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Welt

Die Deutschen in den USA: Aufstieg, Verfolgung und Wiederkehr einer Identität

Deutsch-Amerikaner haben die Vereinigten Staaten über Jahrhunderte hinweg stärker geprägt, als heute oft bewusst ist – von der Besiedlung des Mittleren Westens bis zur Raumfahrt. Ein Blick auf ihre oft unterschätzte Einwanderergeschichte zeigt, warum ihre Kultur fast verschwand und dennoch bis heute fortlebt.

Fabian Walch
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Seit 1957 erinnert die German-American Steuben Parade auf der Fifth Avenue in New York an die Geschichte und das kulturelle Erbe der Deutsch-Amerikaner.
Seit 1957 erinnert die German-American Steuben Parade auf der Fifth Avenue in New York an die Geschichte und das kulturelle Erbe der Deutsch-Amerikaner. (Bild: IMAGO / serienlicht)

Die Legende, dass die USA fast deutschsprachig geworden wären, hält sich hartnäckig. Ernsthaft stand das jedoch nie zur Debatte. Tatsächlich reichte 1794 eine Gruppe deutscher Einwanderer – vor allem in Virginia – eine Petition im US-Repräsentantenhaus ein, die forderte, dass Bundesgesetze neben Englisch auch auf Deutsch veröffentlicht werden sollten, damit sie diese besser verstünden. Dem empfahl der Ausschuss zunächst zuzustimmen. Später wurde der Antrag jedoch knapp abgelehnt (42 zu 41 Stimmen). Es war aber eben keine Abstimmung darüber, ob das Deutsche Englisch als Amtssprache ablösen soll. Dieser Mythos wurde durch ein Buch von Franz von Löher 1847 in die Welt gesetzt und hält sich seitdem hartnäckig.

Die Deutschen als große Einwanderergruppe

Auch wenn Deutsch nie als Amtssprache zur Debatte stand, so stimmt es dennoch, dass viele US-Amerikaner Nachkommen deutscher Auswanderer sind. Um 1790, zur Zeit der genannten Petition, sprachen circa acht bis neun Prozent der US-Bevölkerung Deutsch. Besonders hoch war der Wert in Pennsylvania, wo sogar ein Drittel Deutsch als Muttersprache hatte. Das noch heute vor allem von den Amischen gesprochene Pennsylvaniadeutsch beruht auf einem kurpfälzischen Dialekt. Neben der Hochburg Pennsylvania gab es aber auch deutsche Zeitungen, Kirchen und Schulen vor allem in Ohio, Virginia und Maryland. Heute (2025) geben in etwa 40-60 Millionen US-Amerikaner an, von Deutschen abzustammen, was circa 15 Prozent der Gesamtbevölkerung der USA ausmacht.

Wenn von Deutschen und deutschen Vorfahren die Rede ist, geht es ausschließlich um die ethnische Zuordnung. In den USA spielt rein der Ethnos eine Rolle, und es wird nicht unterschieden, ob die deutschen Vorfahren aus der Pfalz, dem Königreich Bayern oder Sachsen, der Schweiz, Österreich, Schlesien oder dem Sudetenland kamen. Auch US-Präsident Donald Trump betont immer wieder stolz, dass sein Großvater Deutscher war. Friedrich Trump, stammte ursprünglich aus dem pfälzischen Kallstadt, was damals (er wurde 1869 geboren) noch zum Königreich Bayern gehörte. Zum Vergleich: auf englische Vorfahren berufen sich je nach Zählweise 31-46 Millionen und auf irische Ahnen 30-38 Millionen US-Amerikaner. Diese Zahlen beruhen auf Selbstauskünften, die alle zehn Jahre vom American Community Survey (ACS) des US Census Bureau erhoben werden. Dabei werden aber noch spezifischer die „Alone“, als jene, die nur deutsche Vorfahren haben, erhoben. Diese machen laut aktuellem Zensus circa 16 Millionen aus. Der Rest hat eine gemischte Abstammung, wobei eben ein Teil Deutsch, der als Hauptherkunft angegeben wird, ist.

Warum Millionen Deutsche nach Amerika gingen

Als erster Deutscher, der sich auf dem Gebiet der heutigen USA niederließ, gilt der aus Breslau stammende schlesische Arzt Johannes Fleischer, der 1607 mit der ersten Siedlergeneration in der späteren britischen Kolonie Jamestown eintraf, aber bereits im folgenden Jahr verstarb. Bis 1790 wanderten circa 100.000 Deutsche in die nordamerikanischen Kolonien aus. Die deutsche Auswanderung größeren Ausmaßes in die USA begann aber erst Ende des 17. Jahrhunderts, als die deutschen Lande noch an den Folgen blutiger Konfessionskriege und allen voran des verheerenden Dreißigjährigen Krieges litten. Die erste größere Gruppe waren Krefelder Quäkerfamilien, die 1683 Germantown bei Philadelphia gründeten. Ihnen folgten bis circa 1820 weitere vor allem religiöse Minderheiten wie Täufer, Mennoniten und dergleichen sowie wirtschaftlich Bedrängte nach.

Die Hauptphase deutscher Auswanderung in die USA ereignete sich dann aber in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Insgesamt suchten in diesem Zeitraum an die sechs Millionen Deutsche ihr Glück jenseits des großen Teiches. Grund dafür waren Hungersnöte aufgrund von Missernten, Industrialisierung, fehlende Erbmöglichkeiten, Landknappheit und die gescheiterte Revolution von 1848, die in den 1850er-Jahren eine besonders starke Auswanderungswelle auslöste. Rund drei Viertel der deutschen Bauern besaßen Mitte des 19. Jahrhunderts nämlich nicht ausreichend Land, um davon leben zu können. Neben der traditionellen deutschen Ostsiedlung, die mit Unterbrechungen seit dem Hochmittelalter vonstattenging, wandten nun eben auch viele Deutsche ihren Blick gen Westen über das Meer. In den 1850er-Jahren siedelten fast eine Million Deutsche in die Vereinigten Staaten, wobei allein im Jahr 1854 215.000 Deutsche den Atlantik überquerten. 

Die sogenannten echten „Forty-Eighters“ machten nur in etwa 4.000 bis 10.000 Personen aus. Das waren die aktiven Revolutionäre, die sich aufgrund von Kämpfen, Reden und politischer Agitation exponiert hatten und Verfolgung fürchten mussten. Viele hatten in Freikorps gekämpft, bei Zeitungen mitgewirkt oder gar im Frankfurter Paulskirchenparlament gesessen. Nach der Niederschlagung der Aufstände flohen diese vor beruflicher und sozialer Ächtung, Verfolgung, Haftstrafen oder gar einem Todesurteil. Das war aber nur ein kleiner Bruchteil der insgesamt 100.000, die in dieser Phase aus deutschen Landen in die USA auswanderten. Dennoch waren die Forty-Eighters überproportional einflussreich in ihrer neuen Wahlheimat. Das lag nicht zuletzt daran, dass sie im Gegensatz zu den meisten deutschen Auswanderer, die vor allem Bauern und Handwerker waren, aus dem gut gebildeten, oft akademisch liberalen Bürgertum stammten. Diese Studenten, Juristen, Ärzte, Lehrer, Journalisten usw. waren von der Revolution geprägt meist liberal bis radikal-demokratisch, teils sogar antiklerikal bis agnostisch.

Die besonders aus Baden, der Pfalz, Sachsen, Württemberg, Hessen und Frankfurt stammenden Aussiedler landeten meist in New York, Baltimore oder New Orleans und zogen dann weiter in den mittleren Westen, der so zum deutschen Mittelwesten wurde. Vor allem das sogenannten „German Triangle“ bestehen aus St.  Louis (Missouri), Cincinnati (Ohio) und Milwaukee (Wisconsin) entstand in jener Zeit. Daneben siedelten sich viele in Chicago und sogar in Texas an, wo es noch heute einige wenige Sprecher des Texasdeutschen gibt.

Der deutsche Mittelwesten entsteht

Den absoluten Höhepunkt deutscher US-Auswanderung wurde aber nach der Reichseinigung in den 1880er-Jahren erreicht. Allein im Jahr 1882 suchten in etwa eine Viertel Million Deutsche ihr Glück im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. In dieser Bezeichnung finden sich schon neben den bereits genannten Push-Faktoren die wichtigsten Pull-Faktoren, nämlich Land im Überfluss und Rechtssicherheit durch den „Homestead Act“ von 1862, Religions- und Meinungsfreiheit, wirtschaftliche Chancen und Nachzug zu bereits ausgewanderten Verwandten (Kettenmigration). Ziel dieser Auswanderer waren entsprechend jene Gebiete, wo bereits Deutsche siedelten. Aus dem „German Trianlge“ wurde der „German Belt“, der Wisconsin mit Ausläufern in Michigan, Ohio, Indiana, Illinois, Minnesota, Iowa, North Dakota, South Dakota, Nebraska und Missouri umfasste. Aber auch Städte wie New York mit starken „Kleindeutschland“-Vierteln war ihre Zieldestination.

Integration und das Ende der Massenauswanderung

Die Deutschen wurden anfangs als angesehene und gut integrierte Einwanderergruppe wahrgenommen und entwickelten sich zu klassischen „Bindestrich-Amerikanern“ mit einer ausgeprägten doppelten Identität. Es entstanden zahlreiche deutsch geprägte Siedlungen mit eigenen Schulen, Kirchen und Vereinen, in denen Sprache und Kultur aktiv gepflegt wurden. Mit Beginn der Hochindustrialisierung gehörten Deutschstämmige sowohl in der Landwirtschaft als auch in den entstehenden Industrie- und Arbeiterberufen zu den etabliertesten und erfolgreichsten Bevölkerungsgruppen. Ihre frühe Präsenz in den neuen Industrien machte sie zu einer besonders mobilen Einwanderergruppe. Im Vergleich zu anderen Einwanderern konzentrierten sie sich deutlich weniger stark auf einzelne Regionen. Besonders als Vorarbeiter im Eisenbahnbau und in ähnlichen Branchen zogen sie quer durch das ganze Land.

Nach 1890 nahm die Auswanderung stark ab. Die Industrialisierung in Deutschland verbesserte die Lage und die Bismarcksche Sozialgesetzgebung die Bedingungen für die Arbeiterschicht. Dies und Arbeitsmigranten, die in den USA auf der Suche nach Arbeit unstet umherziehen mussten, und sich deshalb nicht niederlassen konnten, führte sogar zu Rückwanderungswellen in die deutsche Heimat. Ein gutes Fünftel der deutschen Auswanderer wurde nicht in den Vereinigten Staaten sesshaft und remigrierte wieder in die Heimat. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs und dann vor allem der Einführung von US-Einwanderungsquoten ab den 1920er-Jahren, vor allem mit dem „Immigration Act“ von 1924, kam die große Wanderungsbewegung fast vollständig zum Erliegen.

Weltkriege zerstören deutsches Kulturleben

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die Deutschen eine der am besten organisierten, am stärksten sichtbaren und am höchsten angesehenen Einwanderergruppen der Vereinigten Staaten. Das Ansehen der Deutschstämmigen veränderte sich allerdings schlagartig mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs beziehungsweise mit dem Kriegseintritt der USA im April 1917 auf Seiten der Entente-Mächte. Plötzlich gerieten sie unter starken Druck, ihre ethnische Identität aufzugeben. Die deutsche Sprache und Kultur wurden im Rahmen einer regelrechten antideutschen Hysterie geächtet und weitgehend aus dem öffentlichen Leben verdrängt. In nicht weniger als 26 US-Bundesstaaten kam es sogar zu einem Verbot der deutschen Sprache. Teilweise kam es deshalb zu Pro-Deutschen-Ausschreitungen auf der einen und Internierungen aus Angst vor deutscher Kollaboration auf der anderen Seite.

Während der Zeit des Nationalsozialismus kam es dann einerseits zur Deportation Deutscher aus den Vereinigten Staaten und andererseits zur Flucht deutscher Juden in die USA. Gegen Ende des Krieges wurden von rund 3,8 Millionen deutschen Kriegsgefangenen etwa 360.000 nach Amerika gebracht und erst 1946 den europäischen Alliierten überstellt. Allgemeinhin bekannt ist, dass nach dem Krieg nicht wenige deutsche Wissenschaftler in den USA tätig waren. Im Zuge der „Operation Overcast“ und dann dem „Project Paperclip“ wurden mehr als 1.000 deutsche Forscher, Ingenieure und Techniker in die USA geholt, um deren Expertise zu sichern. Namen wie Wernher von Braun, Arthur Rudolph und Georg von Tiesenhausen sind deshalb untrennbar mit dem US-amerikanischem Raumfahrterfolg verknüpft.

Deutsches Erbe lebt bis heute fort

Durch die beiden Weltkriege setzte ein Prozess ein, der die deutschen Einwanderer unter allen großen Einwanderergruppen einzigartig machte und durch den Zweiten Weltkrieg noch deutlich verstärkt wurde: die nahezu vollständige Erosion ihrer Herkunftsidentität. Keine andere Gruppe verlor im Verlauf des 20. Jahrhunderts in vergleichbarem Ausmaß an öffentlicher Sichtbarkeit und kultureller Präsenz wie die Deutsch-Amerikaner. Die erzwungene Parteinahme für die neue Heimat und gegen das Land der Ahnen hinterließ tiefe Spuren. Dennoch blieben die Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg weiterhin ein wichtiges Zielland für neue deutsche Auswanderer, freilich unter ganz anderen Vorzeichen. Zu diesen Auswanderern zählten vor allem die Verlobten und Ehefrauen der in Deutschland stationierten US-Soldaten sowie – ab etwa 1950 zunehmend – Wissenschaftler und hochqualifizierte Fachkräfte. Diese Gruppen stellen bis in die Gegenwart die wichtigste und kontinuierlichste Form der deutschen Einwanderung in die USA dar.

Wer allerdings glaubt, das Deutsch-Amerikanertum sei dadurch zerstört worden, fehlt weit. Wenngleich das breite Kulturleben und viele Zeitungen die Weltkriege nicht überdauerten, lebt das deutsche Erbe in den USA weiter, auch wenn man dies nicht immer auf den ersten Blick wahrnehmen kann. Deutsch ist zwar nur mehr für die wenigsten Muttersprache, aber es wird wieder in gesteigertem Maße gelernt. Gerade einmal noch eine Million von derzeit rund 292 Millionen US-Amerikanern über fünf Jahre geben an, zu Hause Deutsch und nicht Englisch zu sprechen. Angesichts der Historie dennoch eine beachtliche Anzahl. Zum Vergleich sprechen 37 Millionen zu Hause Spanisch und 2,8 Millionen Chinesisch. In etwa auf Augenhöhe mit den Deutschsprachigen stehen aktuell Vietnamesen, Koreaner und Araber.

Nichtsdestoweniger feiert das Deutsche wieder Urständ. Die deutsche Sprache breitet sich wieder fast über das ganze Gebiet der USA aus. In Alabama, Tennessee, Kentucky, Ohio, Indiana, Arkansas, Missouri, Iowa, Wisconsin, Kansas, Montana, Idaho, Wyoming, Utah und Colorado ist Deutsch die drittstärkste Sprache und in North Dakota sogar die am zweithäufigsten gesprochene Sprache. Es dürfte inzwischen genug Zeit vergangen sein, dass die Verwerfungen im Zuge der Weltkriege überwunden wurden. Darauf deutet zumindest die Unverblümtheit hin, mit der bis zu 60 Millionen US-Amerikaner inzwischen wieder stolz auf ihre deutsche Herkunft verweisen.

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