Am Donnerstag, dem 27. August, ist der ehemalige General Ratko Mladić im Alter von 84 Jahren in der Haftanstalt in Den Haag gestorben. Er verbüßte dort eine lebenslange Haftstrafe. Trotz wiederholter Bitten seiner Familie, ihm nach mehreren Schlaganfällen eine Behandlung in Serbien zu ermöglichen, wurde dies nicht gestattet. Wie erwartet sorgte diese Nachricht für erhebliche Aufmerksamkeit – nicht nur in Serbien, sondern in der ganzen Region. Während Mladić für die Serben in Serbien und in der Republika Srpska ein Held ist, gilt er den Muslimen und Kroaten als Kriegsverbrecher. Umfragen und Schlagzeilen in der Presse zeigen deutlich, dass die Meinungen dazu weit auseinandergehen. Die Serben sind traurig, die Muslime froh.
Welche bedeutende Figur Ratko Mladić darstellt, ist in den Städten Serbiens und der Republika Srpska deutlich zu sehen. Überall finden sich Wandgemälde mit seinem Porträt sowie Graffiti mit seinem Namen oder seiner charakteristischen Generalsmütze.. Es gibt einige Lieder über ihn, die im Rundfunk nicht gespielt werden, und Fußballfans skandieren regelmäßig seinen Namen. Für die Mehrheit der Serben ist er nicht nur ein Soldat, sondern ein Symbol des Widerstands: ein Mann, der allein gegen die Welt gekämpft hat und sich auch nach 16 Jahren auf der Flucht nicht beugen wollte.
Viele Menschen sehen in ihm nicht nur einen fähigen Soldaten und Offizier, sondern auch die Verkörperung der Hajduken aus den alten epischen Volksliedern. Das gilt nicht nur für rechte oder rechtsradikale Gruppen, sondern auch für alle, die sich als Patrioten fühlen – selbst wenn die Ideologie für sie keine große Rolle spielt. Mladić selbst war kein ausgeprägter Ideologe. Er war kein Politiker, sondern verstand sich einfach als Patriot und Soldat im Dienst seines Volkes.
Ein Held für viele Serben
Als Mladić im Jahr 2011 von der damaligen serbischen Regierung festgenommen wurde, kam es in Belgrad zu großen und gewalttätigen Demonstrationen. Die Demonstranten sahen darin einen Verrat der Politiker, die sich ihrer Meinung nach mehr um die EU als um die Ehre und die Interessen ihres Volkes kümmerten. Bemerkenswert ist, dass der damalige Polizeiminister noch heute eine bedeutende Rolle in der serbischen Politik spielt. Nach Mladić' Tod gingen junge Leute in mehreren serbischen Städten wieder mit Fahnen und Bildern des Generals auf die Straße. Massen von Serben besuchen Kirchen, um für die Seele ihres Generals Kerzen zu zünden. Jeder kann das als Tatsache konstatieren.
Wie erwartet kommt die Kritik in Serbien nur aus linksradikalen und, genauer gesagt, liberalen Kreisen. Sie sehen Mladić als Inbegriff von „Ethnonationalismus“, Militarismus, Brutalität, Krieg und Kriegsverbrechen. Aus dieser Perspektive sind seine Taten nicht zu rühmen, sondern sie gelten als Schande. Mladić war demnach kein Kämpfer, der sein Volk verteidigt hat, sondern ein Mörder oder sogar ein Monster. Dieselbe Deutung findet sich auch in den europäischen und amerikanischen Leitmedien. Dort wird Mladić pauschal als Islamophober oder schlicht als „Schlächter von Bosnien“ dargestellt. Interessanterweise geht es um Medien, die die Existenz der Republika Srpska bisher nicht akzeptieren können und von einem integralen bosnischen Staat träumen.
Vorwiegend wird der Name Ratko Mladić mit Srebrenica in Verbindung gebracht. Die Verurteilung durch das Internationale Tribunal in Den Haag (ICTY) wegen Völkermordes in Srebrenica, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit gilt Linksliberalen als die einzige mögliche und bewiesene Wahrheit, die niemals in Zweifel gezogen werden darf. Es wäre jedoch sehr schwer, das Gericht für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag als objektiv und gerecht zu bezeichnen, insbesondere aus der Perspektive der serbischen Bevölkerung. Von Anfang an war klar, dass das Gericht nicht die Absicht hatte, Gerechtigkeit zu bringen, sondern die Geschichte der Kriege nach einem ideologisch vorbereiteten Deutungsmuster zu schreiben, das selbstverständlich im Einklang mit den Interessen der westlichen Länder stand.
Es muss auch in Betracht gezogen werden, dass genau diese Mächte eine aktive Rolle in den Kriegen um das jugoslawische Erbe gespielt haben. Diese Rolle wurde vom Gericht ebenso wenig aufgeklärt wie die Verbrechen der NATO bei der völkerrechtswidrigen Aggression gegen Jugoslawien im Jahr 1999 oder gegen die Republika Srpska im Jahr 1995. Etwas überspitzt gesagt, hat der ICTY versucht, den Serben die Schuld für alles, was in Jugoslawien vorgefallen ist, aufzubürden. Dabei geht es nicht darum, dass die serbische Seite keine Verbrechen begangen hat oder dergleichen in einem Bürgerkrieg möglich wäre. Um die Geschichte des Krieges zu verstehen, ist jedoch viel mehr Ausgewogenheit erforderlich.
Srebrenica und die Deutung des Krieges
In diesem Zusammenhang gab es nur Platz für eine Schwarz-Weiß-Teilung, was sich auch in den Urteilen des Gerichts zeigt. Eine Statistik besagt, dass die Serben in Den Haag insgesamt zu 1.400,5 Jahren verurteilt wurden, die Kroaten zu 294 Jahren, die Muslime zu 42 Jahren und die Albaner zu 13 Jahren. General Mladić, der von 1992 bis 1995 Oberkommandeur der Armee der Republika Srpska war, und Radovan Karadžić, der erste Präsident ebenjener Republik, konnten vom ICTY natürlich wenig erwarten. Faktisch waren sie bereits vor Beginn verurteilt. Dabei ist die mediale Vorbereitung der westlichen Öffentlichkeit nicht zu unterschätzen.
Selbst der Prozess gegen Mladić war mangelhaft, und manche Formulierungen der Anklage waren logisch befremdlich oder zumindest erklärungsbedürftig. Das heikelste Thema, Srebrenica, wurde vielfach aus dem weiten Kontext gerissen und nur auf den Juli 1995 zurückgeführt. Dass der Kommandeur der muslimischen Kräfte in Srebrenica, Naser Orić, letztinstanzlich freigesprochen wurde, obwohl das Tribunal selbst keinen Zweifel daran ließ, dass schwere Verbrechen an serbischen Gefangenen in Srebrenica begangen worden waren, genügt, um Fragen nach der Objektivität des Gerichts aufzuwerfen. Die politische und militärische Führung der muslimischen Seite in Bosnien wurde offensichtlich verschont. Auch die Frage, wie die internationalen Mudschahedin-Kämpfer nach Bosnien gekommen sind, bleibt unbeantwortet.
Die Mehrheit der Serben ist überzeugt, dass der politische Anwendungswert von Srebrenica gegenüber der Wahrheitssuche überwiegt, und glaubt, dass dies heute, mehr als 30 Jahre nach diesen Ereignissen, deutlich wird. Einerseits versucht man mithilfe der vorherrschenden Srebrenica-Geschichte und deren jährlicher Ritualisierung, die Republika Srpska zu untergraben. Andererseits ist dieses Narrativ für die weitere Radikalisierung islamistischer und bosniakisch-nationalistischer Kräfte in Bosnien, aber auch darüber hinaus, sehr nützlich. Das bedeutet jedoch nicht, dass in Srebrenica keine schweren Verbrechen an Gefangenen begangen wurden, die auf serbischer Seite auch als Vergeltung für vorausgegangene Verbrechen verstanden wurden.
Als Mladić 2011 in Serbien festgenommen wurde und in Den Haag ankam, war er bereits ein alter und kranker Mann. Er hatte bereits einen schweren Schlaganfall erlitten. Im November 2017 wurde er in erster Instanz in zehn von elf Anklagepunkten für schuldig befunden und zu lebenslanger Haft verurteilt. Im Jahr 2021 bestätigte die Berufungsinstanz am Nachfolgegericht des ICTY dieses Urteil.
Mladićs letzte Jahre
Mladić selbst hatte stets seine Unschuld im Sinne der Anklage beteuert. Er hatte aber auch gestanden, kein Heiliger zu sein. Selbstverständlich war der Bürgerkrieg in Bosnien kein Krieg der Engel, sondern ein blutiger Konflikt mit einer langen Vorgeschichte, in der keine Seite ihre Unschuld behaupten konnte. Mladić hat jedoch auch immer wieder betont, dass er nur sein Volk in seinem Land verteidigt und niemals auf fremdem Boden, etwa in Vietnam, gekämpft habe. Solche Zitate sind auch oft an den Wänden Belgrads zu sehen. Nach seiner eigenen Deutung wollte Mladić sein Volk lediglich vor einem Schicksal wie im Zweiten Weltkrieg bewahren.
Er wusste sehr wohl, wovon er redete. Auch sein Vater war in diesem Krieg gefallen. Seine Biografen und Kriegsgenossen behaupten, er sei niemals gegen Zivilisten vorgegangen, sondern immer ein ehrlicher Soldat gewesen. Die Geschichten, dass er Undiszipliniertheit nicht tolerierte, sind ebenfalls bekannt. Einige Serben behaupten, dass die Serben in Bosnien schon damals dem radikalen Islamismus begegnet seien und Mladić internationale Mudschahidin gegen sich gehabt habe, während andere diese Gefahr noch nicht erkannt hätten.
Wie man jetzt von vielen Serben hören kann, ist Mladić in die Ewigkeit eingegangen. Als Feldherr hat er den Grundstein für die Republika Srpska Krajina und die Republika Srpska gelegt. Nach der Vertreibung der Serben aus Kroatien im Jahr 1995 existiert die Republika Srpska Krajina zwar nicht mehr, die Republika Srpska jedoch blieb bestehen und wird weiter bestehen. Trotz aller Angriffe und Beleidigungen steht sie über den Gräbern all jener Soldaten, die ihr Leben für das Volk und die Selbstständigkeit gegeben haben. Deshalb sagen sehr viele Serben: „Danke für die Republika Srpska, General.“





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