbesondere aus Dörfern und Kleinstädten besteht. Metropolräume wie Leipzig und Dresden sind Ausnahmen, und selbst Großstädte wie Magdeburg, Chemnitz und Rostock sind von Nähe und Überschaubarkeit sowie einer daraus resultierenden Vertrautheit geprägt. Neben historischen, kulturellen und gesellschaftlichen Gründen, die an dieser Stelle nicht abgebildet werden können, zeichnet auch dieses Faktum verantwortlich dafür, dass man im kleinteiligen Osten „einen anderen Blick auf das Ganze einer sozialen Gemeinschaft hat“, wie der sächsische Publizist Michael Beleites in seinem Großessay „Dorf-Ethos“ (Dresden 2025) feststellte: „Hier haben die Menschen eine Art metapolitische Sensibilität.“ Und aus dieser resultieren andere realpolitische Gestaltungsmöglichkeiten.

Auf solch „markante Unterschiede zwischen Ost und West in der grundsätzlichen Ausrichtung des politischen Raums“ hinzuweisen, wie es auch Philip Manow in seinen „Spaltungslinien“ (München 2026) tut, heißt nicht, „den Westen“ aufzugeben oder „den Osten“ zu idealisieren. Es bedeutet, dort mit dem Aufbruch für das ganze Land zu beginnen, wo die meta- und realpolitischen Voraussetzungen besser sind und es bedeutet, das Prinzip der Nähe zu bekräftigen, weil Vertrauensräume „von unten“ die Chance erhöhen, auch „von oben“ politische Zäsuren herbeiführen zu können. Das ostdeutsche Selbstbewusstsein, das sowohl in Trotz als auch konstruktive Widerständigkeit übergeht, erweist sich dann als „ureigenes Mittel zur Verteidigung der Seele gegen die Zerschlagungstendenzen“ (Strauss) einer Verfallsepoche.

Strategie der drei Ebenen

Damit sind einige Voraussetzungen für eine integrale politische Wende gegeben. Doch leitet sich daraus keine Zwangsläufigkeit ab. Das Mosaik mit seinen real- wie metapolitischen Einzelsteinen muss eine dreigliedrige Strategie verinnerlichen. Dieser Dreiklang umfasst eine geistige bzw. ideologische Ebene, eine soziale bzw. materielle sowie eine geografische bzw. lokal-regionale Ebene. Man könnte sich einen Baum mit Krone (Ideenpolitik), Stamm (materielle Fragen) und Wurzeln (Vor-Ort-Verankerung) vorstellen; wie in einem Organismus hängen die Lebensfunktionen zusammen. Noch einfacher könnte man das Projekt auch als Körper-Dreisatz bezeichnen. Jeder Körper hat Kopf, Bauch und Beine: Eine Bewegung ohne Kopf ist blind, ohne Bauch verhungert sie und ohne Beine kommt sie nicht voran. Der Kopfbereich in diesem Schema enthält Ideen und Inhalte, erarbeitet und verbreitet Werte, Wissen und Weltanschauung. Im Bauchbereich hat alles Platz, was soziale Sicherheit und den Alltag der Menschen betrifft, sprich: materielle Fragen respektive Brot-und-Butter-Themen. Die Beine schließlich tragen den Körper. Sie umreißen in diesem Schema die Graswurzelstrategie in Form kommunaler Verankerung, nachbarschaftlicher Vertrautheit, konkreter Organisation. Sie formieren die eigentliche Politik der Nähe – das Fundament einer authentischen und nachhaltigen „Wende“.

Schon 1989ff., um diesen schiefen, aber beliebten und eingängigen Vergleich zu wagen, war es nicht der Wasserkopf in Berlin, der die Verhältnisse (allein) zum Tanzen brachte. Vielmehr war es so, dass die „örtliche und regionale Perspektive der Akteure“ greifbare, „praktikable Lösungen“ ermöglichte und „gangbare Wege“ aufzeigte, um eine Erkenntnis des damals als Bürgerrechtler wirkenden Beleites in Erinnerung zu rufen. Aber damals wie heute gilt, dass derjenige, der über keine langfristige motivierende Idee verfügt, zwar den Gegner bekämpft, aber (noch) keine zukunftsfähige Bewegung generiert. Eine solche benötigt Nahrung für den Kopf. Es gilt, dass das gesellschaftliche Klima verändert werden muss, bevor sich Machtverhältnisse dauerhaft verändern lassen. Dafür braucht es eine Generation politischer Persönlichkeiten, die mehr mitbringen als „nur“ Aktivismus oder nur Empörung. Eine Bewegung erfordert Werte, Wissen und Weltanschauung: einen Kopf, der denkt.

Werte (i. S. v. Tugenden) bilden den Ausgangspunkt. Ohne sie wird Politik zum Machtmanagement. Solidarität und Patriotismus etwa bedeuten Verantwortung füreinander, Verbundenheit mit dem eigenen Gemeinwesen und die Bereitschaft, Gemeinschaft über Egoismus zu stellen. Doch Werte allein genügen nicht. Wer gestalten will, muss verstehen, wie die Welt funktioniert: historisch, wirtschaftlich, geopolitisch. Wissen bedeutet nicht Faktensammlung, sondern Urteilsfähigkeit. Wer Machtstrukturen erkennt, Interessen analysieren und historische Muster deuten kann, lässt sich weniger leicht manipulieren: Bildung ist deshalb kein elitärer Spleen, sondern politische Selbstverteidigung. Gefährlich wird es allerdings, wenn sich Wissende in Echokammern einigeln. Eine politische Bewegung darf nicht nur nach innen sprechen; sie muss anschlussfähig an die Mitte des Volkes (nicht: die Mitte der Parteienwelt) bleiben. Deshalb bedarf Politik der zugrundeliegenden Weltanschauung. Sie beantwortet Grundfragen und gibt auch für tagespolitische Entscheidungen eine Richtung vor.

Im Kopfbereich gilt daher: Aus der Verbindung von Werten, Wissen und Weltanschauung entsteht der ganzheitliche Ansatz. Eine politische Bewegung mit dieser Trias im Kopf weiß, dass sie mehr als Social-Media-Reichweite und kurzfristige Mobilisierung hervorbringen muss. Sie braucht Persönlichkeiten, die andere Persönlichkeiten formen; die nicht nur emotionalisieren, sondern bilden; die ideologisch grundsätzlich sind, ohne dogmatisch zu werden und entschlossen, ohne zu verhärten. Werte geben der Bewegung, die von solchen Menschen getragen wird, Sinn; Wissen verleiht Wirksamkeit; Weltanschauung vermittelt Richtung. Fällt einer dieser Pfeiler weg, verliert ein politisches Projekt seine Geschlossenheit und kann Themen des „Bauches“ weder authentisch noch glaubwürdig vertreten.

Solidarischer Patriotismus

Nach dem „Kopf“ im Körper-Dreisatz also der „Bauch“: Die Zeit „woker“ Identitätspolitik und grüner Moralpolitik endet. „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“, hieß es in Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“. Wenn die ökonomischen Verwerfungen nahen, wenn der Osten seine zweite Deindustrialisierung seit 1990 und der Westen seine erste überhaupt erlebt – dann wird es ernst, zumal die ökonomischen Krisenerscheinungen mit dem schrittweisen Verlust der politisch-kulturellen Hegemonie der Eliten in Medien und Politik einhergehen. Philip Manow spricht anlässlich des wachsenden Unmuts gegenüber den Herrschenden von einer Reaktion auf „den ökonomisch-kulturellen Doppelcharakter dieser Globalisierung“, die für Erschütterungen des Bestehenden sorgt und in Krisensituationen (von „Corona“ bis zum Irankrieg) jedem Bürger aufzeigt, wie vulnerabel die globale Wirtschaftsordnung durch ihre totale Vernetzung geworden ist – mit konkreten Folgen für jeden Einzelnen an der Supermarktkasse, beim Tanken oder am eigenen, prekär werdenden Arbeitsplatz.

Mehr denn je zuvor gilt, dass hier die „Gewinnerformel“ (Timo Lochocki) bzw. „Erfolgsformel“ (Philip Manow) als Notwendigkeit in Erscheinung tritt: eine soziale Wirtschafts- und Sozialpolitik für die eigenen Leute, kombiniert mit rechter Gesellschaftspolitik, was eine „programmatische Linksverschiebung“ (Manow) der Rechtsparteien erforderlich macht – weg vom liberal-libertären Klientelwesen, das nach wie vor Anhänger findet, hin zu einer volksverbundenen Politik zugunsten der breiten Mehrheit. Schlagen wirtschaftliche Verwerfungen, Folgen des Wandels der Arbeitswelt, soziale und ethnokulturelle Spannungen usw. immer stärker durch, werden mehr Menschen nach Alternativen zum Ist-Zustand suchen. Der Widerspruch „zwischen einer Politik der Schließung und einer Politik der Öffnung“ (Andreas Reckwitz) wird an Relevanz zunehmen, wobei „Schließung“ hier nicht als Abschottung, sondern als ein Fokus auf den Schutz von Nähe bzw. Vertrauensräumen und „Öffnung“ als ein Fokus auf freien Fluss von Kapital und Menschen (hier: im Zeichen der Massenmigration) zu verstehen wäre. Darauf muss eine verantwortungsorientierte Rechte vorbereitet sein: nicht nur im Konflikt mit dem vielgestaltigen Gegner, sondern auch im Ringen um die Stabilität des eigenen Gemeinwesens.

Der Leitbegriff hierfür lautet Solidarischer Patriotismus. Er verbindet Solidarität als Verantwortung innerhalb einer Gemeinschaft mit Patriotismus als Bindung an das Eigene. Der Ausgangspunkt ist die Erkenntnis, dass Solidarität Vertrauen und Zusammengehörigkeit voraussetzt. Deshalb bleibt die Bezugnahme auf eine relative kulturelle und soziale Homogenität zentral. Gesellschaften zerfallen, wenn Unterschiede so groß werden, dass gemeinsame Loyalitäten verlorengehen. Masseneinwanderung und Sozialstaat stehen daher in unauflösbarer Spannung zueinander; ebenso aber gefährdet ein entgrenzter Kapitalismus den Zusammenhalt. Multikulturalisierung macht Gesellschaften konflikthafter, extreme soziale Ungleichheit zerstört Sicherheit. Der Solidarische Patriotismus visiert dagegen organische Gemeinschaften, Handlungsfähigkeit eines muskulösen Staates und die Wiederherstellung sozialer Bindungen an. Dafür bedarf es einer grundlegenden Politikwende: Der Staat darf weder Beute wirtschaftlicher Interessen noch linksideologisches Experimentierfeld sein. Er ist die höchste Organisationsform des Volkes und hat inneren und sozialen Frieden sowie die künftige Selbstbehauptung im Wettstreit um Ressourcen und Rohstoffe zu gewähren. Notwendig sind die Stärkung regionaler Wirtschaftskreisläufe, die Förderung kleiner und mittlerer Unternehmen sowie grundsätzlich ein Primat der Politik, der Volksinteressen, über die Ökonomie, also Partikularinteressen. Arbeit, Leistung und Gemeinwohl sind zentral.

Der Solidarische Patriotismus als politischer Ansatz für den „Bauch“ richtet sich damit gegen den sich vorfressenden Milei-typischen Marktfundamentalismus, der nicht minder als seine linken Sparringspartner Familie, Nation und Bindungen auflöst. Ein gemeinwohlorientierter Konservatismus im Rahmen des Solidarischen Patriotismus begreift Marktabläufe und Wirtschaftseinheiten demgegenüber als Instrumente innerhalb einer solidarischen Leistungsgemeinschaft. Er verbindet kulturelle Identität, nationale Selbstbehauptung und gemeinschaftliche Solidarität. Das ist, was Philip Manow meint, wenn er die postliberale Synthese „linker“ und „rechter“ Bausteine als künftige „Erfolgsformel“ der politischen Arena skizziert. Dafür reichen Protest und Populismus nicht aus. Es geht um einen langfristig gewählten politischen und kulturellen Kurs sowie um einen tragfähigen Aufbau „von unten“ her.

Lokal und regional

Damit sind wir beim dritten Aspekt des Körper-Dreiklangs: den „Beinen“. Hier sind Kultur, Politik und Wirtschaft gleichermaßen relevant. Beispiel Wirtschaft: Konstantin Richter verweist in seiner Studie „Dreihundert Männer“ (Berlin 2025) darauf, dass „die großen Unternehmen zwar groß, aber nicht mehr wirklich deutsch“ seien: „Die Dax-40-Konzerne sind mehrheitlich in ausländischer Hand.“ Aber wen interessiert das überhaupt? „In Ökonomenkreisen ist die kulturelle Identität kein Thema“, antwortet der Historiker sich und seinen Lesern. Profitstreben ist universell und kennt keine zu bewahrenden organischen Entitäten. Nicht nur in Krisenzeiten werden Großunternehmen daher früher vom Standort abziehen als lokal und regional verankerte, standortverbundene kleinere und mittlere Unternehmen. Christian von Stetten, Chef des Parlamentskreises Mittelstand der Unionsfraktion im Bundestag, trifft diesbezüglich einen Punkt, wenn er die Ökonomie der Nähe und der Verzahnung hervorhebt, „weil sich da die Gründer und Eigentümer überlegen, was sie für die Region tun können, was gleichzeitig ihre Firma voranbringt“, wie er im SammelbandOben rechts“ (Berlin 2026) durch den Journalisten Tobias Moorstedt zitiert wird. Dieser fragt wiederum: „Wie dauerhaft sind Bindungen und Gefühle in einer Welt, in der alles in Nullen und Einsen zerlegt wird?“

Man könnte zuspitzen: Nach dem großen Kladderadatsch der Weltwirtschaftskrisen, die vor uns liegen, folgt eine mindestens temporäre Besinnung auf nachbarschaftliches Wirtschaften und regionales Operieren, der Neubau der Wohlstandsverhältnisse von unten herauf: Region, Nation, Europa – auf jeder Ebene das, was auf der je untersten Ebene umsetzbar erscheint, sprich: Eine kommende KI-Strategie wird gesamteuropäisch sein, Versorgungssicherheit im Ernährungssektor wäre eher regional zu regeln usf. Was Thomas Barfuss unter dem Stichwort „Kleinbürger“ im „Historisch-kritischen Wörterbuch des Marxismus“ (Bd. 7.I, Hamburg 2008) als „kleinräumig beschränkte Bourgeoisie der Handwerker und Händler, der kleinen Produzenten und Eigentümer gegenüber der großen Bourgeoisie“ verspottet, wird das Gerüst kommender Neuordnungen darstellen, weil es Nähe lebt und in der Nähe wirkt. Gerade so „eröffnet man die Perspektive auf die Möglichkeit einer regionalen Versorgungssouveränität“ (Michael Beleites) immerhin in einem relativen (nicht: absolut autarken) Sinne.

Neben dieser hier angeschnittenen Ökonomie der Nähe bedarf es einer Politik der Nähe. Erfreulicherweise hat man dieses in Ostdeutschlands Peripherien bereits erprobte Konzept der praktischen Hegemoniearbeit auch in ersten Gegenden in Westdeutschland aufgegriffen. So heißt es in einem Strategiepapier prominenter AfD-Politiker aus Rheinland-Pfalz, dass die AfD die „Partei des ländlichen Raums“ werde: „Treffpunkte schaffen direkten Kontakt zu Bürgern, bauen Vorurteile ab und beleben Dörfer.“ Man gewönne so ein „sympathisches und positives Image“ als „Macher“ und müsse „Ressourcen und Mandate nutzen, um lokale Strukturen aus- und eigene Infrastruktur aufzubauen“. Das Dorf- bzw. Kleinstadtleben müsse durch zu schaffende dauerhafte, d. h. Legislaturperioden-unabhängige Anlaufstellen belebt werden. Zentren der Vergemeinschaftung generieren bleibende Strukturen, stärken die Gemeinschaft, machen unabhängiger und vergegenständlichen eine „Politik von unten“.

Darum geht es: Graswurzelarbeit im Zeichen einer Politik der Nähe, die im Osten entstand, aber auch im Westen, wo die absolute Bevölkerungsmehrheit lebt, neu gestiftet und umgesetzt wird. Denn der eingangs erwähnte Aufbruch beginnt im Osten, weil dort neben weiteren begünstigenden Faktoren eine „deutlich erhöhte Volatilität politischer Mobilisierung“ vorliegt und „der stärker in den Vordergrund tretende Bewegungscharakter von Politik“ durchschlägt, wie Philip Manow akzentuierte. Die von ihm angesprochene „konkrete politische Gestalt des Post-Liberalismus“ – einer Weltanschauung der Nähe, in der die lokal-regionale Verankerung im Zeichen organischer Gemeinschaften zunehmend Gewicht erhält – nahm also im Osten erste Formen an, wird dort optimiert (und muss es vielerorts auch noch werden) und greift parallel schon auf westdeutsche Räume aus: ein Wettstreit um beste Projekte kann entstehen. Das, was Philip Manow folglich beschreibend und Denker wie Patrick J. Deneen bekräftigend als einen zukunftsfähigen Postliberalismus fassen – d. h. als gemeinwohlorientierte Weltanschauung, in der traditionelle Werte und regionale Verbundenheit „von unten“ her gegen die wirtschafts- und linksliberalen Eliten „da oben“ gestärkt werden –, ist damit in Teilen des Ostens greifbar und wird in Teilen des Westens als sympathische Option aufgegriffen.

Pathetisch gesprochen: „Der“ Osten hinkt nicht hinterher, er ist Avantgarde. Als Gegenbewegung zur Entgrenzung der globalistischen Epoche sucht er die zitierte „Neugeburt des Politischen aus der Sehnsucht nach Nähe“ (Simon Strauss), und ebendies lässt die Spaltungslinie mit vielen als kosmopolitisch und „abgehoben“ wirkenden Großstädtern größer werden. Die Frage bleibt, ob das zu kitten ist. Strauss beantwortet das spitzfindig: „Am Ende muss dieses Land vielleicht ein Praktikum in seinen ostdeutschen Kleinstädten machen, um seinen Mannschaftsgeist zu finden.“ Der ist dringend vonnöten, und zwar als Grundbedingung für eine neue „große Erzählung“, die uns für das 21. Jahrhundert Motivation und Inspiration bieten kann. Ein letztes Mal Strauss: „Ich glaube daran, dass Deutschland uns nur dann weiter zu Herzen gehen wird, wenn es nach einem ideellen Zusammenhang sucht. Nicht nur die Wirtschaft in Schwung bringt und das Migrationsproblem löst, sondern auch eine andere Fahne hisst. Nach dem ruft, was in uns das Höhere weckt.“

Wer jedoch nicht im Eigenen verwurzelt ist, kann auch nicht ins Höhere wachsen. Eine Politik der Nähe schafft (wieder) die Voraussetzungen dafür.

Dieser Text wurde zuerst in der FREILICH-Ausgabe Nr. 41 „Der übergriffige Staat“ abgedruckt.

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