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Akademisches Leben
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Der Sachsenhain in Verden an der Aller: Erinnerung an ein Blutgericht

Der Sachsenhain in Verden erinnert an die blutige Hinrichtung von 4500 Sachsen im Jahr 782 durch Karl den Großen – ein Ereignis, das später politisch immer wieder umgedeutet wurde. Zwischen moosbedeckten Steinen und alten Bäumen wird Geschichte hier leise spürbar.

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Der Sachsenhain erinnert an das Blutgericht von Verden im Jahr 782, bei dem Karl der Große laut den Einhardsannalen 4500 aufständische Sachsen hinrichten ließ.
Der Sachsenhain erinnert an das Blutgericht von Verden im Jahr 782, bei dem Karl der Große laut den Einhardsannalen 4500 aufständische Sachsen hinrichten ließ. (Bild: Privat)

„Als der König [Karl] die Nachricht von diesem Ereignis erhielt, glaubte er, keinen Augenblick zögern zu dürfen; schleunig bot er sein Heer auf und zog nach Sachsen. Hier berief er alle sächsischen Großen vor sich und forschte nach den Rädelsführern der letzten Empörung. Da nun alle den Widukind als den Anstifter angaben, ihn aber nicht ausliefern konnten, weil er nach Ausführung jener Tat zu den Nordmannen sich begeben hatte, so ließ er sich von den übrigen, die seinem Rat folgend die schwere Tat vollbracht hatten, bis zu 4500 ausliefern und sie zu Verden an der Aller alle an einem Tag enthaupten.“ 

So berichten es die sog. Einhardsannalen. Die Nachricht, die König Karl erhielt, war die von der Niederlage fränkischer Truppen in der Schlacht am Süntel 782 gegen die Sachsen und die Hinrichtung von 4500 Aufrührern war seine Rache, auch wenn der Rädelsführer entkommen konnte. Denn schon seit über 200 Jahren kam es immer wieder zu Konflikten in den Grenzregionen der beiden Siedlungsgebiete. Und obwohl sich Teile des sächsischen Adels der christlichen Mission geöffnet hatten, verhinderte die sehr enge Beziehung von kultureller und politischer Lebensform eine vollständige Christianisierung der Sachsen. Durch das Heidentum wurden die Grenzkonflikte von den Franken nicht nur als territoriale Konflikte interpretiert, sondern auch als eine Form des Religionskrieges, was die Auseinandersetzung verschärfte. Karl der Große entwickelte daher ab 772 n. Chr., als eine der ersten Maßnahmen seiner Alleinherrschaft, für die Integration der Sachsen in das Frankenreich ein Konzept, das Mission und Krieg verknüpfte. Stand zunächst noch der Aspekt der Bestrafung im Vordergrund – dabei kam es auch zur Zerstörung der Irminsul als wichtigem Heiligtum –, bestand spätestens mit dem Jahr 777 die feste Absicht einer vollständigen Eroberung, als Karl der Große in der neuen Königspfalz Paderborn eine fränkische Reichsversammlung abhielt.

Als 782 auf einem Reichstag in Lippspringe die Einbeziehung des Sachsengebietes in das fränkische Reich und die Aufteilung in Grafschaften festgelegt wurde, kam es zu einem erneuten Aufstand eines Teils der Sachsen. Die Franken leiteten daraufhin Truppen aus einem geplanten Sorbenfeldzug um und drangen von Osten und Westen ins Land der Sachsen ein. Sie unterlagen aber in der Schlacht am Höhenzug Süntel, deren genauer Austragungsort nicht bekannt ist, aber auf dem Dachtelfeld (von tachteln = schlagen) vermutet wird, wo ein heute noch Blutbach genannter Flußlauf durch das Blut der Gefallenen rot gefärbt worden sein könnte. 

Das Ende des Aufstands

Jedoch war diesem Sieg kein langfristiger Erfolg beschieden und fränkische Truppen, unterstützt von sächsischem Adel, unterwarfen die Aufständischen in den nächsten Jahren. Nach der systematischen Zerstörung sächsischer Siedlungen, Vertreibung der Einheimischen und der Neuansiedlung von Franken ließ sich Widukind 785 mit seinen Anhängern in Attigny taufen. Doch auch die Hinrichtungen erzielten keine endgültige Wirkung und die Sachsenkriege gingen noch bis 804 weiter, hatten aber ihren Höhepunkt überschritten und es kam nur noch zu regionalen Aufständen vor allem im Norden des Sachsenlandes. Widukind selbst verschwindet nach 785 aus den Quellen und findet sich nur noch in vereinzelten Hinweisen: Entweder hat er nach der Taufe wieder in seiner Heimat gelebt und dort an der Verbreitung des Christentums mitgearbeitet oder er lebte bis zu seinem Tode als Klosterhäftling in Reichenau, um so für seine heidnischen Untaten zu büßen.

Er wird aber schon im Mittelalter als eine sagenhafte Gestalt, etwa als König der Sachsen, betitelt oder als eine der größten Führergestalten. Mit zunehmendem zeitlichem Abstand geht es zumeist mehr um die Instrumentalisierung der Geschichte als um die Lebenswelt im 8. Jh. n. Chr. Jede Epoche und Nation suchte sich ihre Aspekte heraus. Im 19. Jh. nahmen in Deutschland im Zuge der Reichseinigung Interpretationen zu, die einen Gegensatz zwischen dem römisch/französisch/westlich/christlichen Karl und dem germanisch/deutsch/heidnischen Widukind sahen; besonders eindrücklich bei Hermann Löns in seinem Werk „Rote Beeke“. Im NS deuteten vor allem Alfred Rosenberg und Heinrich Himmler Widukind als einen großen Widerstandskämpfer gegen fremde Unterdrückung in der klar umgrenzten Auseinandersetzung zwischen Sachsen und Franken. Die Spaltung des Adels in einen christlichen Teil, der sich in den Dienst des Königs stellte, und die heidnische Opposition fiel dabei unter den Tisch. 

4500 Steine für die getöteten Sachsen

Aus der von Rosenberg und Himmler unterstützten Thing-Bewegung entstand die Idee einer Gedenkstätte für die 4500 ermordeten Sachsen, um einen neuheidnischen Ritus im Volk zu entwickeln und die Kirche zu verdrängen. Die niedersächsischen Bauern wurden verpflichtet, jeden Findling für die Gedenkstätte abzuliefern. So gelangten zum Teil auch Runensteine und Teile aus Hünengräbern in den Sachsenhain. Für jeden ermordeten Sachsen wurde ein Stein aufgestellt. Die Größe der Steine variiert dabei von einem erstaunlich kleinen (man könnte ihn wohl alleine tragen) bis deutlich über mannshoch. Und nicht alle Steine sind Findlinge, von denen es nicht genügend gab. Beim Bau behalf man sich daher mit Bruchsteinen aus norddeutschen Steinbrüchen und an manchen sind noch die typischen runden Bohrlöcher sichtbar. 

Neben der Erinnerung an das Blutgericht von Verden, das aber nicht auf dem Gelände der Gedenkstätte geschah, stand die Gedenkstätte auch für einen späten Sieg des Heidentums, das 772 mit der Zerstörung der Irminsul symbolisch untergegangen war, über das Christentum. Hier sollten regelmäßige Gedenkfeiern und Kampfspiele stattfinden. Doch nach der Unterzeichnung des Reichskonkordats am 20. Juli 1933 und Hitlers öffentlicher Ablehnung des Widukindkultes auf dem 7. Parteitag in Nürnberg am 16. September 1935 kam die antichristliche Thing-Bewegung bis 1936 zum Erliegen. Karl der Große wurde nun nicht mehr primär als Sachsenschlächter aufgefasst, sondern als Mehrer seines Reiches. Auch das geplante Bauernhaus-Freilichtmuseum wurde nur in Teilen realisiert. Der Sachsenhain übernahm somit nicht die Funktion als nationaler Wallfahrtsort, sondern wurde zum Schulungslager für die regionale HJ und SS und ab 1943 Flüchtlingsquartier. 

Heute liegt der Hain still und abgelegen in einem gutbürgerlichen Viertel im Verdener Stadtteil Dauelsen. Neben viel Fachwerk und dem landesüblichen Klinker sieht man auch sonst gelungene Architektur, frei von Bauhaus und vergleichbaren Trisomiebauten. Die Landstraße und die Autobahn sind weit genug weg, um keine unpassende Hintergrundkakophonie zu bilden. Er ist eine lokale Naherholungsanlage und kein touristischer Ort, für den es keinerlei Infrastruktur wie etwa einen Imbiss oder einen Souvenirladen gibt. Lediglich einige Infotafeln sind aufgestellt, um die sich Mitarbeiter des Jugendheims kümmern, das hier seit 1950 als zentrale Begegnungs- und Bildungsstätte der Evangelischen Jugend existiert und auch anderen Vereinen, Verbänden oder Schulklassen für Tagungen, Jugendkongresse, Sportveranstaltungen oder Zeltlager offensteht. Die nächste Großstadt ist zwar Bremen, wer aber die etwas kürzere Anreise zugunsten eines deutlich breiteren Spektrums an Studentenverbindungen eintauschen möchte, sollte die Anfahrt von Hannover aus machen. 

In den Sachsenhain gelangt man durch kleine Zugangswege, die schon durch Findlinge begrenzt sind, und kommt so schnell an eine der vier „Ecken“ des Sachsenhains, begegnet dort einem von Steinen umgebenen Baum und hat einen ersten Blick auf die Wege entlang. Sofort erfährt man die eigentümliche Stimmung des Ortes, die von den zum Teil mit Flechten und Moos überwachsenen Steinen und dem Wald ausgeht, der ein langes Oval im Übergang von der Geest zur Marsch umschließt. In der heutigen Wald- und Wiesenlandschaft floss früher statt des Halsebaches die Aller durch morastige Wiesen. Der Rundgang führt vorbei an den vom RAD errichteten Kanzeln, dem Fest- und Thingplatz und einer großen Feuerstelle. An der Südwestecke liegt eine Storchenaufzuchtstation, die sich schon von Weitem mit lautem Geklapper bemerkbar macht. Insgesamt benötigt man für einen gemütlichen Spaziergang nicht ganz eine Stunde, die man mit der Suche nach den Runensteinen oder mit Lese- und Ruhepausen natürlich ausdehnen kann, um zu horchen, ob man nicht doch noch Spuren der weit entfernten Vergangenheit aus dem Rauschen der Bäume und dem Zwitschern der Vögel erahnen kann. Denn genauso abgelegen wie der Hain selbst ist mittlerweile wohl auch die Erinnerung an das historische Ereignis, dem er seine Entstehung verdankt. Und doch kommen dem stillen Wanderer Verbindungslinien über die Jahrhunderte hinweg in den Sinn, wenn er an seine eigene Zeitgeschichte mit Krieg, Vertreibung und Bevölkerungsaustausch denkt. 

Dieser Text wurde ursprünglich in der Ausgabe 28 des Akademischen Lebens abgedruckt.

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