Vorbehalte gegen Verbindungsstudenten sind nichts Neues, wären aber überraschend, wenn sie nicht aus dem politischen Betrieb kommen würden, den man, wenn nicht als den eigenen, dann doch wenigstens als artverwandt bezeichnen würde. Es ist ein weites Feld, eine Szene unterschiedlichster Gesichter, Glieder einer Hand, ein Mosaik. Egal welchen Vergleich man heranzieht, teilt man damit die Ansicht, dass man sich trotz verschiedener Ausgestaltung entweder auf eine gemeinsame Wurzel und Zielrichtung beruft oder immerhin eine Position in einem größeren Gesamtwerk ausfüllt.
Die falsche Art der Kritik
Entgegen der Annahmen so manches politischen Weggefährten gibt es auch innerhalb dieses wilden Busches mit Beeren und Dornen Spannungen, Konflikte und Reibungen, die in den meisten Fällen Wärme erzeugen. Wenn Götz Kubitschek etwa bei Verbindungsstudenten von Gesichtern spricht, denen die „fechterische Unfähigkeit ins Gesicht geschrieben ist“, dann stößt das kaum sauer auf. Er kennt seine Pappenheimer und hat sich mit den Licht- und Schattenseiten unseres Milieus vertraut machen können.
Es hat jedoch einen ganz anderen Beigeschmack, wenn der Chef der AfD Nordrhein-Westfalen pauschal nicht nur gegen die eigene Jugendorganisation agitiert, sondern wiederholt gegen das Verbindungswesen austeilt. Entweder stellt er es als politische Abstellkammer dar, in der sich Akteure (meist unbenannt) mit vermeintlich radikalen Positionen profilieren wollen, oder er vergleicht es im großen „Hoppla, die sind ja wirklich rechts“-Moment direkt (im Zusammenhang mit der Generation Deutschland) mit der Hitlerjugend. Diese haltlosen Anschuldigungen gegen die GD – zu männlich, akademisch und verbindungsstudentisch – sind vielsagend für das (Miss-)Verständnis einer gewissen Spielart des Politikers. Sie gehören jedoch in die interne Aufarbeitung der Partei und sollen daher an dieser Stelle nur in dieser Form Erwähnung finden.
Historischer Analphabetismus
Was muss sich Martin Vincentz vorwerfen lassen? Neben der absolut miserablen Bildqualität und Gesprächsführung seines Gastgebers und Vertrauten Peter Weber auf dessen Kanal „Hallo Meinung“ offenbart Vincentz mangelndes politisches Gespür. So kurz vor den Vorstandswahlen gegen eigene Parteifreunde zu schießen und sein mühsam aufgebautes, staatsmännisches Schwiegersohn-Image zu gefährden, dürfte mindestens als strategisch unklug bewertet werden. Ein ganz grundlegender Fehler, der auch auf ein tiefer liegendes Problem hinweist, ist jedoch die fehlende historische Bildung, die Vincentz in dem knapp eine Stunde dauernden Format offenbart.
Verbindungsstudenten und Burschenschaften prägen seit über 200 Jahren die Politik in Deutschland. Ohne die burschenschaftliche Bewegung hätte es die Demokratiebewegung der 1840er-Jahre wohl nie gegeben, ebenso wenig einen Großteil nationaler Kultur- und Traditionsvereine. Dass sie mit der AfD wieder ein parlamentarisches Zuhause gefunden zu haben scheinen, ist keine obszöne Übernahme von außen, sondern die Korrektur eines historischen Fehlers. Wer sich, statt zu poltern, einmal kurz mit dem Mikroversum des Farbenstudententums beschäftigt, stellt fest, dass es auch genug „nationalliberale“ oder gänzlich unpolitische Verbindungen gibt – eben jene, die sich einem Dr. Martin Vincentz näher fühlen würden als Matthias Helferich et al.
Geistige Verarmung
Sowohl die historische als auch die aktuelle couleurstudentische Szene setzt sich aus Menschen zusammen, denen der Standardfall, das Normale, nicht ausreicht. Es mag Abstufungen von den Partyhaus-Verbindungen bis zu den knallharten Kaderschmieden geben, doch eint sie ein anderes Verständnis des Lebens samt selbst gewählter Verbindlichkeiten und freiwilliger Opfer – für die einen mehr, für die anderen weniger. Diejenigen unter ihnen, die die Essenz ihrer Verbindung im Dreiklang Ehre-Freiheit-Vaterland erkennen und ernst nehmen, opfern nicht selten einen großen Teil ihrer sogenannten „besten Jahre“, um diese Ideale zu leben. Viele vom Menschenschlag Vincentz machen erst mit ergrautem Haarkranz davon Gebrauch, um ihren selbstverzehrenden Lebensstil zu rechtfertigen.
So ist es nur natürlich, wenn man innerparteilichen Konkurrenten Filzbildung und persönliche Mängel aus ihrer Vergangenheit vorwirft, während man selbst allerlei skurrilen Gestalten den Rücken deckt, um die eigene Macht zu erhalten. In der Gestalt von drei geistig und körperlich schlecht gealterten Personen reckt das urdeutsche Philistertum, der kleinstbürgerliche Blockwart, sein Haupt in die Kamera. Ihm erscheint alles anrüchig, was ambitionierter ist als der eigene Gartenzaun. Da helfen auch kein Maßanzug und die Berufung auf „hunderttausende“ zustimmende Zuschriften für die eigenen Positionen, denn diese bleiben historisch falsch, politisch unklug und menschlich schlicht unangenehm.
Politische Blindheit
Ob aus mangelnder Überlegung im Vorfeld, aus Affekt heraus oder aufgrund schlechter Beratung: Auch jemand, der mit den inneren Machtkämpfen der AfD NRW weder involviert ist noch sich dafür interessiert, dürfte das Video als unangenehm empfinden. Der Eindruck, dass keiner dieser Herren im waffenstudentischen Sinne satisfaktionsfähig ist, lässt sich nicht vermeiden. Mehr noch: Es stellt sich die Frage, ob jemand, der derartige Entgleisungen gegen Parteifreunde, die Jugendorganisation und potenzielle Unterstützer nicht unter Kontrolle hat, vielleicht auch den Rest des Saubermanns nur vorspielt und nach Belieben austeilt, wenn die Mikrofone abgeschaltet sind.
Hier tun sich Abgründe jenseits der politischen Positionen auf, die innerhalb ihrer Reihen keine Verbindung dulden würden. Glücklicherweise kennt man in diesen Organisationen schnelle und vor allem effektive Methoden, um gegen derartige Zersetzungen vorzugehen. Mit einer über 200-jährigen Geschichte kommt eben auch einiges an Erfahrung zusammen. Die Zukunft von Akteuren wie Dr. Vincentz in der AfD dürfte bei Wiederholungen dieser Art vermutlich nicht einmal das nächste Jahrzehnt erleben.



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