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Welt

Zwischen Berlin und Moskau: Die Russlanddeutschen im neuen Ost-West-Konflikt

Die Russlanddeutschen stehen heute zwischen kultureller Identität und wachsendem Patriotismus in Russland. Ilia Ryvkin zeigt, wie sich ihre Rolle seit Beginn des Ukrainekriegs verändert hat.

Ilia Ryvkin
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Beim Russlandtag 2026 in Nowosibirsk präsentierten Russlanddeutsche ihre Geschichte und Kultur. Im Hintergrund ist unter anderem die Schauspielerin Alissa Freindlich zu sehen, deren Vater russlanddeutscher Abstammung war. (Bild: IMAGO / SNA)

Die Russlanddeutschen gehören zu den eigenartigsten Völkern Europas. Sie tragen einen deutschen Namen, sprechen oft Russisch, haben Vorfahren an der Wolga, im Baltikum, in Wolhynien, am Schwarzen Meer, in Kasachstan oder Sibirien und leben heute verstreut zwischen der Bundesrepublik, Russland und dem postsowjetischen Raum. Zarin Katharina rief sie ins Reich. Stalin deportierte sie. Die Bundesrepublik nahm Millionen auf. Russland versucht heute, den verbliebenen Teil als loyale Minderheit in sein neues patriotisches Selbstbild einzubinden.

Vom Siedlungsvolk zur Restminderheit

In Russland selbst sind sie inzwischen eine kleine Minderheit. Die letzte russische Volkszählung zeigte einen dramatischen Rückgang: 2021 bekannten sich nur noch rund 196.000 Menschen zur deutschen Nationalität. Noch 2002 waren es fast 600.000 gewesen. Selbst diese Zahl erfasst nur einen Teil der Wirklichkeit, da viele Russlanddeutsche in gemischten Familien leben oder ihre Herkunft statistisch nicht mehr angeben. Die offiziellen Strukturen der Minderheit sprechen deshalb von einer größeren Gemeinschaft, wenn Familienangehörige und kulturell verbundene Personen mitgezählt werden. Der Internationale Verband der Deutschen Kultur, IVDK, nennt auf seiner deutschen Seite etwa 500.000 Russlanddeutsche einschließlich Familienmitgliedern, dazu 559 Begegnungszentren und Jugendclubs, 968 Sprachkurse und Vorschulgruppen, sechs Deutsch-Russische Häuser und zwei deutsche Nationalrayons in der Region Altai und im Gebiet Omsk. 

Gleichzeitig sind Russlanddeutsche auch heute noch in der russischen Elite vertreten, wenn auch nicht mehr in der Breite wie zur Zeit des Zarenreichs. Zu den bekanntesten Persönlichkeiten mit russlanddeutschen Wurzeln zählen der ehemalige Wirtschaftsminister und heutige Sberbank-Chef Hermann Gref sowie der langjährige Gouverneur des Tomsker Gebiets und spätere Senator Viktor Kress. Sie stehen beispielhaft für die bis heute fortbestehende Präsenz der Russlanddeutschen in Staat und Wirtschaft.

Diese Zahlen zeigen bereits den Kern der heutigen Lage. Die Russlanddeutschen in Russland besitzen kein geschlossenes Siedlungsgebiet mehr. Die alte Wolgarepublik wurde 1941 zerschlagen, ihre Bewohner wurden nach Sibirien und Zentralasien deportiert. Die deutsche Sprache überlebte in Familien, Kirchen, Liedern, Küchen und Erinnerungen, verlor aber im sowjetischen Alltag ihre öffentliche Kraft. Heute ist das Deutschtum in Russland vor allem Kulturarbeit: Sprachkurse, Archive, Gedenkveranstaltungen, Jugendclubs, Folklore, Familientreffen, Ausstellungen und Sommerlager. Es ist Identität ohne Staatlichkeit, manchmal sogar Identität ohne Sprache.

Die Organisation der deutschen Minderheit in Russland

Institutionell ruht diese Welt auf zwei Säulen. Der IVDK ist der große kulturpolitische Verband. Er koordiniert Begegnungszentren, Sprachprogramme, Jugendprojekte und ethnokulturelle Veranstaltungen. Die Föderale National-kulturelle Autonomie der Russlanddeutschen, FNKA RN, ist die repräsentative Struktur im Rahmen des russischen Minderheitenrechts. Sie wurde 1997 gegründet, wird heute von Konstantin Matis geführt und beschreibt als Ziele die Bewahrung der Eigenart, die Entwicklung der deutschen Sprache, Bildung und nationalen Kultur sowie die Stärkung der Einheit der russischen Nation. Ihre Tätigkeit erstreckt sich nach eigenen Angaben auf 43 Föderationssubjekte.

Doch seit dem 24. Februar 2022 hat sich das Koordinatensystem verschoben. Die Russlanddeutschen sind mittlerweile eine deutsche Minderheit in einem Staat, der sich in einem grundsätzlichen Konflikt mit dem Westen befindet. Ihr Name wurde wieder politisch. Das Wort „deutsch“ steht in Russland heute zugleich für Kultur, Wirtschaft, Erinnerung an Katharina II., aber auch für NATO, Sanktionen, Berlin und Waffenlieferungen an Kiew. Auffällig war die erste Reaktion der offiziellen Selbstorganisation. Ende Februar 2022 veröffentlichte der IVDK eine Erklärung, in der es hieß: „Wir, Russlanddeutschen sind gegen jeden Krieg.“ Die Organisation sprach von Schmerz, Angst, Zerstörung, Verlusten auf beiden Seiten und forderte, dass die Aktionen in der Ukraine eingestellt und politische Fragen am Verhandlungstisch geklärt werden sollten. 

Auch heute sind Russlanddeutsche in den russischen Eliten vertreten, wenn auch nicht mehr in der Breite wie zur Zeit des Zarenreichs. Zu den bekanntesten zählen der ehemalige Wirtschaftsminister und heutige Sberbank-Chef Hermann Gref sowie der langjährige Gouverneur des Tomsker Gebiets und spätere Senator Viktor Kress. Sie stehen beispielhaft für die bis heute fortbestehende Präsenz der Russlanddeutschen in Staat und Wirtschaft.

Diese Linie hielt als öffentlicher Ton nicht lange. Die Kulturarbeit blieb bestehen, doch sie wurde stärker in den Rahmen russischer Patriotik eingebunden. Besonders sichtbar wurde das 2025, im Jahr des 80. Jahrestages des Sieges über Deutschland. Konstantin Matis erklärte in einem Interview des Nowosibirsker Russisch-Deutschen Hauses, heute gingen auch Russlanddeutsche in die Zone der „Spezialoperation“ und setzten damit die Tradition des Dienstes am Land fort. Neben Projekten über Veteranen des Zweiten Weltkriegs wolle man auch heutigen „Verteidigern Russlands“ Aufmerksamkeit widmen, darunter Treffen mit Kriegsteilnehmern, Unterstützung von Soldatenfamilien und Solidaritätsaktionen.  

Damit hat sich die offizielle Minderheitenrhetorik dem neuen patriotischen Kanon Russlands angepasst: Russlanddeutsche als eines der Völker Russlands, als Teil der „multinationalen Familie“, als Brücke zwischen Russland und Europa, als loyale Bürger eines belagerten Vaterlandes. 

Wenn Loyalität außenpolitisch wird

Besonders deutlich wurde diese staatsloyale Linie im Februar 2024, als Juri Hempel, Vorsitzender der deutschen national-kulturellen Autonomie der Krim, öffentlich die Kündigung des Zwei-plus-Vier-Vertrags forderte. Gegenüber RIA Nowosti erklärte er, der Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland vom 12. September 1990 werde „faktisch nicht umgesetzt“ und müsse denunziert werden. Hempel verwies auf Artikel 7 des Vertrags und beklagte, Deutschland habe bis heute keine volle Souveränität über seine inneren und äußeren Angelegenheiten erlangt. Diese Position, so Hempel, werde von der deutschen Gemeinschaft der Krim unterstützt. 

Die private Wirklichkeit der Volksdeutschen bleibt hingegen schwer messbar. Die Bundesregierung erklärte 2023, ihr seien keine systematischen Repressionen, Diskriminierungen oder Bedrohungen speziell gegen die deutsche Minderheit bekannt. Zugleich verwies sie auf Einzelfälle abfälliger Bemerkungen, bei denen Angehörige der Minderheit in die Nähe von „Faschisten“ gerückt worden seien. Die Lage lässt sich daher nüchtern so beschreiben: keine erkennbare Sonderverfolgung als Gruppe, wohl aber ein allgemeines Klima, in dem abweichende Positionen zum Krieg gefährlich werden können.

Russlanddeutsche im Schatten des Ukrainekriegs

Diese Haltung wird in der Frage des Kriegsdienstes besonders sichtbar. The Moscow Times berichtete 2025 über Andrej Triller, einen in Deutschland lebenden Nachfahren wolgadeutscher Deportierter, der gefallene Russlanddeutsche im Ukrainekrieg dokumentiert. Nach seiner Zählung wurden mindestens 1.017 ethnische Deutsche identifiziert, die auf russischer Seite gefallen seien. Die Zahl ist keine staatliche Statistik, sondern eine zivilgesellschaftliche Sammlung und muss entsprechend vorsichtig gelesen werden. Die Russlanddeutschen standen seit Jahrhunderten im Dienst des Staates, in dem sie lebten. Dass heute auch Männer deutscher Herkunft für Russland an die Front gehen, erscheint in dieser Perspektive weniger als Bruch denn als Fortsetzung einer Nibelungentreue der Volksdeutschen Russland gegenüber.  

Eine weitere Entwicklung spielt sich am westlichsten Rand Russlands ab: in Königsberg, dem früheren Nordostpreußen. Seit einigen Jahren, besonders seit 2022 und verstärkt seit 2024, berichten russische und oppositionelle Medien über Russlanddeutsche und russischsprachige Familien aus Deutschland, die nach Königsberg ziehen. Die Motive sind verschieden: Entfremdung von Deutschland, Ablehnung von Migration, Genderpolitik und liberalem Zeitgeist, Sehnsucht nach russischer Sprache, niedrigere Immobilienpreise, Nähe zur EU, aber auch ein diffuses Gefühl, in Ostpreußen einen historischen Zwischenraum zu finden. Die Nowaja Gaseta Europe beschrieb diese Bewegung als Suche nach „traditionellen Werten“, Mutter Russland und sich selbst.  

Die russische Seite greift diese Stimmung offensiv auf. 2024 unterzeichnete Wladimir Putin den Erlass Nr. 702 über humanitäre Unterstützung für Personen, die „traditionelle russische geistig-moralische Werte“ teilen. Dieses Instrument richtet sich an Ausländer, die sich von der Politik ihrer Herkunftsstaaten abwenden und in Russland eine wertepolitische Zuflucht suchen. Königsberg ist dafür ein ideales Schaufenster.

Die neue Rückwanderung nach Königsberg

Die Zahlen bleiben überschaubar, aber die Symbolik ist stark. Nach Angaben der Kaliningrader Regionalregierung zogen 2025 bis Mitte November 1.424 Teilnehmer des russischen Umsiedlungsprogramms in die Region. Aus Deutschland seien 2023 noch 56 Personen gekommen, 2025 bereits 239. Trotzdem zeigen sie eine kleine, aber politisch verwertbare Gegenbewegung zur großen Aussiedlung der neunziger Jahre. Gerade darin liegt die Tragik. Die Russlanddeutschen wollten einst oft nach Deutschland, weil sie dort Normalität, Recht und Zugehörigkeit suchten. Manche ihrer Kinder oder Enkel schauen heute nach Russland zurück, weil sie in Deutschland Entfremdung, ideologische Bevormundung und kulturelle Auflösung sehen.

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