Ein israelischer Rüstungskonzern will sich in Sachsen-Anhalt ansiedeln. Die Stadt hofft auf Arbeitsplätze und wirtschaftlichen Aufschwung. Doch die geplante Elbit-Fabrik wirft Fragen auf, die weit über die regionale Wirtschaftspolitik hinausreichen: Was soll dort eigentlich produziert werden, und für wessen Kriege? Wird die Region damit selbst zur Zielscheibe? Welche Gefahren drohen Mensch und Natur? Kann Deutschland seine Souveränität ausgerechnet dadurch stärken, dass es sich von einem ausländischen Rüstungskonzern abhängig macht?
Eine Stadt zwischen Niedergang und Aufbruch
Fachwerkhäuser, verwinkelte Gassen, ein Renaissance-Rathaus und der schiefe Turm der Jacobikirche: Sangerhausen hat sich viel von der Schönheit einer alten mitteldeutschen Stadt bewahrt. An den Hängen des Südharzes, wo sich die Landschaft zur Goldenen Aue öffnet, liegt die Berg- und Rosenstadt. Im Europa-Rosarium wächst die größte Rosensammlung der Welt. Über dem nördlichen Stadtrand erhebt sich dagegen ein Denkmal der Arbeit: die mächtige Abraumhalde „Hohe Linde“, hinterlassen vom Kupferbergbau, der über Jahrzehnte das Leben der Stadt bestimmte.
Dann kam der wirtschaftliche Bruch. 1990 endete die Förderung im Thomas-Müntzer-Schacht, 1992 schloss die Feilenfabrik, 1994 die große Maschinenfabrik, die bei Eröffnung des Insolvenzverfahrens noch 1.082 Menschen beschäftigte. Mit der Arbeit gingen viele Einwohner. Zwischen 1990 und 2021 verlor die Kernstadt rund 44 Prozent ihrer Bevölkerung. Ende 2025 lebten in Sangerhausen einschließlich der eingemeindeten Ortschaften noch gut 25.000 Menschen. Im Landkreis Mansfeld-Südharz lag die Arbeitslosenquote im September 2026 bei 9,8 Prozent. Kein Wunder, dass die Kommunalpolitiker auf neue Industrie hoffen. Wer hier ein Werk und Arbeitsplätze verspricht, dem öffnen sich Tür und Tor.
Die erhoffte Chance auf einen Großinvestor ist plötzlich zum Politikum geworden, und die Kontroversen reichen längst weit über die Grenzen der Region hinaus. Auslöser ist das Interesse des israelischen Rüstungskonzerns Elbit Systems an einer bis zu 130 Hektar großen Industriefläche westlich der Stadt. Das Unternehmen zählt zu den Schwergewichten der israelischen Rüstungsindustrie. Sein Geschäft ist der moderne Krieg: Drohnen, militärische Elektronik, Sensoren, Kommunikationssysteme und Artillerietechnik gehören zum umfangreichen Produktportfolio.
Was wird hier eigentlich hergestellt?
So wünschenswert eine Welt ohne Waffen auch wäre, bin ich mir durchaus bewusst, dass eine moderne Gesellschaft unter den gegenwärtigen weltpolitischen Bedingungen kaum auf eine eigene Verteidigungsindustrie verzichten kann. Dennoch bleibt für mich die entscheidende Frage unbeantwortet: Was genau will Elbit in Sangerhausen produzieren?
Nach Angaben der Stadtverwaltung und einem Reuters-Bericht sollen dort weder vollständige Waffensysteme noch Drohnen oder Artilleriegranaten hergestellt werden. Die Stadt spricht von Komponenten für ein anderes deutsches Unternehmen, die den Bedarf der Bundeswehr und europäischer Bündnispartner decken sollen. Welche Bauteile das sind, welches Unternehmen sie erhält und in welchen Waffensystemen sie schließlich landen könnten, ist öffentlich nicht bekannt. Ob der genannte Verwendungszweck dauerhaft eingehalten wird, ist eine andere Frage.
Dabei hängt gerade von der Art der Produktion ab, welche Risiken die Fabrik für Mensch und Umwelt mit sich bringt. Eine durchaus entscheidende Frage, schließlich ist eine Metallwerkstatt etwas anderes als eine Produktionsstätte für Munition oder chemisch behandelte Komponenten.
Ein fremder Krieg vor der eigenen Haustür
Auch ein unscheinbares elektronisches Bauteil kann am Ende Teil eines Waffensystems werden, das Tausende Kilometer entfernt zum Einsatz kommt. Von wem, gegen wen und geht uns das überhaupt etwas an? „Dieser Krieg ist nicht unser Krieg. Wenn die Israelis hier Waffen bauen wollen und investieren, dann bitte schön“, erklärte Hans-Thomas Tillschneider im COMPACT-TV-Interview über die geplante Elbit-Fabrik in Sangerhausen.
Ich will hier gar nicht erst moralisch argumentieren. Dabei wirft der mögliche Einsatz von Waffen aus deutscher Produktion bei Israels völkerrechtswidrigen Militäroperationen im Libanon, im ebenso völkerrechtswidrigen Angriffskrieg der USA gegen den Iran oder im Zusammenhang mit dem von UN-Vertretern als Völkermord eingestuften Vorgehen Israels im Gazastreifen nicht nur moralische, sondern auch handfeste rechtliche Fragen auf. Uns geht es vielmehr um die Sicherheit der Deutschen. Denn Waffen, die heute in Deutschland produziert und morgen am anderen Ende der Welt eingesetzt werden, könnten eines Tages wie ein Bumerang auf uns zurückschlagen. Wer eine Rüstungsfabrik baut, schafft nicht nur Arbeitsplätze, sondern unter Umständen auch ein Angriffsziel.
Wie schnell ein Krieg, der „nicht unser Krieg“ ist, auch auf deutschem Boden Folgen haben kann, zeigte sich am 8. September 2025 in Ulm. Dort drangen mehrere propalästinensische Aktivisten in eine Niederlassung von Elbit Systems ein und verwüsteten technische Einrichtungen und Büroräume. Der Schaden wurde auf rund eine Million Euro beziffert. Die Täter begründeten ihre Aktion mit dem Völkermord im Gazastreifen. Die Verbindung ist durchaus plausibel: Nach Angaben der britischen Organisation Action on Armed Violence stammen 85 Prozent der Kampfdrohnen der israelischen Luftwaffe von Elbit Systems, darunter auch solche, die im Gazastreifen zum Einsatz kommen.
Die politisch motivierte Gewalt von Ulm markiert nur die unterste Stufe einer möglichen Eskalation. Rüstungsbetriebe sind potenzielle Ziele für Sabotage und Terroranschläge. Im Falle einer größeren militärischen Eskalation könnten sie sogar ins Visier ausländischer Streitkräfte geraten. Auch der Krieg in der Ukraine ist nicht unser Krieg. Darin bin ich mit Hans-Thomas Tillschneider, der dies Ende August 2026 im Gespräch mit Paul Ronzheimer betonte, völlig einer Meinung. Bleibt nur zu hoffen, dass es auch dabei bleibt. Doch wenn Waffen, deren Bauteile aus deutscher Produktion stammen, auf ukrainischen Schlachtfeldern zum Einsatz kommen, könnte dieser Krieg schneller zu unserem werden, als uns lieb ist.
Am 15. April 2026 veröffentlichte das russische Verteidigungsministerium eine Liste europäischer Fabriken, die nach seinen Angaben Drohnen oder deren Komponenten für die Ukraine herstellen, und warnte vor einer Eskalation durch die Ausweitung der Lieferungen. Dmitri Medwedew bezeichnete die aufgeführten Betriebe anschließend ausdrücklich als mögliche Angriffsziele der russischen Streitkräfte. „Wann die Angriffe Realität werden, hängt davon ab, was als Nächstes geschieht. Schlaft gut, europäische Partner!“, ließ der als Falke bekannte Dmitri Medwedew verlauten. Eine Drohung, die ich weder über- noch unterschätzen würde. Gerade heute, da Drohnenangriffe auf Industrieanlagen längst zum Alltag moderner Kriege gehören, lässt sich kaum bestreiten, wie verwundbar auch militärische Produktionsstätten sind.
Vor Ort formierte sich bereits Protest gegen die geplante Ansiedlung: Am 29. August demonstrierten mehrere hundert Menschen auf dem Sangerhäuser Marktplatz, darunter auch Vertreter des BSW.
Die AfD zwischen Arbeitsplätzen und Friedenspolitik
Innerhalb der AfD ist dagegen bislang keine offene Auseinandersetzung über das Vorhaben erkennbar. Im Sangerhäuser Stadtrat stimmten sechs der sieben AfD-Vertreter für den nächsten Planungsschritt, einer enthielt sich. Die Position, die H. T. Tillschneider gegenüber COMPACT vertrat, hat inzwischen die Runde gemacht und ihm scharfe Kritik vom BSW eingebracht. Dessen Vizefraktionschefin Claudia Wittig führte diese Haltung auch als Grund dafür an, seine Kandidatur zum Landtagsvizepräsidenten abzulehnen.
Auch AfD-Fraktionschef Ulrich Siegmund vermied eine pauschale Ablehnung. Auf einer Pressekonferenz am 10. September erklärte er, Rüstungsproduktion dürfe nicht grundsätzlich verteufelt werden. Schließlich benötige Deutschland entsprechende Ausrüstung für die Landesverteidigung, die innere Sicherheit und künftig auch für Remigrations- und Abschiebeoffensiven.
Das mag zunächst überraschen. Was hat eine israelische Rüstungsfabrik mit der Rückführung ausreisepflichtiger Ausländer zu tun? Bei näherer Betrachtung ist der Gedanke jedoch nicht abwegig. Moderne Sicherheits- und Grenzüberwachung beruht zunehmend auf Sensoren, elektronischen Erfassungssystemen, Drohnen und vernetzter Kommunikationstechnik. Ob solche Systeme tatsächlich in Sangerhausen produziert werden sollen, ist allerdings unbekannt. Siegmund knüpfte seine Haltung deshalb an eine weitere Bedingung: Man müsse genau prüfen, was dort hergestellt werde, unter welchen Umständen die Produktion stattfinde und ob Deutschland dadurch in ausländische Konflikte hineingezogen werden könnte. Damit berührt er einen entscheidenden Punkt. Die AfD fordert in ihren außenpolitischen Programmen, Deutschland nicht zum Anhängsel fremder Kriegsinteressen werden zu lassen. Im April 2025 verlangten Alice Weidel und Tino Chrupalla sogar ein Ende der Waffenlieferungen an Kriegsparteien.
Doch ob Waffensysteme mit Komponenten aus Sachsen-Anhalt später in Kriegsgebiete geliefert werden dürfen, entscheidet sich außerhalb Magdeburgs. Für deutsche Rüstungsexportgenehmigungen ist der Bund zuständig. Die Landesregierung besitzt dabei kein eigenes Vetorecht. Sie kann deshalb auch nicht garantieren, dass die Produktion ausschließlich der Landesverteidigung dient.
Fruchtbare Äcker für die Rüstungsindustrie
Hinzu kommt der erhebliche Flächenverbrauch. Für die mögliche Ansiedlung ist eine Fläche von bis zu 130 Hektar im Gespräch; das gesamte geplante Industriegebiet umfasst nach Angaben der Stadt rund 145 Hektar. Dafür soll wertvoller Ackerboden geopfert werden. Der Arbeitskreis Hallesche Auenwälder verweist auf Ackerzahlen von teilweise über 75, die für eine hohe Bodenfruchtbarkeit stehen. Für eine Region mit jahrhundertealter landwirtschaftlicher Tradition wäre dieser Verlust besonders schmerzhaft. Denn einmal versiegelte Böden lassen sich kaum wiederherstellen. Sie speichern weniger Wasser, verändern den Oberflächenabfluss und beeinflussen das lokale Klima. Auch mögliche Folgen für die Helmeniederung und angrenzende Ökosysteme stehen zur Debatte. Umwelt-, Schallschutz-, Verkehrs- und Klimagutachten sowie Stellungnahmen von Naturschutzverbänden und Fachbehörden liegen im Planungsverfahren bereits vor.
Dass die Umweltzerstörung durch Großindustrie und Big Tech längst kein exklusives Thema linker Klimakleber mehr ist, zeigt sich ausgerechnet in den USA. Dort protestieren zunehmend konservative Bürgerinitiativen und Bewohner ländlicher Gemeinden gegen den enormen Flächen- und Ressourcenverbrauch neuer Rechenzentren und Technologieparks. Eben jenes Amerika der einstöckigen Einfamilienhäuser und weitläufigen Farmen begehrt in letzter Zeit immer häufiger auf, um seine Äcker und seinen historisch gewachsenen Lebensraum vor den Expansionsplänen der Technologiekonzerne zu schützen.
Doch nicht nur Umweltschützer haben Bedenken gegen das Vorhaben. Widerstand regt sich ausgerechnet dort, wo man sich über neue Industrieansiedlungen eigentlich freuen müsste: im heimischen Mittelstand. Nach regionalen Medienberichten haben sich mindestens 20 Unternehmen aus Sangerhausen und Umgebung mit ihren Sorgen an den Oberbürgermeister gewandt. Sie befürchten, dass ein finanzstarker Großinvestor ihnen die ohnehin knappen Fachkräfte abwerben könnte, was für die bestehenden Betriebe einen schmerzhaften Personalverlust bedeuten würde. Wer patriotische Politik für sich beansprucht, muss sich fragen lassen, wessen Interessen hier Vorrang haben: die eines israelischen Rüstungskonzerns oder die der deutschen Unternehmer, die seit Generationen in der Region verwurzelt sind? Auch beim Einsatz öffentlicher Gelder stellt sich die Frage, wessen Interessen damit gefördert werden. Die bewilligten 43,7 Millionen Euro fließen zwar in die Erschließung des Industriegebiets, doch Elbit würde von dieser öffentlich finanzierten Infrastruktur profitieren.
Öffentliche Förderungen sind gängige Praxis. Bei einem ausländischen Rüstungskonzern muss jedoch besonders genau gefragt werden: Welche verbindlichen Investitionszusagen gibt Elbit? Werden regionale Fachkräfte beschäftigt, oder wird das Werk zum Anziehungspunkt für kulturfremde Migration? Entsteht hier dauerhaft eigenständige deutsche Wertschöpfung oder bloß ein weiterer Standort in den internationalen Lieferketten eines ausländischen Konzerns? Wer wirtschaftliche Souveränität und nationale Sicherheitsinteressen betont, muss darauf Antworten geben.




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