Was haben Sie eigentlich in der Schule gelernt? Eine Frage, so direkt und gleichzeitig so offen, dass Sie, werter Leser, wohl entweder auf eine Spezifizierung der Frage warten oder erst einmal die zahllosen Eindrücke Ihrer Kindheit und Jugend ordnen müssten, bevor der Ansatz einer zufriedenstellenden Antwort gelingen könnte. Vielleicht würden Sie zunächst auf die Grundfertigkeiten der Grundschule (Lesen, Schreiben, Rechnen) verweisen und anschließend einige für Ihre Biografie nützliche (oder im Gegenteil als völlig sinnfrei empfundene) Stoffgebiete der weiterführenden Schule aufzählen. Vielleicht erinnern Sie sich sogar an jene entscheidenden Episoden Ihres persönlichen Reifeprozesses, die in der Schule angestoßen wurden. Sie könnten all das und noch viel mehr aufzählen, und doch bliebe am Ende die Erkenntnis, dass das „Bildungspaket Schule“ nicht vollumfänglich beschrieben wurde.
Diese Unsicherheit dürfte Ellenor „Elli“ Bockentin während ihrer Rede bei der Abiturzeugnisvergabe des Robert-Stock-Gymnasiums in Hagenow nicht verspürt haben. In einem Video, das sich von den sozialen Medien bis zur etablierten Presse verbreitete, vollzieht die 18-Jährige einen verbalen Rundumschlag gegen das Lehrerkollegium, veraltete Schulmaterialien und als ungerecht empfundene Noten. Sie selbst ist wie mehr als ein Drittel ihres Jahrgangs durch die Prüfungen gefallen: Deutsch, Mathematik und Geschichte erwiesen sich für sie letztlich als zu übermächtige Gegner im Kampf um die allgemeine Hochschulreife. In ihrer knapp fünfminütigen Rede im Rahmen der Zeugnisvergabe machte die Schülerin deutlich, wen sie für das kollektive Versagen ihrer Altersgenossen verantwortlich macht: die Lehrer.
„Sind wir wirklich alle zu blöd gewesen? Haben wir nicht gelernt?“
Bevor man sich nun in überheblicher Schadenfreude ergeht, dass Ellenor (zeitgeisttypisch progressiv eingestellt) und die anderen Durchgefallenen – von denen laut Zeit-Angaben nur zwei die zwölfte Klasse in diesem Schuljahr wiederholen würden – die obenstehende Frage aus Ellenors Rede wohl mit „Ja“ beantworten müssten, sollte man sich etwas in Zurückhaltung üben. Die Frustration und Wut, nach scheinbar zwölf schweren Jahren Schule mit vielen Konflikten und gemeisterten Herausforderungen kurz vor dem Ende krachend zu scheitern, ist nachvollziehbar und erhält mein vollumfängliches und ehrliches Mitgefühl. Diese Empathie lässt sich auch unter der starken Vermutung aufbringen, dass hinter dem Hagenow-Bildungs-Krimi, der bereits der amtierenden Schulleiterin den Posten gekostet hat, kein großer Skandal steckt, sondern lediglich eine große Gruppe von Schülern, die aus welchen Gründen auch immer nicht in der Lage waren, die von ihnen erwartete und erreichbare Leistung abzuliefern.
Und damit möchte ich zur Ausgangsfrage zurückkehren. Was lernt man in der Schule? Sie ist weniger eine bildungstheoretische oder pädagogische Frage – in ihr steckt knallharte Politik. Wie formt ein Staat seine Bürger? Im Preußen Friedrichs des Großen setzte sich das Reform- und Organisationswerk des Hohenzollernpaares aus Vater und Sohn wie in allen Bereichen auch in der Bildung fort. Mit allgemeinem Schulzwang und dem General-Land-Schul-Reglement (1763/1765) sollten die für die Verwaltung so wichtigen Fähigkeiten des Lesens und Schreibens die Grundlage einer gesamten Volksbildung werden. Aus „landesväterlicher Sorgfalt” sollten auch angehende Schulmeister verbindliche Grundlagen des Unterrichtens beherrschen und sich erwerbstechnisch primär auf die Schule konzentrieren. Das frederizianische Preußen organisierte die niederen Schulen flächendeckend und verbindlich, die höheren Schulen straffer: Jeder Schüler war ein zukünftiger Diener des Staates und wurde nach seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten gebildet. Diese vereinfachten Ausführungen überspitzen und idealisieren die tatsächliche Situation zweifellos, illustrieren aber einen Punkt. Einer politischen Vision folgt ein Programm, das sich in jeden Winkel des Staatsbetriebs durchsetzt, gegebene Voraussetzungen aufnimmt und auf ein Ziel ausrichtet.
Abwrackprämie für Bildungsbestände
Diese ganzheitlichen Vorstellungen scheinen der politischen Führungsriege in der Bundesrepublik Deutschland gänzlich zu fehlen. Zwischen Bildungsministerkonferenzen, jährlich wechselnden, die Paradigmen verändernden Ergebnissen der empirischen Bildungswissenschaften und tagespolitischen Auszuckungen („Schreiben nach Gehör“, Digitalisierung, neuerdings KI im Klassenzimmer) stehen Generationen von Mädchen und Jungen, an deren Gehirn scheinbar wahllos herumexperimentiert wird. Während die Inhalte völlig austauschbar erscheinen, legt sich der Mantel der „Demokratiebildung“ luftabschnürend über jeden wissenschaftlichen Anspruch. Ellenor und ihre Generation erhalten vonseiten des Staates und seines pädagogischen Apparats Schule nicht nur keinerlei Orientierung und Rahmen, sondern es wird ihnen auch jede Möglichkeit der charakterlichen Festigung (Traditionen, Heimatverbundenheit, Vertrauen in instinktive Urteile und Problemlösungen) aktiv abtrainiert oder sehenden Auges vergessen.
Die junge Generation unserer Nation, zu der auch Ellenor gehört, verdient es nicht, verspottet zu werden oder als Sinnbild einer vorlauten und verdummten Jugend herzuhalten. Sie verdient Eltern, die ihr den Wert von Disziplin und Fleiß vermitteln, Schulen, die diese Werte belohnen, und einen Staat, der der Jugend einen Grund gibt, diese Werte zu leben und ihm diese zur Verfügung zu stellen. Für ihre Leistungen sind auch die Schüler aus Hagenow verantwortlich. Es ist jedoch nicht die Schuld von Heranwachsenden wie Ellenor, dass sie in einem System leben, das ihre Ahnen hasst, seine Jugend verwahrlosen lässt und deren Zukunft zerstört. Es wird jedoch unsere aller Schuld, wenn sich daran nichts ändert.



Kommentare
Sei der Erste, der einen Kommentar hinterlässt!