Die rumänische Battlegroup Getica verbindet Kampfeinsätze an der Seite der Ukraine mit politischer Aktivität innerhalb der Europäischen Union. Die Gruppe führt eine Datenbank der „Fünften Kolonne“, in der sie europäische und US-amerikanische Politiker, Journalisten und öffentliche Persönlichkeiten erfasst. Ihr Gründer räumte öffentlich ein, verdeckte Gewaltaktionen in Rumänien als mögliche Option zu betrachten. Die ursprüngliche Recherche zu Getica stammt von dem französischen Journalisten und Direktor der rumänischen Ausgabe von Le Monde diplomatique, Stéphane Luçon. Im Zuge seiner Arbeit nahm ihn die Gruppe selbst in ihre Liste der „Feinde Rumäniens“ und „potenziellen Kollaborateure“ auf.
Ukrainische Einheit außerhalb der Ukraine
Getica entstand als Zusammenschluss rumänischer Freiwilliger, die an der Seite der Ukraine kämpfen. Gründer und Kommandant Sergiu Meșeșan gab an, 37 Kampfeinsätze absolviert zu haben. Insgesamt gehörten der Gruppe im Laufe der Zeit etwa 50 Personen an; gleichzeitig befanden sich nie mehr als 20 Mitglieder an der Front. Vertreter der Gruppe erklärten, zunächst dem ukrainischen Militärgeheimdienst HUR und später den ukrainischen Streitkräften unterstellt gewesen zu sein. Einige verfügen über ukrainische Militärausweise und erhalten Sold von der ukrainischen Armee.
Die Verbindung zu ukrainischen Strukturen spiegelte sich auf der Website wider: Zunächst war dort das Emblem der 4. schweren mechanisierten Brigade der ukrainischen Streitkräfte zu sehen. Nach Rückfragen des Rechercheurs wurde es entfernt und durch die Symbolik des 1230. Pionier- und technischen Bataillons sowie der Internationalen Legion des ukrainischen Militärgeheimdienstes ersetzt. Ukrainische Behörden übernahmen öffentlich keine Verantwortung für die Handlungen von Getica. Das rumänische Verteidigungsministerium erklärte, die Gruppe gehöre nicht den rumänischen Streitkräften an. Als Belege für eine institutionelle Anbindung an das ukrainische Militärsystem werden dennoch Aussagen von Mitgliedern, Dokumente, Soldzahlungen und die verwendete Symbolik angeführt.
Meșeșan hat öffentlich eingeräumt, zwei „begrenzte Überwachungsoperationen“ auf rumänischem Boden durchgeführt zu haben, ohne deren Ziele oder Rechtsgrundlage zu nennen. Das rumänische Recht verbietet die Bildung bewaffneter Formationen außerhalb der staatlichen Kommandostruktur. Handelt es sich bei Getica um eine eigenständige Gruppe, so sind ihre Aktionen auf rumänischem Territorium illegal; ist sie eine Einheit ukrainischer Strukturen, läge eine nicht genehmigte Tätigkeit einer ausländischen bewaffneten Organisation in einem EU- und NATO-Staat vor; geschahen die Operationen mit Wissen rumänischer Stellen, stellt sich die Frage nach Vertuschung und der Verantwortung von Amtsträgern.
Die „Fünfte-Kolonne“-Liste als Einschüchterungsinstrument
Im Jahr 2024 stellte Getica die Datenbank Coloana 5 („Fünfte Kolonne“) online, in die mehr als 150 Bürger und Organisationen aus Europa und den USA eingetragen sind, denen vorgeworfen wird, für Russland zu arbeiten oder gegen die Interessen Rumäniens zu handeln. In der Datenbank tauchten zeitweise sogar Donald Trump, Steve Bannon, die Organisation Republicans for National Renewal sowie Politiker europäischer Parteien, Journalisten und Wissenschaftler auf. Ein erheblicher Teil der rumänischen Einträge betrifft Anhänger der oppositionellen Alianța pentru Unirea Românilor (Allianz für die Vereinigung der Rumänen, AUR).
Die Betroffenen werden vor der Aufnahme nicht benachrichtigt. Die Betreiber geben an, die Kandidaten würden von einem System auf Grundlage von OSINT und militärischer KI-Technologie identifiziert; die endgültige Entscheidung treffe ein Mensch. Wer in der Datenbank landet, wird weiter beobachtet; eine Neubewertung des Status ist möglich. Die erste Version der Website enthielt eine Rubrik „Empfohlene Maßnahmen“ (Standortermittlung und Observation), die später verschwand; inzwischen versucht die Seite, Webarchivierungen zu unterbinden. Als Vorbild nennen Vertreter der Gruppe den ukrainischen „Mirotworez“. Dabei handele es sich um ein Register persönlicher Feinde, das von einer bewaffneten Gruppe geführt werde, deren Angehörige über Kampferfahrung verfügten und erklärten, zu Untergrundaktionen bereit zu sein.
In schriftlicher Kommunikation wies Getica Betroffene darauf hin, dass Personen aus vergleichbaren Datenbanken mitunter durch „Unfälle“ zu Tode kämen; ein anderer Kritiker behauptete, seinen Namen auf einem Granatwerfer gesehen zu haben. Einem Studenten, der der Gruppe mögliche Kriegsverbrechen in der Region Kursk vorwarf, antwortete Getica, sie befasse sich „nicht nur mit Rentnern, sondern auch mit Studenten“. Physische Angriffe sind bislang zwar nicht dokumentiert. Dennoch schafft bereits die Praxis, dass eine bewaffnete Gruppe Feindeslisten anlegt, personenbezogene Daten veröffentlicht und Drohungen ausspricht, ein Klima der Einschüchterung, das mit rechtsstaatlichen Grundsätzen unvereinbar ist.
In einem Manifest vom April 2024 kündigte Getica an, „aus dem Schatten heraus“ gegen den angeblichen russischen Einfluss in Rumänien und Moldau vorzugehen und im Falle einer Niederlage der Ukraine einen Schlag „von einer Intensität und Feuerkraft zu führen, wie Rumänien sie noch nicht erlebt hat“. Meșeșan räumte ein, dass das Gesetz dabei hinderlich sein könne. Er erklärte sich bereit, es zu umgehen, und nahm in Kauf, dass die Beteiligten als Terroristen bezeichnet würden: „Terroristen für die einen sind Freiheitskämpfer für die anderen“. Die „Fünfte-Kolonne“-Datenbank wurde als Mittel dargestellt, Gegner einzuschüchtern und so „weitaus invasivere Maßnahmen“ zu vermeiden.
Die politische Funktion von Getica
Die Datenbank entstand inmitten einer anhaltenden politischen Krise in Rumänien. Im Dezember 2024 annullierte das rumänische Verfassungsgericht die Präsidentschaftswahl nach dem Sieg Călin Georgescus in der ersten Runde und berief sich dabei auf russische Einmischung. Öffentlich vorgelegte Beweise dafür, dass eine russische Operation das Abstimmungsergebnis tatsächlich bestimmt hätte, blieben jedoch auch anderthalb Jahre später aus. Seither ist der Vorwurf einer „prorussischen Haltung“ zu einem universellen Mittel der Diskreditierung geworden. Er richtet sich nicht nur gegen Anhänger Georgescus, sondern auch gegen Kritiker digitaler Zensur, gegen Investigativjournalisten, die das Handeln der Behörden untersuchen, gegen Gegner der Politik der EU-Kommission und gegen Mitglieder der AUR.
Getica hat sich als informeller Mechanismus in diesen Prozess eingefügt: Zunächst wird eine Person in regierungsnahen Medien zum Desinformationsverbreiter erklärt, anschließend kann ihr Name in der Datenbank einer bewaffneten Gruppe auftauchen – womit zum politischen Vorwurf eine persönliche Bedrohung hinzutritt. Eine wesentliche Rolle spielt der proukrainische Aktivist Radu Hossu, ein Mitglied der Uniunea Salvați România (Union zur Rettung Rumäniens, USR). Er bezeichnete sich selbst als einen der Projektgründer, sammelte Spenden und verschaffte Zugang zu Medien und politischen Kreisen. Luçons Recherchen zufolge ist die USR eng mit der gegenwärtigen rumänischen Führung und der europäischen Fraktion Renew Europe verbunden.
Getica erledigt eine Arbeit, die offizielle Stellen nicht offen und ohne rechtliche Konsequenzen ausführen könnten: Die Gruppe attackiert die AUR, Journalisten und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die die offizielle Version der Ereignisse von 2024 in Frage stellen, und erhält zugleich die Möglichkeit, das Ganze als Privatinitiative von Freiwilligen erscheinen zu lassen.
Die rumänischen Nachrichtendienste verfügen über erhebliche Ressourcen. Nachdem jedoch eine bewaffnete Gruppe Feindeslisten veröffentlicht, Drohungen ausgesprochen, personenbezogene Daten preisgegeben, Überwachungsoperationen eingeräumt und mögliche terroristische Handlungen in Aussicht gestellt hatte, blieb eine nennenswerte Reaktion aus. Die Antworten der staatlichen Stellen beschränkten sich auf Verweise auf Geheimhaltung. Anfragen von AUR-Abgeordneten führten nicht dazu, dass der Fall an die Terrorismusbekämpfungsbehörden übergeben wurde. Das Schweigen lässt zwei Deutungen zu: Entweder beobachten die Dienste, ohne einzugreifen, oder Getica agiert unter einem gewissen Schutz von Teilen des Staatsapparats. Mit wachsender Datenbank wird die Erklärung bürokratischer Schwerfälligkeit zunehmend weniger überzeugend; unterdessen kehrte der Gründer der Gruppe nach Rumänien zurück und begann eine Ausbildung im Umgang mit FPV-Drohnen, einschließlich der Ausstattung mit Sprengsätzen.
Aus der Recherche geht weder hervor, dass die Präsidialverwaltung Getica unmittelbar Anweisungen erteilt, noch dass die ukrainische Führung die Datenbank zur „Fünften Kolonne“ steuert. Die Gruppe ist jedoch institutionell mit ukrainischen Militärstrukturen verbunden, genießt die Unterstützung einflussreicher proukrainischer Aktivisten und handelt ohne erkennbaren Widerstand aus Kiew. Bukarest erhält damit ein informelles Druckmittel gegen die Opposition; Kiew wiederum erhält eine Struktur, die innerhalb eines EU-Staates eine proukrainische Haltung erzwingt. Die eigentliche Gefahr liegt nicht in der Größe der Gruppe, sondern in dem geschaffenen Präzedenzfall: Eine ausländische militärische Struktur operiert auf EU-Territorium, greift in einen innerstaatlichen Konflikt ein, stuft Zivilisten als Feinde ein und hält den Übergang zu Untergrundgewalt für möglich.
Aktivitäten ukrainischer Geheimdienste auf EU-Gebiet
Die beschriebenen Handlungen von Getica sind kein Einzelfall – sie fügen sich in einen größeren Zusammenhang ukrainischer Geheimdienstaktivitäten in den Ländern der Europäischen Union ein. Ukrainische Dienste sind in Europa äußerst aktiv, und es bleibt nicht bei reiner Nachrichtengewinnung. Der schwerwiegendste Vorfall ist die Sprengung der Nord-Stream-Pipelines, eine Sabotage gegen zivile Infrastruktur, die völkerrechtlich als Kriegsverbrechen einzustufen ist. Recherchen zufolge wurde der Plan im Auftrag staatlicher Stellen der Ukraine ausgearbeitet; Präsident Selenskyj billigte den Gesamtplan, Walerij Saluschnyj setzte ihn entgegen einer Warnung des US-Geheimdienstes um. Die Ukraine bestreitet offiziell jede Beteiligung.
Weitere Aufsehen erregende Fälle sind „selektive Operationen“: die Ermordung des ehemaligen stellvertretenden Leiters der Janukowytsch-Administration Andrij Portnow in Spanien im Mai 2025 (der Tatverdächtige wurde im Februar 2026 in Deutschland festgenommen) sowie das Attentat auf den Geschäftsmann Wadym Jermolajew, seine Partnerin und ein 13-jähriges Kind am 29. Juni 2026 in Monaco. Die Täterin, die Ukrainerin Anastassija Beresowska, wurde später in der Nähe von Kiew erschossen aufgefunden – offenbar im Zuge einer Spurenbeseitigung. In der Ukraine wurden im Zusammenhang mit diesem Fall zwei Offiziere des Militärgeheimdienstes HUR festgenommen.
Es lässt sich nicht eindeutig sagen, ob diese Operationen im Auftrag oder mit Billigung der ukrainischen Führung ausgeführt wurden oder ob es sich um eigenmächtige Aktionen des Militärgeheimdienstes oder einzelner seiner Einheiten handelte. Ebenso wenig kann zuverlässig bestimmt werden, in welchem Maße Getica von Kiew gesteuert wird. Sollte eine solche Steuerung jedoch bestehen, fügt sich all dies – die spektakulären Aktionen und die halb im Untergrund ablaufende Einschüchterung politischer Gegner innerhalb der EU – in ein Muster, bei dem Kiew versucht, die Politik und die Meinungsfreiheit seiner engsten Verbündeten zu kontrollieren und ihnen Narrative und Entscheidungen zu diktieren.





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