Mai 2015 – Ausgehend von der Feststellung des Scheiterns der Rechten und der vollständigen Hegemonie der Linken an den Universitäten versammelt sich eine kleine Gruppe von Studenten an der Universität Panthéon-Assas in Paris. Sie beschließen, eine neue Studentenbewegung zu gründen, mit dem Ziel, rechte Ideen wieder an den Universitäten zu verankern und der Linken entgegenzutreten. Das Besondere: Als Vorbild sollten nicht die bisherigen, gescheiterten rechten Studentenorganisationen dienen, sondern vielmehr jene Organisationen, die funktionieren und florieren – nämlich die der Linken. Aus diesem Willen, die studentische Rechte zu modernisieren und neu zu erfinden, entsteht La Cocarde Étudiante.
Mauern einreißen
Zum Zeitpunkt ihrer Gründung war die französische Rechte zwischen drei großen Parteien gespalten – Les Républicains, Debout la France und dem Front National, die sich aufgrund des sogenannten „cordon sanitaire“ untereinander nicht begegnen durften. Dieses Tabu aus vergangenen Zeiten, von der Linken durchgesetzt – obwohl es diese keineswegs daran hinderte, mit Islamisten oder gewalttätigen Antifaschisten zu verkehren –, erschien den neuen Generationen überholt. Doch es fehlte an einer Plattform für den Austausch, und jeder Versuch endete mit der Ausgrenzung der Mutigsten. An den Universitäten, wo die Rechte ohnehin stark in der Minderheit war, konnte man sich keine weitere Spaltung leisten. So wurde La Cocarde im Verborgenen zu einem Ort der Begegnung, zur Brücke innerhalb der Rechten. Bei gemeinsamen Bierabenden, Aktion für Aktion, lernten sich die verschiedenen Strömungen der Rechten kennen, begegneten sich und wurden schließlich zu Freunden. So wurde der „cordon sanitaire“, den man ihnen aufzwingen wollte, Schritt für Schritt untergraben. Aus politischen Gegnern wurden junge Patrioten aus verschiedenen Parteien zu Verbündeten – die Rechte wuchs zu einem Block zusammen und entlarvte dabei zugleich jene, die sich fälschlich als rechts ausgaben, aber tatsächlich daran arbeiteten, rechte Ideen zu sabotieren.
Der Antiliberalismus
Es ist einfach, sich als „rechts“ zu bezeichnen – in Abgrenzung zur Linken, ganz im Sinne Carl Schmitts. Doch es ist weitaus schwieriger, zu definieren, was „rechts“ bedeutet – und was nicht dazugehört. Trotzdem ist es für den politischen Kampf entscheidend, zwischen Freunden und Feinden zu unterscheiden. Der nationale Kampf litt lange darunter, dass er die Verräter in den eigenen Reihen nicht erkannte, die sich Begriffe aneigneten, nur um später ihre Versprechen zu brechen. Zwei große Strömungen existieren innerhalb der Rechten: Jene, die meinen, rechts zu sein bedeute, „steuerlich verantwortlich“ zu handeln – niedrige Steuern, wirtschaftliche Freiheit – und jene, die eine werteorientierte Rechte vertreten, die sich nicht auf den Geldbeutel reduziert. La Cocarde ist aus diesem Grund antiliberal. Sie erkennt den Zusammenhang zwischen wirtschaftlichem und politischem Liberalismus – und darüber hinaus die Tendenz liberaler Rechter, ihre Werte zu verraten, um ihren Wohlstand zu sichern, selbst wenn das bedeutet, das eigene Volk dem Globalismus und der Masseneinwanderung zu opfern – für ein paar Prozentpunkte Wachstum und das Heiligtum des BIP. Dieser Antiliberalismus ist jedoch nicht ausgrenzend: Ziel ist es nicht, wirtschaftlich liberale Stimmen zu vertreiben, sondern die wahren Absichten jener offenzulegen, für die allein die Wirtschaft zählt und die den nationalen Kampf seit Jahren unterwandern.
Die Universität repolitisieren
Zwar herrscht innerhalb der Rechten Einigkeit darüber, dass die Linke an den Universitäten hegemonial ist, doch La Cocarde bringt einen weiteren Gegner ins Spiel: die Apolitischen. Denn der Grund für die Dominanz der Linken ist nicht nur deren Aktivismus, sondern auch die Untätigkeit ihrer Gegner. Wie es Edmund Burke (vermeintlich) formulierte: „Damit das Böse siegt, reicht das Nichtstun der Guten.“ Wir wollen keine unpolitische Universität, wie es manche auf der Rechten wünschen – denn Apolitismus existiert nicht. Er wird stets von den politischen Strömungen der Zeit hinweggefegt. Bewegung siegt über Stillstand. Deshalb wollen wir die Universitäten und Studenten repolitisieren, ihr Interesse für die Themen ihrer Zeit wecken, denn wir sind überzeugt, im Recht zu sein. Es genügt, dass die Studenten ihre Augen öffnen, die Realität betrachten und sich die richtigen Fragen stellen – dann werden sie sich uns anschließen.
Doch dafür dürfen wir kein elitärer Zirkel bleiben, der sich damit begnügt, gegen alle im Recht zu sein. Wir müssen den durchschnittlichen Studenten erreichen, ihn verstehen – und ihn dann politisieren. Dafür braucht es eine Zweigliederung: einerseits niedrigschwelliges Engagement, um den Zugang zu erleichtern, andererseits eine gezielte Ausbildung für Aktivisten, um sie zu stärken. Diese doppelte Strategie ist essenziell, um Ideen zu verbreiten, die Studentenschaft zu erreichen – und zugleich einen ausbildenden, avantgardistischen Bewegungskern zu bilden.
La Cocarde Étudiante heute
An der Schwelle ihres 10. Geburtstags ist La Cocarde Étudiante stärker denn je: über 500 Aktivisten, rund 20 gewählte Vertreter in Universitätsräten, etwa 30 Sektionen, und unter den ehemaligen Mitgliedern befinden sich heute Journalisten, Hochschuldozenten, politische Führungskräfte und sogar Abgeordnete. Ihr Beitrag zur Überwindung der Spaltung der Rechten und zum Ende des „cordon sanitaire“ wird von Politikern aller rechten Parteien anerkannt.
Bei den landesweiten Studentenwahlen 2021 trat La Cocarde mit zwei Listen und 28 Kandidaten an. 2024 waren es 13 Listen mit insgesamt 160 Kandidaten. Die Medien berichteten ausführlich, linke Persönlichkeiten schlugen Alarm, um vor dem Aufstieg patriotischer Ideen an den Universitäten zu warnen. Die Linke begann zu begreifen, dass sie ihr Monopol verlieren könnte. Seither haben Gewalt, Einschüchterung und Doxxing zugenommen – doch die Dynamik ist nicht aufzuhalten, und die Fahne ist gehisst.
Zum 10-Jahres-Kolloquium kamen über 350 Studenten, darunter etwa 30 von europäischen Partnerbewegungen (Azione Universitaria aus Italien, RFS aus Österreich, Alternativa Estudiantil aus Spanien, KVHV Gent aus Belgien). La Cocarde beschränkt sich nicht auf Frankreich – sie versteht den Kampf als zivilisatorisch, also als europäisch. Jede französische Rechtspartei war durch ihren Vorsitzenden oder Stellvertreter vertreten – ein beachtlicher Erfolg: La Cocarde vereinte einstige Erzfeinde und etablierte sich als intellektuelles und aktivistisches Zentrum der Rechten.
Was tun?
Es ist leicht, zu verzweifeln, wenn man an Universitäten politisch aktiv werden will – zu sehr scheinen sie in der Hand der radikalen Linken, zu groß erscheint die Aufgabe. Doch man darf nicht verzagen. Um mit einem französischen Denker zu sprechen: „Jede Verzweiflung in der Politik ist eine absolute Torheit.“ Dies gilt umso mehr im akademischen Bereich. Denn die Universität hat eine Besonderheit: ihre ständige Erneuerung. Innerhalb von fünf Jahren wechselt die Studentenschaft fast komplett – das macht sie offen für gesellschaftlichen Wandel, ja macht sie mitunter sogar zu dessen Avantgarde. Gelingt es, strukturell Fuß zu fassen, kann sich in vier Jahren ein grundlegender Wandel vollziehen. Auch bei La Cocarde waren die ersten Jahre die schwierigsten, beinahe hätte die Bewegung nicht überlebt. Doch es brauchte nur wenige Jahre, um ein Netzwerk aufzubauen und eine neue Normalität zu schaffen. Die Hürden sind hoch, das Umfeld feindlich – doch die Universität ist formbarer als die Gesellschaft.
Alles zurückerobern
Ein weiteres häufiges Narrativ unter Rechten lautet: Bestimmte Bereiche – vor allem die Sozialwissenschaften – seien „links“ und müssten aufgegeben oder abgeschafft werden. Oft schwingt dabei Verachtung gegenüber denjenigen mit, die sie studieren. Doch wie beim Apolitismus gilt: Es gibt keine genuin „linken“ Studiengänge – nur solche, die von der Linken kolonisiert wurden. Sie können zurückgewonnen werden – wenn man die passende Strategie entwickelt.
Dazu gehört Anpassungsfähigkeit. Soziologie, Psychologie, Kunst – all diese Disziplinen sind zugänglich, wenn man sich ihnen mit der richtigen Sprache nähert. Rechte Studenten stammen oft aus den Bereichen Jura, Geschichte oder Wirtschaft – und pflegen einen Diskurs, mit dem sie die anderen Fachbereiche nicht erreichen. Konservative Hochschulinitiativen sind wichtig, dürfen aber nicht zur Abschottung führen. Politischer Erfolg erfordert Präsenz im öffentlichen Raum, und dazu gehören alle Bereiche der Universität.
Ein Schlüssel zum frühen Erfolg von La Cocarde war es, keine Felder aufzugeben, die als „verbotene Zonen“ galten – trotz aller Gewalt und Drohungen. Heute sind wir stolz, in Räumen zu agieren, die unsere Vorgänger erkämpft haben – und diese Präsenz für kommende Generationen weiter auszudehnen.
Inmitten des Chaos die Fahne in den Trümmern hissen
Wenn La Cocarde eine Lehre sein soll, dann die: Es gibt Hoffnung. Selbst in den Hochburgen der Linken kann diese zurückgedrängt werden. Nationale Ideen können sich auch dort durchsetzen, wo Zensur herrscht. Indem wir das Banner des Patriotismus an den Universitäten hissten, zeigte sich, dass die nationale Rechte lebendiger ist als gedacht – und sich, richtig organisiert, gegen die antinationalen Kräfte behaupten kann, die Widerspruch nicht mehr gewohnt sind.
La Cocarde ist auch ein Beispiel für die Notwendigkeit von Innovation. Es geht nicht darum, alte gescheiterte Muster zu wiederholen, sondern sich anzupassen, weiterzuentwickeln und den kommenden Generationen ein Instrument für ihren politischen Kampf zu übergeben – durch die Verbindung von Erfahrung und dem Elan der Jugend.
Dieser Text erschien ursprünglich in der Printausgabe Nr. 28 des Akademischen Lebens.



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